Octavian ist noch nicht einmal endgültig an der Macht, da schmiedet er schon Pläne für seine Nachfolge. Gerade einmal 32 Jahre ist er alt, als er damit beginnt. Sein Ziel ist es, eine Dynastie zu gründen. Das Wichtigste aber fehlt ihm: Er hat keinen leiblichen Sohn, und er wird auch niemals einen bekommen. Seine Ehefrau Livia kann nach einer Totgeburt keine Kinder mehr zur Welt bringen. Und das ist längst nicht das einzige Problem, das Octavian lösen muss. Denn die Vererbung von Macht, die er anstrebt, ist auch mit der republikanischen Tradition unvereinbar, in der sich der Einzelne durch Leistung als würdig für ein hohes Amt erweisen muss.

Für Octavian steht trotzdem außer Frage, dass er versuchen wird, seine Stellung zu festigen und einen Nachfolger aus der eigenen Familie zu finden. Er weiß: Er muss vorsichtig sein, um auch ja die Illusion aufrechtzuerhalten, es gehe alles mit rechten republikanischen Dingen zu. Und er muss versuchen, sämtliche familiären Verbindungen zu nutzen.

Seine einzige Tochter Iulia, die aus einer früheren Ehe stammt, spielt daher von Anfang an eine besondere Rolle in seinen Planungen. Im Jahr 25 v. Chr. verheiratet er die 14-Jährige mit ihrem 17-jährigen Cousin Marcellus, Augustus’ nächstem männlichen Verwandten, den er zu einem geeigneten Anwärter aufzubauen beginnt: Marcellus erhält Privilegien, die ihn deutlich von seinen Altersgenossen absetzen. Schon im Triumphzug für den Sieg bei Actium nimmt er einen besonderen Platz ein: Er reitet an der rechten Seite seines Onkels. 23 v. Chr. wird er, zehn Jahre früher als in der Ämterlaufbahn vorgesehen, Aedil und ist damit zuständig für die öffentliche Infrastruktur. Gleichzeitig wird er in das Kollegium der Pontifices aufgenommen, das über die sakralen Dienste wacht. Aus diesem Anlass gibt es glanzvolle Spiele. Da es brütend heiß ist, lässt Marcellus das überfüllte Theater mit Sonnensegeln überspannen, auch das Forum schirmt er ab. Schließlich geht es, wie immer bei öffentlichen Spielen, für einen Aedilen darum, die Menschen für sich einzunehmen. Alles scheint auf einem guten Weg, doch im Spätsommer desselben Jahres stirbt Marcellus. Todesursache: ungeklärt.

Ein neuer Plan muss her, und wieder kommt Augustus’ Tochter Iulia die wichtigste Rolle darin zu. Sie wird abermals verheiratet, und zwar mit Augustus’ fähigstem Feldherrn und ergebenem Freund Agrippa. Innerhalb weniger Jahre bekommt sie fünf Kinder, darunter drei Jungen. Eine ideale Situation für Augustus: Langfristig kann er nun seine Enkel als Nachfolger heranziehen. Und sollte er sterben, bevor die beiden ins Mannesalter kommen, würde Agrippa als Interimsherrscher einspringen.

17 v. Chr. adoptiert der Prinzeps seine beiden ältesten Enkel, den dreijährigen Gaius und dessen wenige Wochen alten Bruder Lucius – und verbindet die Adoption mit den ludi saeculares, den Säkularspielen. Diese Feier soll eigentlich alle hundert Jahre stattfinden, die Bürgerkriege aber hatten den Rhythmus unterbrochen. Nun läutet die Säkularfeier symbolisch den Beginn eines neuen, Glück verheißenden, friedlichen Zeitalters ein. Sie steht zudem in unmittelbarem Zusammenhang mit der Verabschiedung der ersten Moral- und Sittengesetze zur Steigerung der Geburtenrate. Die beiden Kinder werden auch aus diesem Grund zu Garanten des Glücks erhoben.

Die Säkularfeier ist ein Spektakel, wie Rom es selten erlebt hat. Überall hängt der Geruch der Tieropfer in der Luft. Auf dem Höhepunkt der Spiele singt ein Kinderchor das Carmen Saeculare, das der Dichter Horaz eigens zu diesem Zweck verfasst hat, und erfleht Wohlstand und Glück von den Göttern.

Mit beträchtlichem Aufwand wird in den folgenden Jahren die Botschaft unters Volk gebracht, dass die beiden Adoptivsöhne tapfer, großzügig und von den Göttern begünstigt seien. Denn nur wenn Augustus es schafft, den Bürgern glaubhaft zu machen, dass seine Enkel ihm als Wohltäter und Patrone des Vaterlandes nachfolgen können, wird es ihm gelingen, seine monarchische Herrschaft auf Dauer zu sichern, ohne die politische Ideologie von der wiedererstandenen Republik aufgeben zu müssen.

Bereits mit sieben Jahren darf Gaius im Jahr 13 v. Chr. in der Troia auftreten, einem Reiterkampfspiel, das an die Ahnherrin erinnern soll, auf die Augustus seine Familie zurückführt: Venus, die Mutter des römischen Stammvaters und Helden von Troja, Aeneas. Augustus braucht Anlässe, um seine Enkel in der Öffentlichkeit vorzustellen. Reiterspiele sind dafür gut geeignet, denn auf dem Pferd kann Gaius seinen Mut und seine Geschicklichkeit beweisen.

Die Dinge scheinen sich nun endlich zum Guten zu wenden, doch dann, im Jahr 12 v. Chr., ereilt der nächste Schicksalsschlag den Prinzeps: Agrippa stirbt. Gaius und Lucius aber sind noch längst nicht volljährig. Eine neue Zwischenlösung muss gefunden werden. Und zu diesem Zweck nötigt Augustus Iulia abermals in eine Ehe – diesmal mit seinem Stiefsohn Tiberius, dem Sohn Livias.

Nicht ohne Unbehagen betrachtet der in den nächsten Jahren, wie Augustus alle Kraft darauf verwendet, seine beiden Adoptivsöhne ins rechte Licht zu rücken. 9 v. Chr. wird die Ara Pacis, der große Friedensaltar des Augustus, fertiggestellt. Er führt in eindrücklichen Szenen die Stärke seiner vielköpfigen Familie vor und zeigt ihre Mitglieder als fromme Verehrer der Götter. Gaius und Lucius werden in der Tracht des Troia-Spiels dargestellt – zur Erinnerung an ihren ersten öffentlichen Auftritt und ihre Verbindung zu Venus und Aeneas. Wer wollte, konnte die Knaben auch auf der Ostseite des Altars erkennen, wo auf den Knien der Göttin Tellus, der Mutter Erde, ein Brüderpaar spielt.

Zur selben Zeit kommen Silbermünzen in Umlauf, auf denen die Brüder mit ihrer Mutter Iulia abgebildet sind. Über dem Familienbild prangt die corona civica, die Bürgerkrone, die auf Senatsbeschluss als Zeichen der Rettung Roms durch Augustus am Eingang seines Palastes angebracht wurde. Auf den Münzen wird das Heilsversprechen auf die beiden Knaben übertragen.

Eine Probe steht ihnen gleichwohl noch bevor: sich vor dem Heer, der wichtigsten Stütze der augusteischen Macht, als würdig zu erweisen. Im Jahr 8 v. Chr. hat der nun zwölfjährige Gaius daher seinen ersten großen Auftritt bei den Legionen der wichtigen Rheinarmee. Er wird ihnen bei eigens veranstalteten Spielen als comes Augusti (Begleiter des Kaisers) vorgestellt und soll seinen Mut beweisen. Ein großzügiges Geldgeschenk an die Truppen sorgt dafür, dass der Auftritt des Enkels den Soldaten im Gedächtnis bleibt. Die dafür in Lugdunum (Lyon) geprägten Münzen in Gold und Silber zeigen das Reiterbild des Gaius.

Kurz darauf designiert der Senat Gaius als Konsul – im Alter von 21 Jahren soll er den Posten übernehmen dürfen, für den er nach geltendem Recht mindestens 43 Jahre alt sein müsste. Die Ritter ernennen Gaius und Lucius außerdem nacheinander zu principes iuventutis (zu den "Ersten" der Jugend), ein Ehrentitel, der politisch ohne Bedeutung ist, aber die Rolle des Prinzeps, des ersten Bürgers, die Augustus für sich beansprucht, antizipiert. Neue Münzen zeigen die principes iuventutis in ziviler Kleidung. Dies macht das Prinzip der augusteischen Dynastiebildung besonders deutlich: Die Nachfolger müssen sowohl vor dem Volk als auch vor dem Heer bestehen, wenn sie eine Chance haben sollen.