Vegetarier, Antialkoholiker, Naturheiler, Naturschützer, Wandervögel, Reformpädagogen, Propheten der freien Liebe, der Nacktkultur, der Reformkleidung, des Jugendstils, der östlichen Weisheit, der naturnahen Lebensgemeinschaft fern der Städte – die Aufbruchsbewegungen um 1900 bieten ein kunterbuntes Panorama. Wer hier Strukturen entdecken will, ist erst einmal ratlos.

"Lebensreform" wurde die vielgestaltige Suche nach einem alternativem, einem besseren Leben bald genannt, die um die Jahrhundertwende ihren ersten Höhepunkt erreichte und in ihren Ausläufern bis in die dreißiger Jahre reichte.

Doch auch dieser Begriff macht die Dinge nicht klarer. Was verbindet Pädagogen, die einen menschenfreundlicheren Schulunterricht erproben, mit Nudisten, die im Nacktbaden und in Sonnenbädern Befreiung von den Zwängen der wilhelminischen Gesellschaft erleben? Was haben die Propheten einer neuen Körperhygiene mit einem Philosophen wie Friedrich Nietzsche gemein? Und was hat der Jugendstil mit der Jugendbewegung zu tun, mit Zupfgeigenhansel und Wanderlust, mit dem Bedürfnis, "aus grauer Städte Mauern" in die Natur zu entfliehen?

Die Lebensreform war so vielfältig und diffus, wie es ihr Name andeutet: Sie reichte von der Propagierung von Odol-Mundwasser und bequemer Kleidung bis zur Errichtung von genossenschaftlichen Siedlungen, von Kampagnen gegen Alkohol und Tabak bis zur Lyrik des George-Kreises.

Schärfere Konturen gewinnen all diese unterschiedlichen Bewegungen am ehesten im Spiegel der Satire. Etwa in dem von dem Ex-Kolonialoffizier Hans Paasche fingierten Bericht Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland von 1913, einer Parodie auf die damals beliebten Abenteuererzählungen von Expeditionen "ins innerste Afrika", die daran erinnert, dass es auch einen afrikanerfreundlichen Rassismus gab. Da sieht sich der schwarze Naturmensch voller Schauder in ein Land ebenso hässlicher wie hektischer Kreaturen versetzt, die er nur noch mit Mühe als Menschen zu erkennen vermag: in ein Land der "Stinker" und "Schlucker", der Kettenraucher und Alkoholiker, in dem sich die Männer Schmerbäuche wie Mastschweine anfressen und schon die zarten Mädchenkörper ins Korsett gezwängt werden, sodass "ihr Leib aus zwei Teilen besteht, die nur lose miteinander verbunden sind".

Zu guter Letzt gerät der dunkelhäutige Naturbursche staunend in das Treffen der Jugendbewegung auf dem Hohen Meißner. Da auf einmal trifft er auf einen ganz neuen Typus des Deutschen, von dem er bis dahin nichts geahnt hatte: strahlend vor Jugend und Schönheit, die Mädchen barfuss und in Flatterkleidern, lachend und singend, tanzend und springend, mit reiner Haut und klarem Blick. Sie schwören: "Unser Atem soll nicht stinken, und unser Schluck soll nicht rülpsen, dann werden wir auch immer rein und jung bleiben, und unser ganzes Volk wird klug und stark sein." Lukanga Mukara ist überwältigt: "Ich sah, als Fremder, die Zukunft eines Menschenvolkes." Ein Gesang von tausend Stimmen schallt in die sternklare Nacht, auf dem Berg lodert das Feuer, dem Häuptlingssohn kommen die Tränen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Kaum eine Programmschrift jener Zeit hat die Weltsicht damaliger Jugend- und Lebensreformbewegungen so schlicht und klar wiedergegeben wie dieser fiktive Bericht mit seiner gespielten Naivität. Er bot eine zugespitzte Diagnose, wie sie viele begeisterte Reformer liebten: Da zerfiel das deutsche Volk in zwei konträre Menschentypen – die Raucher, Säufer und Vielfraße mit ihren deformierten Körpern, ihrem glasigen Blick und ihrem penetranten Bier- und Tabakdunst und auf der anderen Seite die neue schlanke Reformjugend mit ihrer Morgenfrische und ihren leuchtenden Augen. Die wichtigsten Motive der vielen damaligen Reformbewegungen klingen hier an: der Körperkult, das neue Gesundheitsbewusstsein, die Kritik an Großstadtmoderne und wilhelminischer Spießbürgerlichkeit und vor allem der Drang "zurück zur Natur".

Das wohl berühmteste Bekenntnis zu diesem naturnah panerotischen Lebensgefühl stammt von dem Philosophen Ludwig Klages (1872–1956), der zur Boheme von Schwabing gehörte und der Liebhaber der Gräfin Franziska zu Reventlow war. In Mensch und Erde, seiner Botschaft an den Freideutschen Jugendtag auf dem nordhessischen Hohen Meißner im Jahr 1913, schildert er eindrucksvoll die Gefährdung der Natur, der animalischen wie der menschlichen. Am Ende mündet der Text in die Vision einer Rettung der Erde durch einen kosmischen Eros, durch die "weltschaffende Webekraft allverbindender Liebe".

Auch der Reformpädagoge Ludwig Gurlitt (1855–1931) erhoffte sich in seiner Grußbotschaft an den Hohen Meißner Erlösung von den Übeln der Gegenwart durch eine Rückkehr zum "natürlichen" Leben. Einst hatte Gurlitt als Lehrer in Berlin-Steglitz die Wandervogelbewegung mitbegründet und in der Folge voll Abscheu den Schuldienst quittiert. Seither führte er einen publizistischen Kampf gegen die Schule.

Die Wurzel des Übels liegt für ihn, ähnlich wie für Paasches fiktiven Reisenden aus Afrika, in den heruntergekommenen Leibern der Deutschen: "Die deutsche Bildung mit all ihren Verirrungen wird verständlich, wenn man sie als Produkt eines körperlich vernachlässigten Volkes ansieht. […] Es fehlt uns an Muskel- und Nervenkraft. Unser Blut ist verdickt, unser Kopf benommen, unsere Augen sind trübe. […] Mit Kartoffel- und Bierbäuchen ist eine wahre Kultur unvereinbar. Ich lasse mir auch nicht gern ästhetische und moralische Vorträge von einem Lehrer halten, der grüne Zähne und schmutzige Nägel und ein Gesicht voller Pickel und Mitesser hat."

Was aber wurde mit solcher Rhetorik präludiert? Eine linksalternative Kritik an technischer Modernisierung und obrigkeitsstaatlichem Mief? Oder aber der faschistische und nationalsozialistische Körper- und Gemeinschaftskult? Welchen Platz haben die vielfältigen Bewegungen der Lebensreform in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts?

Reformbewegung - Wurzel des Nationalsozialismus?

Als kritische Historiker in den ersten Jahrzehnten nach 1945 nach Wurzeln des Nationalsozialismus suchten, neigten sie dazu, auch die so sehr deutsch wirkenden Reformbewegungen der Jahrhundertwende in dieser fatalen Kontinuität unterzubringen. Aber schon 1969 hat der Soziologe Arno Klönne, ein Vermittler zwischen Traditionen der Jugendbewegung und der Neuen Linken, diese einseitige Zuordnung infrage gestellt – und zugleich die Achtundsechziger vor politischer Naivität gewarnt.

Im Falle Gurlitts war seine Warnung nur zu berechtigt: Der wurde zum Flottenschwärmer und Verfechter einer neuen völkisch-germanischen Religion; in den brausenden Meereswogen sollten die Deutschen ihren Leib und Geist regenerieren. Paasche dagegen, der ehemalige Kolonialoffizier, war 1913 bereits auf dem Wege zum Pazifisten und Feind des Militarismus; 1920 fiel er rechtsradikalen Fememördern zum Opfer.

Eine ambivalente Gestalt ist Ludwig Klages (siehe auch S. 68). In seiner Botschaft an den Hohen Meißner erteilte er dem Sozialdarwinismus, der im Kampf die Essenz des Lebens erblickte, eine scharfe Abfuhr: "Die Natur kennt keinen ›Kampf ums Dasein‹, sondern nur den aus der Fürsorge für das Leben." Er verabscheute den Krieg und emigrierte 1914 in die Schweiz. Zugleich aber finden sich in seinen Schriften heftige antijüdische (und zugleich antichristliche) Ausfälle, und unter NS-Intellektuellen hatte er zahlreiche Anhänger (allerdings auch scharfe Gegner). So lassen sich oft nicht einmal einzelne Protagonisten der Lebensreform zweifelsfrei der einen oder anderen Kontinuitätslinie zuordnen.

Dass es Strömungen gab, die zum Nationalsozialismus führten, ist nicht zu leugnen. Im Allgemeinen aber waren das Streben nach Völkerverständigung und kleinen, freiheitlichen Gemeinschaften weitaus typischer als Chauvinismus und Protofaschismus. "International" war in dieser Szene ein positiv besetztes Wort – was umso bemerkenswerter ist, als der imperiale Nationalismus sich zu jener Zeit in der westlichen Welt seinem Siedepunkt näherte. Und eine pazifistische Grundhaltung leitete sich für die damaligen Vegetarier schon aus ihrer Ernährungsweise ab: Der Verzicht auf Fleischgenuss mache den Menschen friedlicher – das war schon damals eine gängige, durch Völkerkundler bestärkte Meinung.

Bislang haben Historiker viel zu einseitig ihren Ehrgeiz in den möglichst redundanten Nachweis gesetzt, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist. Dadurch entstand eine Tendenz zur Überdeterminierung der Geschichte. Diese wurde durch die Sozial- und Strukturgeschichte seit den siebziger Jahren sogar noch verstärkt. Das war eine Geschichtsschreibung, die für sich in Anspruch nahm, politisch engagiert zu sein, letztlich jedoch auf ein fatalistisches Geschichtsbild hinauslief. Eine künftige Geschichtsschreibung hätte daher allen Grund, die Offenheit vieler Situationen wiederzuentdecken.

Wodurch aber war die historische Situation gekennzeichnet, in der sich die Lebensreform entfaltete? Worauf reagierten die genannten Bewegungen, von den Vegetariern bis zu den Reformpädagogen, von den Nudisten bis zum Wandervogel? Und welche Ziele verfolgten sie?

Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht von ganz unten, sondern in aller Regel aus solchen sozialen Schichten kamen, denen es zu jener Zeit immer besser ging. Woher also der Leidensdruck, der sich in Schriften wie denen von Klages und Gurlitt artikulierte? Gab es überhaupt einen? Selbst Walter Laqueur, der Historiker der Jugendbewegung, bekennt nach den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, "die große Krise um 1900" erscheine uns im Nachhinein "irgendwie unwirklich".

Ein Schlüssel zur Lösung des Rätsels liegt in der Nervosität, der Neurasthenie, die als Epidemie der Zeit empfunden wurde, und in den Naturheillehren, die um die Jahrhundertwende weit verbreitet waren.

Überall entstanden um 1900 Wasser-, Nerven- und Naturheilstätten. Zwischen der "nervösen" Selbsterfahrung und diesem Naturheil-Boom bestand dabei ein enger Zusammenhang, wie der Neurologe Wilhelm His 1908 in einem Vortrag vor der Berliner Medizinischen Gesellschaft feststellte: Erst nachdem "die Nervosität Volkskrankheit geworden" sei, hätten "die Naturheilmethoden ihre wichtigste Indikation, ihre erfahrungsgemäße Anerkennung" gefunden. Im Umfeld der Schlüsselbegriffe "Natur" und "Nerven" lässt sich denn auch am ehesten eine innere Einheit vieler Reformbewegungen finden.

"Entdeckt" wurde die Neurasthenie als typisch modernes Leiden um 1880 von dem Nervenarzt George M. Beard in New York, von wo aus sie sich in Windeseile in deutschen Landen verbreitete. John Muir, der amerikanische Prophet der Nationalparke und der Wildnis, erblickte in den Nervösen seine Bundesgenossen. 1898 verkündete er: "Tausende von erschöpften, nervenzerrütteten, überzivilisierten Menschen sind dabei, herauszufinden, dass der Weg in die Berge ein Weg nach Hause ist, dass Wildnis eine Notwendigkeit ist und dass Bergparke und Schutzgebiete nicht nur Quellen von Holz und von Flusswasser, sondern Quellen des Lebens sind." Als Theodore Roosevelt 1903 im Yosemite-Nationalpark John Muir traf – das Foto der beiden gehört zu den Ikonen des amerikanischen Naturschutzes und wurde zum Titelbild eines Buches über American Nervousness – , war dies eine Demonstration der in der wilden Natur wiedergewonnenen Nervenkraft; denn selbst dieser Präsident, der sich stets als Energiebündel präsentierte, hatte sich einst als Neurastheniker gefühlt.

Im Deutschen Reich verbreitete sich die Lehre, die beste Nervenkur bestehe in der Abhärtung, maßgeblich während des letzten Vorkriegsjahrzehnts. Insofern war es damals das amerikanischste Land Europas – obwohl die USA mit ihren wilden Naturparks den Neurasthenikern eine kräftigere Kur zu bieten hatten als Deutschland mit seinen Wasserheilstätten!

In der Natur suchte man Erholung von dem nervenaufreibenden Getriebe der Stadt. Und was zunächst nur Romantiker und Rousseau-Jünger taten, wurde mit dem Fortschritt der Verkehrstechnik zur Massenbewegung. Nur auf den ersten Blick waren die Reformbewegungen marginale Phänomene. Ein Eindruck, der nicht zuletzt dadurch entstanden war, dass es viele Reformer liebten, als einsame Propheten in der Wüste zu posieren, und viele Gruppen ihre kleine Gemeinschaft kultivierten. In Wirklichkeit gab es zahllose Querverbindungen zum gesellschaftlichen Mainstream, wie nicht zuletzt viele Karikaturen des Simplicissimus belegen, der berühmtesten satirischen Zeitschrift des Kaiserreichs.

Die Hässlichkeit vieler Zeitgenossen ist hier geradezu ein Leitmotiv. So etwa auf einer Zeichnung Rudolf Wilkes von 1902 unter der Überschrift Völkische Erinnerung: Da betritt ein halb nackter, oberlehrerhafter Typ mit Bierbauch, eingefallener Brust und Zigarre ein Schwimmbad; neben ihm eine frierende Vogelscheuche von einem klapprigen, trotz Jugend ältlichen Brillenträger und ein wie eine Missgeburt wirkendes Kleinkind. Unterschrift: "Beim Betreten eines Schwimmbades denken wir unwillkürlich an die Schlacht von Arausio, wo unsere tapferen Vorfahren durch den bloßen Anblick ihrer Leiber den Schrecken der Römer erregten." Schrecken erregen konnte hier allenfalls die sich vom Vater zu den Sprösslingen steigernde Degeneration – eine typische Phobie jener Zeit. Und doch: Diese hässlichen Menschen begeben sich ins Freibad, eine damals noch ganz neue Errungenschaft; auch sie möchten am neuen Körperkult teilhaben. Die Deutschen jener Zeit zerfielen eben nicht säuberlich in schmerbäuchige Reaktionäre und schlanke Reformer. Zur Lebensreform gelangte man vielmehr in typischen Fällen durch Unbehagen an der eigenen Körperlichkeit. Und dieses Unbehagen scheint zu jener Zeit ein deutscher Kollektivzustand gewesen zu sein.

Auch Bismarck wurde Anhänger der Naturheilkunde

Sogar die Eliten jener Zeit wurden von der Lebensreformbewegung erfasst: Kein Geringerer als Bismarck wurde um 1880 in Krankheitsnot und Todesangst zu einem Anhänger der Naturheilkunde und zwang der Berliner Medizinischen Fakultät gegen deren wütenden Protest seinen Leibarzt, den Naturheiler Ernst Schweninger, als Professor auf. Wilhelm II., der bis dahin schon zum Frühstück Wein getrunken hatte, bekehrte sich zum Antialkoholismus, der gegenüber der altdeutschen Trinkkultur eine wahre Kulturrevolution bedeutete. Ja selbst die Forderung des wilhelminischen Imperialismus nach einem "Platz an der Sonne" spiegelte den Sonnenkult der Lebensreformbewegung.

1910 schließlich verkündete Wilhelm II. vor Marinesoldaten in Anwendung der damals neuesten Nervenlehre: "Der nächste Krieg und die nächste Seeschlacht fordern gesunde Nerven von Ihnen. Durch Nerven wird er entschieden. Diejenige Nation, die das geringste Quantum Alkohol zu sich nimmt, die gewinnt." Eine subversive Botschaft im damaligen Deutschen Reich! Hermann Hesse, der sich 1907 in das lebensreformerische Sanatorium und Künstlerdorf auf dem Monte Verità in Tirol begeben und sich einer Alkoholentzugskur unterzogen hatte, schrieb später, mit diesem Wort habe der Kaiser die deutsche Niederlage prophezeit. Auf diesem Monte Verità, oberhalb von Ascona, mit Blick auf den Lago Maggiore, sammelte sich von 1900 an ein besonders buntes Spektrum von Aussteigern um die dortige Naturheilstätte. Hier tanzten Nudisten auf der "Walkürenwiese" – ja, auch im Wagner-Kult vereinten sich Aussteiger und Angehörige der wilhelminischen Elite! – , und selbst der Soziologe Max Weber beobachtete hier, ironisch-fasziniert, die "Naturmenschen" und "Zauberweiber".

Mit seiner These von der "Entzauberung der Welt" zählt Max Weber zu den prominentesten Vertretern der Modernisierungstheorie, die nach wie vor die neuere historische Forschung bestimmt, ob in Europa, den USA oder Japan. Und es liegt nahe, mit dieser Theorie auch die Lebensreformbewegung zu analysieren. Nur: Auf welcher Seite sind die Reformer einzuordnen? Sind sie Modernisierer oder, im Gegenteil, Vertreter einer modernefeindlichen Haltung?

Die Antwort hängt davon ab, welchen Begriff von Moderne und Modernisierung man zugrunde legt. In zahlreichen historischen Darstellungen erscheint sie als ein linearer Prozess, in dem alles in eine Richtung läuft und es im Endeffekt keine Überraschungen gibt, ja die Gegenwart – auch wenn sich die meisten Historiker das im Interesse ihrer Disziplin nicht eingestehen – mehr oder weniger als ein Ende der Geschichte gedacht wird.

Viele der genannten Reformbewegungen werfen indes ein Licht darauf, dass die Vorstellung von der Moderne als einer Einbahnstraße irreführend ist. Es wäre denn auch grundfalsch, die Sehnsucht nach Natur und dem natürlichen Leben als reaktionär und antimodern zu verstehen: Heute sehen wir im weltweiten Vergleich nur zu deutlich, dass derartige Sehnsüchte gerade die modernsten, industriell am weitesten fortgeschrittenen Staaten charakterisieren, während die naive Begeisterung für technischen Fortschritt eher unterentwickelte Länder kennzeichnet, die mit der Moderne noch wenig Erfahrungen haben.

Am deutlichsten ist dies an Umwelt- und Naturschutzbewegungen abzulesen. Vieles spricht dafür, dass etwas Ähnliches wie die sich von 1970 an weltweit ausbreitende Ökologiebewegung in Deutschland schon um 1900 im Entstehen war, jedoch in der Folgezeit über zwei Generationen durch die Nöte der Kriegs- und Nachkriegszeiten unterbrochen wurde. Gewiss, die Bewegungen der Jahrhundertwende standen nur sporadisch im Zeichen dessen, was wir heute unter "Ökologie" verstehen; aber auch umgekehrt erfasst die Bezeichnung "Ökobewegung" längst nicht alles, was sich seit den 1970er Jahren unter diesem Schlagwort entwickelt hat. Geht es nicht auch heute um ein neues Ideal von Gesundheit, körperlicher wie geistiger? Lebt nicht auch in der heutigen Ökobewegung mancher naturreligiöse Überschuss fort? Ist nicht die "Ökologie", auf die man sich beruft, in Wahrheit die alte Göttin Natura in modischem wissenschaftlichem Gewand?

Das Neue waren um 1970 denn auch nicht so sehr die Themen, neu war die Art und Weise, wie sie vernetzt wurden: Wasserschutz, Reinhaltung der Luft, Waldschutz, Tierschutz, Landschaftsschutz, technische Sicherheit, Verbraucherschutz, Naturheilverfahren als Alternative zur Apparate- und Medikamente-Medizin. All diese Bestrebungen reichten oftmals über ein Jahrhundert und weiter zurück.

Und Ähnliches galt bereits für die Reformbewegungen im Kaiserreich. Naturkult, Vegetarismus, Kritik an Alkoholkonsum und Tabakrauchen – all das war, für sich genommen, auch damals schon alles andere als neu. Im Einklang mit der Natur zu leben zählte schon zu den Idealen der antiken Stoa. Neuartig dagegen war auch um 1900 die Vernetzung dieser Bestrebungen, angestoßen durch den in Deutschland ungewöhnlich stürmischen Industrialisierungsschub seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. So bekamen diese Bestrebungen eine neue Dringlichkeit, wurden zu einer "Forderung des Tages". In vollem Maße politikfähig sind sie allerdings erst in den siebziger Jahren geworden, in Deutschland wie in vielen anderen Ländern der Welt.

Trotzdem sollte man die Klagen, den Pessimismus, die Weltuntergangsrhetorik vieler Lebensreformer nicht zu ernst nehmen: In aller Regel entstehen Reformbewegungen nicht nur aufgrund eines hohen Leidensdrucks, sondern auch, weil sich neue Chancen bieten. Das gilt ganz ohne Zweifel für die Studenten, die 1968 revoltierten: Sie gehörten zu einer Akademikergeneration mit außergewöhnlich guten Berufschancen. Und auch die Zeit um 1900 war für viele Deutsche eine Zeit voller Zukunft.

Deutschland war zu einem wohlhabenden Land geworden. Nicht mehr die einseitige Kartoffelnahrung wie noch ein, zwei Generationen zuvor, sondern der allzu hohe Fleisch-, Alkohol-, Tabak- und Zuckerkonsum wurde nun zu einer Gefahr für die nationale Gesundheit: Die Krankheitserscheinungen des Hungers traten gegenüber denen des Wohlstands zurück. Traditionelle Ordnungen wurden lockerer; die Individualisierung schritt voran; die Freiheit des Einzelnen wuchs, seinen Lebensstil und seine soziale Bezugsgruppe selbst zu wählen. Die neue Verkehrstechnik machte das Reisen so leicht wie nie zuvor; in die Zeit um 1900 fallen die Anfänge des Massentourismus. Dank elektrischen Lichts ließ sich der Tag bis in die Nacht hinein verlängern. Die neuen Netze der Wasserversorgung machten ein breites Spektrum von Wassertherapien möglich (die Nervenheilstätten waren in typischen Fällen Wasserheilstätten).

Die meisten dieser Chancen boten sich mehr oder weniger in allen Industriestaaten um 1900. Die Reformbewegungen dagegen fallen deutlich unterschiedlich aus. Vermutlich hatte jedes Land die Reformbewegungen, die zu ihm passten und über die sich daher gewisse Besonderheiten des jeweiligen Landes entdecken lassen. Der Antialkoholismus hatte seine stärksten Ursprünge in den USA, die Vogelschutzbewegung in England, die Naturheilbewegung und die Nacktkultur in Deutschland.

Das Volk der Zukunft: voll Glück und Schönheit

Am meisten beeindruckt dabei aus heutiger Sicht eine gewisse Unschuld und Naivität der Reformer jener Zeit. Man hatte noch nicht die bösen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit gesellschaftspolitischen Utopien. Viele glaubten noch, in absehbarer Zeit den "neuen Menschen", eine "neue Gemeinschaft" hervorbringen zu können. Sie glaubten noch an ein Reich des Bösen und eines des Guten.

Was dabei besonders überrascht, ist, dass dieser naive Glaube keineswegs nur bei jugendlichen Idealisten, bei Außenseitern der Gesellschaft, bei utopischen Sozialisten und Anarchisten anzutreffen war, sondern auch bei einem sehr erfolgreichen, politisch keineswegs radikalen Geschäftsmann wie Friedrich Eduard Bilz (1842–1922), einem Freund von Karl May – dem populärsten deutschen Jugendschriftsteller seiner Zeit –, der in Radebeul bei Dresden eine der größten Naturheilstätten des Deutschen Reiches aufbaute und dessen auf vier große Bände anwachsende Naturheilkunde zu einem Bestseller mit Hunderttausender-Auflage wurde.

Dieses Werk enthält eine Ausklapptafel mit zwei Teilen: links Das Volk im heutigen Staat und rechts Das Volk im Zukunftsstaat. Links nur Elend und Hässlichkeit, rechts nur Glück und Schönheit. Links: zehnstündige Arbeitszeit, Schlafkammer mit geschlossenen Fenstern, überfüllte Irrenanstalten und Zuchthäuser, "ein mit Rauch gefülltes Gastzimmer" und so weiter, rechts oben: jubelnde Männer unter der Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" und darunter: "Reigenaufführung in freier Natur", dreistündige Arbeitszeit, Haus mit zwei überdachten Schlafbalkonen, glückliche Familie, Spiele im Freien – und: "Auszahlung des Gehalts, das jeder Mensch zeitlebens bekommt". Mancher möchte neidisch werden auf Zeiten, die mit derartiger Naivität an Utopien zu glauben vermochten – Utopien ohne jeglichen Schatten.

Eine ganz andere Facette der Reformbewegungen gerät über all diesem heiligen Ernst und Eifer hingegen gern in Vergessenheit: die Selbstironie, die zu den Stärken zumindest einzelner Lebensreformer zählte. Hermann Hesse etwa wurde auf dem Monte Verità zu einer Persiflage auf die Vegetarier inspiriert: zu seiner Novelle Doktor Knölges Ende. Da wird ein moderater Vegetarier, der auch Milch und Eier nicht verschmäht, am Ende von einem auf Bäumen lebenden fanatischen Veganer erwürgt! Und auch der Anarchist Erich Mühsam, der einmal, zum Ekel Thomas Manns, nackt um ein Feuer tanzte, reimte auf dem "Berg der Wahrheit" spöttische Verse. Mit seinem alkoholfreien Trinklied Der Gesang der Vegetarier etwa gab er zu verstehen, dass es selbst mit der "freien Liebe" bei diesen Aussteigern nicht immer weit her war: "Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen Fleisch / Und die Milch und die Eier und lieben keusch."

So war die Lebensreform nicht das gänzlich andere der Moderne und auch keine reine Gegenwelt zur wilhelminischen Gesellschaft. Dass sie über sich selbst lachen konnte, zeugt indes davon, dass sie zumindest in Teilen in der Lage war, sich über sich selbst aufzuklären – eine Fähigkeit, die man auch allen gegenwärtigen Lebensverbesserern und Sinnsuchern nur wünschen kann, denn auch wenn die Lebensreform Geschichte ist: Ihre große Frage, wie der Mensch unter den Bedingungen der sich beschleunigenden Moderne ein sinnerfülltes, gutes Leben leben kann, ist heute so aktuell wie vor mehr als hundert Jahren.

– Der Autor Joachim Radkau, Jahrgang 1943, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Er forscht vor allem zur Technik- und Umweltgeschichte.