Ein strategischer Schachzug öffnet der Handelsdelegation aus Großbritannien den Weg in die Verbotene Stadt: Sie seien zum Geburtstag des Kaisers Qianlong angereist, erklären die Engländer den chinesischen Beamten, nachdem ihr Schiff im Juni 1793 in den Hafen von Kanton (Guangzhou) eingelaufen ist, den einzigen für den internationalen Handel geöffneten Hafen des Kaiserreichs. Eigentlich müsste ihre Reise hier enden, wie die aller ausländischen Händler. Die Beamten aber machen eine Ausnahme und geben den Weg frei für die Weiterfahrt nach Tianjin, der Hafenstadt vor den Toren Pekings.

Im September trifft die prunkvolle Gesandtschaft dort ein. Neben Vertretern der britischen Ostindischen Handelskompanie zählen zu ihr Künstler und Naturwissenschaftler aus ganz Europa sowie Chinesischlehrer des Katholischen Kollegiums in Neapel. Angeführt wird sie von Lord George Macartney, dem außerordentlichen Bevollmächtigten des englischen Königs Georg III. Macartney hat sich zuvor Meriten als Gesandter am russischen Zarenhof verdient, er war als Verwaltungsbeauftragter in Grenada und im ostindischen Madras. Doch diese Mission ist seine heikelste: Er soll den chinesischen Kaiser dazu bringen, die Handelsbeschränkungen aufzuheben, die für Ausländer in China gelten.

Schon die Niederländer und Portugiesen haben versucht, offizielle Handelsbeziehungen mit dem chinesischen Reich aufzubauen – vergebens. Den Briten ist es im 17. Jahrhundert dann immerhin gelungen, die Erlaubnis zu erhalten, ihre Waren über die chinesischen Hafenstädte Zhoushan, Xiamen und Kanton zu vertreiben. 1760 jedoch begrenzte das Kaiserhaus den Handel auf Kanton.

Macartney versucht, den chinesischen Kaiser von den Vorzügen direkter Handelsbeziehungen zu überzeugen. Mit zwei hochmodernen Schiffen stellen die Engländer ihre Fortschrittlichkeit zur Schau. Die Gastgeschenke sind in ebendiesem Sinne ausgewählt: Ein Planetarium, optische Instrumente wie Fernrohre sowie Glas- und Stahlerzeugnisse der englischen Manufakturen sollen die Chinesen für englische Produkte begeistern.

Doch es hilft alles nichts: Die von Macartney überbrachte Forderung ist in den Augen des chinesischen Kaisers ein Affront. Aus seiner Sicht sind die Briten nichts als »Barbaren«, die lediglich das Recht haben, als Tributmission zu ihm zu kommen, angezogen vom Glanz der chinesischen Zivilisation. Das Tributsystem sieht strikte Hierarchien und symbolische Rituale der Unterordnung vor. Macartney aber ist nicht nur so dreist, den Kotau zu verweigern, er behauptet auch noch, dass es im Interesse der Chinesen sei, die technologischen Innovationen der Briten zu erwerben – als sei die britische Kultur der chinesischen überlegen.

Qianlong reagiert mit würdevoller Bestimmtheit: »Wir haben raffinierte Artikel nie geschätzt, noch haben wir den geringsten Bedarf an den Erzeugnissen Eures Landes«, antwortet er dem englischen König Georg III. Es sei eine Gnade und Gunst des chinesischen Kaiserreiches, überhaupt Tributbeziehungen mit den europäischen Staaten zu unterhalten: »Wenn ich die von Euch, o König, gesandten Tributgaben annehmen ließ, so geschah das lediglich in Anbetracht der Gesinnung, die Euch veranlasste, mir diese von weit her zu senden.«

Es ist das letzte Mal, dass China sich so stolz, so entschlossen und erfolgreich dem Westen entgegenstellt. Nur wenige Dekaden später wird das Land am Boden liegen – von den Westmächten übertrumpft, übervorteilt und besiegt. An der Wende zum 20. Jahrhundert schließlich werden nicht wenige glauben, das Riesenreich sei unrettbar verloren.

Dieser Niedergang ist zu Kaiser Qianlongs Zeiten weder zu ahnen noch vorstellbar: Im 18. Jahrhundert hat China den Gipfel seiner Macht erklommen. Qianlong ist Herr über ein Territorium, das etwa doppelt so groß ist wie das Reich der Ming (1368–1644). Die Gefahr durch die Reitervölker im Norden scheint gebannt. Es herrschen Frieden und Wohlstand: Den Bauern geht es in einigen Gegenden deutlich besser als in manch europäischem Staat. In den chinesischen Städten entstehen Manufakturen. Bergwerke werden ausgebaut. Das Land exportiert Tee, Seide, Porzellan, Lackwaren, Gewürze und andere Luxusgüter nach Europa – im Tausch gegen Silberbarren.

Die intellektuellen Eliten der westlichen Welt zieht das prosperierende Qing-Reich schon seit dem 17. Jahrhundert in seinen Bann: »Aber wer hätte einst geglaubt, daß es auf dem Erdkreis ein Volk gibt, das uns, die wir doch nach unserer Meinung so ganz und gar zu allen feinen Sitten erzogen sind, gleichwohl in den Regeln eines noch kultivierteren Lebens übertrifft?«, schreibt Gottfried Wilhelm Leibniz 1697 und prophezeit: »Wenn das so weitergeht, fürchte ich, daß wir bald auf jedem anerkennenswerten Gebiet den Chinesen unterlegen sein werden.« China gilt den Europäern damals als eine ebenbürtige Zivilisation.