Fast siebenhundert Menschen spazierten an diesem warmen Junitag des Jahres 1913 durch die sanft geschwungenen Straßen, vorbei an adretten Reihen- und Einfamilienhäusern bis zum strahlenden Wahrzeichen dieses außergewöhnlichen Ortes: zum Festspielhaus. "Es war wie ein Traum, dass man am Abend eines Tages, den wie alle anderen die Unruhe und Zersplitterung moderner Vielgeschäftigkeit stempelten, in dem stillen, klaren Geviert des Vorhofs zur Dalcroze-Halle in Hellerau stand", schrieb Gertrud Bäumer.

Die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin war mit vielen anderen prominenten Gästen nach Hellerau gepilgert, einer der ersten deutschen Gartenstädte, sieben Kilometer nördlich von Dresden. Die künstlerische Avantgarde Europas, George Bernard Shaw, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Paul Claudel, Oskar Kokoschka, war gekommen, um beim Sommerfest der Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik von Émile Jaques-Dalcroze dabei zu sein. Denn der Schweizer Musikpädagoge war in Hellerau innerhalb kürzester Zeit zum Star unter den Bewegungspädagogen geworden.

Erst wenige Jahre zuvor hatte Jaques-Dalcroze den Rhythmus als Quelle menschlicher Kraft und Freude entdeckt und ihn zur Erziehungskunst erhoben. Schon am Genfer Konservatorium hatte er eine Methode entwickelt, die durch Rhythmische Gymnastik, Musikimprovisation und Gehörbildung innerlich gelöste, musikalisch empfindsame Menschen ausbildete. Mithilfe seiner Arbeitsweise sollten Rhythmus und Musik körperliche wie seelische Bewegung bedingen; sein Institut in Hellerau wurde so zur Wiege des modernen Ausdruckstanzes – und alle wollten seine innovativen Choreografien sehen.

Die Vorstellung im Juni 1913 begann mit Verspätung; dann schwebten Kinder und Jugendliche in schwarzen Wolltrikots in den Saal, führten rhythmische Übungen zu Bach-Fugen und Beethoven-Sonaten vor, mehr für sich als für die gespannten Zuschauer. "Es gibt keine Disziplin, absolut keine Nervosität und kein Schmollen, wenn sie (die Kinderchen) den Rhythmus einmal nicht rauskriegen", schrieb George Bernard Shaw. "Die Kinder können gleichzeitig mit einer Hand 4-Viertel-Takt und 3-Viertel mit der anderen schlagen, und sie können beim Marschieren von 4 und 3 und 6 augenblicklich auf 5 und 7 wechseln."

Als Jaques-Dalcroze 1909 das erste Mal nach Hellerau kam, standen dort gerade einmal vierzehn Häuser. Aber was hier nach dem Vorbild englischer Garden Cities emporwuchs, sollte nicht weniger als ein soziales Gesamtkunstwerk werden, das naturnahes Wohnen und ganzheitliches Leben in Einklang brachte. 1908 hatte der Tischler und Unternehmer Karl Schmidt, zusammen mit dem ökonomisch gebildeten Wolf Dohrn, die Gartenstadt gegründet, um architektonisch schöne Produktionsstätten zu errichten und den Arbeitern gesunde Lebensmöglichkeiten zu bieten.

Schmidt produzierte seit 1899 in seinen Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst industrielle, aber formschöne Holzmöbel zu einem bezahlbaren Preis. Die hügeligen Ausläufer der Dresdner Heide schienen ihm für eine Gartenstadt ideal: Er kaufte den Bauern 140 Hektar ab, sandiges Land, um nicht landwirtschaftlich kostbaren Boden zu bebauen und um spekulationsfreien Grund zu sichern.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Der Münchner Jugendstilarchitekt Richard Riemerschmid organisierte den Bebauungsplan des Geländes und entwarf die Möbelfabrik. Bereits 1910 begann die Produktion. Für die Reihenhäuser des Architekten Heinrich Tessenow und die etwas größeren Einfamilienhäuser (von Hermann Muthesius) konnten die Werkangehörigen Vorschläge machen, wie sie sich Gestaltung und Einrichtung wünschten. Vermietet wurde auf Erbpacht, unabhängig davon, ob jemand bei Schmidt in Lohn und Brot stand.

Sesshaft, bodenverbunden, individuell – das war das Hellerau-Credo. So entstanden neben dem Werkstattgelände ein Kleinhausviertel, ein Landhausviertel und das Wohlfahrtsgelände für öffentliche Einrichtungen, eine Volks- und eine Versuchsschule sowie elf kunstgewerbliche Betriebe. Ende 1913 wohnten bereits 1.900 Menschen in 383 Häusern mit 407 Wohnungen – eine Gesellschaft aus Arbeitern, bürgerlichen Intellektuellen und Künstlern.

Doch die Gemeinde sollte nicht "eine zufällige Anhäufung von Menschen und Häusern" bleiben, so Dohrn. Von Hellerau sollte die "Überwindung geistiger Anarchie" ausgehen. Als er eine Tanzvorführung von Jaques-Dalcroze sah, fühlte er sich "dem Ursprung alles Lebendigen nahe. [...] Der Rhythmus [...] wurde aus seiner beherrschenden Stellung erst durch die ökonomische Entwicklung verdrängt", diagnostizierte Dohrn, "wir sind entrhythmisiert." Den "in Gewohnheiten träge gewordenen Organismus, Körper und Geist" zu erneuern, beauftragten Schmidt und Dohrn den Begründer der Rhythmischen Gymnastik.

Jaques-Dalcroze übersiedelte mit 45 seiner Genfer Schüler nach Dresden und begann 1910 mit insgesamt 210 Eleven seine Arbeit – auch mit den später berühmt gewordenen Tänzerinnen Suzanne Perrottet, Mary Wigman und Gret Palucca.