Tausendundeine Idee – Seite 1

Der Kaffee

Noch vor wenigen Generationen reimte sich "blass und krank" auf "Türkentrank", doch schon damals hatte der Kaffee seinen weltweiten Siegeszug vollendet. Glaubt man der Legende, so begann er vor 1.200 Jahren in Äthiopien: Ein Hirte trieb seine Ziegen in neues Hügelland, und dort fraßen die Tiere rote Beeren mit starker Wirkung. Bald hielt die Frucht, ausgekocht zu einem bitter-aromatischen Getränk, auch Menschen wach, und durch Pilger, Händler, Reisende verbreiteten sich Rezept und Pflanze in der muslimischen Welt.

Im 15. Jahrhundert erreichte der Kaffee Mekka, etwa zeitgleich wurde er zum Trank der Türken (die das Pulver der gerösteten Beeren, Wasser und Zucker zusammen kochten und ungefiltert ausschenkten), die Bürger Kairos genossen ihn wohl erstmals im 16. Jahrhundert. Nun war es nicht mehr weit.

1645 eröffnete das erste Kaffeehaus Europas in Venedig; ein türkischer Kaufmann brachte die Beeren fünf Jahre darauf nach London; in Wien, so heißt es, ließ das geschlagene Heer der Osmanen 1683 gleich säckeweise Kaffee zurück. Nur die Städter des 21. Jahrhunderts, die ihn meist gehend zu sich nehmen, in Pappe und Plaste, halten ihn womöglich (Allah bewahre!) für einen Amerikaner.

Die Ziffern

Hätte es die Technik erlaubt, dann wäre der Taschenrechner wahrscheinlich vor 1.000 Jahren am Haus der Weisheit in Bagdad erfunden worden. Vom 9. Jahrhundert an versammelten sich an diesem Institut die Geistesgrößen der arabischen Welt und trieben unter anderem das mathematische Denken in neue Höhen.

Die wohl wichtigste Neuerung war die Algebra, das systematische Rechnen mit unbekannten Größen. Aber auch die "arabischen" Ziffern verdankt Europa den muslimischen Gelehrten. Die Zeichen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9 hatten sie ihrerseits aus Indien importiert – und fügten die 0 als Recheneinheit hinzu. Nun ließ sich jede beliebige Zahl platzsparend schreiben und verrechnen.

Nach Europa kam diese Innovation auf mehreren Wegen: Bereits im späten 10. Jahrhundert soll Papst Silvester I. sie während seines Studiums in Córdoba kennengelernt haben. Rund zwei Jahrhunderte später hat der englische Gelehrte Robert von Chester die mathematischen Schriften Al-Chwarismis, des Urvaters der Algebra, übersetzt.

Im 13. Jahrhundert schließlich verfasste nach Besuchen in Damaskus, Alexandria und Kairo der italienische Rechenmeister Leonardo Fibonacci sein Liber Abaci, in dessen erstem Kapitel er die neuen Ziffern erläuterte.

So stammt die geistige DNA des "westlichen" Rationalismus aus der islamischen Welt. Ausgerechnet das, was der moderne Westen dem Orient vorauszuhaben glaubt, ist ein orientalisches Erbe; ausgerechnet das, was manch islamistischer Fundamentalist am Westen bekämpft, ist ein Vermächtnis seiner eigenen Kultur.

Die Brille

Vergeblich hatten sich die alten Griechen den Kopf darüber zerbrochen, wie das Sehen funktioniert. Senden die Augen Strahlen aus? Oder die betrachteten Objekte?

Das Rätsel lösten arabische Wissenschaftler, namentlich einer: Al-Hassan ibn al-Haitham, kurz Alhazen. Im 10. Jahrhundert entdeckte er, dass die Dinge der Umwelt das Sonnenlicht reflektieren – sofern sie nicht selbst leuchten – und dadurch ein Bild der Außenwelt durch die Linse der Pupille ins Auge projiziert wird. Mit seinem Schatz der Optik schuf Alhazen ein Grundlagenwerk, das europäische Gelehrte und Tüftler im Hochmittelalter zur Herstellung erster Brillen inspirierte.

Jahrelang hat Alhazen mit Glaslinsen unterschiedlichen Schliffs hantiert und seine Beobachtungen ausgewertet. Allein mit dieser experimentellen Methode war er seiner Zeit um Jahrhunderte voraus.

Auch Versuche mit Lochkameras soll er angestellt haben, dem Prinzip der Camera obscura folgend, das schon Aristoteles kannte – ohne daraus jedoch die entscheidenden Schlüsse gezogen zu haben.

Die Gitarre

Sirjab riefen sie den Mann, denn er konnte singen wie eine Amsel. Im Jahr 822 kam er (sein eigentlicher Name lautete Abu al-Hassan Ali ibn Nafi) nach Spanien, nach Córdoba, an den Hof des Umayyaden-Herrschers Abdel Rahman II. Dort musizierte er und lehrte Musik, gründete ein Konservatorium und brachte ein Instrument mit aus dem Orient ins soeben muslimisch eroberte Südwesteuropa, das Jahrhunderte später die Musik revolutionieren sollte: die arabische Laute, al-oud, was nichts anderes heißt als "Holz".

In allmählicher Metamorphose, allerlei Einflüsse aufnehmend, wurde aus ihr in Spanien die Gitarre – und im 20. Jahrhundert, stromverstärkt, das Instrument der Popmusik. Gewiss: Auch im restlichen Europa waren schon ähnliche Saiteninstrumente bekannt, die maurische Kulturblüte des frühen Mittelalters aber dürfte der wichtigste Einfluss gewesen sein. Und in Spanien erhielt die Gitarre, wie wir sie heute kennen, auch ihre klassische Form: mit flachem Klangkörper und – seit dem 19. Jahrhundert – mit sechs Saiten statt zunächst nur vier oder fünf.

Der Wasserhahn

Nein, der Wasserhahn kommt nicht aus dem Orient. Aber in seiner Technik steckt viel muslimische Kulturgeschichte, und auch unsere Körperpflegerituale haben ihr Vorbild eher in der islamischen denn in der übel riechenden christlichen Welt des Mittelalters. Hamams, Badehäuser, gab es Hunderte in jeder großen Stadt des Orients.

Schon vor mehr als 1.000 Jahren stellte man dort Seife her aus Olivenöl und Pottasche (al-kalia). Reinlichkeit war Gottesgebot. Und der begnadete Ingenieur Al-Dschasari erfand im 13. Jahrhundert dazu manch feinen Apparat, eine "Händewaschmaschine" etwa, bestehend aus einem mechanischen Vogel, der frisches Wasser in eine Schale spuckt.

Bedeutender indes waren andere seiner Erfindungen: Konstruktionen, mit denen sich Wasser in großem Umfang "heben" ließ, mit Schaufelrädern und mit Pumpen. Er setzte dazu eine Technik ein, welche die Mühlentechnik in Europa erst am Ende des Mittelalters revolutionierte: die Nockenwelle, die Drehbewegungen in lineare Bewegungen übersetzt. So ließen sich, zur Bewässerung von Feldern und zur Versorgung von Städten, große Wassermassen "bergauf" bewegen. Schon die Römer und Perser waren Meister darin.

Die Muslime nahmen die antiken Erkenntnisse auf und entwickelten sie fort. Im maurischen Spanien gediehen dadurch bald schon asiatische Obst- und Gemüsesorten, die uns heute irrigerweise als genuin mediterran erscheinen: Pfirsiche etwa und Auberginen.