Er war der Kanzler, der nicht sein durfte. Ein Minderheitsdeutscher, der die Hitler-Jahre im skandinavischen Exil verbrachte und ausgebürgert wurde. Einer, der auf den ersten Blick in kein Raster für populäre Politiker in Deutschland zu passen schien. Im Amt des Regierungschefs, für das er dreimal Anlauf nahm, hielt es ihn nur kurz – viereinhalb Jahre lang, von 1969 bis 1974. Verehrt wurde er, aber noch stärker angefeindet. Erst nach seinem Tod 1992 polarisierte Willy Brandt nicht mehr.

Verwundert, als inspiziere er einen Fremden, blickte er immer wieder auf sein Leben zurück. Selbst im hohen Alter noch, beim Verfassen seiner Erinnerungen, rätselte er: "War ich das?" Ihn beschäftigte, weshalb er einmal als Linker, dann wieder als Rechter, schließlich wieder als Linker gegolten habe. Dem Berliner Regierenden Bürgermeister Brandt, dem die antikommunistische Rhetorik locker über die Lippen ging, folgte der Entspannungspolitiker, der mit den Feinden der frühen Republikjahre gegen heftigste Widerstände ("Brandt an die Wand") die Ostverträge aushandelte. Der Mann, der die Achtundsechziger zum langen Marsch durch die Institutionen eingeladen hatte (und vor allem in seine SPD!), unterzeichnete 1972 den Extremistenbeschluss, der von der jungen Generation als Misstrauenserklärung empfunden wurde. Mehrfach musste Brandt sich neu erfinden in seinem Leben, sich von sich selber verabschieden und neu beginnen.

Zur Welt kam er in Lübecks Arbeitervorstadt St. Lorenz am 18. Dezember 1913 als uneheliches Kind unter dem Namen Herbert Ernst Karl Frahm. Wie sein Vater hieß, wusste er lange nicht. Seine Mutter, Martha Frahm, Verkäuferin in einem Konsumverein, hatte dessen Namen nicht angegeben, als sie den Sohn ins Register des Standesamts eintragen ließ. Den Namen, unter dem er weltweit bekannt wurde, Willy Brandt, hatte er sich selbst als junger Mann gegeben, ein nom de guerre, denn seine SAP, eine sozialistische Splitterpartei, formierte von Januar 1933 an im Untergrund eine Art jugendliche Opposition gegen Hitler. Die mit Brandt befreundete Journalistin Carola Stern vermutet in ihrer Biografie von 1975, dass es mehr war als nur Tarnung und Brandt sich schon auf eine Flucht nach Skandinavien vorbereitete. Gegenüber der italienischen Reporterin Oriana Fallaci stellte Brandt es dann noch einmal anders dar: Danach suchte er einen Namen, der nur ihm gehöre, als wünsche er ein Stück Emanzipation von der eigenen, tristen Familiengeschichte, unter welcher er litt. Wer er ist, wollte er selber bestimmen.

Gleich zwei Leben sind es, die Brandts Biografie ausmachen. Das erste gründet noch in der Weimarer Republik, es führte ihn ins Exil nach Oslo und machte ihn zum Norweger. Das zweite ist das Leben des Wiedereingebürgerten. Als Bürgermeister des geteilten Berlin, als Außenminister, Bundeskanzler und als Vorsitzender der SPD von 1964 bis 1987 hat er die deutsche Politik und das Bild der Bundesrepublik in der Welt verändert. Vor allem die Ost- und Entspannungspolitik – sein Freund Egon Bahr fand die Formel "Wandel durch Annäherung" (1963) dafür – trug dazu entscheidend bei. Er verkörperte mit der ersten sozialliberalen Koalition (1969–1972) mit dem FDP-Vorsitzenden Walter Scheel als Vizekanzler und Außenminister einen Neuanfang. Historiker sollten später von einer "Umgründung" der Republik sprechen. Wir stünden nicht am Ende der Demokratie, sie fange erst richtig an, formulierte es Brandt in seiner Regierungserklärung.

Brandt hatte sich geschworen, sein erstes, sein "anderes Leben" möglichst nicht vorzuzeigen, es nicht einmal an sich selbst herankommen zu lassen – "Es ist schwer für mich zu glauben, daß der Knabe Herbert Frahm ich selber war", gab Brandt 1960 zu Protokoll –, doch blieb es prägend für ihn bis zum Schluss. Nur wer dieses erste Leben kennt, kann Brandt, kann seine politische Haltung, sein Ringen mit sich selbst verstehen. Als etwa zur Debatte stand, ob er an der Seite eines Kanzlers Kurt Georg Kiesinger in einer Großen Koalition (1966–1969) Platz nehmen würde, sträubte sich jede Faser in ihm. Musste er wirklich das Außenministerium führen neben jemandem, der schon 1933 sein NSDAP-Parteibuch erhalten hatte und Rundfunk-Propagandist im Auswärtigen Amt gewesen war? Brandt schluckte die Kröte und zwang sich drei Jahre lang zur Disziplin als Außenminister.

100. Geburtstag - Willy Brandt wurde vom Gegner zum Idol Viele mochten Willy Brandt früher nicht, heute finden ihn alle toll. Der Historiker Peter Brandt erinnert sich zum 100. Geburtstag an seinen Vater Willy Brandt.

Links und frei hatte er 1982 das Buch betitelt, in dem er seine eigene Spur verfolgte, seinen Weg von 1930 bis 1950. Lieber rot als braun wollte er die Schilderung seiner Jugendjahre ursprünglich nennen, zuckte aber zurück. Nein, bloß keine Anklage, er wollte den Deutschen aus ihrer Vergangenheit keinen Strick drehen.