"Nieder mit den Dieben!", skandieren die 300.000 Demonstranten, die am 6. Februar 1934 auf das Palais Bourbon, den Sitz der französischen Nationalversammlung im Zentrum von Paris, zumarschieren. Dort stellt an diesem Tag die linksliberale Regierung von Édouard Daladier die Vertrauensfrage. Die aufgebrachte Menge will Daladier aus dem Amt jagen. Gleich mehrere Korruptionsaffären haben das Land in den Monaten zuvor erschüttert. Nun bricht sich der aufgestaute Unmut über Bestechung und andere Skandale Bahn.

Viele aber, die an diesem 6. Februar vor dem Parlament aufmarschieren, wollen mehr als nur eine korrupte Regierung absetzen: Sie wollen gleich die ganze Republik beseitigen. Unten ihnen befinden sich viele ehemalige Frontkämpfer und Mitglieder rechtsextremistischer Ligen. Polizisten und Soldaten stehen bereit, um die Dritte Republik notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Sicherheitskräfte postieren sich an den Boulevards der Hauptstadt, auf den Seine-Brücken und vor dem Palais Bourbon; die Straßen werden abgesperrt. Am Nachmittag schließlich kommt es vor der Oper zu ersten Scharmützeln zwischen Demonstranten und der Polizei. Als die Marschkolonne der Regierungsgegner dann die Place de la Concorde erreicht, beginnt eine Straßenschlacht. Die Lage eskaliert weiter, als die Dunkelheit einbricht. Gegen Mitternacht treffen die Anhänger der militanten rechten Verbände auf die Ordnungskräfte. Steine fliegen, Schüsse fallen. An vorderster Front: die rechtsextremistische Liga Croix-de-feu, die "Feuerkreuzler", unter der Führung von Colonel François de La Rocque (1885–1946). Doch obwohl die Demonstranten die Stärke hätten, um in das Parlament einzudringen, kann sich La Rocque nicht zum Staatsstreich durchringen. Den unterschiedlichen rechtsradikalen Gruppen gelingt es nicht, sich zusammenzutun. Auch die Rivalität zwischen ihren Führern verhindert ein konzertiertes Vorgehen.

Dennoch stehen die Institutionen der Dritten Republik nach den Ausschreitungen vom Februar vor einem Scherbenhaufen. 15 Menschen sind bei den Demonstrationen ums Leben gekommen, darunter ein Polizist, mehr als 2000 wurden verletzt. Édouard Daladier tritt zurück und macht – unter dem Druck der Straße – einer Regierung der rechten Mitte Platz. Damit ist ein Ziel der extremen Rechten erreicht, die der Linken nach deren Wahlsieg von 1932 den Kampf angesagt hatten. Die Demonstrationen selbst verlieren nach dem Ende der Regierung Daladier an Dynamik und Zuspruch, die Gefahr einer faschistischen Machtübernahme ist vorerst gebannt.

Der 6. Februar 1934 gehört zu den Schlüsselereignissen in der Geschichte des französischen Faschismus. Er zeigt, wie groß das antiparlamentarische Potenzial innerhalb der Gesellschaft war. Er zeigt aber auch, welche Grenzen die faschistische Bewegung in Frankreich hatte.

Niemand konnte nach dem 6. Februar mehr übersehen, dass dem Sieg im Ersten Weltkrieg keine vollständige mentale Demobilisierung gefolgt war. So gediehen während der Zwischenkriegsjahre auch in Frankreich antiparlamentarische, antihumanistische, antipazifistische und antiliberale Ideen. Die Weltwirtschaftskrise schließlich, die sich auf Frankreich erst spät, von 1932 an, auswirkte, rüttelte an den Grundfesten der Dritten Republik, doch zeitigte sie hier nicht annähernd so dramatische Folgen wie in Deutschland. Nicht zuletzt befeuerten die permanenten Regierungskrisen den Eindruck, das Land befinde sich in einem Zustand steten Niedergangs, und untergruben die Legitimität der Republik.

Die politische Kultur Frankreichs blieb daher so wenig immun gegen den Faschismus wie die anderer europäischer Staaten. Gleichwohl verharrten die französischen Rechten bisweilen eher in reaktionären antiparlamentarischen Positionen, als sich ganz zum Faschismus zu bekennen – eine Folge des starken Einflusses, den die traditionelle Rechte in Frankreich auch in den dreißiger Jahren noch besaß.

Die Wurzeln des französischen Faschismus liegen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Einer seiner Vordenker war Charles Maurras (1868–1952), einer der einflussreichsten französischen Publizisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Maurras glaubte, dass in der französischen Gesellschaft Dekadenz und Korruption herrschten. Schuld daran seien die Französische Revolution und die Demokratie, welche die Einheit der Nation zerstört hätten. Maurras schloss sich der extremistischen Action française (AF) an. Die AF hatte sich 1898 infolge der Affäre um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus gegründet (Dreyfus war, auf Grundlage unhaltbarer Anschuldigungen, Landesverrat vorgeworfen worden. In einem skandalösen Verfahren wurde er dennoch verurteilt, was heftige Proteste auslöste – in antisemitischen Kreisen aber auf große Zustimmung stieß.) Bald gehörte Maurras zu den führenden AF-Mitgliedern.