Menschen erklären sich die Welt, die sie nicht kennen, nach dem Vorbild der Welt, die ihnen bekannt ist. In der Beurteilung des Anderen, des Fremden folgt jeder den Vorgaben seiner "mentalen Festplatte", auf der seine persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen gespeichert sind, auf der seine Herkunft verzeichnet ist und auf der sich – oft nach dem Zufallsprinzip – Wissen und Meinungen ablagern und miteinander verknüpfen. Das Bild, das eine Gesellschaft von anderen Völkern, Kulturen, Religionen und Menschen in sich trägt, ist nichts anderes als die Summe solcher mentalen Muster. Das gilt auch für das europäische Bild vom Islam.

Im Lauf der Jahrhunderte hat es sich immer wieder rasant gewandelt. Anlass waren dabei oft weniger Veränderungen im Orient als vielmehr in Europa selbst. So schlug Faszination in Angst um, Angst in romantische Verklärung und romantische Verklärung in eine vorurteilsverzerrte, abwertende Sicht, wie sie vielerorts auch heute wieder vorherrscht.

Das tatsächliche Wissen über die Geschichte des Islams ist indes gering. Den meisten ist nicht bewusst, wie viele Errungenschaften und Techniken unseres heutigen Lebens – die Rechenprozesse in unseren Computern, die Prognoseverfahren von Wirtschaftsexperten, das Wissen von Ärzten, Chemikern, Mathematikern, Geografen und Astronomen – auf den Leistungen muslimischer Gelehrter beruhen.

Nach dem Zerfall der antiken Welt erlebten die Wissenschaften unter der Herrschaft des Islams vom 9. bis zum 14. Jahrhundert im Nahen Osten und in Teilen Europas eine neue Blüte. Durch Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische und schließlich ins Lateinische fand damals auch das Wissen der griechischen Antike wieder Eingang in die westliche Kultur. Es wäre sonst wohl zu großen Teilen verloren gegangen und in Vergessenheit geraten.

"Im Jahr 632, als Mohammed gerade gestorben war und die große arabische Expansion noch nicht begonnen hatte, waren die Araber ein relativ primitives Volk mit geringem materiellen Besitz und einer Literatur, die nicht viel mehr umfasste als einen überlieferten Schatz von Dichtungen und Reden sowie das heilige Buch des Koran", schreibt der Brite William Montgomery Watt , einer der großen Orientalisten des 20. Jahrhunderts. Noch 80 Jahre später, als die Araber in Spanien einfielen, sei ihr kulturelles Niveau kaum höher gewesen. Mit der Expansion nach Mesopotamien, Syrien und Ägypten während des 7. und 8. Jahrhunderts aber kamen einige der großen geistigen Zentren des Nahen Ostens unter arabische Herrschaft. "Viele Träger der früheren Kulturen", schreibt Watt, "traten zum Islam über, und es begann ein geistiger Gärungsprozess, der noch Jahrhunderte andauern sollte. [So] sammelten sich die jahrtausendealten Erfahrungen von städtischen Zivilisationen, die bis auf Sumer, Akkad und das Ägypten der Pharaonen zurückgingen, und alles, was in diesen Jahrtausenden wertvoll gewesen war, fand jetzt im Arabischen neuen Ausdruck."

Zentren der frühen islamischen Hochkultur waren Bagdad, Isfahan im Iran, Buchara und Samarkand in Zentralasien, Damaskus, Kairo, Kairouan in Tunesien und Fes in Marokko. Dass der Islam in den folgenden Jahrhunderten einen so großen Einfluss auf Europa ausüben konnte, war aber hauptsächlich eine Folge der muslimischen Eroberung Spaniens und Siziliens.

Das islamische Spanien, Al-Andalus genannt, umfasste zu seiner Hochzeit fast die gesamte Iberische Halbinsel mit Ausnahme eines Grenzstreifens entlang der Pyrenäen. Die Eroberung begann im Jahr 711, vier Jahre später hatten die Muslime – Araber und nordafrikanische Berber – alle wichtigen Städte Spaniens und Portugals besetzt.

Viele Spanier waren darüber keineswegs unglücklich. Die Muslime beendeten die Fremdherrschaft der Westgoten, und auch die jüdische Bevölkerung, die bisher unter dem Druck der Kirche gelitten hatte, war erleichtert: Sie konnte unter dem Halbmond freier leben als zuvor.

Bis zum Jahr 1492, in dem Granada als letzte islamische Provinz durch die Reconquista ("Rückeroberung") wieder unter christliche Herrschaft kam, galten Spanien und Portugal im übrigen Europa als islamische Länder. Nach dem Fall Granadas wurden dann fast alle Juden und sämtliche Muslime vertrieben, sofern sie nicht zum Christentum konvertierten. Viele starben auf dem Scheiterhaufen.

Die Islamfeindschaft der Kreuzzug-Ära

In der gesellschaftlichen Hierarchie des hispanischen Maurenreichs standen die eingewanderten Muslime ganz oben, gefolgt von den Spaniern, die zum Islam übergetreten waren. Die größte gesellschaftliche Gruppe bildeten Spanier, die zwar nominell Christen blieben, aber die Sitten und Gebräuche des Islams übernahmen: Die Männer kleideten sich in islamische Gewänder, lernten Arabisch, waren fasziniert von der neuen, weltoffenen Kultur und lebten ihrerseits häufig in Polygamie, sofern sie sich das leisten konnten. Die islamische Lebensweise war damals, was Jahrhunderte später der American Way of Life sein würde: eine "Leitkultur". Allein die katholische Kirche sann auf Vergeltung, denn sie sah sich schmählich entmachtet.

Wer nicht von Rachefantasien getrieben war oder zum Opfer höfischer Intrigen wurde, lebte gut in Al-Andalus, besser jedenfalls als viele Menschen nördlich der Pyrenäen. Córdoba verfügte bereits im Hochmittelalter über eine Kanalisation und Straßenbeleuchtung. Die Bevölkerung der Stadt, rund eine halbe Million Menschen, betete in 3.000 Moscheen und reinigte sich in 300 Dampfbädern, den Hamams. Córdoba, Sevilla und Granada waren bekannt für ihre Hochschulen, in denen Philosophie, Recht, Literatur, Mathematik, Medizin, Astronomie, Geschichte und Geografie gelehrt wurden. Das Statussymbol des reichen Mannes war damals eine gut ausgestattete Bibliothek.

Macht und Wohlstand des islamischen Spanien erreichten ihren Höhepunkt im 10. Jahrhundert. Danach zerfiel der Zentralstaat infolge innerer Streitigkeiten. 1085 errang die christliche Reconquista mit dem Fall Toledos einen ersten großen Sieg. In einem Jahrhunderte währenden Kampf beendete sie die islamische Vormachtstellung. Und sie richtete sich auch gegen die islamische Kultur. 1499 erreichte dieser Kulturkampf einen traurigen Höhepunkt, als Kardinal Francisco Jiménez in Granada 80.000 arabische Bücher verbrennen ließ und das Arabische als "die Sprache einer ketzerischen und verachtenswerten Rasse" bezeichnete.

In Abgrenzung vom Islam und von den Arabern propagierten die christlichen Herrscher nun einen militanten Katholizismus. Die Bewohner der Iberischen Halbinsel lernten, sich einzig und allein als Christen zu fühlen – dabei waren sie Angehörige einer hispanoarabischen Kultur. Ihre islamischen Wurzeln nahmen sie jedoch schon bald kaum noch wahr: Das arabisch-muslimische Erbe wurde verdrängt.

Dass wir die islamischen Wurzeln unserer Kultur bis heute so wenig kennen, ist eine Spätfolge solcher "Identitätspolitik". Und sie betraf nicht Spanien allein: Die Reconquista stand im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung, die vom ausgehenden 11. Jahrhundert an ganz Europa erfasste.

Eine besondere Episode ist dabei die der arabischen Besiedlung Siziliens und der Regierungszeit des Stauferkaisers Friedrichs II. Die islamische Herrschaft auf der Mittelmeerinsel dauerte rund 200 Jahre. Sie begann 827, als Araber von Tunesien aus nach Sizilien kamen. Im 11. Jahrhundert wurden sie von den Normannen verdrängt. Die normannischen Könige waren gleichwohl keine Feinde der islamischen Kultur, manche waren sogar voller Bewunderung. Siziliens Hauptstadt Palermo blieb bis zum Tod von Kaiser Friedrich II. im Jahr 1250 ein Zentrum arabischer Kunst und Wissenschaft.

Gleichwohl siegte auch hier am Ende die sich infolge der Kreuzzüge verbreitende antiislamische Ideologie. Stoff für einen noch zu schreibenden historischen Kriminalroman bieten etwa die Intrigen klerikaler Verschwörer am Hofe Kaiser Friedrichs II. Sie sahen in den arabischen Wissenschaftlern, die dort ein und aus gingen, eine Bedrohung ihrer eigenen Macht. Daraufhin schmiedeten die Kleriker ein Komplott. Heimlich kopierten sie die Fachliteratur aus dem Nahen Osten, Wort für Wort schrieben sie dicke Wälzer ab von meist mehreren Hundert Seiten und übersetzten sie ins Lateinische. Diese Übersetzungen wiederum bildeten, ohne Angabe der Quelle, später die Grundlage für die mathematischen und astronomischen Berechnungen von Wissenschaftlern wie Kopernikus und Leonardo da Vinci. Es verwundert kaum, dass dieser Klerus die arabischen Wissenschaftler nach dem Tod von Kaiser Friedrich II. aus Sizilien verjagte.

Die Islamfeindschaft der Kreuzzug-Ära hatte indes nicht nur religiöse und ideologische Ursachen. Das Papsttum wollte auch, dass sich die christlichen Staaten Europas nicht gegenseitig bekämpften, sondern ihre Energien lieber gegen die Ungläubigen außerhalb und gegen Ketzer und sonstige Widersacher im Inneren richteten. In dieser Hinsicht waren die Kreuzzüge durchaus erfolgreich: Denn obwohl sie militärisch, politisch und ökonomisch unsinnig waren, halfen sie doch, Westeuropa eine neue Identität zu geben – die zu einem großen Teil auf der Abgrenzung zum Islam beruhte. Zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert entstand jenes entstellte Bild vom Islam, das bis heute fast ungebrochen nachwirkt. Es kreist um den Vorwurf, die Muslime seien fanatisch, gewalttätig, irrational und missionierten mit dem Schwert.

Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die Konfrontation mit dem Osmanischen Reich, das mit der Eroberung Konstantinopels 1453 Byzanz den Todesstoß versetzte, Südosteuropa islamisierte und dessen Streitmacht zweimal, 1529 und 1683, Wien belagerte, die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Nach der zweiten Belagerung wurden die Türken sukzessive zurückgedrängt. Martin Luther war nicht der einzige Kirchenobere, der sie verteufelte: "Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort und schütz uns vor der Türken Mord, die Jesum Christum, Deinen Sohn, stürzen wollen von seinem Thron", betete er. Der Orient galt in Europa fortan als Hort der Finsternis.

Erst im Zeitalter der Aufklärung und der Romantik veränderte sich das europäische Islambild. Das Osmanische Reich war nun längst keine Bedrohung mehr. Europa erlebte den Übergang von einer ländlichen Feudal- in eine städtisch geprägte Industriegesellschaft. Das Bürgertum emanzipierte sich von Adel und Klerus. Der Orient wurde vor diesem Hintergrund neu entdeckt – als verlockende, märchenhafte Gegenwelt.

Übersetzungen persischer und arabischer Poesie inspirierten damals auch deutsche Dichter, allen voran Goethe, der 1819 seine Gedichtsammlung West-östlicher Divan veröffentlichte. Goethe und andere sahen in der orientalischen Dichtkunst den Beweis, dass Ost und West denselben sittlichen Werten und einem einheitlichen Streben nach Schönheit verbunden seien. In der Öffentlichkeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts stießen sie damit auf große Resonanz.

Alte Aversionen und Feindbilder

Den Philosophen der Aufklärung diente der Verweis auf den Orient auch als Argument wider den absolutistischen Staat und seine religiöse Legitimation: Warum sollte dieser Staat den Höhepunkt menschlicher Zivilisation verkörpern, wenn außereuropäische Kulturen ganz andere Gesellschaftsmodelle entwickelt hatten? Ex oriente lux, so dachte man damals, aus dem Osten kommt das Licht – bis der Kolonialismus die alten Feindbilder neu belebte und abermals eine kulturelle Konfrontation einsetzte.

Wie zur Zeit der Kreuzzüge begriffen sich die Europäer auch nun wieder als höher stehende Zivilisation. Bis heute beanspruchen sie eine dominante Stellung gegenüber Arabern und Muslimen. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said formulierte 1978 in seiner bahnbrechenden Studie Orientalismus die These, der Westen habe den Orient mit den Mitteln von Wissenschaft, Kunst und Theologie vereinnahmt und gleichsam neu erfunden – und zwar in der Absicht, seinen Anspruch auf weltweite kulturelle und politische Vorherrschaft zu untermauern.

In der Tat stammt ein Großteil des westlichen Wissens über den Orient aus der Blütezeit des Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert : Kontrollierten die Europäer 1815 erst 35 Prozent der Erdoberfläche, so waren es zu Beginn des Ersten Weltkriegs rund 85 Prozent. Der "Orientalismus" wurde dabei zu einem Herrschaftsinstrument im Dienst der Kolonialmächte, auch wenn er so vermeintlich harmlos daherkam wie in den Romanen Karl Mays. Dessen Duo Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, das sich vom Kosovo bis nach Bagdad zu bewähren hatte, entsprach ganz und gar dem kolonialistischen Zeitgeist: der Deutsche christlich, kampferprobt und gebildet, sein orientalischer Diener beflissen und beeindruckt von dem "Ungläubigen", dessen Religion er insgeheim bewundert.

Heute herrscht im Orient wie im Okzident Missgunst. Für den Europäer symbolisiert der Orient einen Teil seiner eigenen Entwicklungsgeschichte, den er überwunden glaubt: die vermeintliche Vorherrschaft des Irrationalen und Zerstörerischen über Vernunft und Berechenbarkeit, in der privaten wie der öffentlichen Sphäre. In der arabisch-islamischen Welt wiederum gilt der Westen mehr und mehr als eine Metapher für Verlogenheit und Verrat, als Ort ständiger Verschwörung mit dem Ziel, die Muslime zu demütigen und ihnen den Platz vorzuenthalten, der ihnen in der Welt gebührt. Obwohl beide Seiten aus denselben Quellen schöpfen – angefangen bei den abrahamitischen Ursprüngen über den frühen Kulturaustausch in Spanien bis hin zu gemeinsamen, mediterran geprägten Lebensformen –, begegnen sie sich wie verfeindete Zwillinge. Im jeweiligen Bild des anderen entdecken sie das verdrängte Unbewusste des eigenen Ichs und reagieren angstvoll: mit kulturellen Stereotypen.

Daraus erwachsen immer neue Scheindebatten. 13 Millionen Muslime leben in Westeuropa, die meisten von ihnen sind Einwanderer. In Deutschland nannte man sie früher Gastarbeiter, heute heißen sie Migranten. Das Wort Einwanderer bleibt tabu, weil der konservative Teil der Mehrheitsgesellschaft noch immer an der Fiktion festhält, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Als Bundespräsident stellte Christian Wulff das Offenkundige fest: "Der Islam gehört zu Deutschland" – was angesichts von fast vier Millionen Muslimen hierzulande niemand ernsthaft bestreiten kann. Dennoch widersprachen 88 Prozent der Teilnehmer einer Online-Umfrage der Welt dem vielleicht wichtigsten Satz, der aus Wulffs kurzer Amtszeit in Erinnerung bleiben dürfte.

Viele hierzulande empfinden die islamische Welt heute immer noch als fern und fremd, empfinden ihr Anderssein als Herausforderung – als Faszinosum wie als Provokation. Dabei haben sich unter veränderten Vorzeichen viele der alten Aversionen und Feindbilder gehalten.

Ein Vorwurf an den Islam ist allerdings erst in jüngster Zeit hinzugekommen: Er sei frauenfeindlich. Noch in der Romantik galt der Orient als ein Ort erotischer Zügellosigkeit, und dass es muslimischen Frauen schon im Mittelalter gestattet war, sich scheiden zu lassen, empfanden Europas Christen über Jahrhunderte als skandalös. So sagen Klischees und Vorurteile wenig aus über den Gegenstand der Betrachtung, sehr viel aber über den Betrachter und seine Zeit.

Dass sich das Feindbild Islam in Europa auf so groteske Weise neu belebt hat, dafür gibt es, oberflächlich betrachtet, zwei Gründe: das Ende des Kalten Krieges und die Anschläge vom 11.September 2001. Die Ursachen aber liegen tiefer: Wie in früheren Zeiten sind es die inneren Krisen, welche die Angst vor dem Fremden schüren. In einer immer schneller zusammenwachsenden Welt entstehen Unsicherheiten und Abwehrreflexe. Sie richten sich gegen die andere Kultur – mag sie auch mit der eigenen so eng verwandt sein wie der Okzident mit dem Orient.