Augustus brachte den Frieden, doch friedfertig war er nicht. Seine gesamte Herrschaft über führte der Friedenskaiser das Schwert, unterwarf in Kriegen und Feldzügen Völker und Könige. In Italien aber, der Mitte der Welt, herrschte die Pax Augusta. Die Gewalt nach außen war die Kehrseite, ja womöglich die Bedingung für den Frieden im Innern.

Bis heute ist die Forschung sich nicht einig, welchen Aspekt es stärker zu akzentuieren gilt. Manche attestieren dem Kaiser eine eher defensive Grundhaltung, wobei sie sich auf einen Strang der antiken Überlieferung berufen: Hatte Augustus dem Geschichtsschreiber Tacitus zufolge nicht seinem Nachfolger Tiberius eine gerade nicht expansive, sondern den territorialen Bestand des Imperiums wahrende Außenpolitik anempfohlen? Andere hingegen versuchen den Friedensfürsten als den gewaltigsten Kriegstreiber überhaupt zu entlarven. Belege finden sie gleichfalls genug.

Was waren die Motive des Kaisers? Was trieb ihn immer wieder in die äußersten Winkel seines Reiches?

Keine andere Quelle gibt darüber besser Auskunft als die Res Gestae Divi Augusti, der Tatenbericht des Kaisers. Mehrfach hat er das Dokument redigiert, zum letzten Mal im Frühjahr 14, kurz vor seinem Tod. Erhalten ist es unter anderem als Tempelinschrift in Ankara, im sogenannten Monumentum Ancyranum. Die Res Gestae stellen natürlich nicht den objektiven Geschichtsverlauf dar, aber sie sind doch ein authentisches Zeugnis dafür, wie der Kaiser selbst am Ende seiner Regierungszeit seine Lebensleistung eingeschätzt hat und wie er sie der Nachwelt überliefert sehen wollte.

Wie in der Innenpolitik stellt er sich dabei auch im Verhältnis zu den auswärtigen Völkern als Vollender, ja Übererfüller des mos maiorum, des römischen Adelsethos, dar. Als dem Recht und der Tradition verpflichteter Römer operiert Augustus mit Kategorien wie Freundschaft und Treue (amicitia beziehungsweise fides populi Romani). Er führt seine Kriege stets im Einklang mit dem göttlichen und menschlichen Recht (bellum iustum). Nie verliert er die Hoheit des römischen Volkes, die maiestas populi Romani, aus den Augen. Und da bereits zu Zeiten der Republik allerorten die Grenzen nach außen verschoben (fines propagare, augere, proferre) und auswärtige Feinde "befriedet" (pacare, pacari facere) wurden, sieht es Augustus geradezu als seine Pflicht an, diesen Weg fortzusetzen.

Schon im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. war Rom zur Herrin des Mittelmeerraums geworden. Doch die Herrschaft der Römer konzentrierte sich vielerorts auf die Küstengebiete des mare nostrum, und oft begnügte sich der Senat damit, bereits bestehende, formal unabhängige Autoritäten anzuerkennen und eine mal mehr, mal weniger spürbare Kontrolle über sie auszuüben.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Bereits zur Zeit des Pompeius (106–48 v. Chr.) und Caesars (100–44 v. Chr.) hatte man mit dieser Praxis allerdings verschiedentlich gebrochen. Pompeius schuf im Osten neue römische Provinzen, Caesar unternahm das Abenteuer, Gallien zu unterwerfen. Augustus hat diesen Weg, ungeachtet aller Gegenwehr und trotz drohender Kriege und Aufstände, konsequent weiterverfolgt. Und er begann damit, noch bevor er im Jahr 27 v. Chr. zum Prinzeps wurde – so etwa im ptolemäischen Ägypten.

Wie in vielen Ländern am Rand des römischen Einflussgebietes hatte hier viele Jahrzehnte lang ein Königtum von Roms Gnaden geherrscht. Doch nun, 30 v. Chr., nach dem Sieg über Antonius bei Actium und Kleopatras Selbstmord, verwandelte Augustus – damals noch: Octavian – das letzte bedeutende hellenistische Königreich und reichste Land des damals bekannten Erdkreises in eine Provinz und überführte es damit in den Besitz des römischen Volkes. Die Statthalterschaft verlieh er an einen von ihm eingesetzten ritterlichen Präfekten. So stellte er sicher, dass er auch künftig den unmittelbaren Zugriff auf Ägypten behielt. Senatoren durften nur mit seiner ausdrücklichen Genehmigung in das Land am Nil einreisen.

In anderen Gebieten des römischen Ostens hingegen hielt Augustus an der Tradition der indirekten Herrschaft fest. In Judäa und Osrhoëne, Armenien und Galatien, auch im Bosporanischen Reich stattete der Kaiser einheimische Könige mit Herrschaftsbefugnissen aus und entlastete so den römischen Verwaltungsapparat. Bezeichnenderweise griff er dabei auffallend oft auf personelle Lösungen zurück, die bereits vor ihm sein Bürgerkriegsrivale Antonius gefunden hatte.

Ganz anders verhielt es sich im Westen, wohin es Augustus gleich zum Auftakt seiner Herrschaft zog, um die Eroberungen aus republikanischer Zeit fortzusetzen. Schon während des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.) gegen Karthago hatten die Römer begonnen, die Iberische Halbinsel nach und nach zu durchdringen. Hier nun hoffte der soeben zum Prinzeps Erhobene, sich durch einen raschen militärischen Erfolg als großer Feldherr beweisen und das Römische Reich bis an die Grenze der bekannten Welt ausdehnen zu können – bis an das Ufer des Atlantiks.

Doch so leicht war der Sieg nicht zu erringen, mit dem er seine umfassenden neuen Befugnisse gleichsam nachträglich außenpolitisch legitimieren wollte. Zwei Jahre lang hielt Augustus sich in Spanien auf. Am Ende musste, wie schon bei Actium im Kampf gegen Antonius und Kleopatra, sein treuer Gefährte Agrippa einspringen.

Sieben Jahre währte der Kantabrische Krieg, der im Jahr 19 v. Chr. schließlich zur völligen Eroberung und territorialen Neugliederung Hispaniens führte. Ebenso gelang es unter Augustus, die in der Triumviratszeit ins Stocken geratene Neuordnung Galliens mit Nachdruck weiterzubetreiben und den Alpenraum zu erobern.

Ewige Unruhe herrschte unterdessen auf dem Balkan, wo die Republik bereits seit dem ausgehenden 3. Jahrhundert v. Chr. mit wechselndem Erfolg gegen allerlei illyrische, thrakische, keltische und andere barbarische Völker zu Felde gezogen war. Hier mündeten die Anstrengungen der Heerführer des Augustus in der Gründung mehrerer Provinzen südlich der Donau.

Befriedet war das Gebiet damit noch nicht. Im Jahr 6 n. Chr. entbrannte eine äußerst blutige Revolte, die fast vier Jahre dauerte: der Pannonische Aufstand. Zeitweise kämpften mehr als 100.000 Soldaten gegen die Rebellen, die sich unter anderem gegen die von Rom verordneten Tributzahlungen und Rekrutierungen wehrten. Erst 9 n. Chr. endeten die opferreichen Auseinandersetzungen – mit einem Sieg der Römer, die ihre Vormachtstellung zwar behaupten konnten, aber zugleich deutlich vor Augen geführt bekamen, wie teuer diese erkauft war.

Im Falle des Partherreiches im Osten verzichtete Augustus auf eine groß angelegte Offensive. 53 v. Chr. hatten die Römer unter ihrem Feldherrn M. Licinius Crassus eine schmachvolle Niederlage gegen die Parther erlitten, die sich als einzige Großmacht im Orient dem römischen Expansionsstreben erfolgreich widersetzten. Als Erster war daraufhin Caesar angetreten, Roms Ansehen wiederherzustellen. Doch bevor er in die Schlacht gegen die Parther ziehen konnte, wurde er im Senat erdolcht. Rund zehn Jahre später versuchte Antonius einen Rachefeldzug – und scheiterte kläglich.