Die Luftaufnahmen ließen keinen Zweifel: Im Westteil Kubas waren sowjetische Raketenträger, Abschussrampen und ein Materiallager zu erkennen. Damit bestätigten sie einen Verdacht, den erste Aufklärungsflüge schon im September nahegelegt hatten: Die Sowjets stationierten heimlich atomar bestückte Raketen auf der Insel ihres Verbündeten Fidel Castro – unmittelbar vor Amerikas Küste.

Das Ausmaß der sowjetischen Geheimaktion, die bereits im Juli 1962 begonnen hatte, wurde erst später bekannt: Bis zum Herbst des Jahres waren insgesamt 42.000 Soldaten nach Kuba verschifft worden, darunter eine 10.000 Mann starke Kampftruppe. An Bord hatten sie konventionelle Kurzstreckenraketen für den Küstenschutz, 98 Sprengköpfe für nukleare Gefechtsfeldwaffen sowie 36 Atomraketen vom Typ R-12, die mit einer Reichweite von 2.000 Kilometern Verwüstungen weit im Inneren der USA hätten anrichten können. Geplant war auch die Stationierung von Mittelstreckenraketen vom Typ R-14, ausgelegt auf Ziele in einer Entfernung von 4.000 Kilometern. Niemals zuvor hatte die UdSSR in Friedenszeiten Waffen, Material, technisches Personal und Truppen in einem solchen Umfang ins Ausland verlegt.

Die USA reagierten mit einer nach 1945 beispiellosen Mobilmachung. Um den sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow zum Rückzug aus "Amerikas Hinterhof" zu zwingen, verkündete Präsident John F. Kennedy am 22. Oktober eine Seeblockade Kubas. Am 24. Oktober trat sie in Kraft; am selben Tag versetzte Kennedy die strategischen Luftstreitkräfte der USA in den höchsten Alarmzustand unterhalb der Schwelle eines Nuklearkriegs: Defense Condition 2.

Seeblockade vor Kuba

Zum ersten und bis heute einzigen Mal galt DefCon 2 für alle 183 amerikanischen Interkontinentalraketen und 1479 Langstreckenbomber. Spätestens 60 Minuten nach einem Befehl aus dem Weißen Haus konnten sie eingesetzt werden. Sofort angriffsbereit waren auch rund 70 B-52-Bomber, die Tag für Tag und Nacht für Nacht die Grenzen des sowjetischen Luftraums abflogen – mit stetig aktualisierten Ziellisten im Cockpit. Als unbedingt und sofort auszulöschende Ziele in der Sowjetunion hatte das Strategic Air Command 220 Städte, Militär- und Industrieanlagen sowie Verkehrsknotenpunkte festgelegt.

Acht Divisionen mit insgesamt 120.000 Mann und dem größten seit 1944 mobilisierten Kontingent an Fallschirmspringern bereiteten sich unterdessen auf eine Landung östlich von Havanna vor (bei der Invasion in der Normandie 1943 hatte man nur wenig mehr Soldaten eingesetzt). Und Fidel Castro ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er seine martialischen Reden über "Heldentod" und "Sterben in größter Würde" ernst meinte. Annähernd 400.000 reguläre Soldaten und eilig bewaffnete Arbeiter, Bauern und Studenten ließ der "Máximo Líder" mobilisieren – gemessen an der Bevölkerung von sieben Millionen eine enorme Zahl. Am 27. Oktober schließlich forderte er Nikita Chruschtschow in einem gewundenen Brief zum nuklearen Erstschlag auf, falls die USA auf Kuba landen sollten.

Eine Woche lang hielt die Welt den Atem an – bis am 28. Oktober über Radio Moskau die erlösende Nachricht verlesen wurde: Sollten die USA einen Gewalt- und Invasionsverzicht gegenüber Kuba erklären, werde Moskau seine Offensivwaffen demontieren. John F. Kennedy nahm das Angebot an. Wie aber hatte es überhaupt zu dieser Eskalation kommen können? Und warum ausgerechnet wegen Kuba?

Seit den späten vierziger Jahren schacherten Ost und West um Macht- und Einflusszonen. Zu keinem Zeitpunkt aber hatte die eine Führungsmacht je gegen die andere mobilgemacht. In der Kubakrise nun schickten die USA und die UdSSR keine Stellvertreter ins Feld, sondern gingen direkt aufeinander los – obwohl für keine der beiden Seiten die militärische Sicherheit auf dem Spiel stand. Auch nicht für die USA: Drei Dutzend sowjetische Mittelstreckenraketen vor der eigenen Haustür, darin waren sich John F. Kennedy und seine engsten Berater einig, änderten nichts an der strategischen Übermacht der USA.

Die Amerikaner waren bei den Interkontinentalraketen fünffach überlegen (230 zu 42), besaßen fast zehnmal mehr Langstreckenbomber (1400 zu 155) und dominierten bei der Zahl der Atomsprengköpfe im Verhältnis 17 zu 1 (5.000 gegenüber 300). Die Vereinigten Staaten hätten im Falle eines sowjetischen Angriffs zwar großen Schaden genommen; die UdSSR aber wäre durch einen Gegenschlag vollständig vernichtet worden. Weshalb also ging man ausgerechnet wegen Kuba ein größeres Risiko ein denn je zuvor?

Erstens spielten die geopolitischen Koordinaten des Kalten Krieges eine wesentliche Rolle. Anders als in Europa, wo der Status quo unverrückbar schien, galt die Dritte Welt als Epizentrum politischer Beben. In Südostasien, Afrika und Lateinamerika, davon war man in Moskau und Washington gleichermaßen überzeugt, würde über die Zukunft der beiden Machtblöcke entschieden; selbst geringfügige Verschiebungen könnten dort dramatische Folgen zeitigen.

 Von souveränem Krisenmanagement kann keine Rede sein

Auf Kuba hatten im Januar 1959 Revolutionäre den Diktator Fulgencio Batista vertrieben und die Macht übernommen. Seit September des Jahres lieferte Nikita Chruschtschow Waffen an die Revolutionsregierung, half ihr wirtschaftlich auf die Beine und verfügte den Ausbau der Insel zu einem Brückenkopf der UdSSR. Die Regierung Kennedy versuchte unterdessen, einen Regimewechsel auf Kuba zu erzwingen, und setzte – nachdem alle Mordkomplotte gegen Castro fehlgeschlagen waren – im April 1961 1.500 Exilkubaner in der Schweinebucht ab, um die Regierung zu stürzen. Doch das Kommandounternehmen scheiterte kläglich.

Kennedy und Chruschtschow befanden sich seither nicht mehr nur in einem Wettstreit miteinander, sondern sahen sich auch in einem Wettlauf gegen die Zeit. Mit Blick auf Mittel- und Lateinamerika sprachen beide dasselbe Mantra: Den Kalten Krieg werde man dort zwar nicht gewinnen, wohl aber verlieren können.

Seit dem Schweinebucht-Debakel stand zudem – das ist der zweite Grund für die Krise – die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten auf dem Spiel. Überzeugt, dass die USA eine neuerliche Invasion wagen würden, wollte Nikita Chruschtschow die Zuverlässigkeit der UdSSR als Schutzmacht unter Beweis stellen. Er versprach sich davon eine nachhaltige Aufwertung des sowjetischen Prestiges in der Dritten Welt – außerdem hatte er Castro sein Wort gegeben.

Es ging um Glaubwürdigkeit, die Ehre und Symbole

Aus amerikanischer Sicht jedoch war die Stationierung sowjetischer Raketen allein aus symbolischen Gründen nicht hinnehmbar. Sie hätten die Machtverhältnisse zwar nur scheinbar verändert, doch den bloßen Schein gar nicht erst aufkommen zu lassen war essenziell. Ebenso zählte das symbolische Arrangement: Chruschtschow sollte vor aller Augen in die Knie gehen – und zwar in kürzestmöglicher Zeit.

Drittens trafen mit John F. Kennedy, Nikita Chruschtschow und Fidel Castro Protagonisten aufeinander, die allesamt dazu neigten, Politik auf eine Frage der persönlichen Ehre zu reduzieren. Von John F. Kennedy ist bekannt, dass er zusammen mit seinem Bruder Robert nach dem Desaster in der Schweinebucht eine Art privaten Rachefeldzug gegen Fidel Castro in Gang setzte. Castro sollte dafür bezahlen, dass er dem vom Erfolg verwöhnten Kennedy seine erste schmerzhafte Niederlage beigebracht hatte.

Auch bei Nikita Chruschtschow vermengten sich Politisches und Persönliches auf brisante Weise. Würde man ihn im Ausland tatsächlich ernst nehmen? Ihn, den Autodidakten, der nur vier Jahre zur Schule gegangen war? Zu einem Politikum wurde diese Selbstwahrnehmung, weil sich Chruschtschow keine Illusionen über die Rückständigkeit seines Landes machte. Gerade deshalb glaubte er, den starken Mann spielen zu müssen – um die Schwächen zu kaschieren, die einer gleichberechtigten Supermacht nicht zu Gesicht standen.

Mit Fidel Castro schließlich kam ein Akteur zum Zuge, dem Kuba als Bühne längst zu klein geworden war. Die Raketen waren in seiner Sicht ein unverhofftes Geschenk. Künftig würde Chruschtschow Kuba nur um den Preis eines immensen Imageverlusts aufgeben können, eine patriarchalische Beziehung schien sich in ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zu verwandeln. Und Castro wähnte sich endlich dort, wo er seines Erachtens ohnehin hingehörte: in der ersten Reihe der Weltpolitik. Explosiver hätte die personelle Konstellation kaum sein können.

Wie groß das Kriegsrisiko im Oktober 1962 tatsächlich war, ist eine bis heute umstrittene Frage. Eines aber ist sicher: Von einem souveränen Krisenmanagement konnte keine Rede sein – besonders auf amerikanischer Seite nicht. Nur selten waren Kennedy und seine Berater auf der Höhe des Geschehens, immer wieder tappten sie im Dunkeln, oft tagelang. Die langsame Datenübermittlung in überlasteten Funk- und Telegrafennetzen hatte zur Folge, dass die CIA fast 24 Stunden benötigte, um Informationen über eine Kursänderung von sowjetischen Schiffen mit verdächtiger Ladung zu prüfen. Mitteilungen zwischen dem Pentagon und den Blockadeschiffen waren stundenlang unterwegs. Überdies standen die Geheimdienste bei der Ortung des Schiffsverkehrs vor schier unlösbaren technischen Problemen: 90 Meilen voneinander abweichende Positionsschätzungen waren keine Seltenheit.

Insbesondere auf hoher See zeigte sich, dass man die Kontrolle über die Ereignisse verloren hatte. So bei der Jagd der U.S. Navy auf sowjetische U-Boote, die zur Abschreckung einer amerikanischen Invasion vor Kuba stationiert werden sollten. Vier dieselgetriebene U-Boote der Foxtrot-Klasse, jedes beladen mit 21 konventionellen Torpedos und einem Atomtorpedo von ungefähr 19 Kilometer Reichweite, näherten sich am 26. Oktober der Blockadelinie, verfolgt von vier US-Flugzeugträgern, 32 Zerstörern sowie Dutzenden von Kampfflugzeugen und Hubschraubern.

Für diese Jagd hatte Verteidigungsminister Robert McNamara die traditionellen Einsatzrichtlinien aufgehoben. Entgegen den internationalen Vorschriften, nach denen U-Boote nur mit Sonarsignalen zum Auftauchen aufgefordert werden dürfen, ordnete er den Einsatz kleinkalibriger Unterwasserbomben mit der Sprengkraft einer Handgranate an. Zwar setzte das Pentagon die Sowjets darüber umgehend in Kenntnis. Aber niemand in Washington rechnete mit der Schludrigkeit der Moskauer Bürokraten. Die Kapitäne der sowjetischen Foxtrots wurden nicht informiert; sie wussten auch nichts von der politischen Zuspitzung, geschweige denn, dass sie sich in der Nähe einer Blockadezone bewegten und von US-Zerstörern gejagt wurden. McNamara wiederum ahnte nicht, dass er Attacken auf nuklear bewaffnete U-Boote autorisiert hatte.

Alles Weitere lag im Ermessen der U-Boot-Kommandanten. Sie allein mussten entscheiden, ob sie das Verhalten ihrer Verfolger als Rüpelei oder als kriegerischen Akt werten sollten. Von ihrer Lagebeurteilung hing es ab, ob es zum Kampf kommen würde oder nicht. Und sie standen vor der Frage, ob sie sich über eine eiserne Regel hinwegsetzen sollten – einem fremden Befehl zum Auftauchen niemals Folge zu leisten. Dass die Konfrontation glimpflich ausging, ist ausschließlich der Souveränität und Kaltblütigkeit der sowjetischen Skipper zu verdanken. Mit massiven technischen Problemen konfrontiert – vom Wassereinbruch bis hin zum Ausfall von Motoren – und gestresst von unerträglichen Temperaturen und stündlich steigendem Kohlendioxidgehalt der Atemluft, entzogen sie sich am 26. und 27. Oktober mit geschickten Manövern den unablässigen Attacken ihrer Verfolger. Drei von vier Booten setzten ihre Fahrt wie geplant bis nach Kuba fort. In kaum einer Darstellung namentlich erwähnt, waren ihre Kommandanten die stillen Helden jener Tage: Alexej Dubikow, Valentin Sawitski und Nikolai Schumkow.

 Der Kremlchef hatte mit dem Feuer gespielt

Dass die Krise nicht eskalierte , lag auch, wenn nicht sogar in erster Linie an Nikita Chruschtschow – ein Aspekt, der gemeinhin nur unzureichend gewürdigt wird. Selbstverständlich hatte der Kremlchef mit dem Feuer gespielt. Als aber die USA sein Manöver wider Erwarten frühzeitig erkannt und die Seeblockade verhängt hatten, insistierte er auf äußerster Zurückhaltung. Im entscheidenden Moment brach er mit der Logik des Kalten Krieges: Statt Gleiches mit Gleichem zu vergelten, bemühte er sich um eine Entkrampfung der Situation.

So verzichteten die UdSSR und die Staaten des Warschauer Paktes auf jedwede militärische Mobilmachung. Weder wurden Reservisten einberufen noch Truppen verlegt, weder wurden Bomberstaffeln in Stellung gebracht noch Evakuierungspläne aktiviert. Auch klärte Chruschtschow umgehend die Befugnisse über die auf Kuba stationierten Waffen, indem er verfügte, dass die Mittelstreckenraketen und atomaren Gefechtsfeldwaffen unter keinen Umständen ohne seine Erlaubnis eingesetzt werden dürften – nicht einmal im Falle einer durch Kampfhandlungen gestörten oder blockierten Kommunikation mit Moskau. Alle mit Raketen oder mit Sprengköpfen beladenen Frachter wurden sofort zurückgerufen. Seit dem frühen Morgen des 23. Oktober, 28 Stunden vor dem Inkrafttreten der Blockade, steuerten nur noch Schiffe mit ziviler Ladung Kuba an. Schließlich untersagte Chruschtschow jedwede Provokation an anderen Brennpunkten des Kalten Krieges. Insbesondere West-Berlin wurde von möglichen Repressalien ausgenommen.

Auch der entscheidende Schritt zur Beendigung der Krise wurde in Moskau getan, nachdem Chruschtschow – abweichend von seiner bis dahin gezeigten Zurückhaltung – am 26. Oktober doch noch versucht hatte, den Preis einer Lösung nach oben zu treiben: Die USA sollten im Gegenzug zu einem Abbau der Kuba-Raketen ihre Mittelstreckenraketen vom Typ Jupiter aus der Türkei abziehen. Hätten sich die USA auf diesen Handel eingelassen, wäre die UdSSR als gleichberechtigte Weltmacht anerkannt worden – und der Kreml hätte als Sieger des Kräftemessens um Kuba dagestanden.

Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Berater wollte John F. Kennedy die Forderung nicht in Bausch und Bogen ablehnen und fädelte deshalb hinter dem Rücken des eigenen Krisenstabes ein Geheimtreffen seines Bruders mit dem sowjetischen Botschafter in Washington ein. Einen offiziellen "Raketentausch", so die Mitteilung, lehnte der Präsident rigoros ab. Sollten die Sowjets aber binnen 24 Stunden den Rückzug ihrer Raketen ankündigen, würden die USA nach vier bis fünf Monaten auch die Jupiter-Raketen in der Türkei demontieren.

Chruschtschow zog die Notbremse

Dass Kennedy mit diesem geheimen Versprechen und der gleichzeitigen Drohung, Kuba zu besetzen, Chruschtschow zum Einlenken bewog, galt bis in jüngste Zeit als gesicherte Erkenntnis. In den neunziger Jahren zur Verfügung gestellte sowjetische Dokumente rücken den Ablauf jedoch in ein gänzlich anderes Licht: Sie belegen, dass Nikita Chruschtschow die Notbremse zog, ohne die amerikanische Reaktion auf seine Forderung nach einem "Raketenhandel" abzuwarten. Die UdSSR, kündigte er am Morgen des 28. Oktober an, werde die Raketen abbauen, wenn die USA von ihren Invasionsplänen öffentlich Abstand nähmen und Kubas Sicherheit garantierten. Chruschtschow diktierte dieses Schreiben mehrere Stunden bevor er über Kennedys Geheiminitiative unterrichtet wurde. Es hatte also mit den Winkelzügen des US-Präsidenten nicht das Mindeste zu tun.

Der Kremlchef gab nach, weil er die Gefahr eines galoppierenden Kontrollverlustes erkannte. Entgegen allen Instruktionen hatten noch kurz zuvor zwei sowjetische Offiziere den Abschuss eines amerikanischen Aufklärers vom Typ U-2 über Kuba befohlen. Und in der Nacht war Castros Schreiben mit der Forderung nach einem präventiven Atomschlag gegen die USA eingegangen – für den Kremlchef ein Beleg, dass der "Máximo Líder" wahnsinnig geworden war und die Situation aus dem Ruder zu laufen drohte.

Wie es scheint, wurde Nikita Chruschtschow an diesem Tag von seinen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg eingeholt, vom Wissen um die Eigendynamik einmal getroffener Entscheidungen. Wer angefangen hat zu schießen, kann nicht mehr aufhören, hatte er seinen Mitarbeitern stets gepredigt. Mit poststalinistischer Machtvollkommenheit ausgestattet, konnte er die Konsequenz aus diesen Einsichten ziehen.

Nicht mehr zu vermeiden war , dass die Kubakrise in den folgenden Jahren auf verschiedenen Schauplätzen des Kalten Krieges wie ein Brandbeschleuniger wirkte. Nachdem Chruschtschow 1964 gestürzt worden war, setzte sein Nachfolger Leonid Breschnew unter Verweis auf den Oktober 1962 ein nukleares Crashprogramm in Gang. Nie wieder sollte die UdSSR aus einer Position strategischer Unterlegenheit heraus handeln und zum Opfer atomarer Erpressung werden. Anfang der siebziger Jahre hatte man tatsächlich mit den USA gleichgezogen – um den Preis einer beispiellosen Aufheizung des Wettrüstens.

 Gipfelpunkt des Kalten Krieges 1962 erreicht

Auf amerikanischer Seite glaubte Lyndon B. Johnson, mit den Erfahrungen seines Vorgängers den Krieg in Vietnam gewinnen zu können. "Graduelle Eskalation", "dosierte Gewalt", "kontrolliertes Risiko" – die politische Grammatik der Kubakrise geriet in den sechziger Jahren zu einer Zauberformel. Wieso, fragte man sich, sollte sich das viertklassige Nordvietnam behaupten können, wenn in Gestalt der UdSSR 1962 ein erstklassiger Gegner zu Kreuze gekrochen war? Gerade wegen dieser Kultivierung von Allmachtsfantasien nahm das Desaster in Vietnam seinen Lauf.

Fidel Castro schließlich eskalierte auf seine Art. Seit 1963 unterstützte er alle möglichen "Bruderstaaten" mit Waffen und Truppen: Algerien und Venezuela in den sechziger Jahren, Angola, Äthiopien, Guinea, Guinea-Bissau, Mosambik und Benin seit 1975. In allen Fällen ging es darum, in der Dritten Welt mehr Brandherde zu schaffen, als die USA löschen konnten, und einen "überbeschäftigten" Imperialismus von Kuba abzulenken.

Dennoch war der Gipfelpunkt des Kalten Krieges im Oktober 1962 erreicht. Unter dem Schock der damaligen Erfahrungen richtete man eine telefonische Direktverbindung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml ein; auf beiden Seiten wurden technische Vorkehrungen getroffen, um den unautorisierten Einsatz von Atomwaffen zu verhindern ; die UdSSR räumte ihren Verbündeten noch nicht einmal ein symbolisches Mitspracherecht auf der nuklearen Kommandoebene ein. Vor allem aber hielten die Streitkräfte beider Staaten fortan Abstand voneinander. Ob anlässlich der sowjetischen Invasion in der ČSSR 1968 oder 1979 in Afghanistan, ob im Verlauf diverser Krisen und Kriege in Nahost, ob nach der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Ost- und Westeuropa in den frühen achtziger Jahren: Kein amerikanischer Präsident gab je wieder den Befehl zu DefCon 2. Und kein sowjetischer Machthaber provozierte die USA wie ehedem im Oktober 1962.