Die aggressive Politik Deutschlands findet in Ungarn auch während der folgenden Monate breite Unterstützung: So besetzen im März 1939, nachdem Hitler in die "Rest-Tschechei" einmarschiert ist, ungarische Einheiten mit deutscher Zustimmung die Karpato-Ukraine, die 1920 an die Tschechoslowakei gegangen war. Durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 schließlich erhält Ungarn Nordsiebenbürgen von Rumänien. Im April 1941 greift Ungarn an der Seite der Deutschen Jugoslawien an und gewinnt so weitere Gebiete zurück.

Die Zahl der Juden, die in den ungarischen Grenzen leben, steigt durch die Gebietserweiterungen der Jahre 1938 bis 1941 von 165.000 auf 825.000. Szálasi, der im August 1940 amnestiert wird, fordert nun lautstark, sie zu verjagen. Die "Rassenschutzgesetze" werden weiter verschärft, viele Juden verlieren die ungarische Staatsangehörigkeit und sind fortan staatenlos.

Dennoch bleiben die ungarischen Juden lange Zeit von der Deportation in deutsche Lager verschont – bis am 19. März 1944 die Wehrmacht das Land besetzt. In den Jahren zuvor hatte sich die ungarische Regierung Hitlers Forderung, "die Judenfrage zu bereinigen", noch widersetzt. Nun beginnt in rasendem Tempo die Verschleppung Hunderttausender nach Auschwitz-Birkenau: Unter der Regie Adolf Eichmanns deportieren SS, Wehrmacht, Gestapo und ungarische Gendarmen zwischen dem 14. Mai und dem 9. Juli 437.402 Menschen in das Vernichtungslager. An jenem 9. Juli befiehlt Horthy, die Deportationen zu stoppen. Am 15. Oktober verkündet er, Ungarn trete aus dem Krieg aus. Die Deutschen setzen ihn daraufhin ab und machen den Pfeilkreuzler Szálasi zum neuen ungarischen "Führer". In Budapest ermorden seine Milizen bis zum Kriegsende noch mehrere Tausend Juden. Insgesamt fallen 564.000 jüdische Ungarn der "Endlösung" zum Opfer.

Bis heute ist dieses historische Kapitel in Ungarn kaum aufgearbeitet. Und wie in der Zwischenkriegszeit unter Horthy hat die nationalistische und rassistische Rechte auch heute wieder großen Zulauf. Die postkommunistischen Staaten in Osteuropa haben dabei mit vielen Problemen zu kämpfen, die sie schon zwischen den Weltkriegen belasteten: Ein wachsender Teil der Bevölkerung verarmt, es gibt nur eine kleine, fragile Mittelschicht. Und erneut schüren rechte Gruppen Hass und Vorurteile, indem sie soziale Probleme zu ethnischen Konflikten erklären. Da sich mit Antisemitismus weniger Menschen als in der Zwischenkriegszeit mobilisieren lassen, stehen nun die Roma im Mittelpunkt der Propaganda.

In Ungarn profiliert sich das von Viktor Orbán geführte Parteienbündnis vor allem mit symbolischer Politik, statt die ganz handfesten Probleme anzugehen, die durch die hohe Verschuldung des Landes entstanden sind. So betont die pathetische Präambel der seit 2012 geltenden neuen Verfassung den christlichen Charakter des Staates. Die Juden werden marginalisiert, die vielen Auslandsungarn zu Angehörigen der ungarischen Nation erklärt. Die Mitwirkung der ungarischen Gendarmerie an der Deportation der Juden und den Massenmorden der Pfeilkreuzler wird nicht erwähnt. Im offiziellen Geschichtsbild sind die Ungarn nur Opfer.

Die Krisenjahre nach 1929 haben gezeigt, wie die Parteien der Mitte durch ihr Aufgreifen von Forderungen der Rechten in autoritäre Strukturen abgeglitten sind. Dass sich die Sprecher von Orbáns Regierungsbündnis nicht eindeutig von den rassistischen Parolen der Rechtsradikalen abgrenzen, versetzt kritische Beobachter daher nicht ohne Grund in Sorge.