Den Philosophen der Aufklärung diente der Verweis auf den Orient auch als Argument wider den absolutistischen Staat und seine religiöse Legitimation: Warum sollte dieser Staat den Höhepunkt menschlicher Zivilisation verkörpern, wenn außereuropäische Kulturen ganz andere Gesellschaftsmodelle entwickelt hatten? Ex oriente lux, so dachte man damals, aus dem Osten kommt das Licht – bis der Kolonialismus die alten Feindbilder neu belebte und abermals eine kulturelle Konfrontation einsetzte.

Wie zur Zeit der Kreuzzüge begriffen sich die Europäer auch nun wieder als höher stehende Zivilisation. Bis heute beanspruchen sie eine dominante Stellung gegenüber Arabern und Muslimen. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said formulierte 1978 in seiner bahnbrechenden Studie Orientalismus die These, der Westen habe den Orient mit den Mitteln von Wissenschaft, Kunst und Theologie vereinnahmt und gleichsam neu erfunden – und zwar in der Absicht, seinen Anspruch auf weltweite kulturelle und politische Vorherrschaft zu untermauern.

In der Tat stammt ein Großteil des westlichen Wissens über den Orient aus der Blütezeit des Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert : Kontrollierten die Europäer 1815 erst 35 Prozent der Erdoberfläche, so waren es zu Beginn des Ersten Weltkriegs rund 85 Prozent. Der "Orientalismus" wurde dabei zu einem Herrschaftsinstrument im Dienst der Kolonialmächte, auch wenn er so vermeintlich harmlos daherkam wie in den Romanen Karl Mays. Dessen Duo Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, das sich vom Kosovo bis nach Bagdad zu bewähren hatte, entsprach ganz und gar dem kolonialistischen Zeitgeist: der Deutsche christlich, kampferprobt und gebildet, sein orientalischer Diener beflissen und beeindruckt von dem "Ungläubigen", dessen Religion er insgeheim bewundert.

Heute herrscht im Orient wie im Okzident Missgunst. Für den Europäer symbolisiert der Orient einen Teil seiner eigenen Entwicklungsgeschichte, den er überwunden glaubt: die vermeintliche Vorherrschaft des Irrationalen und Zerstörerischen über Vernunft und Berechenbarkeit, in der privaten wie der öffentlichen Sphäre. In der arabisch-islamischen Welt wiederum gilt der Westen mehr und mehr als eine Metapher für Verlogenheit und Verrat, als Ort ständiger Verschwörung mit dem Ziel, die Muslime zu demütigen und ihnen den Platz vorzuenthalten, der ihnen in der Welt gebührt. Obwohl beide Seiten aus denselben Quellen schöpfen – angefangen bei den abrahamitischen Ursprüngen über den frühen Kulturaustausch in Spanien bis hin zu gemeinsamen, mediterran geprägten Lebensformen –, begegnen sie sich wie verfeindete Zwillinge. Im jeweiligen Bild des anderen entdecken sie das verdrängte Unbewusste des eigenen Ichs und reagieren angstvoll: mit kulturellen Stereotypen.

Daraus erwachsen immer neue Scheindebatten. 13 Millionen Muslime leben in Westeuropa, die meisten von ihnen sind Einwanderer. In Deutschland nannte man sie früher Gastarbeiter, heute heißen sie Migranten. Das Wort Einwanderer bleibt tabu, weil der konservative Teil der Mehrheitsgesellschaft noch immer an der Fiktion festhält, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Als Bundespräsident stellte Christian Wulff das Offenkundige fest: "Der Islam gehört zu Deutschland" – was angesichts von fast vier Millionen Muslimen hierzulande niemand ernsthaft bestreiten kann. Dennoch widersprachen 88 Prozent der Teilnehmer einer Online-Umfrage der Welt dem vielleicht wichtigsten Satz, der aus Wulffs kurzer Amtszeit in Erinnerung bleiben dürfte.

Viele hierzulande empfinden die islamische Welt heute immer noch als fern und fremd, empfinden ihr Anderssein als Herausforderung – als Faszinosum wie als Provokation. Dabei haben sich unter veränderten Vorzeichen viele der alten Aversionen und Feindbilder gehalten.

Ein Vorwurf an den Islam ist allerdings erst in jüngster Zeit hinzugekommen: Er sei frauenfeindlich. Noch in der Romantik galt der Orient als ein Ort erotischer Zügellosigkeit, und dass es muslimischen Frauen schon im Mittelalter gestattet war, sich scheiden zu lassen, empfanden Europas Christen über Jahrhunderte als skandalös. So sagen Klischees und Vorurteile wenig aus über den Gegenstand der Betrachtung, sehr viel aber über den Betrachter und seine Zeit.

Dass sich das Feindbild Islam in Europa auf so groteske Weise neu belebt hat, dafür gibt es, oberflächlich betrachtet, zwei Gründe: das Ende des Kalten Krieges und die Anschläge vom 11.September 2001. Die Ursachen aber liegen tiefer: Wie in früheren Zeiten sind es die inneren Krisen, welche die Angst vor dem Fremden schüren. In einer immer schneller zusammenwachsenden Welt entstehen Unsicherheiten und Abwehrreflexe. Sie richten sich gegen die andere Kultur – mag sie auch mit der eigenen so eng verwandt sein wie der Okzident mit dem Orient.