Friedrich II. und der Islam: Glaubt man den Verehrern des mittelalterlichen Herrschers, so war dies eine Geschichte von wechselseitiger Achtung und Zuneigung. Nach dem Kreuzzug der Jahre 1228/29 berichteten schon Zeitgenossen, der normannisch-staufische Kaiser, der zugleich König von Sizilien war, sei den Muslimen in Freundschaft zugetan, ja benehme sich beinah selbst wie ein Muselman. Wie sonst, fragten sie, hätte er ganz ohne Kampf erreichen können, was Richard I. Löwenherz und Philipp II. August, die mächtigen Könige von England und Frankreich, mit dem Schwert nicht geschafft hatten: das ersehnte Jerusalem zu erobern? Steckte Friedrich also mit den Muslimen unter einer Decke?

Vieles schien dafür zu sprechen: Konnte er, in dessen sizilianischem Herrschaftsgebiet nicht wenige Muslime lebten, neben einigen anderen Sprachen nicht auch Arabisch? Besaß er nicht eine Leibwache aus Sarazenen und einen Harem, wie man an der Kurie munkelte? Ließ er nicht arabische Jagdtraktate und philosophische Schriften sammeln? Und pflegte er nicht sogar Kontakte zu den Assassinen, jenen berüchtigten Attentätern, die im Haschischrausch zu politischen Meuchelmördern wurden?

Viele dieser Fragen kann man tatsächlich mit Ja beantworten. Und doch ist die Sache komplizierter. Man muss die Verhaltensweisen des Herrschers vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Gepflogenheiten analysieren, nur so sind sie zu verstehen. Und es gilt, die historischen Tatsachen von den späteren Zuschreibungen zu trennen, die Friedrich als ersten Europäer, als rationalen Denker und eben als Freund der Muslime ausweisen. Schon der englische Benediktiner Matthaeus Paris (um 1200–1259) bezeichnete Friedrich in seinem Werk Chronica Maiora als »stupor quoque mundi et immutator mirabilis« – als Staunen der Welt und deren wunderbarer Verwandler. Dieses Staunen, das seinerzeit eine Portion Furcht mit einschloss, zog sich durch die Jahrhunderte. So entstand das Bild vom multikulturellen Wunderkaiser.

In Deutschland spielte im 19. Jahrhundert vor allem das Urteil des Basler Historikers Jacob Burckhardt eine große Rolle, der den Kaiser als »ersten modernen Mensch[en] auf dem Throne« bezeichnete. Allerdings deutete Burckhardt Friedrich II. – im Gegensatz zur landläufigen Meinung und besonders zu jener in den Feuilletons – gar nicht als positive Gestalt. Anders Friedrich Nietzsche. In Der Antichrist, seiner polemischen Abrechnung mit dem Christentum, kommentierte er: »›Krieg mit Rom aufs Messer! Friede, Freundschaft mit dem Islam‹: so empfand, so that jener grosse Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern, Friedrich der Zweite.« Diese Einschätzung hallte lange nach und wurde immer wieder zitiert. Auch der Künstlerkreis um Stefan George, und hier vor allem der Friedrich-Biograf Ernst Kantorowicz, modellierte mit an einem überhöhten Bild des Herrschers.

Will man Friedrich II. nüchtern betrachten, muss man in seinem Verhältnis zum Islam drei Fragen unterscheiden: Wie ging er mit den Muslimen um, die auf Sizilien lebten? Wie sah sein Verhältnis zu den arabischen Wissenschaften aus? Und schließlich: Welche Politik betrieb er im Heiligen Land?

Im 9. Jahrhundert hatten die Araber Sizilien erobert und sich dort angesiedelt. Dann, im 11. Jahrhundert, nahmen die Normannen die Insel ein. Der wachsende Einfluss des römisch-katholischen Christentums drängte die islamische Kultur nach und nach zurück. Ein Teil der Muslime konvertierte, ein anderer Teil verließ Sizilien in Richtung Südspanien, Nordafrika oder Naher Osten.

Die auf der Insel verbliebenen Muslime, die zunächst an ihren traditionellen Lebensformen festhielten, zogen am Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts in die westlich und südlich der Metropole Palermo gelegenen Berge, in denen sich schon länger vornehmlich Araber niedergelassen hatten. Einige richteten sich dort fest ein und leisteten dauerhaften Widerstand gegen die christlichen Eroberer. Bereits in den 1220er Jahren begann Friedrich, die Aufständischen zu bekämpfen, um seine Herrschaft zu sichern – der Anfang eines Guerillakrieges, der fast seine gesamte Regierungszeit lang andauerte.

Auf Befehl des Kaisers "umgesiedelt"

Und den er gewann: Die Muslime mussten die Bergregionen Siziliens verlassen. Einige dürften in die muslimischen Herrschaftsbereiche in Spanien oder nach Nordafrika geflohen sein. Ein erheblicher Teil jedoch wurde zur wirksameren Befriedung auf Befehl des Kaisers »umgesiedelt«. Man könnte auch von »Deportationen« sprechen, von einer ethnisch-religiösen »Säuberung«. Auf dem Festland, in Apulien, bekamen die Muslime neue Wohnplätze zugewiesen. Schätzungen zufolge erlitten zwischen 15.000 und 60.000 Menschen dieses Schicksal, die letzten in den 1240er Jahren. Mit den Deportationen endete das Zusammenleben von Christen und Muslimen auf der Insel.

Von dem, was wir heute Toleranz nennen, ist das weit entfernt. Und doch war Friedrichs Verhältnis zu den umgesiedelten Muslimen in Apulien für seine Zeit durchaus ungewöhnlich. Es war zwar nicht unbedingt das eines sorgenden Herrschers gegenüber seinen Getreuen, doch gewährte er den Muslimen ein großzügiges Autonomierecht hinsichtlich der Religionsausübung, Selbstverwaltung und Rechtsprechung. Allein dass sie durch die »Umsiedlung« überlebt hatten und nicht getötet worden waren, empfanden viele als einen Gnadenakt. Und so verwandelte sich die frühere Feindschaft in Ergebenheit und Treue. Aus der Bevölkerungsgruppe der Muslime, die nun in und um Lucera herum siedelten, vermochte der Kaiser denn auch eine treue Söldnertruppe zu rekrutieren, die für Einflüsterungen und Bannsprüche des Papstes, mit dem Friedrich im Streit lag, völlig unempfänglich war. Seine sarazenischen Bogenschützen waren berühmt, und von dem Ansehen, das Friedrich bei ihnen erwarb, konnten nach seinem Tod sogar noch sein Sohn Manfred und sein Enkel Konradin profitieren.

Von den arabischen Wissenschaften interessierte Friedrich neben der Philosophie vor allem die Falkenbeize. Über Jahrhunderte hatte die arabische Welt reiche Erfahrungen in der Falknerei gesammelt und eine voluminöse Literatur zu diesem Thema hervorgebracht. Um seine Kenntnisse zu vertiefen, ließ der jagdbegeisterte Kaiser deshalb zahlreiche arabische Schriften beschaffen und ins Lateinische übersetzen. In diesen Zusammenhang gehört ein spezieller falken- und hundeheilkundlicher Traktat, der als Moamin bezeichnet wird. Der Text stellt eine Kompilation aus zwei anderen arabischen Quellen dar. An Friedrichs Hof und unter maßgeblicher Beteiligung des Kaisers sind eine Reihe von Versionen dieses Traktats zusammengestellt worden, deren weitere Traditionen sich über acht Jahrhunderte erstrecken. Heute umfasst das Textkorpus mindestens 70 Handschriften in über einem Dutzend Sprachen.

Die in der Umgebung des Kaisers entstandenen Moamin-Fassungen sind Paradebeispiele für den orientalisch-okzidentalen Wissenstransfer im christlichen Europa. Und sie sind Zeugnisse einer arabischen Literatur, über welche die arabische Welt heute zum Teil gar nicht mehr verfügt, weil sie nur in der Weiterverarbeitung erhalten geblieben sind. Mit dem Wissen aus diesen Schriften ist dann, verbunden mit eigenen Beobachtungen der Vögel, auch jener berühmte Traktat entstanden, der immer wieder in einem Atemzug mit dem Kaiser genannt wird: De arte venandi cum avibus (»Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen«).

Dass sich ein Herrscher für eine andere Kultur interessiert, unterstreicht seinen Wissensdurst. Möglicherweise ist es Ausdruck der Einsicht, dass auch andere Kulturen große Dinge vollbracht haben. Das ist nicht nur für das Mittelalter bemerkenswert. Als Freundschafts- oder Zuneigungsbeleg aber taugt Friedrichs Studium arabischer Schriften deshalb noch lange nicht, denn es ist nicht die Geneigtheit, sondern der Nutzen, der das Interesse des Kaisers weckte.

Pragmatisch war auch Friedrichs Politik im Heiligen Land. Im Juni des Jahres 1228 ließ der Kaiser im Hafen von Brindisi die Leinen seiner Kreuzzugsflotte loswerfen, begab sich auf eine Galeere und fuhr zu einer fast ein Jahr dauernden Militärexpedition nach Osten. Bereits 1215 hatte er sein Kreuzzugsgelübde abgelegt. Nun, 13 Jahre später, betrat Kaiser Friedrich II. orientalischen Boden.

Von seinem Heerlager südlich von Akkon aus nahm der Kaiser gleich nach seiner Ankunft Verhandlungen mit dem über Ägypten herrschenden Sultan Al-Malik al-Kamil (1218–1238) auf, einem Neffen des berühmten Saladin. Seit Jahren stritt sich dieser mit Verwandten um das Erbe seines Onkels im Nahen Osten. Ein Gebiet, in dem sich die Interessen besonders weit überschnitten, war Palästina. Dass nun ausgerechnet dort ein Kreuzfahrerheer gelandet war, passte dem Sultan ganz und gar nicht ins Konzept.

Die Verhandlungen begannen mit der Entsendung zweier Boten zum Heerlager des Sultans in Nablus und zogen sich trotz der gegenseitigen kostbaren Präsente lange hin. Bis in den November 1228 hinein blieb Friedrichs Heer vor Akkon, dann zog der Kaiser nach Süden bis Jaffa, das heute zu Tel Aviv gehört, um dort zu überwintern. Eine wohl zu dieser Zeit in den Befestigungen der Stadt angebrachte, erst 2011 entdeckte Inschrift auf Latein und Arabisch – die einzige bislang bekannte Kreuzfahrerinschrift auf Arabisch überhaupt – kündet von der Anwesenheit des Kaisers.

Der Kreuzzug Friedrichs II. endete anders als alle anderen zuvor: Per Vertrag und ohne einen einzigen Schwertstreich bekam der Kaiser im März 1229 die Verfügungsgewalt über die so hochsymbolischen Orte Jerusalem, Nazareth und Bethlehem.

Chronisten, die zum Mythos beitrz

Abermals war Friedrich durch geschicktes, pragmatisches Handeln ans Ziel gelangt. Unter anderem hatte er dabei seine Kenntnis der arabischen Wissenschaften genutzt und sich mit Sultan Al-Kamil während der langen und zähen Verhandlungen um Jerusalem auch angeregt über Mathematik und andere wissenschaftliche Dinge ausgetauscht. Wie wichtig dies für den Erfolg der Gespräche war, versteht jeder, der selbst einmal im Orient um Preise verhandelt hat. Vorstellungen, die so weit auseinanderliegen, dass ein Kompromiss zunächst vollkommen undenkbar erscheint, können sich in verblüffendem Tempo annähern, vorausgesetzt, man düpiert sein Gegenüber nicht und lässt das Gespräch unter keinen Umständen abbrechen.

Diese beiden Regeln haben offensichtlich auch Friedrich und Al-Kamil beherzigt. Sie schickten hochrangige Gesandte und machten sich wertvolle Geschenke, um zu versichern, wie wichtig die Angelegenheit für sie war und wie hoch sie einander schätzten. Und bevor es an den eigentlichen Städteschacher ging, lenkten sie das Gespräch auf unverfänglichere Themen, um Vertrauen zu schaffen und so den Boden zu bereiten für eine Einigung bezüglich der Heiligen Stadt. Friedrich kannte diese Verhandlungsformen des Orients und wandte sie erfolgreich an. Aber macht ihn das auch schon zum Muslimfreund?

Der Hallenser Orientalist Stefan Leder hat vor einigen Jahren nachweisen können, dass es eine bestimmte Gruppe arabischer Historiografen ist, auf welche die Geschichte von der besonderen Muslimfreundlichkeit des Kaisers zurückgeht. Dass sie in der heutigen Wunschwelt multikulturellen Beisammenlebens immer wieder bemüht wird, ist verständlich, macht sie aber nicht wahrer.

Vor allem drei Männer sind es, aus deren Schriften sich der Mythos speist. Der erste ist Sibt Ibn al-Gauzi (gestorben 1257). Er war einer der wichtigsten Chronisten seiner Zeit – und Friedrich nicht eben wohlgesinnt. Der Wert des Kaisers auf dem Sklavenmarkt würde wohl unter zehn Darahim betragen, bemerkte er einmal. Selbst für einen durchschnittlichen Sklaven wäre das nicht viel. Auch hielt Al-Gauzi in Damaskus eine Predigt gegen die von Friedrich verlangte Rückgabe Jerusalems an die Christen. Die Politik des Kaisers schien ihm indes nicht recht durchschaubar zu sein, und so vermutete er, das Christentum könne bei Friedrich womöglich eine Verstellung sein.

Der zweite Chronist, der zum Friedrich-Mythos beitrug, ist Ibn Wasil Gamal ad-Din (1207–1298). Als Knabe war er Zeuge von Al-Gauzis Predigt in Damaskus. Später weilte er als Botschafter am Hof von König Manfred – Friedrichs Sohn und Nachfolger im Königreich Sizilien. Er berichtet, der Kaiser habe den Sultan Al-Kamil einst um Erlaubnis gebeten, Jerusalem besuchen zu dürfen, und der Sultan habe es ihm gestattet. Zudem überlieferte er die bekannte Gebetsrufgeschichte: »Der Qadi Schams ad-Din, Kadi von Nablus, sagte: ›Ich wies die Muezzine an, dass sie aus Respekt für ihn in jener Nacht nicht zum Gebet rufen sollten. Als wir erwachten und ich zu ihm kam, sagte er [der Kaiser] zu mir: Oh Kadi, warum haben die Muezzine nicht zum Gebet gerufen, wie es ihre Gewohnheit ist? Ich sagte ihm: Dieser Sklave hat ihnen dies aus Rücksicht auf den König und aus Respekt vor ihm verboten.‹« Da habe Friedrich geantwortet: »Du irrtest in dem, was du getan hast. Bei Gott, hinsichtlich der Übernachtung in Jerusalem war es mein größter Wunsch, in der Nacht dem Gebetsruf der Muezzine und ihrem Lobpreis Gottes zu lauschen.«

Am meisten zur Legendenbildung trug ein Chronist bei, der anderthalb Jahrhunderte nach Kaiser Friedrich lebte. Der aus Kairo stammende Ibn al-Furat (1334–1405) meinte, der Kaiser sei eigentlich heimlich ein Muslim gewesen. Und als wäre dies nicht überraschend genug, behauptete er, dass Friedrich obendrein als Onkel mütterlicherseits mit Sultan Al-Kamil verwandt gewesen sei. Hier zeigt sich am deutlichsten der Versuch, Friedrich durch religiöse Zugehörigkeit und verwandtschaftliche Bindung in eine islamische Ökumene einzubeziehen, ihn gleichsam »einzubürgern«.

Die Legende, Friedrich sei ein Freund der Muslime, wurde also erdacht, um in der arabischen Welt den Verlust Jerusalems besser verstehen und verkraften zu können. Die Übergabe der Heiligen Stadt erschien nun nicht mehr als Niederlage: Schließlich war der neue Herrscher kein Feind, sondern ein Genosse, der angeblich sogar mit dem Sultan von Ägypten verwandt war. Der Vertrag über Jerusalem fixierte so gesehen nur einen Besitzwechsel innerhalb einer Familie.

Bleibt zu fragen, ob Friedrich tatsächlich geplant hatte, Jerusalem auf dem Verhandlungsweg zu erlangen. Die Antwort lautet Nein. Denn schon bevor es 1229 zum Vertragsabschluss kam, hätte er diese Möglichkeit nutzen können. 1221 bot Sultan Al-Kamil in einem Augenblick größter Bedrängnis durch ein Kreuzfahrerheer die Rückgabe fast aller Eroberungen Saladins an. Im Gegenzug forderte er, dass die Kreuzfahrer das gerade erst eroberte und strategisch wichtige Damietta im Nildelta aufgaben. Die Templer und Johanniter wollten annehmen, doch die kaiserlichen Vertreter lehnten in Erwartung des persönlichen Erscheinens Friedrichs II. ab und setzten im Namen des Kaisers auf einen militärischen Sieg.

Entsprechend hoffte Friedrich in den Jahren 1228 und 1229 auf einen militärischen Triumph. Die vertragliche Einigung mit dem Sultan kam erst zustande, als Friedrich vom Angriff des Papstes auf sein Königreich Sizilien erfuhr und er deshalb schleunigst zurückkehren musste.

Und schließlich: Hätte die diplomatische Karte ohne die militärische Macht des Kaisers überhaupt stechen können? Vermutlich nicht! Wer mit seinem Heer bis nach Jaffa marschiert, von wo man ins Landesinnere ziehen muss, wenn man nach Jerusalem will, der meint es ernst. Das wusste der Sultan. Und er wusste auch, dass eine mögliche Niederlage gegen die Kreuzfahrer, ob im Nildelta oder in Palästina, seine Vormachtstellung in seinem eigenen Herrschaftsgebiet im Nahen Osten schwer erschüttert hätte. So stimmte der Sultan dem Kompromiss zu.

Der Pragatismus des Augenblicks

Der Vertrag von Jaffa von 1229, geschlossen aus Pragmatismus, stellte also einen Minimalkonsens dar. Jede Seite hoffte zudem, die Angelegenheit später in gewandelter Kräftesituation noch verändern zu können. Anzunehmen, der Sultan Al-Kamil habe Friedrich Jerusalem überlassen, weil der Kaiser so gut in Mathematik Bescheid wusste, geht an den Realitäten vorbei. Es war letztlich die Macht des Kaisers zu Land und zur See, die dem Sultan als ein unwägbares Risiko und als eine zu große Bedrohung erschien. Überlieferungen, denen zufolge der Kaiser mit nur schwachen Kräften in den Orient gefahren sei, haben über lange Zeit dazu beigetragen, Friedrich zu einem mustergültigen Diplomaten zu stilisieren und zu verschleiern, was er tatsächlich war: ein Herrscher, der zwar verhandelte, wo es sinnvoll war – zumindest im Orient –, der aber, ohne zu zögern, das Schwert gezogen hätte, wenn die Situation dafür günstiger gewesen wäre.

Von den hochgelobten friedlichen Absichten des Kaisers bleibt somit nichts weiter als der Pragmatismus des Augenblicks. Erstaunlich ist dies allemal, denn das rationale Austarieren politischer Realitäten war nicht unbedingt die Sache des so oft ehrgeleiteten Mittelalters. Anders als andere berühmte Kreuzzügler wie Richard Löwenherz oder Ludwig der Heilige, der auf seinem zweiten Kreuzzug umkam, war der Kaiser denn auch nicht als Schlagetot oder Haudrauf im Orient unterwegs. Und er hegte auch keinerlei Ambition, sich auf dem Altar der Christenheit als Märtyrer zu opfern.

Wer deshalb glaubt, Friedrich II. in den aktuellen Debatten als Multikulturalisten ins Feld führen zu können, erliegt einem Trugschluss. Der Kaiser war in seinem Handeln so wenig von modernen Toleranzideen geleitet wie die arabischen Chronisten, die ihn zum Freund der Muslime machten. Beide verfolgten nur auf geschickte Weise ihre jeweiligen Interessen – im Kampf gegeneinander.