Die alte Na Roqua ist dem Tode nah, aber nichts kann den ehernen Willen der knorrigen Ketzerin brechen. Gerade erst hat sie auf dem Sterbebett durch einen Wanderprediger die Tröstung empfangen. Endlich kann sie aus dieser Welt, jener Schöpfung des Teufels, heimkehren zu Gott. Doch der Weg dorthin ist voller selbst auferlegter Qualen: Na Roqua glaubt, dass sie nur im freiwilligen Hungertod, der endura, die vollständige Erlösung erlangen kann. Als eine Magd des Hauses ihr etwas Brühe von gepökeltem Schweinefleisch einflößen will, presst sie mit letzter Kraft die Lippen zusammen. Erst nach der dritten Nacht, beim ersten Morgenrot, stirbt sie. Auf dem Dach kreischen zwei Eulen. Die Magd hört es und sagt: "Das sind die Teufel, die die Seele der Na Roqua holen."

Der Bericht vom Sterben der Ketzerin im Jahr 1305 ist aus einer Quelle überliefert, deren Wiederentdeckung vor mehr als 100 Jahren die Historikerzunft elektrisierte: Er stammt aus den berühmten Inquisitionsprotokollen des Bischofs Jacques Fournier, des späteren Papstes Benedikt XII. Seine Ernennung zum Bischof von Pamiers im Jahr 1317 markiert den Beginn der finalen Offensive gegen die letzten verbliebenen Vertreter der antirömischen, katharisch gesinnten Volkskultur, die im abgelegenen Hochland der französischen Pyrenäen Zuflucht gefunden hat, unter anderem in dem abgelegenen Dorf Montaillou am Fuß der Pyrenäen, wo auch die alte Na Roqua lebte.

Um die Falschgläubigen zu überführen, gründet Fournier 1318 in Pamiers ein eigenes Ketzergericht. Unter seinem Vorsitz tagt die Inquisition zwischen dem 15. Juli 1318 und dem 9. Oktober 1325 an 370 Tagen. Er führt 578 Vernehmungen durch; in 114 Fällen erhebt er Anklage. Sämtliche Verhöre werden weitgehend wortgetreu von einem bischöflichen Notar protokolliert. Aus den Mitschriften lässt der Inquisitor später ein 1500 Seiten umfassendes Register zusammenstellen. Manche Verhöre füllen 10, 20 oder mehr Seiten der großen, zweispaltig beschriebenen Folioseiten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, mehr als 500 Jahre nach ihrer Entstehung, werden die in der Bibliothek des Vatikans archivierten Verhörprotokolle öffentlich zugänglich gemacht.

Bis heute gelten die Fournier-Register als eine der wichtigsten Quellen aus dem späten Mittelalter. Für die ländliche Religions- und Sozialgeschichte der Epoche sind sie von einzigartigem Wert, denn während sich jene Zeit ansonsten fast ausschließlich aus der Perspektive kirchlicher und weltlicher Machthaber offenbart, lassen die Verhöre einfache Menschen vom Lande zu Wort kommen: Bauern, Weber, Schuster, Schmiede, Schafhirten, Mägde. Dem englischen Literaturwissenschaftler René Weis, der ein Buch über die Geschichte der letzten Katharer geschrieben hat, vermittelt die Lektüre der Handschriften "das Gefühl, vor dem geistigen Auge laufe ein Dokumentarfilm über eine sieben Jahrhunderte zurückliegende Geschichte ab".

Im Zentrum der Nachforschungen Fourniers steht Montaillou, auf gut 1400 Meter Höhe im heutigen Département Ariège gelegen. Das Dorf gilt als Brutstätte der Katharer. Die Mehrheit der gut 200 Einwohner ist vom häretischen Gedankengut infiziert. "Es bedurfte großer Anstrengungen der Inquisitoren, die Solidarität der vielfältig miteinander versippten katharischen Familien von Montaillou zu sprengen", schreibt der französische Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie in seinem 1975 erschienenen berühmten Werk Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor. Erst allmählich gelingt es Fournier, "das Dorf in jenen Hexenkessel zu verwandeln, in dem jeder den Untergang seines Nachbarn plante – in der irrigen Hoffnung, derart dem eigenen zu entgehen".

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Le Roy Ladurie, ein Historiker der Annales-Schule und Spezialist für Alltagsgeschichte, hat den Handschriften aus dem frühen 14. Jahrhundert neues Leben eingehaucht – vor allem indem er die Aussagen von Angeklagten und Zeugen zueinander in Beziehung gesetzt und interpretiert hat. Seiner langjährigen Arbeit mit den Protokollen ist es zu verdanken, dass die Dorfbewohner fast so lebendig erscheinen, als seien sie aus einer Reportage ausgeschnitten. Zwar wurde seine Darstellung wegen des recht laxen Umgangs mit den Quellen und etlicher methodischer Mängel von Historikern kritisiert; dennoch gilt sie als Meilenstein der Mikrogeschichte. Schon das Original der Register, frei von jeglicher Interpretation aus heutiger Sicht, eröffnet faszinierende Einblicke in das Weltbild der letzten Katharer und ihrer Widersacher, in ihre Vorstellungen vom Diesseits und vom Jenseits. Da erzählen Schäfer, dass "die Seelen der Bösen in die Felsen und Schluchten getrieben werden, und die Teufel stürzen diese bösen Seelen von der Höhe der Felsen in die tiefen Abgründe". Man erfährt, welche Familien im Dorf die katharischen Wanderprediger, perfecti genannt, versteckten, wer sie mit Brot, Honig, Mehl und Wein versorgte – und dass sie es mit der ihnen auferlegten Askese manchmal nicht ganz so genau nahmen.

Wie durch ein Brennglas offenbaren die Verhörprotokolle die soziale Anatomie des spätmittelalterlichen Dorfes – als hätte nicht ein Inquisitor die Beziehungen durchleuchtet, sondern ein Team von Soziologen. Wir werden Zeuge, wie Menschen, versteckt hinter einer dünnen Bretterwand, ihre Nachbarn aushorchen. Erfahren, wie sich Männer und Frauen, auch in der Kirche oder zwischen Fässern, "fleischlich vermischen". Lernen, dass die Dörfler unter Fisteln am Schenkel, Geschwüren, Beulen und Skrofeln litten, unter Krätze, Grind, Aussatz und Sankt-Antonius-Feuer. Und dass man sich so gut wie nie wusch, auch nicht "zwischen den Beinen". Allerdings las man sich gern gegenseitig die Läuse ab; dafür suchten die Dörfler die flachen Dächer auf und unterhielten sich beim Entlausen von Dach zu Dach. Manche Frauen und ihre Liebhaber versuchten sich ideenreich gegen ungewollte Folgen einer Affäre zu schützen. "Fortan trug er, wenn er mich fleischlich erkennen wollte, dieses Kraut bei sich, eingewickelt in ein Stück Leinen etwa von der Dicke und Länge des ersten Gliedes meines kleinen Fingers", gab die langjährige Geliebte des Dorfpfarrers zu Protokoll. "Dieses Ding hing an einer Schnur zwischen meinen Brüsten herunter und blieb über der Öffnung meines Bauches liegen."

Fügt man all diese Puzzleteile zusammen, entsteht ein farbenreiches Sittengemälde des ländlichen Lebens jener Zeit – fast ein Vorläufer moderner soziografischer Forschung, etwa der legendären Studie Die Arbeitslosen von Marienthal aus den 1930er Jahren, die den wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Verfall eines österreichischen Dorfes nach Schließung der örtlichen Textilfabrik dokumentierte.