Viele Ideale der Lebensreform gingen auf diese Weise mit denen der Frauenbewegung einher. Ein Reformkleid ohne Bordüren und Schärpen etwa war nicht nur bequemer, sondern auch preisgünstiger; ebenso der Verzicht auf Korsett und Hut. Ein Kurzhaarschnitt erforderte weniger Aufwand. Das für Frauen bis dahin kaum übliche Radfahren ließ sie mobiler werden. Auch die Abschaffung des Damenreitsattels war eine Errungenschaft jener Jahre.

Ebenso hatte der Vegetarismus ganz handfeste Vorteile, denn er machte es Geringverdienerinnen wie Ottilie Hoffmann möglich (Lehrerinnen verdienten etwa so wenig wie Facharbeiter), die Lebenshaltungskosten "mit Anstand" zu verringern. Eine fleischlose Mahlzeit im einfach eingerichteten alkoholfreien Speiselokal kostete deutlich weniger als ein Braten mit Wein. Außerdem war die Zubereitung der meisten vegetarischen Speisen weniger aufwendig als die Fleischküche: Eine Kartoffelsuppe ist schneller zubereitet als ein mehrgängiges Menü. Alte, einfachere Mahlzeiten wie Schrotbrot und Eintöpfe wurden dank der Aufklärungsarbeit der Lebensreformerinnen wieder salonfähig – eine große Arbeitserleichterung für viele Frauen.

Nicht zuletzt lebte es sich vegetarisch und alkoholfrei gesünder. Mäßigkeitsbewegung und Vegetarismus waren in ihrem Kern eine Reaktion auf die zunehmende Industrialisierung der Lebensmittelproduktion. Weißmehl und Zucker waren extrem billig geworden. Mangelernährung und neuartige Erkrankungen waren die Folge. Arbeiterfrauen, die kein Geld für teure Arztbesuche hatten, versuchten sich nicht selten mit Naturheilverfahren zu helfen, die sie in lebensreformerischen Naturheilvereinen kennengelernt hatten. Viele erfuhren dort auch von den Vorteilen der fleisch- und alkoholfreien Lebensweise.

Doch die Ideen der Lebensreform machten nicht nur den Alltag erträglicher, sondern trugen auch dazu bei, die Frauenfrage ins öffentliche Bewusstsein zu rücken: Die Hinwendung zu einer vegetarischeren Ernährung und einer neuen Einfachheit "feminisierte" und demokratisierte die Lebenswelt – schon dadurch, dass sie die Hausarbeit zu einem öffentlichen Thema machte, während sie zuvor, nach dem männlich dominierten Ernährermodell des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so gut wie unsichtbar geblieben war: Nicht zufällig lagen die Küchen der Gründerzeit-Wohnungen stets im hinteren Hausbereich. Diese neue Beachtung der Haus- und Familienarbeit war ein wichtiger Erfolg der Frauenbewegung und führte unter anderem dazu, dass sich Hauswirtschaft und Care-Arbeiten von 1908 an ganz allmählich professionalisierten.

Sportstätten und Schwimmbäder für Frauen

Umgekehrt entstanden mehr und mehr Orte, an denen Frauen in der Öffentlichkeit auftreten und sich frei bewegen konnten: Es gelang, Sportstätten für Frauen zu schaffen, Luftkuren oder öffentliche Schwimmbäder für sie zu öffnen und grüne Stadtplätze einzurichten. Auch die Gartenbewegung mit ihrer Idee der Selbstversorgung wurde gestärkt, ebenso der Frauenerwerb. Ledige Mütter und ihre Kinder sollten nicht mehr diskriminiert, sondern unterstützt werden.

Und die Männer? Ihnen ermöglichten Vegetarismus und Antialkoholbewegung ebenfalls die Abkehr von Zwängen und Ritualen. Unter anderem beim Militärdienst lernten junge Männer das Trinken und dass viel Fleisch viel Anerkennung bedeutete, denn je höher der Rang, desto größer die Fleischration. Der maßlose Fleischverzehr im Bürgertum des späten 19. Jahrhunderts war dabei eine Folge der Massenzucht von Rindern und der Einführung des Fließbands in den Schlachthäusern. Der neue, lebensreformerisch gesinnte Mann hingegen war stark im Verzicht. Er musste seine Männlichkeit nicht bei Saufgelagen unter Beweis stellen, und er hatte es nicht nötig, seinen sozialen Status mit dem Konsum von Braten zu dokumentieren.

So trugen frauenbewegte Lebensreformerinnen wie Ottilie Hoffmann mit ihrem Engagement auch dazu bei, die gängigen Geschlechterbilder infrage zu stellen: weniger männliche Selbstherrlichkeit, mehr Selbstsicherheit für Frauen. Damit waren sie Praktikerinnen des modernen Gender-Gedankens avant la lettre. Ihr größtes Verdienst aber bleibt es, die women’s sphere, die "femininen" Arbeiten in Haus und natürlicher Umwelt aufgewertet zu haben – also jenen lebensweltlichen Bereich, den schon Aristoteles als wesentlich für ein "gutes Leben" erachtet hatte.

Elisabeth Meyer-Renschhausen ist Privatdozentin am Institut für Soziologie der FU Berlin und freie Autorin.