Von der patriotischen Hochstimmung im Kaiserreich, die manche im August 1914 empfunden hatten, war schon im Herbst nicht mehr viel zu spüren. Der Krieg veränderte das Leben auch Hunderte Kilometer von der Front entfernt. Die Umstellung von einer exportbasierten Wirtschaft auf die Bedürfnisse der Rüstungsindustrie führte bereits in den ersten Wochen zu einer Massenarbeitslosigkeit, wie es sie in Deutschland lange nicht gegeben hatte. In einigen Großstädten betrug sie 20 Prozent, und das, obwohl bereits ein großer Teil der wehrfähigen Männer einberufen worden war. Viele Familien konnten ihre Miete nicht mehr bezahlen und wurden obdachlos. "In nächster Zeit wird auch hier Krieg geführt", drohten Arbeitslose Mitte August 1914 in einer Eingabe an den Hamburger Senat: "Da schlägt der Mann die Frau und Kinder tot, der Tod ist doch leichter als das Verhungern."

Von Beginn an sprach der Kriegsalltag eine Sprache, die nichts gemein hatte mit den Beschwörungsformeln von "nationaler Gemeinschaft" und "Burgfrieden". Der erste totale Krieg der modernen Geschichte verschlang nicht nur Soldaten und Kriegsgerät, er verlangte eine umfassende Mobilisierung aller ökonomischen und gesellschaftlichen Ressourcen. Über den Ausgang des Krieges entschied nicht zuletzt die Lage an der "Heimatfront" – die Bereitschaft der Bevölkerung, die enormen Belastungen auszuhalten. Auch als sich ab Oktober 1914 die Lage auf dem Arbeitsmarkt infolge der fortgesetzten Einberufungen und der Expansion des Rüstungssektors entspannte, blieb die Stimmung gedrückt. Die zurückbleibenden Frauen mussten zusehen, wie sie sich und ihre Kinder mit der kärglichen Kriegsunterstützung, die das Reich und die Kommunen zahlten, durchbringen konnten. Nicht wenige waren gezwungen, sich eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit zu suchen. "Wenn doch dieser schreckliche Krieg erst zu Ende wäre!", schrieb im Herbst eine Hamburger Kolonialwarenhändlerin in einem Brief.

Mehr als in den anderen kriegführenden Staaten machte den Menschen in Deutschland die anhaltende Versorgungskrise zu schaffen. Vor dem Krieg hatte das Deutsche Reich 20 Prozent seiner Lebensmittel importiert. Nun schränkte die alliierte Wirtschaftsblockade die Zufuhren stark ein. Verschärft wurde die Mangelsituation durch die Unfähigkeit der Behörden, eine gerechte Verteilung sicherzustellen. Panikkäufe trieben bereits in den ersten Augusttagen 1914 die Preise in die Höhe. Auch die Festsetzung von Höchstpreisen konnte die Teuerung nicht eindämmen; sie förderte zudem die Neigung der landwirtschaftlichen Produzenten, ihre Erzeugnisse unter der Hand an zahlungskräftige Kunden abzugeben.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Im Sommer 1915 waren hochwertige Nahrungsmittel wie Fleisch, Butter und Eier für viele Großstädter bereits zu unerschwinglichen Luxusartikeln geworden. "Arbeiter, Handwerker und kleine Beamte klagen bitterlich über diese Not, die jeden Tag schlimmer wird", berichtete das Hamburger Echo, die lokale SPD-Zeitung. Doch die Lebensmittel kosteten nicht nur mehr, es gab davon auch weniger zu kaufen. Im Februar 1915 wurde die Brotkarte eingeführt, nach und nach mussten auch die anderen Grundnahrungsmittel rationiert werden. Allerdings boten die Bezugsscheine keine Gewähr dafür, dass die Verbraucher die zugesagten Minimalmengen auch bekamen, da die Lieferungen häufig den Bedarf nicht decken konnten.

Überdies sank die Qualität der Lebensmittel. Das Brot wurde mit Kartoffelmehl gestreckt, Milch mit Wasser verdünnt. Immer öfter musste die Bevölkerung mit Ersatzstoffen vorliebnehmen. Windige Geschäftemacher überschwemmten den Markt mit Schwindelfabrikaten. In fast allen größeren Städten gab es nun "Kriegsküchen". Hier konnten Bedürftige ein billiges Mittagessen, meistens einen Eintopf, bekommen. Viele Arbeiter lehnten die "Bettelsuppen" jedoch zunächst ab. Doch in ihrer Not blieb ihnen am Ende nichts anderes übrig, als ihren Widerstand aufzugeben.

Seit Herbst 1915 gehörten lange Schlangen vor Geschäften und Marktständen zum Alltag. In den Augen der Behörden waren diese "Lebensmittelpolonaisen" ein Warnsignal. Denn sie bildeten Kristallisationspunkte des Protests, aus denen sich unliebsame Störungen der öffentlichen Ordnung entwickeln konnten. So beobachtete ein Polizeibeamter vor den Verkaufsstellen in Berliner Arbeitervierteln Gruppen von Frauen, die "ihrem Unwillen in lebhafter Weise untereinander Ausdruck" gaben: "Es herrscht hierbei eine äußerst gereizte Stimmung unter diesen Proletarierfrauen und die Maßnahmen der Regierung erfahren häufig eine recht gehässige Kritik."

Am 15. und 16. Oktober 1915 explodierte die Unzufriedenheit im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Tausende von Menschen versammelten sich, Steine flogen nicht nur gegen Geschäfte, sondern auch gegen die eingesetzten Ordnungskräfte. Ein Polizeibericht vermerkte: "Allgemein wurde von den Frauen geäußert, dass dieses nur der Anfang sei und sie sich lieber totschlagen lassen wollen als verhungern." Danach riss die Kette der Hungerkrawalle im gesamten Kaiserreich nicht mehr ab. Frauen demonstrierten für "Frieden und Brot", stürmten Rathäuser und plünderten Lebensmittelgeschäfte. Dagegen schritten Polizeibeamte oft mit übertriebener Härte ein, was wiederum den Zorn der hungernden Menschen steigerte. Über die ersten großen Unruhen auf dem Münchner Marienplatz im Juni 1916 notierte ein Augenzeuge, der Anarchist Erich Mühsam, in sein Tagebuch: "Die Polizisten hatten blank gezogen und ritten jetzt, nach allen Seiten schlagend, über den Platz. Man hörte Schreie von Verwundeten, namenlose Wutäußerungen: Pfui! Sauhunde! Preußenknechte! Helden! Auf Weiber und Kinder habt ihr Mut! Pfui! Pfui!"

Der Winter 1916/17 ging als "Steckrübenwinter" in die Geschichtsbücher ein. "Hier bei uns sieht es traurig aus", klagte eine Hamburger Arbeiterin in einem Brief vom Februar 1917. "Schon fünf Wochen keine Kartoffeln, Mehl und Brot knapp. Man geht hungrig zu Bett und steht hungrig wieder auf. Nur die ewigen Rüben, ohne Kartoffeln, ohne Fleisch, alles in Wasser gekocht."

Die Beschaffung von zusätzlichen Lebensmitteln, das Hamstern, wurde zu einer Überlebensfrage. Trotz aller Verbote und Kontrollen durchkämmten Kolonnen von Großstädtern an den Wochenenden die ländlichen Regionen auf der Suche nach Essbarem. Freilich: Wer genügend Geld hatte, der konnte sich auf dem Schwarzmarkt die begehrten Waren verschaffen. Das sorgte für Erbitterung. "Alles wird für die Reichen, für die Besitzenden reserviert", empörte sich eine Frau in einer Hamburger Kriegsküche im Februar 1917. "Die schönen Reden vom Durchhalten gelten nur für die arbeitende Klasse, die herrschende Klasse hat sich mit ihrem Geldsack schon genügend versorgt."

Das offenkundige Versagen der Behörden bei der Bekämpfung des "Schleichhandels" wurde als fundamentaler Verstoß gegen das Gebot sozialer Gerechtigkeit empfunden und schürte den Hass auf die Wohlhabenden. Hinter der täuschenden Fassade burgfriedlicher Eintracht traten die Konturen der wilhelminischen Klassengesellschaft scharf hervor. Die Achtung für Recht und Gesetz ließ nach. Diebstähle oder Fälschungen von Lebensmittelkarten waren an der Tagesordnung. Harte Strafen hatten kaum noch abschreckende Wirkung. Der Hunger schuf seine eigenen Gesetze, gegen die alle Vorschriften und Sanktionen nichts mehr ausrichten konnten.