Hellsichtigen Zeitgenossen war bereits im Herbst 1914 klar, dass der Beginn des Krieges einen Abschied bedeutete: den Abschied vom bürgerlichen Zeitalter und von der europäischen Friedensordnung seit 1871. Der britische Außenminister Edward Grey etwa prophezeite 1914 eine Katastrophe ungekannten Ausmaßes: "In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen."

Rund zehn Millionen Soldaten kamen in den folgenden vier Jahren ums Leben, weitere 20 Millionen wurden verwundet. Die Zahl der zivilen Toten, der Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelten, der Opfer von Hungersnöten und Seuchen lässt sich ebenfalls nur in Millionen messen. Und auch im Hinblick auf die Langzeitfolgen markiert der Weltkrieg einen Wendepunkt in der neueren Geschichte Europas. Weder die Machtergreifung Lenins nach der Russischen Revolution von 1917 noch der Aufstieg Mussolinis und Hitlers sind ohne die sozialen, politischen und kulturellen Verwerfungen zu erklären, die der Krieg bedingte. Zwar erkannte man ihn erst nach dem Zweiten Weltkrieg als die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie es der US-Historiker und Politiker George F. Kennan formulierte, und als Auftakt eines "Zeitalters der Extreme", wie der britische Historiker Eric Hobsbawm schrieb, doch auch die Zeitgenossen der Zwischenkriegszeit begriffen schon, dass die Jahre nach 1914 die Welt grundlegend verändert hatten.

Die Besonderheit und Schrecklichkeit des Ersten Weltkrieges, an dem sich bis 1918 fast 40 Staaten direkt oder indirekt beteiligten und in dem etwa 60 Millionen Soldaten kämpften, lässt sich nicht in Statistiken allein messen. Ebenso entscheidend war die Art der Kriegsführung, die den Prinzipien der Haager Landkriegsordnung von Anfang an zuwiderlief. Die Missachtung der belgischen Neutralität durch die deutschen Militärs, die Gewalt gegen Kriegsgefangene, der Einsatz von Giftgas und die gegen deutsche Zivilisten gerichtete alliierte Seeblockade – all das waren Anzeichen eines entgrenzten, "totalen" Krieges, der die Gesamtbevölkerung der beteiligten Staaten betraf und mobilisierte. Der Erste Weltkrieg nahm damit vieles von dem vorweg, was den noch blutigeren Zweiten Weltkrieg kennzeichnen sollte.

Die Kriegsschuld blieb lange ein kontroverses Thema

Begonnen hat er für viele völlig überraschend. Am Morgen des 28. Juni 1914, dem Tag des Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajevo, herrschte überall in Europa Frieden. Wenige Wochen später befanden sich alle europäischen Großmächte im Krieg. Wie konnte es angesichts der zuvor vergleichsweise gut funktionierenden Krisendiplomatie zu einer solchen Eskalation kommen?

Die Frage nach den Ursachen und den Hauptverantwortlichen für den Kriegsausbruch ist immer wieder kontrovers diskutiert worden. Die deutschen Nationalisten und Konservativen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigten mit dem Finger auf Frankreich, das die Niederlage von 1870/71 nicht verwunden, und auf Großbritannien, das voller Neid auf das wirtschaftlich dominante deutsche Kaiserreich geblickt habe. Britische und französische Zeitgenossen machten das wilhelminische Streben nach Weltgeltung für die Eskalation der Julikrise verantwortlich. Dass die deutsche Alleinschuld am Kriegsbeginn im Versailler Friedensvertrag festgeschrieben wurde, verschaffte den alliierten Veteranen daher eine gewisse Genugtuung. Im Reich hingegen brachte der "Kriegsschuldparagraf" das Blut vieler Deutscher mehr in Wallung als alle anderen Bestimmungen.

Die Debatte über die Kriegsschuld überdauerte den Zweiten Weltkrieg, auch wenn die Erinnerung an den von Hitler ausgelösten Vernichtungskrieg fortan deutlich präsenter im deutschen kollektiven Gedächtnis war als die Jahre 1914 bis 1918. Dennoch: Als der Hamburger Historiker Fritz Fischer vor mehr als 50 Jahren sein Buch Griff nach der Weltmacht veröffentlichte, führte seine These von der deutschen Hauptschuld zu einer der hitzigsten Historikerkontroversen in der Geschichte der Bundesrepublik. Zunächst noch als "Nestbeschmutzer" diffamiert, sollte sich Fischer mit vielen seiner Argumente Mitte der sechziger Jahre im Zuge des allgemeinen gesellschaftlichen Klimawandels durchsetzen. Dies galt insbesondere für seine Einschätzung, dass es in erster Linie Kaiser und Reichsleitung mit ihrer aggressiven, auf Prestige abzielenden "Weltpolitik" waren, die im Juli 1914 die internationalen Spannungen so weit verschärften, dass es zum Krieg kam.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Die "Fischer-Kontroverse" blieb allerdings ein nach 1945 einzigartiger Moment aufflackernder Leidenschaft im Umgang mit jenem Krieg, den die Franzosen als La Grande Guerre und die Briten als The Great War bezeichnen. Denn anders als in England und im britischen Commonwealth, wo sich bis heute jedes Jahr am Tag des Waffenstillstands von 1918 Menschen aller Generationen eine Mohnblume aus Plastik ans Revers heften, spielt der Erste Weltkrieg in der deutschen Erinnerungskultur in der Regel nur dann eine Rolle, wenn es um die Vorgeschichte des Nationalsozialismus geht. Auch Fischer hätte Anfang der sechziger Jahre kaum ein Massenpublikum erreicht, wenn er nicht mit seiner These, Deutschland habe im 20. Jahrhundert zweimal vergeblich nach der Weltmacht gegriffen, einen Grundkonsens der frühen Bundesrepublik infrage gestellt hätte: den Grundkonsens, dass es sich beim "Dritten Reich" um einen "Betriebsunfall" der deutschen Geschichte gehandelt habe.