Am 1. August 1914 macht sich der 17-jährige Wilhelm Eildermann auf den Weg zum Bremer Hauptbahnhof. Seine beiden Brüder sind einberufen worden, das Deutsche Reich hat mobilgemacht und Russland den Krieg erklärt. "Der ganze Bahnhof voller Menschen", schreibt Eildermann in sein Tagebuch. Niedergeschlagen wirken sie auf ihn. Viele Angehörige weinen beim Abschied, einige Soldaten ertränken ihre Angst in Alkohol. "Alle haben das Gefühl: Es geht direkt zur Schlachtbank."

Was sich in Bremen abspielt, wiederholt sich an vielen Orten des Reichs. Von Begeisterung für den Krieg ist nicht viel zu spüren. Dass nur wenige Tage zuvor Tausende durch die Straßen zogen, Kaiser und Vaterland hochleben ließen und Heil dir im Siegerkranz sangen, darf darüber nicht hinwegtäuschen. Die Stimmung in Deutschland ist im August 1914 zwiespältig und widersprüchlich.

Wenig hat in den Wochen zuvor auf die sich überstürzenden Ereignisse hingedeutet. Zwar zeigten sich die Menschen schockiert, als am 28. Juni 1914 im fernen Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie ermordet wurden. Doch außerhalb Österreichs denkt deshalb noch kaum jemand ernsthaft an einen Krieg. Wer es sich leisten kann, fährt mit der Familie in die Sommerfrische. Sogar der Kaiser verreist: Wilhelm II. bricht am 6. Juli 1914 zu seiner "Nordlandreise" auf, die ihn wie jedes Jahr auf seiner Jacht in die Einsamkeit norwegischer Fjorde führt. Wenn der Kaiser Urlaub macht, dann droht doch kein Krieg! So soll man jedenfalls glauben.

Denn die Reise ist ein Ablenkungsmanöver: Reichsregierung, Militärführung und Seine Majestät selbst wollen den Eindruck erwecken, dass trotz des Attentats von Sarajevo, trotz der zunehmenden Spannungen zwischen Österreich und Serbien kein Krieg droht. Dabei sind es die Deutschen selbst, die Wien zum energischen Vorgehen gegen Belgrad anhalten. Berlin gibt dem Verbündeten freie Hand für eine militärische Intervention. "Mit den Serben muß aufgeräumt werden, und zwar bald", dröhnt Wilhelm, der sich auf seiner Reise in ständiger Alarmbereitschaft hält.

Am 25. Juli ist es so weit: Der Kaiser gibt den Befehl zur Rückkehr. Nach wochenlanger Vorbereitung hat Wien Serbien ein Ultimatum gestellt, dessen Forderungen so weit reichen, dass Belgrad sie nicht vollständig erfüllen kann. In Serbien wird die Mobilmachung verkündet, nun sieht es tatsächlich nach Krieg aus. In Berlin versammelt sich Unter den Linden eine täglich wachsende Menschenmenge: Die monarchistisch gesinnten Bürger der Stadt sind es gewohnt, hier, im Zentrum der Macht nahe dem Schloss, über Neuigkeiten auf dem Laufenden gehalten zu werden. An diesem 25. Juli aber geht es um mehr als nur die aktuellen Nachrichten. Die Menschen haben sich versammelt, um ihre vaterländische Gesinnung zu demonstrieren. Vor allem das jüngere Publikum nutzt die Gelegenheit, die Kaiser in Berlin und Wien hochleben zu lassen. In den Cafés und Gaststätten wird räsoniert und debattiert, spontane Reden werden gehalten, schließlich bewegen sich Umzüge durch die Straßen.

Später heißt es, dass an jenem Tag erstmals der "Geist von 1914" zu spüren gewesen sei, jene geradezu rauschhafte Erfahrung nationalen Zusammenhalts angesichts des drohenden Krieges. Aber der Lärm auf den Straßen Berlins täuscht: In kaum einer anderen deutschen Stadt kommt es am 25. Juli zu einer vergleichbaren Kundgebung. Erst in den folgenden Tagen bricht sich an verschiedenen Orten der nationale Furor Bahn – allerdings nicht unter allgemeinem Beifall. Die Polizei in Berlin spricht von "Radaupatriotismus", nachdem arglosen Passanten Prügel angedroht wurden, weil sie vor einem der Umzüge den Hut nicht gezogen haben. In München demolieren Studenten ein Café, weil sie an der vaterländischen Gesinnung des Eigentümers zweifeln, derweil in Dortmund ein Kommentator des General-Anzeigers einen Eimer kaltes Wasser als bestes Mittel empfiehlt, "solche Alkohol-Patrioten" zur Besinnung zu bringen.

Die SPD ist in diesem Moment die wichtigste Antikriegspartei. Am 25. Juli wendet sie sich mit flammenden Worten an ihre Anhänger. Sie protestiert gegen die "Kriegshetzer", fordert von der Regierung, den Frieden zu bewahren – "und falls der schändliche Krieg nicht zu verhindern sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung" zu enthalten: "Nieder mit dem Kriege! Hoch die internationale Völkerverbrüderung!"

Hunderttausende SPD-Anhänger folgen den starken Worten ihrer Partei und demonstrieren im ganzen Reich. Unter den Linden stoßen sie am Abend des 28. Juli mit den Kriegsbefürwortern zusammen. Trotz Verbots gelangen 1.000 bis 2.000 Kriegsgegner auf den Prachtboulevard und versuchen die Hochrufe auf den Kaiser und seinen österreichischen Verbündeten zu übertönen. "Heil dir im Siegerkranz", singen die versammelten Hurrapatrioten. Die SPD-Anhänger antworten mit der Arbeiter-Marseillaise: "Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet". In den meisten Fällen bleibt es bei einem solchen "Sängerkrieg", vereinzelt aber kommt es auch zu Prügeleien.