Der Rüstungsvorsprung der USA war zunächst beträchtlich: 1950 kamen auf 300 US-Sprengköpfe gerade einmal zehn sowjetische. Zu diesem Zeitpunkt standen allerdings noch konventionelle Waffen und Truppen im Zentrum von Sicherheitspolitik und Militärstrategie. Je stärker sich aber der Kalte Krieg globalisierte – davon kündete nicht zuletzt der Koreakrieg zu Beginn der fünfziger Jahre –, desto intensiver wurde insbesondere in den USA darüber diskutiert, ob man mit konventionellen Mitteln auf Dauer in der Lage sein werde, der kommunistischen Bedrohung angemessen zu begegnen. Boten nicht weltweit einsetzbare Atomwaffen eine viel bessere Möglichkeit? Und war es nicht auch kostengünstiger, auf die Zerstörungskraft der nuklearen Kriegstechnik zu setzen, anstatt die teuren konventionellen Rüstungsanstrengungen immer weiter voranzutreiben?

Aufgrund solcher Überlegungen entwickelten US-Militärs die Strategie der »massiven Vergeltung«. Zu Beginn der Amtszeit von Präsident Dwight D. Eisenhower 1953 wurde sie zur Leitlinie im Konflikt mit der UdSSR: Die Vereinigten Staaten würden nicht länger versuchen, dem Gegner konventionell Paroli zu bieten, sondern man wollte das nukleare Arsenal ausbauen und damit drohen, jeden sowjetisch-kommunistischen Angriff massiv nuklear zu vergelten.

Doch die neue Strategie führte zu neuen Problemen. Während sich die USA nun ganz auf Atomwaffen konzentrierten (von atomar bestückten Interkontinentalraketen bis hin zu taktischen Gefechtsfeldwaffen), waren ihre europäischen Verbündeten gerade dabei, konventionell aufzurüsten – allen voran die Bundesrepublik mit ihrer 1955 neu gegründeten Bundeswehr. Welchen Nutzen aber hatte dies, wenn die USA im Falle eines sowjetischen Vorstoßes sofort Kernwaffen einsetzen würden?

Washington und Bonn einigten sich deshalb darauf, auch die Bundeswehr mit nuklearen Trägersystemen auszurüsten. In einem Zwei-Schlüssel-Verfahren sollten sie im Ernstfall von deutschen und amerikanischen Verantwortlichen gemeinsam zum Einsatz gebracht werden. Unter dem Motto »Kampf dem Atomtod« erhob sich in der Bundesrepublik daraufhin starker Protest; Hunderttausende gingen auf die Straße. Die entsprechenden Parlamentsbeschlüsse aber konnten sie nicht verhindern.

Eine zweite Schwierigkeit lag darin, dass die Logik der »massiven Vergeltung« nur so lange den gewünschten Effekt hatte, wie die USA nuklear überlegen waren. Doch damit war es bereits am 5. Oktober 1957 vorbei. An diesem Tag gelang es der Sowjetunion, den Satelliten Sputnik in die Erdumlaufbahn zu schießen. Und wenn die UdSSR dazu in der Lage war, dann reichten ihre Trägerraketen auch bis auf den nordamerikanischen Kontinent.

Vor dem Hintergrund der sich seit Ende 1958 erneut zuspitzenden Auseinandersetzung um Berlin wurden die Defizite der US-Nuklearstrategie besonders deutlich: Wie würden die USA auf einen militärischen Vorstoß der Sowjetunion in Berlin reagieren? Würden sie tatsächlich nukleare Waffen einsetzen, auch wenn sie damit einen sowjetischen Atomangriff auf amerikanisches Territorium riskierten? Die Androhung »massiver Vergeltung«, so zeigten diese Spekulationen, wirkte nicht mehr abschreckend, sobald auch die Gegenseite sie anwenden konnte. Man verlegte sich deshalb auf eine neue Strategie: die der »flexiblen Erwiderung«. USA und Nato ließen nun offen, wie sie auf einen Angriff reagieren würden. Entsprechend wurden die Streitkräfte so ausgerüstet, dass sie über alle – nuklearen und konventionellen – Mittel verfügten. Ein Ende des atomaren Rüstungswettlaufs bedeutete dies nicht. Im Gegenteil: Das Spektrum der atomaren Waffensysteme wurde immer weiter ausdifferenziert, um stets über alle Einsatzoptionen zu verfügen.

Im Oktober 1962 kam es dann beinahe zur Katastrophe. Tagelang stand die Welt am nuklearen Abgrund. Die Kubakrise, ausgelöst durch die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenwaffen auf der seit 1959 kommunistisch regierten Karibikinsel, führte allen Beteiligten vor Augen, wie riskant es geworden war, die atomare Balance einseitig zu verändern. Im Jahr zuvor hatte schon der Bau der Berliner Mauer gezeigt, dass USA und Sowjetunion den geostrategischen Status quo akzeptierten mussten, wenn sie einen Atomkrieg vermeiden wollten. Die Krisen in Berlin und Kuba ließen daher nur eine Lehre zu: Allein eine Politik der Entspannung konnte das Verhältnis der Supermächte in ruhigere Bahnen lenken.

Wer allerdings glaubte, dass dies auch einen Abbau der nuklearen Waffenarsenale nach sich ziehen würde, irrte. Das Ziel der Entspannungspolitik, zu deren größten Erfolgen die unter Willy Brandt geschlossenen Ostverträge zählen, war Stabilität, nicht Abrüstung. Beide Seiten versuchten daher, die gewünschte politische Sicherheit durch eine Strategie der Abschreckung noch zu verstärken, ja ihr überhaupt eine Grundlage zu geben. Die Fähigkeit zur Mutual Assured Destruction musste deshalb erhalten und ausgebaut werden, wobei es in sämtlichen Segmenten der atomaren Rüstung ein möglichst gut austariertes Gleichgewicht herzustellen galt.

Dieser Imperativ führte zu einer Reihe wichtiger Rüstungskontrollabkommen. In ihnen verständigte man sich jedoch nicht auf die Verschrottung von Waffen, sondern lediglich auf Rüstungsobergrenzen, also auf eine kontrollierte Aufrüstung. Nach wie vor basierte das Verhältnis von USA und Sowjetunion auf dem Prinzip »Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter«. Auch deshalb erlaubte der sogenannte ABM-Vertrag (Anti-Ballistic Missiles) von 1972 nur die Errichtung je eines einzigen punktuellen Raketenabwehrsystems. Wäre nämlich eine Macht in der Lage gewesen, sich komplett gegen einen Atomangriff zu schützen, hätte die auf beidseitiger Verwundbarkeit beruhende Abschreckung nicht mehr funktioniert.

Trotz aller Entspannungsbemühungen vergrößerten sich also die atomaren Arsenale. Längst reichten die Kernwaffenbestände der Supermächte rein rechnerisch dazu aus, die Menschheit mehrfach zu vernichten. Vom »Overkill« war die Rede. Und auch wenn die Proteste in der Bundesrepublik nach der Wiederbewaffnung an Stärke verloren hatten, gab es immer noch Stimmen, die nicht nur die enormen Kosten der Rüstung kritisierten, sondern auch die Moral einer Politik infrage stellten, die den Frieden durch Vernichtungsdrohung zu stabilisieren trachtete.