Zu Hunderttausenden zogen 1914 junge Männer ins Feld, im Kopf den Krieg, wie ihre Väter und Großväter ihn erlebt hatten. Welche Mordsgewalt der neue Krieg entfesseln würde, war ihnen nicht bewusst. Niemand, hieß es im Nachhinein, habe ermessen können, wie verheerend die modernen Waffen wirken würden. Aber stimmt das?

Die Lektüre des sechsbändigen Werkes Der Krieg des polnischen Pazifisten Jan Bloch zeigt, dass man sehr wohl erahnen konnte, was nach 1914 geschah. "Der Krieg", schrieb er 1899 – 15 Jahre vor Beginn des großen Mordens –, sei "in Folge der außerordentlichen Fortschritte der Waffentechnik, der hochgesteigerten Präzision der Feuerwaffen und ihres enormen Vernichtungsvermögens furchtbarer geworden. Vom nächsten großen Kriege kann man als von einem Rendez-vous des Todes sprechen!"

Bloch hatte auch erkannt, dass die modernen Waffen – Maschinengewehre, schwere Artillerie – Verteidigungswaffen waren. Und so sah er recht genau voraus, was im Ersten Weltkrieg eintrat: dass die Soldaten sich angesichts des gegnerischen Feuers eingraben, Millionenheere sich unbeweglich gegenüberstehen würden und am Ende niemand wirklich gewinnen könne.

Als 1914 in Europa der Krieg begann, war Bloch längst nicht mehr der einzige Mahner. Trotzdem herrschte in sämtlichen Generalstäben auch weiterhin ein wahrer "Kult der Offensive". Die technischen Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit ignorierten die Militärs zwar nicht. Aber sie kalkulierten sie zynisch mit ein, man brauche eben nur genug Soldaten. So ließen die Generäle ihre Massenheere zu Beginn des Krieges beinahe ungeschützt aufeinanderprallen. Im August und September 1914 wurden im Westen, wo die stärksten Industrienationen ihrer Zeit aufeinandertrafen, mehr als 700.000 deutsche und französische Soldaten getötet, verletzt oder gefangen genommen, etwa genauso viele wie zwei Jahre später in Verdun in einem Zeitraum von acht Monaten. Wie Bloch prophezeit hatte, erstarrte die Front. Die moderne Technik beschleunigte den Krieg nicht, sondern führte in einen rasenden Stillstand.

Zugleich zeigte sich, dass manch technisches Wundermittel, auf das Ingenieure, Militärs und Ideologen vor 1914 gesetzt hatten, keineswegs kriegsentscheidend war. Der deutschen Flotte, deren Aufbau erst zur Rivalität mit Großbritannien und dann zu einem Wettrüsten in Europa geführt hatte, gelang es nicht, die britische Seeblockade zu durchbrechen. Sie rostete in den Häfen. Lediglich 1916 hatte sie einen großen Auftritt: im Skagerrak in der Seeschlacht gegen Großbritannien – die mit einem Patt endete.

Auch der Krieg mit den neu entwickelten Unterseebooten gegen die britische Handelsmarine brachte keinen entscheidenden Vorteil. Großbritannien stand die Versorgungsengpässe durch. Und der Angriff eines deutschen U-Boots auf das englische Passagierschiff Lusitania am 7. Mai 1915, bei dem 1200 Menschen ums Leben kamen – darunter 126 US-Bürger –, empörte die Weltöffentlichkeit. Deutschland setzte den U-Boot-Krieg zunächst aus. Im Februar 1917, nach weiteren Rückschlägen an der Westfront, nahm es ihn in verschärfter Form wieder auf. Am 6. April 1917 traten deswegen die USA in den Krieg ein.

Ähnliches gilt für den Luftkrieg. Piloten klärten Stellungen des Gegners auf und attackierten die feindliche Artillerie im Hinterland. In Luftduellen beschossen sie sich gegenseitig mit Pistolen, Karabinern und schließlich Maschinengewehren. Bis 1918 hoben außerdem deutsche Zeppeline zu mehr als 50 Angriffen gegen England ab. Mit ihren Bomben und Granaten töteten sie rund 550 Menschen. "Zeppelin, flieg / Hilf uns im Krieg / Fliege nach Engeland / Engeland wird abgebrannt / Zeppelin, flieg!", sangen deutsche Schulkinder. Doch die Wirkung der Angriffe war geringer als erhofft. Die Luftschiffe waren zu leicht abzuschießen. Zudem konnten sie nur wenige Bomben tragen.

Prägend für den Ersten Weltkrieg und ursächlich für die neue Dimension des Tötens und Sterbens, die er mit sich brachte, waren denn auch andere Waffen: allen voran die moderne Artillerie und das Maschinengewehr.

Bereits 1884 hatte der Brite Hiram Maxim das erste transportable, einläufige und vollautomatische Modell vorgestellt. Es wog an die 30 Kilo und konnte bis zu 600 Schuss pro Minute abfeuern. Die Maschinengewehre, die im Ersten Weltkrieg benutzt wurden, waren kaum leichter und schneller. Sie mussten vor dem Gebrauch aufgebaut und dann von zwei Soldaten bedient werden. Für Angriffe waren sie daher völlig ungeeignet. Man setzte sie stattdessen in breiter Front zur Verteidigung ein. Schon bald sprach man im Landserjargon von "niedermähen".

Auch die Artillerie war seit dem Beginn des Jahrhunderts entscheidend weiterentwickelt worden. Schwere Geschütze wie die "Dicke Bertha", ein 420-Millimeter-Mörser aus der Waffenschmiede des Essener Krupp-Konzerns, zerstörten noch Ziele in Dutzenden Kilometer Entfernung. Die Geschosse durchschlugen sogar herkömmliche Bunkermauern. Leichtere Feldgeschütze feuerten bis zu 30 Granaten in der Minute ab. Rauchlose Munition kam auf, sodass die Rohre nicht mehr nach jedem Schuss gereinigt werden mussten – und der Gegner nicht sehen konnte, von wo geschossen wurde. In Kombination mit den Maschinengewehrstellungen verursachten diese Neuerungen bis dahin ungeahnte Verluste. Die Explosivgeschosse der schweren Geschütze verwandelten die Schlachtfelder in bizarre Kraterlandschaften.