Der 4. Juni 1920 gilt bis heute vielen Ungarn als der schwärzeste Moment ihrer Geschichte: An jenem Tag unterzeichnete die ungarische Delegation im Schloss Trianon von Versailles einen Vertrag, der ihr Land dazu zwang, große Teile seines Gebietes abzutreten. Trianon wurde zur Chiffre eines Traumas – und zum Kampfbegriff all jener, die von einem starken Großungarn träumten.

Auch fast ein Jahrhundert später ist diese Wunde nicht verheilt: Im Mai 2010 führte die ultrakonservative Regierung von Viktor Orbán den gesetzlichen "Tag des nationalen Zusammenhaltes" ein. Sie wählte dafür den 4. Juni. Landkarten und Anstecknadeln, die Ungarn in den Grenzen vor 1920 zeigen, sind gängiges Accessoire bei den Aufmärschen und Kundgebungen der erstarkenden ungarischen Rechten. Die Anhänger der rechtsextremen Jobbik-Partei flirten sogar mit der Symbolik der Pfeilkreuzler-Partei, die 1944 von den Nationalsozialisten an die Macht befördert worden war und Abertausende Juden ermordete.

Die nationalistische Fidesz-Partei von Premier Viktor Orbán distanziert sich pflichtschuldig von den ungarischen Neonazis. Dafür werden dem "unbekannten Horthy" Denkmäler gesetzt. Admiral Miklós Horthy regierte Ungarn von 1920 bis 1944. Sein großes Ziel war es, die Bestimmungen von Trianon rückgängig zu machen – und zu diesem Zweck schreckte er auch nicht davor zurück, sich an die Seite Adolf Hitlers zu stellen.

Bevor Horthy an die Macht kam, durchlebte Ungarn eine Zeit politischer Wirren. Im Herbst 1918 zerbrach infolge der Niederlage im Ersten Weltkrieg das Habsburger Vielvölkerreich; die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hörte auf zu existieren. Am 16. November 1918 rief der Nationalrat in Budapest die demokratische Ungarische Volksrepublik aus. Doch sie bestand nur kurze Zeit. In den Städten mangelte es an Lebensmitteln und Kohle. Und als tschechische und serbische Einheiten Teile des ungarischen Territoriums besetzen, wird die frisch gegründete Republik in einen Strudel eskalierender Grenzkonflikte gezogen.

Anfang 1919 nimmt die Friedenskonferenz in Versailles ihre Beratungen auf und ordnet an, eine "neutrale Zone" in Siebenbürgen zu schaffen – eine Maßnahme, um Rumänien zu stärken, das die Entente-Mächte für entscheidend halten, um einen stabilen Schutzgürtel aus verbündeten Staaten zu errichten, der den sowjetischen Einfluss begrenzt. Die ungarische Regierung wird daher in einem Ultimatum dazu aufgefordert, ihre Verbände aus der multiethnischen Zone zurückzuziehen. Für Regierungschef Graf Mihály Károlyi ist dies eine schwere Demütigung: Er sieht keinen anderen Ausweg, als zurückzutreten.

In dieser Situation wittern die Sozialdemokraten ihre Chance, gemeinsam mit der neu entstandenen Kommunistischen Partei die Macht zu übernehmen. Am 21. März 1919 vereinigen sich die beiden Parteien und bilden den Revolutionären Regierenden Rat – der Beginn der ungarischen Räterepublik.

Deren führender Kopf ist Béla Kun. Ende 1918 ist er als überzeugter Kommunist aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Nun herrscht er 133 Tage lang wie ein Diktator. Die Räteregierung unter seiner Führung verstaatlicht Großbetriebe, Bergwerke, Verkehrsunternehmen und Banken; der Boden soll von Produktionsgemeinschaften bearbeitet werden. Vor allem die Bauern reagieren mit Misstrauen, während viele Arbeiter und Landarbeiter bereit sind, für die Räterepublik zu kämpfen.