Es war kein schwerer Abschied von der Heimatstadt. So schreibt er selbst, in den Erinnerungen. Er floh ja, lebensbedroht. In der Nacht zum 1. April 1933 trug ihn der sturmgeschüttelte Kutter des Fischers Paul Stooß von Travemünde nach Dänemark. Aus dem Lübecker Jungsozialisten Herbert Frahm wurde Willy Brandt. In Oslo, später aus Schweden, spann er antifaschistische Netze. 1936 konspirierte er todesmutig in Berlin. 1937 erlebte er in Barcelona den Spanischen Bürgerkrieg.

In Paris begegnete Brandt 1938 ein lübischer Exilgenosse. "'Die sieben Türme', so sagte mit Tränen in den Augen und Trauer in der Stimme Heinrich Mann, 67 Jahre alt, zu dem jungen Lübecker Landsmann, der noch nicht einmal 25 war, 'werden wir wohl nie mehr wiedersehen.'" Da wurde Brandt von Heimweh überwältigt. "Das Gefühl, daß das Lübeck der Senatorensöhne Mann das meine nicht gewesen war, versank, ohne daß ich es hätte vergessen können."

Weit außerhalb des Holstentors war er zur Welt gekommen, fern vom Dom und von der Marienkirche mit ihrem Glockenschlag Nun danket alle Gott. St. Lorenz hinterm Bahnhof entzieht sich Lübecks hanseatisch geheiligtem Siebengetürm. Nicht einmal in diesem schlichten Gotteshaus wurde das Proletarierkind am 26. Februar 1914 getauft, sondern im Pastorat Steinrader Weg 15, weil seine Mutter, die Verkäuferin Martha Frahm, ledig war. Für ihr Kind erübrigte sie wenig Zeit. Der Junge, "mehr aufbewahrt als behütet", blieb weithin sich selbst überlassen, bis 1918 Marthas Stiefvater aus dem Weltkrieg heimkehrte. Der Lastwagenfahrer Gottfried Frahm hatte Liebe, sozialdemokratisches Klassenbewusstsein und wurde vom Stiefenkel Papa genannt. Den Namen seines leiblichen Vaters erfuhr Willy Brandt von der Mutter erst 1948: John Möller, ein Lehrer. Brandt sah ihn nie.

Absurd erscheint uns Heutigen, dass Brandts Gegner noch den Kanzler als unehelich schmähten. Dummdreist zieh man den heimgekehrten Exilanten des Vaterlandsverrats, als hätten Hitlers Feinde Deutschlands Schande verschuldet. Verständlich ist Brandts Einsiedlernatur – früh erlitten, lebenslang bewahrt, trotz größter Popularität. Der viel geliebte Politiker spiegelte Wärme, der Privatmann benötigte Distanz. Man möchte Brandts Politik der Versöhnung – der Machtblöcke, der Deutschen mit ihrer desaströsen Nationalität – auch als persönlichen Brückenbau deuten. Wirklich nahe kam ihm nur ein Mensch: er selbst.

Was lässt sich auf Brandts Spuren im heutigen Lübeck finden? Vergangen sind die qualmende Arbeiterstadt, das Hochofenwerk, der wimmelnde Hafen, die Fisch-Industrie. Vorbei sind die Klassenkämpfe der Nazi-Dämmerung, in der Brandt zum jugendlichen Publizisten und Volksredner wurde. Wir suchen sein Geburtshaus, Meierstraße 16. Der Weg führt durch zweigeschossige Vorstadt-Urbanität, gesäumt von Solarium und Penny-Markt, der Änderungsschneiderei Goldene Nadel, dem An- und Verkauf Mach’s bar!. Ein Biker im Kampfanzug donnert vorbei, mit Totenkopf am Wehrmachtshelm. Schwarz verhüllt, naht eine Bürgerin im Tschador, gefolgt von drei stockbewehrten Knaben.

Jungs, kennt ihr Willy Brandts Geburtshaus?

Klar! Da hinten, das rote!

Und wer war Willy Brandt?

Unser Bundeskanzler, sagt Tommy Jay Schmidt.

Euer Kanzler? Wann bist du denn geboren?

2001. Weiß ich von meinem Vater.

Willy Brandt war gut und von der SPD, sagt Nico Leon Mohrmann. Der hat immer gemacht, was er versprochen hat.

Der war ein Spion, erklärt John Klatt.

Spion? Wann denn das?

Ähm, so 1996.

Hier scheint eine Saat der Erkenntnis gelegt, zumal John und Tommy bei den Falken sind. Das Geburtshaus, ein Klinkerklotz mit drei Etagen, wurde jüngst weinrot-grau gestrichen und mit einer würdigen Tafel markiert. Die Tür gibt nach. Wir betreten einen puppigen Wendeltreppenschacht bejahrten Zustands und klingeln parterre. Es öffnet ein junger Mann. Daniel Herrmann heißt er, ein freundlicher Medienstudent, geboren in Brandts Todesjahr 1992. Zufällig geriet er hierher, via WG-Annonce. So megapolitisch interessiert sei er nicht, jedoch könnten Brandts Verehrer doch mal neue Fenster stiften.

1919 verzog Herbert mit "Papa" Ludwig Frahm und "Tante Dora", dessen zweiter Frau, in die Moislinger Allee 49. Die Wohnung lag über Frahms Arbeitsstelle, der Garage des Drägerwerks. Viel später hieß das Haus im Volksmund Kanzlerbungalow. Der heutige Pilger besichtigt eine Baugrube, doch Brandts nächste Heimstatt ist erhalten: Trappenstraße 11a, in einem Klinker-Karree, zum Einzug 1929 just erbaut. Hier hatte der Schüler Herbert Frahm sein eigenes Reich: sechs Quadratmeter Dachkammer.

So schlecht in der Schule und trotzdem Bundeskanzler!

Der Schüler Frahm. Der weitsichtige Großvater schickte ihn nicht zur Volks-, sondern zur Mittelschule. 1928 durfte er aufs Reform-Gymnasium Johanneum – schulgeldfrei, leistungsbedingt. Das Backstein-Ensemble St. Johannis 1–3 ist eine efeubewucherte Bildungsburg. Schon am Eingang kündet eine Tafel: "Der Lübecker Ehrenbürger / WILLY BRANDT / Bundeskanzler von 1969–1974 / Friedensnobelpreisträger / war Schüler des Johanneums von 1928–1932".

Mit rotem Schlips und naseweisen Aufsätzen

Brandt lernte leicht, zuweilen lax, besonders in Mathematik und Latein. Auch absentierte er sich gern mit selbst verfassten Entschuldigungsschreiben. Hatte nicht schon Heinrich Mann erklärt, "die Erwerbung einer literarischen Bildung" hindere ihn am schulischen Eifer? Frahm hieß bald "der Politiker". Er war Falke und Gruppenleiter der Sozialistischen Arbeiterjugend. Am Johanneum blieb er Milieufremdling. Bei der "Reichsgründungsfeier" in der Aula trat Rezitator Frahm provokativ mit Blauhemd und rotem Schlips, der SAJ-Kluft, vor die Feiergemeinde. Man schickte ihn heim. Sein hoch geschätzter Deutsch- und Geschichtslehrer Eilhard Erich Pauls, ein liberalkonservativer Friesenhüne, ließ ihn einen Aufsatz über den "Arbeiterkaiser" August Bebel schreiben.

Im etwas naseweisen Abitur-Aufsatz bescheinigte Herbert Frahm seiner Schule "schwankenden Liberalismus". Sie taumele zwischen Vergangenheit und formaler Demokratie, wie die gesamte Nachkriegszeit. "Ich bin zum Leidwesen meiner Lehrer die letzten Jahre immer meiner eigenen Wege gegangen. Ich bin nicht traurig darüber. Sondern ich freue mich, denn ich glaube, ich wäre ein armer Mensch, hätte ich nicht das, was ich selbst erarbeitet habe." Professor Pauls benotete mit "sehr gut". Das selbstbewusste Johanneum vertrage jede Kritik, falls Logik in ihr walte. Deren Besitz verdanke der Schüler ganz gewiss nicht seinem Milieu noch sich selbst, sondern dieser Schule. "Daß er das nicht zugibt, ist lediglich seine eigene Sache." Ansonsten warnte Pauls: Halten Sie sich von der Politik fern!

Nach der "Machtergreifung" entwich der tolerante Johannitergeist. Rektor Herrmann Stodte verfiel laut Chronik "dem Nationalsozialismus mit Haut und Haaren und wurde zum glühenden Propagandisten des Führers". Frahms Klassenlehrer Walter Kramer entließ man wegen einer Kaiserschmähung aus dem Jahre 1921. Er erschoss sich, seine Frau nahm Gift, die Tochter kam ins Irrenhaus.

Brandt kehrte kurz vor seinem Tode noch einmal zurück. Der Schulleiter blickte aus dem Fenster und sah ihn auf dem Hof, versunken, mutterwindallein. Er eilte hinab. Brandt war verschwunden.

Nun empfängt uns der Schulleiter Rüdiger Bleich. Einst war er stellvertretender Direktor der Deutschen Schule Santiago de Chile. Daselbst wies er Margot Honecker vom Gelände, als die Volksbildungs-Domina der DDR ihren Enkel abholen wollte. Die SPD verließ Bleich vor 20 Jahren wegen deren Bildungspolitik, doch sein Herz schlage weiterhin sozialdemokratisch. Politisiert habe ihn Willy Brandt, 1969. Die Studentenbewegung, sagt Bleich, hat mich dann mitgerissen. Brandts größte Leistung? Der Kniefall von Warschau.

Ist Brandt allen Lübeckern präsent?

Eindeutig. Er gehört zur Stadt wie Niederegger-Marzipan. Es gibt alte Animositäten, doch man hört sie nicht mehr.

Bleich führt durchs Haus, mit Stolz. Mannshoch, sechs Meter lang, erzählt im Foyer eine bildstarke Wandzeitung das Leben des größten Johanniters. Besonders populär sei Brandts mäßiges Abgangszeugnis. Erst kürzlich habe ein Schüler bewundernd ausgerufen: So schlecht und trotzdem Bundeskanzler!

Brandt liegt immer quer.
Jürgen Lillteicher, Brandt-Haus-Direktor

Zwei glockenwache Zwölftklässlerinnen begleiten uns, Clara Pirras und Malin Wiech. Malin imponiert Brandts Aufstieg aus der Arbeiterschaft: Und seine Flucht, wie er sein komplettes Leben hinter sich ließ – hätte ich mich das getraut? Clara zitiert ihre Mutter: So ein charismatischer Mann! Die Mädchen betrübt ein untypischer Teenage-Kummer: Dass sie, noch 17-jährig, am 22. September 2013 nicht wählen durften, vergrößerte Angela Merkels Triumph.

Malin und Clara sind Brandt-Expertinnen. Sie führen Schülergruppen durch das Willy-Brandt-Haus in der Königstraße 21. In diesem patrizischen Gebäude erfährt man Jahrhundertgeschichte, multimedial, auch jugendgerecht inszeniert, von der Kaiserzeit bis zum Mauerfall und zur doppeldeutschen Einheit. Man erlebt den Nürnberger Kriegsverbrecher-Gerichtsreporter Brandt, den Westberliner Bürgermeister, den Außenminister der Großen Koalition, den Kanzler in Aufstieg und Fall, den Elder Statesman der Sozialistischen Internationale und des Nord-Süd-Dialogs... Dieser Lebensbogen überspannt Epochen.

Brandt liegt immer quer, sagt Brandt-Haus-Direktor Jürgen Lillteicher. Ganz jung schreibt er seinen ersten Zeitungsartikel. Mit 16 ist er SPD-Mitglied, mit 18 verlässt er die kleinmütige Partei und geht zur linkeren SAP. In Skandinavien begreift er, was Stalinismus ist, und öffnet sich einer vermittelnden Sozialdemokratie. All das, schwärmt Lillteicher, mache Brandt viel interessanter als etwa Kiesinger oder den ewigen Kohl seiner Jugend.

Und woran kann man sich reiben?

Vielleicht daran, dass er Frieden vor Freiheit setzte, Jaruzelski vor Wałęsa. Er wusste ja, wie der Kommunismus auf Revolten reagiert.

Wir wüssten anderes: den Kanzler der Berufsverbote, den Beschweiger des Vietnamkriegs aus US-Bündnistreue. Ungut klingt 1961 das röhrende Westberliner Pathos des Kalten Kriegers Brandt: "Die Mächte der Finsternis werden nicht siegen [...]. Eine Clique, die sich Regierung nennt [...]. Sklaverei [...] Konzentrationslager [...]. Und wenn die Welt voll Teufel wär!" Neun Jahre später trifft Brandt Willi Stoph in Erfurt und Kassel. Via Moskau beginnt der "Wandel durch Annäherung", derweil Brandts Widersacher ratlos versuchen, sein Menschenfischer-Charisma zu entzaubern. Sie hecheln verstockte, gestrige Parolen. Ihn beglaubigt seine Biografie. Er etabliert Moral als politische Kraft.

Das Wichtigste war der Kniefall, erklärt Jörn Steder, Lübecker und Johanniter. Wir Deutschen haben bis heute nicht begriffen, dass wir keinen Krieg verloren haben, sondern einen angezettelt. Und befreit wurden. – Er hat für den Frieden gekämpft, sagt die Dame aus NRW. Als kleines Kind hab ich ihm zugewinkt, als er mit dem Auto durch Herne fuhr. – Er war kein Politschauspieler, er war ein Mensch, spricht der Rheinländer. Und seine SPD war noch eine Partei. – Ich glaube, der hatte im Krieg ziemliche Bedeutung, vermutet die Touristin von Rügen. Geschichte ist nicht so meins, ich klappere hier eigentlich die Kirchen ab. – Die deutsche Einheit, sagt der Mann aus Osnabrück, rechne ich Brandt am höchsten an.

"Wir denken an Dich, lieber Willy"

Das ist à la bonne heure gesprochen, denn wir befragen Brandts Besucher am 3. Oktober. Und welche Liebe quillt aus dem Gästebuch. "Danke!" – "Willy Brandt ist und bleibt ein Urgestein!" – "Willy Brandt ans Fenster, das war der Ruf von mir, von uns bei seinem Besuch in Erfurt." – "Auch wenn man aus dem anderen politischen Lager stammt, sind seine Verdienste unbestritten." – "Wir müssen mehr Demokratie wagen." – "Ich hoffe, daß die Wiedervereinigung von Korea bald kommt." – "Great leader, not only in Germany but all over the world. He is very well known in Palestine as a fighter just for peace." – "Wir denken an dich, lieber Willy. Frieden für Lübeck, Frieden für die Welt."

Zum turbulenten Schluss der Exkursion gehen wir ins Theater. Dort läuft Willy Brandt – Die ersten 100 Jahre, ein – ja was? Der österreichische Autor Michael Wallner hat eine Opernrevue erschaffen. Wir fürchten Kitsch, Schulfunk, Agitprop und werden erquickt. In rasanten Bildern und Gesängen saust Brandts Leben über die Bühne. Tiefsinn wechselt mit wonnigem Klamauk, der famose Hauptdarsteller Andreas Hutzel könnte dem echten Willy Krächz-Unterricht erteilen, und Herbert Wehners Wiedergänger heißt leibhaftig Robert Brandt. Ulbricht mauert, Kennedy tanzt herbei. Breschnew sufftorkelt, Rut Brandt leidet, denn der Gatte weibert, säuft und depressiert. Egon Bahr singt: Willy, aufstehn, wir müssen regieren! Längst droht die Schicksalsparze Guillaume, doch jetzt erhebt sich im Parkett ein martialischer Schnauz, Brandts Wahlhelfer Günter Grass. Und brüllt: Wir alle wissen, welch schreckliche Macht die Dummheit ist!

Wallners Stück könnte im heutigen Deutschland überall gastieren. Auch in 30 Jahren, jenseits einer Zeitgenossenschaft, die jedes Zitat versteht? Der patriotische Weltbürger Willy Brandt ist keine rasch vergängliche Gestalt. Und doch wirkt er eingeschreint in seinen Ruhm. Auch: erinnerungsvergoldet, zum Solitär verklärt wie Thomas Mann.

Der Buddenbrooks-Titan, der rehabilitierte Nestbeschmutzer sprach am 5. Juni 1926 zur 700-Jahr-Feier im Stadttheater. Lübeck als geistige Lebensform, so war sein Text überschrieben. Thomas Mann entsann sich des greisen lübischen Poeten Emanuel von Geibel. "Als er gestorben war, erzählte man sich, eine alte Frau habe auf der Straße gefragt: 'Wer kriegt nu de Stell? Wer ward nu Dichter?' – Nun, meine geehrten Zuhörer, niemand hat 'de Stell' bekommen, 'de Stell' war mit ihrem Inhaber und ihrer alabasternen Form dahingegangen." Möge es, was Brandt betrifft, nicht dabei bleiben. Noch einmal, in drei Merkels Namen, zitieren wir sein Gästebuch: "We need a new Willy in Europe!"