Das Tanzfieber grassierte um 1900 nicht nur in den Städten, sondern auch in freier Natur, unter Wandervögeln und Jugendbünden. Aber die reformerische Jugend wiegte sich nicht im Tangoschritt, sondern tanzte im Reigen. Selbst das große Zusammentreffen der Jugendbünde im Jahre 1913 auf dem 750 Meter hohen Meißner unweit von Kassel blieb von dieser Mode nicht verschont: Es war Oktober, es war kalt und regnerisch, Bewegung hielt warm. Und Schnaps war ja verpönt, die Bünde trafen sich alkohol- und nikotinfrei, ein deutliches Signal gegen die ritualisierten Gelage der Burschenschaften.

Viele allerdings fanden die ständige Tanzerei recht nervtötend. Sie erschien ihnen als selbstverliebter Taumel. Sogar noch als der einflussreiche Reformpädagoge Gustav Wyneken seine programmatische Rede hielt, "tönten die läppischen Worte eines solchen Reigens ('Großmutter will tanzen...') zu uns herüber". Es war ein eindringlicher Appell, den Wyneken formulierte, Worte, die so gar nicht zur ausgelassenen Tanzstimmung passten. Vieles in den Tagen hatte ihn stark beunruhigt, denn etliche Redner hatten sich in bellizistischen Tönen gefallen: "Wenn ich die leuchtenden Täler unseres Vaterlandes hier zu unseren Füßen ausgebreitet sehe", hielt Wyneken ihnen entgegen, "so kann ich nicht anders als wünschen: Möge nie der Tag erscheinen, wo des Krieges Horden sie durchtoben. Und möge auch nie der Tag erscheinen, wo wir gezwungen sind, den Krieg in die Täler eines fremden Volkes zu tragen."

Reigentanz und Herbstregen, Nationalparolen und Mahnappelle: Der legendäre Erste Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner war ein Fest der Widersprüche. Mehr als zweitausend, wenn nicht fast dreitausend Jugendbewegte waren zu diesem Ereignis gepilgert, ein eindrucksvoller Aufmarsch der jungen Bünde, die hier mit einer Stimme sprechen, sich als eigenständige gesellschaftliche Kraft zeigen, ihre Freiheit jenseits von Bürgerlichkeit und Politik bekunden wollten.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Aussagen der Teilnehmer über den Marsch zum Meißner, über das Eintreffen der vielen Gruppen, die bunte, hoffnungsfrohe und gespannte Anreise vermitteln noch dem heutigen Leser eine Idee der hochgesteckten Erwartungen. In seinem 1960 erschienenen Klassiker Die Blaue Blume des Wandervogels hat Werner Helwig einstige Freunde und Gefährten besonders schöne Worte der nachträglichen Erinnerung sprechen lassen: "Nach Stunden begann der letzte Anstieg durch den Bergwald in den Nebel hinein. Wir hatten unterwegs kaum einen Landmann, geschweige denn andere Menschen getroffen. Eine heute nicht mehr vorstellbare Stille herrschte überall. Auf einmal wurde es vor uns lebendig. Eine sehr große Gruppe von Jungen des Bremer Wandervogel erhob sich von der Erde, wo sie gerastet hatten. Frohes Kennenlernen und gemeinsamer Aufstieg. [...] Nach einer Stunde erreichten wir die weit gestreckte Höhe des Berges und trafen auf immer neue Gruppen, die dem Ziel, den Wiesen am Viehhaus, zustrebten. Ab und zu teilten sich die Nebelschwaden und ließen die Sonne durchblicken. An einer Wasserrinne stießen wir auf weit auseinandergezogene rastende und abkochende Gruppen der Wandervogelbünde, der Landschulheime, auf den Serakreis Eugen Diederichs. Auch Mädchengruppen waren darunter. Auf diesem Berge kam es erstmals zu einer allgemeinen und näheren Begegnung zwischen beiden Geschlechtern im Wandervogel [...]."

Und doch: Es sollte um mehr gehen als um ein glückliches Beisammensein unter freiem Himmel. So wie Jugend in den Augen der Jugendbewegten mehr war als der bloße Übergang zum Erwachsenendasein, nicht nur Lebensabschnitt, sondern Aufbruch, ja bleibende Lebenshaltung.

Angekündigt war der Jugendtag auf dem Meißner zudem als Gegenveranstaltung zur nationalen Gedenkfeier am neuen Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Das 90 Meter hohe Monument, ein Koloss mit Krypta, zur Erinnerung an den Sieg über Napoleons Truppen 1813, wurde nach fünfzehnjähriger Bauzeit am 18. Oktober 1913 eingeweiht. Kaiser Wilhelm II., der zugleich sein 25-jähriges Thronjubiläum feierte, hohe Militärs, Schützen, Turner, Sänger und zahllose Abordnungen und Vereine gaben sich ein Stelldichein in Leipzig. Eichenlaub, Beflaggung, Festuniformen. Und die "Jahrhundertfeier" wurde nicht nur in Leipzig inszeniert: "Zur Erinnerung an die große Zeit" verkaufte ein Zigarrenhersteller ein Historia-Sortiment mit den Sumatra-Editionen Scharnhorst, Gneisenau, Schill und Blücher, von mild-pikant bis fein-blumig. Gegen ebendiesen "Bürger- und Verbindungsmief" trat Deutschlands naturnahe Jugend eine Woche zuvor an, am 11. und 12. Oktober.

Abstinenzler und Zivilisationskritiker

Entstanden war die Idee im Deutschen Bund abstinenter Studenten und in der Deutschen Akademischen Freischar. Ein Rundschreiben ging an etliche Bünde: Wandervogel, Dürerbund, Deutscher Vortruppbund, Deutsche Landerziehungsheime und Freie Schulgemeinden – eine denkbar bunte Mischung. Anfang Juli trafen sich die Vertreter der Bünde in Jena, man schloss sich als Freideutsche Jugend zusammen und legte Termin und Ort fest. Der Göttinger Student Christian Schneehagen wurde der Leiter der Organisation und notierte die Vorzüge des Meißner-Berges: "Schöne Lage, großer Festplatz, Gelegenheit für Feuer, kein großer Zulauf von Fremden." Die Sache war geritzt. Nicht durchsetzen konnten sich jene, die für ein "Kulturfest" in Jena oder Weimar plädiert hatten, der Freideutsche Jugendtag sollte ein "Naturfest" werden und "ein inniges Zusammenarbeiten der lebensreformerischen Bünde" einleiten.

Im Vergleich zu traditionellen Vereinen, zu Burschenschaften, den Gruppen der Arbeiterjugend und der konfessionellen Verbände waren die lebensreformerisch orientierten Bünde klein und zersplittert. Doch das beflügelte nur die Pläne für das Fest. Man wollte Aufmerksamkeit erregen, für sich werben und neue Mitglieder gewinnen. Aber es gab auch den ganz schlichten Wunsch nach größerem Zusammenschluss. Das sollte ein immer wiederkehrendes Thema der bürgerlichen Jugendbewegung bleiben: der Wille, sich über Differenzen hinweg zu einigen, sich deutschlandweit zu organisieren. Endlose Gespräche, heillose Streitereien über Weltanschauungen und Prinzipien, eitles Beharren auf den eigenen Positionen und Bräuchen, all das prägte den Habitus dieser kaum auf einen Nenner zu bringenden Gruppen.

Die Festtage auf dem Meißner waren die Generalprobe für die ersehnte Einheit in Vielfalt, das Trennende trat allenthalben zutage, wurde aber im Hochgefühl des gemeinsamen Erlebens hintangestellt. Den "Willen zur Einigkeit" beschwor denn auch Bruno Lemke, der erste Redner beim Vortreffen auf der Ruine der Burg Hanstein am 10. Oktober. Seine Rede kreiste um die Erziehung: "Aber wer erzieht denn?", rief er. "Wohl einer, der es besonders kann oder es besonders gelernt hat? Nein. Alle erziehen. Wen? Sich selber. Und warum nicht jeder für sich, warum tun sie sich zusammen? Weil es im Wesen der Erziehung liegt, dass sie sich in der Gemeinschaft entfaltet, dass sie Gemeinschaften begründet."

Das war gut gesagt. Lemke wollte beruhigen, harmonisieren, konnte sich aber einen Seitenhieb auf den Deutschen Bund abstinenter Studenten nicht verkneifen, bei dem die Forderung nach Selbsterziehung doch noch hinter der "nach der Erziehung anderer zurückzustehen" scheine. Dann aber brachte ausgerechnet ein vehementer Abstinenzler Temperament in die Runde: Hans Paasche, ein Marineoffizier, der zum entschiedenen Kritiker der Kolonialpolitik in Afrika und zum Pazifisten geworden war, begeisterte mit dem forschen Slogan: "Es brennt im deutschen Haus! Wir sind die Feuerwehr!"

Paasche, der gemeinsam mit dem Sozialpolitiker Hermann Martin Popert den lebensreformerischen Vortruppbund gegründet hatte, war in der Szene bekannt. 1912 war in den Heften des Vortrupps sein fiktiver Reisebericht Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland erschienen. Darin hielt der "edle Wilde" der Industriegesellschaft den Spiegel vor und kam angesichts der unsinnigen Gewohnheiten der Deutschen aus dem ungläubigen Staunen nicht heraus. Paasche sah die Deutschen im Schnaps sich ertränken, während sich die Jugend als einziger Hoffnungsträger dem Verfall entgegenstelle. Bünde wie der Vortrupp proklamierten aber auch "völkische" Erziehung und rassehygienische Vorstellungen – Anlass genug für Gustav Wyneken, den Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, das Wort zu ergreifen: Die Jugend so zu überrumpeln und für allerlei Ziele einzuspannen, genau das stünde ihrer Freiheit und Selbstbestimmung im Wege. Was er am übernächsten Morgen in scharfen Worten wiederholte: "Wollt ihr, die ihr durch das bunte Bild dieses Festes beweist, wie abhold ihr im Äußeren aller Uniform seid, euch nun eure Seelen uniformieren lassen?"

So lagen die ideologischen Positionen von Anfang an weit auseinander. Und die Zeit drängte. Am Abend des 10. Oktober hieß es: Aufbrechen, um rechtzeitig am Meißner zu sein, wo der Legende nach die märchenhafte Frau Holle lebte.

Auf dem nächtlichen Marsch soll die berühmte Meißner-Formel erfunden worden sein. Aber auch das war wohl eine Legende. Bis heute ist die Urheberschaft nicht eindeutig erwiesen, doch pünktlich zum Fest war sie formuliert: "Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei."

War das zu wenig oder schon zu viel? Der Nachsatz gehörte den Abstinenzlern, doch der Kern, die eigene Bestimmung und Verantwortung, die innere Freiheit, das war am ehesten den Ausführungen Wynekens abgelauscht. Viel wurde in die Meißner-Formel hineininterpretiert, vielen erschien sie blass, formal und wirklichkeitsfern. Letztlich war sie der kleinste gemeinsame Nenner, ein Spagat, um es allen recht zu machen.

Organisator Schneehagen hatte derweil ganz andere Kämpfe auszufechten – mit den Förstern des Reviers. Aber nicht etwa, weil die stürmische Jugend für Zeltbau und Feuermachen den Wald geplündert hätte: Für Empörung sorgte die Festschrift des Jugendtages. Sie zeigte auf dem Frontispiz eine Zeichnung des Jugendstilkünstlers Fidus. Hohe Wacht war der Titel, sieben Heroen und zwei weibliche Musen, in "seelischer Wahrhaftigkeit und körperlicher Natürlichkeit", mit leicht verkniffener Miene der Zukunft zugewandt, schwertumgürtet und splitternackt. (Das finstre Bildprogramm des Völkerschlachtdenkmals wirkt dagegen geradezu stilsicher!) Schneehagen tat sein Bestes und beruhigte die Herren des Reviers, die sich wegen der freizügigen Darstellung echauffiert hatten.

Die 170 Seiten starke Festschrift versammelte 27 "Freundesworte" und Aufsätze der "bedeutendsten Führer des neuzeitlichen deutschen Geisteslebens". Der Historiker Hans Delbrück hatte einen Beitrag verfasst, der Verleger Eugen Diederichs, der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt, der Philosoph Paul Natorp, der Schriftsteller Ludwig Thoma, der Soziologe Alfred Weber. Auch Gustav Wyneken fehlte nicht. Und Ludwig Klages, der Philosoph und Schriftsteller aus München, der wie Karl Wolfskehl und Stefan George zum dortigen Kreis der "Kosmiker" gehörte, hatte seinen umfangreichen Aufsatz Mensch und Erde beigesteuert – ein Dokument aggressiver konservativer Zivilisationskritik.

Ein überschätztes Ereignis?

Klages zählt eine Vielzahl bedrohter oder ausgerotteter Tiere auf und spottet: "Die Mehrzahl der Zeitgenossen [...] glaubt schon Natur zu sehen beim Anblick eines Kartoffelfelds [...]." Er beklagt die Ausbeutung der Wälder für die Papierproduktion, "alle zwei Minuten ein Buch und mindestens jede Minute eine Zeitung." Jährlich würden "nicht weniger als dreihundert Millionen Vögel für die Frauenmode geopfert". Selbst die höchsten Gipfel seien nicht mehr unberührt, seit Zahnradbahnen das "Reisegesindel" zu den Berghotels befördere: "Eine Verwüstungsorgie ohnegleichen hat die Menschheit ergriffen, die Zivilisation trägt die Züge entfesselter Mordsucht und die Fülle der Erde verdorrt vor ihrem giftigen Anhauch." Klages’ nicht enden wollende Aufzählung, seine "Totenliste", lässt ihm schließlich nur eine Feststellung: "Wir stehen im Zeitalter des Unterganges der Seele."

Feuer machen, Kochen, Singen, Tanzen, Spiele und sportliche Wettkämpfe: Das Fest nahm seinen Lauf, bei wechselhaftem Wetter und wechselhafter Stimmung. Die Aufführung von Goethes Iphigenie war völlig verregnet, die Hauptdarstellerin versuchte vergeblich, mit Streichhölzern das Opferfeuer zu entzünden. Und schnell spalteten sich die Teilnehmer in zwei Lager: Die einen machten das, was sie am besten konnten – unbekümmert fröhlich sein –; den anderen stand der Sinn nach Zuhören und Nachdenken, sie sammelten sich um die Redner und lieferten sich manche Kontroverse. "Zum Verdrusse Wynekens und Genossen" brachte der Bundesleiter des Österreichischen Wandervogels unverhohlen und provokativ nationale Töne ins Spiel: "Mitten im Kampf um unser Deutschtum stehen wir, in einem verzweifelten Kampfe gegen die slawische Hochflut. Nicht nur geistige, nein, schwere blutige Kämpfe stehen bevor. Schon rüstet der Feind an der Grenze. Helft uns, ihr Brüder!" Ein anderer verblüffte die Menge mit dem Ruf: "Waffen hoch!"

Heute fällt es schwer, den Freideutschen Jugendtag nicht mit Blick auf den kommenden Weltkrieg zu betrachten – viele Meißner-Fahrer zogen 1914 bereitwillig an die Front. Und ob er sein Ziel erreichte, eine Gegenveranstaltung zur Leipziger Jahrhundertfeier zu sein, auch das erscheint angesichts vieler nationalistischer und antisemitischer Stimmen zumindest fragwürdig.

Dennoch wäre es ungerecht, deshalb ins Gegenteil zu verfallen und den Jugendtag als eine Art Parallelveranstaltung anzusehen, als ein Leipzig ohne Alkohol und in Reformkleidern. Denn die Meißner-Tage waren ein durch und durch unfertiges Ereignis voller Kontraste und Widersprüche.

Auch in den kommenden zwei Jahrzehnten erhielt sich die Jugendbewegung ihre bunte, chaotische Vielfalt. Wohl nicht das Schlechteste, wenn man an das Gegenbild denkt, an die formierte Staatsjugend, wie sie in kürzester Zeit nach 1933 aufgebaut wurde. Viele bündische Jugendführer durften zwar noch mithelfen beim Aufbau von Jungvolk und Hitlerjugend, ehe sie bemerkten, dass nur eines galt: strikte Unterwerfung. Und wer glaubte, in der HJ noch verdeckt die alten Bräuche aufrechterhalten zu können, musste vorsichtig sein, sonst stand er schnell vor Gericht, "wegen bündischer Umtriebe". So erging es 1937 Hans Scholl.

Nicht wenige aus dem Milieu der Jugendbewegung aber entzogen sich der Gleichmacherei von Anfang an, trafen sich insgeheim, politisierten sich und leisteten mutig Widerstand, während Reichsjugendführer Baldur von Schirach mit siegesgewisser Herablassung auf den Herbst 1913 zurückblickte: "Das Beste an den Reden des Hohen Meißner waren die Menschen, die ihnen zuhörten."

War der Jugendtag also letztlich harmlos, folgenlos, ein überschätztes Ereignis?

Zumindest die zeitgenössische Presse sah das anders. Der konservative Reichsbote aus Berlin kommentierte am 15. Oktober 1913 die Meißner-Formel: "Diese Jugendfreiheit, wofür der Liberalismus nach alten Phrasenrezepten das Wort 'freideutsch' geprägt hat, kann nichts anderes als die Vorschule sein, die in das Reich der Sozialdemokratie führt." Und Anfang 1914 debattierte man aufgeschreckt im Landtag in München über die Freideutschen. Für einen Abgeordneten des Zentrums war die Sache klar: Die Freideutsche Jugendkultur kämpfe "gegen das Elternhaus, gegen die Schule, gegen die positive Religion und gegen den Patriotismus".

Entzückt fragte dagegen das Berliner Tageblatt: "Wo in der Welt findet sich heute eines anderen Volkes Jugend mit soviel Begeisterung zusammen? Wo sollten sie fließen, die Quellen neuer Volksbelebung, wenn nicht in einer regsamen selbständigen und tatkräftigen Jugend?" Und auch Franz Pfemfert, der Herausgeber der Zeitschrift Aktion, war berührt: "Zum erstenmal spricht die Jugend von ihrem Wollen, von ihrer Not, von ihrer Sehnsucht, ohne zu fragen, ob man sie hören will. Sie wird, ist sie die Jugend, die wir erhoffen, sich Gehör erzwingen. Die Jugend spricht, die Zukunft. Laßt uns lauschen."

Gelauscht hatte auch Walter Benjamin, der Philosoph und Literaturwissenschaftler, damals noch ein Schüler und Anhänger Gustav Wynekens. Er war mit einigen Freunden zum Meißner gefahren. Seine Bilanz, die er in einem kurzen Aufsatz unter der bezeichnenden Überschrift Die Jugend schwieg festhielt, ist ernüchternd.

Benjamin beobachtete: "Bei der Verleihung der Sportpreise wurde der Name Isaacsohn genannt. Das Gelächter einer Minderheit erscholl darauf. Solange noch einer dieser Lacher einen Platz unter der freideutschen Jugend hat, wird sie ohne Adel und Jugendlichkeit sein." Auch die Auftritte der Militaristen aus Österreich stießen ihm auf. Sie ernteten lauteren Applaus als der friedliche Wyneken. Auf dem Meißner sei die Jugend nicht zu sich gekommen und habe die ihr eigenen Worte keineswegs gefunden. So notierte er: "Die Tatsache des Jugendtages bleibt das einzig Positive. Sie genügt, um uns gerüstet das nächste Jahr wieder zusammen zu führen, und so alle Jahre, bis auf einem freideutschen Jugendtage die Jugend spricht."