"Die Küchenreform [ist] die Grundlage aller Reformen", verkündete Joseph Scharberg 1896 auf der Berliner Gewerbeausstellung im Treptower Park, einer gigantischen Schau mit fast viertausend Anbietern und sieben Millionen Besuchern. Vielen galt sie als Berlins "verhinderte Weltausstellung" (die eigentliche fand in diesem Jahr in Paris statt), und Scharberg war der Initiator des viel beachteten vegetarischen Ausstellungspavillons. An einem Frühstück, bei dem sowohl Fleischspeisen als auch vegetarische Gerichte serviert wurden, nahmen ungefähr hundert interessierte Gäste teil, "darunter hohe Verwaltungsbeamte, Universitätsprofessoren, Vertreter der Leitung der Gewerbeausstellung und Vertreter der Presse". Welche Speisen allerdings besser ankamen, die mit oder die ohne Fleisch, wurde in den Zeitungsartikeln, die über die Gewerbeausstellung berichteten, nicht erwähnt. So war die vegetarische Idee zwar präsent, erwies sich aber am Ende als das, was sie auch im deutschen Kaiserreich zu jener Zeit war: ein exotisches Randphänomen.

Wie groß die Schar der Anhänger der vegetarischen Bewegung um die Jahrhundertwende wirklich war, ist entsprechend schwer zu ermitteln. Im damaligen Deutschen Vegetarier-Bund hatten sich in 33 lokalen Vereinen insgesamt 1.500 Mitglieder organisiert – gemessen an der damaligen Bevölkerung verschwindend wenige Menschen. Aufmerksamkeit aber war ihnen gewiss. Und sie konnten sich auf eine jahrtausendealte Tradition berufen.

Schon der römische Dichter Ovid erwähnt die Idee der fleischlosen Ernährung. So heißt es in seinen Metamorphosen über den Mathematiker Pythagoras, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte: "...und er war auch der erste, der Fleischessen verwarf und die Zweifelnden also belehrte: Hütet, ihr Sterblichen, Euch, den Leib mit abscheulichen Mahlen Euch zu entweih’n! Frucht gibt’s und Obst an den hängenden Zweigen." Aufgrund dieses Zitats wurde die fleischlose Ernährung noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa als "pythagoreische Ernährung" bezeichnet.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Im Zeitalter der Aufklärung gab Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) den entscheidenden Impuls für eine neue Beschäftigung mit den antiken Ideen. Der Begründer des Naturismus predigte Selbstgenügsamkeit, sein Ideal war ein naturgemäß geführtes Leben, zu dem in seinen Augen auch die Pflanzenkost gehörte. Sie schien ihm um ein Vielfaches reiner und schöner als die Fleischnahrung. Und der Mensch habe als einziges Lebewesen die Möglichkeit zur freien Wahl und könne sich bewusst auf ein naturnahes Leben besinnen.

Jean Antoine Gleizès (1773–1843), ein französischer Privatgelehrter, entwickelte dann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den antiken Pythagoreismus zum modernen Vegetarismus weiter. Finanziell unabhängig, widmete sich der Franzose auf seinem Landsitz in den Pyrenäen Studien zur vegetarischen Ernährung. Sein Hauptwerk Thalysia oder das Heil der Menschheit erschien 1840. Der Titel spielt auf einen antiken Ritus an: Thalysia wurde das Opfer genannt, "das die Ackerbauern nach der Ernte aus Dankbarkeit gegen die Götter darbrachten, deren segnender Kraft sie das Wachstum der Früchte der Erde verdankten". Zahlreiche vegetarisch gesinnte Vereine, Zeitschriften und Speiselokale des 19. Jahrhunderts führten den Begriff im Titel.

Die Anfänge der vegetarischen Idee in Deutschland fallen mit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 zusammen. Die Hoffnung auf Demokratie und nationale Einheit war zerstört; ein freies politisches Engagement war in der Reaktionszeit kaum noch möglich. Viele der desillusionierten Revolutionäre versuchten daher, sofern sie nicht auswanderten oder in Haft saßen, auf anderen Wegen die Gesellschaft zu verändern.

Einer dieser Achtundvierziger war der Rechtsanwalt und Publizist Gustav Struve (1805–1870). Durch die Lektüre von Gleizès’ Werk wurde er auf die fleischlose Lebensweise aufmerksam und gründete nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil 1868 mit Gesinnungsgenossen einen vegetarischen Verein, der bis heute unter dem Namen Vegetarische Gesellschaft Stuttgart besteht. Ein Jahr danach erschien sein Buch Pflanzenkost – die Grundlage einer neuen Weltanschauung, das die vegetarische Bewegung nachhaltig beeinflusste.