Bei Führungen, sagt Koseck, kündige ich immer die Enttäuschung an: Märchen sind ortlos.

Und wie trösten Sie die Enttäuschten?

Mit Sagen. Ich erkläre: Märchen sind Geschichten, die zu keiner Zeit an keinem Ort gespielt haben. Sagen sind Geschichten, die zu keiner Zeit an einem bestimmten Ort nicht gespielt haben.

Kosecks Knaller ist das Wunder vom Reinhardswald. Im Jahre 1330 entdecken die Nonnen des Klosters Lippoldsberg allhier den unverwesten Leichnam Jesu Christi – mit Wundmalen. Sensation! Pilgerboom! Unglaubliche Einnahmen! Am Fundort beim Dörflein Hundesburen entsteht eine mächtige Wallfahrtskirche. Hundesburen wird Gottsbüren.

Tolle Tourismus-Idee, sagt Koseck. In Wahrheit waren die frommen Schwestern verarmt und verzweifelt. Sie hatten sich wohl gar schon der käuflichen Liebe hingegeben.

Wer war der Tote?

Ein fremder Wandersmann.

Und wer hat ihn umgebracht? Etwa ...

Koseck nickt bekümmert. Die Nonnen. Der Schmied fügte der Leiche die Wundmale Christi zu. Der Erzbischof war eingeweiht.

Nach diesen reizenden Enthüllungen wollen auch wir durch den Reinhardswald wandern, zu Rapunzels Trendelburg. Die ist heute gleichfalls Hotel. Koseck fragt: Kennen Sie den Weg?

Ich hab eine Internet-Beschreibung.

Koseck schüttelt den Kopf und schenkt eine Wanderkarte. Anfangs geht alles gut. Wir erreichen den Urwald Sababurg, einen Dschungel ohne Forstfürsorge. Titanische Eichen wachsen, stürzen, grünen noch im Tode. Hölzerne Naturskulpturen, überwuchert von Farn. Herbstliche Moderfrische. Goldene Strahlenfächer brechen durch das Dach des Buchendoms. Dann Tann, dann freies Feld. Im Tal das malerische Fachwerkdorf Gottsbüren. Kein Laden, kein Brunnen zur Labung, doch die Wallfahrtskirche ist geöffnet. Mittelalterliche Fresken. An der Nonnen-Empore Christus, die Wundmale zeigend. Wir lesen: "Nach Abschluß des Kirchenbaues wurden die zu weltlich gewordenen Nonnen zurück ins Mutterkloster nach Lippoldsberg beordert."

Wie weiter? Ein Hiesiger weist uns die Chaussee nach Trendelburg.

Ich möchte aber durch den Wald.

Seltsames Lächeln: Wollen Sie was erleben? Da durch die Wiesen bis zum Bach, links durchs Ufergebüsch, bis zur bemoosten Planke. Dort über die Holzape, in den Wald, steil aufwärts, wo kein Weg ist, irgendwann rechts, später weg vom Wasser. Immer waldeinwärts. Ist nicht zu verfehlen.

Immer waldeinwärts, das gelingt. Aber wie hindurch? Kosecks Karte unterliegt den ortlosen Tücken des Märchenwalds. Pfade und Zeichen verwirren sich. Wir laufen Stunde um Stunde, ebenso die Uhr. Die Sonne sinkt. Es dunkelt. Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde ... Wir lernen das Gruseln. Wir denken an den Wandersmann von 1330. Jüngst hat die Hofgeismarer Allgemeine über Wildschweinkriminalität berichtet.

Horch! Fernes Traktorengeblaff. Wir eilen ihm nach, finden den Waldsaum und keuchen übers Feld wie der Buxtehuder Hase im vorletzten Lauf. Der späte Bauer staunt. Der Waldpfad sei längst zugewachsen. Hier über den Acker, dann rechts am Feldrain gehe es nach Trendelburg. Gerettet. Die Burg erscheint und überragt den Ort. Wir erreichen sie im letzten Licht. Wir machen Quartier in Rapunzels Kemenate. Auf dem Bett liegt das Märchen, bestreut mit Rosenblättern. Wieder bei Kräften, erkunden wir das urige Kastell. An den Wänden Säbel und Kürasse, goldene Spiegel, Uhren mit silbernem Gong, heraldische Schilde, Historienschinken. Andreas Hofer rückt aus, Luther trutzt zu Worms. Im Speisesaal diniert bei Kerzenlicht ein deutsch-asiatisches Paar. Schade, dass du noch nicht Deutsch kannst, spricht, auf Deutsch, der reife Herr zur jungen Frau. Hier hat mal ein herrliches Mädel gelitten und geliebt.

Rapunzel schweigt.