Frauen, die der Teufel reitet – Seite 1

Was sollen sie nicht alles verbrochen haben! Hexen und Hexer, hieß es, flögen zu nächtlicher Stunde zu ihren Versammlungen, trieben "Unzucht" und verspeisten kleine Kinder. Die Hexerei sei die schlimmste Häresie überhaupt. In den Augen ihrer Verfolger stellte sie denn auch weit mehr als nur eine Abweichung vom wahren Glauben dar, nämlich die vollständige Absage an den dreieinigen christlichen Gott und die Annahme des Teufels zum Herrn. Der Teufel war es auch, der die Verdächtigen befähigt haben soll, sich in Tiere zu verwandeln und ihren Mitmenschen auf übernatürliche Weise Schaden zuzufügen. Von Anfang an stand auf Hexerei die Todesstrafe. Bei anderen Häresien wurde sie nur gegen rückfällige Angeklagte ausgesprochen, Hexen und Hexern aber wollte man jede Chance auf Wiederauferstehung ihres Körpers nehmen.

Wie kamen die gelehrtesten Männer ihrer Zeit zu der Vorstellung, dass es Menschen gebe, die einen Pakt mit dem Teufel schlössen, um anderen durch Malefizien – Schadenszauber – Böses anzutun oder sie gar zu töten? Der Mechanismus, der dies bewirkte, lässt sich im Piemont studieren. In drei großen Wellen hat die Inquisition dort die Waldenser bis zum Ende des 14. Jahrhunderts praktisch ausgerottet. Dabei war sie zu einer ständigen Institution geworden, doch ihre Effizienz barg die Gefahr, sich selbst die Daseinsberechtigung zu entziehen. Welche Aufgabe konnte sie noch haben, wenn es keine Häretiker mehr gab?

Ein probates Gegenmittel lag in einem Trick, der den Inquisitoren nicht als solcher bewusst gewesen sein dürfte: der Erfindung neuer Häretiker, der Hexer und Hexen. Folglich entstand die Hexerei auch als letzte der mittelalterlichen Häresien, und viele Vorwürfe, die man gegen Hexen und Hexer erhob, waren schon in den Prozessen gegen Katharer und Waldenser vorgebracht worden. Aus diesen "wirklichen" Häresien und den tatsächlich vorhandenen magischen Praktiken der Zeit entwickelte die Inquisition die Vorstellung von der Hexerei als einer gefährlichen häretischen Sekte. In Wirklichkeit aber hat es diese nie gegeben.

Die Verbindungen zwischen frühen "wirklichen" Häresien und der "imaginären" Hexerei sind vielfältig. So fußte der Glaube der Katharer auf einem dualistischen Weltbild, in dem der Teufel als Schöpfergott auftrat. Auch hielten Katharer und Waldenser, ebenso wie es Hexen und Hexern nachgesagt wurde, nächtliche Zusammenkünfte ab.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Waldenser beichteten sowohl bei katholischen Pfarrern als auch bei Wanderpredigern. Diese verhängten besonders strenge Bußen, die auch als besonders wirksam galten. Da es jedoch verboten war, außerhalb der Kirche zu beichten, empfingen die Waldenser ihre Wanderprediger häufig mitten in der Nacht.

Bei den Katharern erklärte sich das konspirative Verhalten aus dem unsteten Wanderleben, zu dem die Perfekten, die katharischen Priester, durch die Inquisition gezwungen waren. Perfekte zogen von Ort zu Ort und übernachteten bei Gläubigen, die sie bewirteten. Dort kamen ihre Anhänger nachts zusammen und hörten die Predigten. Besonders brenzlig wurde die Situation, wenn es galt, einen Sterbenden mit dem letzten Sakrament, dem consolamentum, zu versehen, das es dem Gläubigen erlaubte, direkt in den Himmel einzugehen. Für die Verwandten hieß es dann, eilig einen Perfekten aufzutreiben, heimlich, mitten in der Nacht. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dürften oft auch Nichteingeweihte mitbekommen haben, dass etwa im Nachbarhaus Begegnungen stattfanden, von denen sie nicht wissen sollten. So kamen Bilder von nächtlichen Orgien und "Unzucht" auf, die viel über die Vorstellungswelten des Mittelalters verraten, mit der Wirklichkeit aber nichts zu tun hatten.

Nicht zuletzt mischten sich antisemitische Stereotype ins Bild der Hexerei. In den Jahren 1387 und 1388 hatte die Inquisition in Pinerolo und Turin ungewöhnliche Vorwürfe gegen die Waldenser erhoben: Diese hielten regelmäßig "Synagogen" ab. "Synagoge" ist ein anderer Name für den späteren "Sabbat". Längst hatte sich zu dieser Zeit die Vorstellung von einem Pakt mit dem Teufel in das Bild eines typischen Ketzers eingeschlichen. Nun überlagerten sich die Idee ketzerischer Teufelsdienste und der Antisemitismus vieler Kleriker zum neuen Konstrukt des "Hexensabbats".

Man fürchtete, dass die eigenen Gerätschaften durch Zauber untauglich würden

Imaginäre Häresien wie die der Hexerei sind fast so alt wie die "wirklichen". So will der Inquisitor Konrad von Marburg bereits um 1230 in Deutschland "Luziferianer" entdeckt haben, als er die Katharer bekämpfte. In einem Brief an den Papst schilderte er die Aufnahme eines Neulings in die Gemeinschaft. Dieser müsse zunächst einen schwarzen Kater auf den Hintern küssen, darauf folge eine Orgie, bei der jede mit jedem und auch jeder mit jedem und jede mit jeder "Unzucht trieb". Am Ende stehe der Auftritt eines Mannes, der "oberhalb der Lenden heller als die Sonne" sei, "aber unterhalb ebenso struppig ist wie der Kater". Ohne Zweifel handelte es sich bei dem Beschriebenen um Luzifer, den gefallenen Engel, der in der Theologie der Katharer von großer Bedeutung war.

Das Bild der Sekte dieser Luziferianer überlebte seinen Schöpfer und wurde seit dem 14. Jahrhundert mit den deutschen Waldensern verknüpft. Schon 1315 warf man ihnen in Schweidnitz, heute Świdnica in Polen, vor, dass sie die Beichte bei Wanderpredigern ablegten und außerdem Teufelsanbetung und widernatürliche Unzucht trieben. Zur selben Zeit tauchte der Vorwurf des Luziferianismus auch im Zusammenhang mit Waldensern im österreichischen Krems und in Prag auf und rund zwanzig Jahre später in Angermünde. Später verfolgte man auf dieser Grundlage Waldenser in Freiburg in der Schweiz, und schließlich war der Vorwurf der Teufelsanbetung ein Kennzeichen von Hexenprozessen.

Für diese war aber noch eine weitere Entwicklung wichtig, die sich im 14. Jahrhundert vollzog: die Verbindung von Häresie und Magie. Bereits im Jahrhundert zuvor hatte die gelehrte Magie einen Aufschwung erlebt und sich auch im Klerus verbreitet. In dieser Zeit begann man etwa zwischen der Astronomie, dem Studium der Himmelskörper, und der Astrologie zu unterscheiden, die den Einfluss der Himmelskörper auf Personen und Ereignisse behandelte.

In den 1320er Jahren nun begann sich Papst Johannes XXII. mit gelehrter Magie, Totenbeschwörung, Alchemie und Astrologie zu beschäftigen, denn er war ein Mann mit vielen Gegnern. Er kämpfte gegen den deutschen Kaiser und gegen die Franziskanerspiritualen, die am Reichtum der Kirche Anstoß nahmen. Und er war überzeugt davon, dass ihm seine Feinde nach dem Leben trachteten, indem sie Dämonen anriefen und diese in Statuetten, Ringe, Spiegel und Gefäße bannten, um sie sich dienstbar zu machen. In der Vorstellung der Zeit waren das durchaus übliche Praktiken der gelehrten Magie. Johannes verfügte nun, dass die Ausübung von Magie mit denselben Strafen belegt werden sollte wie die Verbrechen von Häretikern. In letzter Konsequenz bedeutete dies, dass Magier der Inquisition unterstellt und von ihr verfolgt werden sollten.

Zeitgleich nahm die Inquisition die weitverbreitete volkstümliche Magie ins Visier, wie sie vor allem von Frauen betrieben wurde – etwa wenn sie versuchten, die Gefahren einer Geburt mit verschiedenen Kräutern zu bannen. Das erklärt, warum die Hexerei auf Dauer zu einem vornehmlich weiblichen "Verbrechen" wurde. Denn im Lauf der Zeit begann die Kirche, Frauen, die solche Praktiken anwandten, der Anrufung von Dämonen oder des Teufels zu verdächtigen. Dies galt als Teufelsanbetung und damit auch als Apostasie – als Absage an den wahren katholischen Gott.

Für die Behörden war es am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit nicht immer leicht, zwischen "normalen" Häretikern auf der einen und Hexen und Hexern auf der anderen Seite zu unterscheiden. Vor welchen Schwierigkeiten sie standen, sieht man am Beispiel Freiburgs in der Schweiz.

In den Jahren 1399 und 1430 fanden hier zwei Waldenserprozesse statt. Seither war die Inquisition in der Westschweiz eine ständige Institution; anvertraut war sie den Dominikanern aus der Bischofsstadt Lausanne. Im zweiten dieser Waldenserprozesse holte man die Bäuerin Itha Stucki von dem Weiler Äschlenberg in die Stadt und verhörte sie. Denunziert worden war sie aber nicht etwa wegen Waldenserei, sondern wegen Malefizien, mit denen sie ihren Nachbarn geschadet haben sollte. Sie war somit als angebliche Hexe in einen Prozess gegen Häretiker geraten.

Itha Stucki soll gewusst haben, "wie man einen Wagen so zubereiten und verzaubern" konnte, dass er ohne Hilfe lief. Solche Vorkommnisse – Malefizien – scheinen die ländliche Gesellschaft zu der Zeit stark beunruhigt zu haben. Man fürchtete, dass die eigenen Gerätschaften durch Zauber untauglich würden oder dass die Konkurrenz sich mit unlauteren Methoden Vorteile verschaffen könnte.

Bis zu 60.000 Menschen fielen den Hexenverfolgungen zum Opfer

Die Inquisitoren versuchten allerdings vergeblich, Itha Stucki nachzuweisen, dass sie ihre Malefizien mithilfe des Teufels beginge. Genau das war damals noch entscheidend, um ihren angeblichen Zauber wie eine Häresie zu beurteilen – um Itha Stucki also in einem Ketzerprozess als Hexe zu verurteilen. Um das Problem zu lösen, griffen die Inquisitoren auf ein Mittel aus der Zeit vor der Inquisition zurück: Itha Stucki musste fünf Eideshelfer präsentieren, die den guten Ruf der Bäuerin bezeugen konnten. Das gelang. Die Richter mussten Itha Stucki laufen lassen.

Ihr Schicksal ereilte sie erst zwölf Jahre später, im Rahmen der ersten großen Hexenverfolgung in Freiburg. 1442 wurde sie einmal mehr von ihrem Wohnort auf dem Land abgeholt und in der Stadt vor Gericht gestellt. In der Freiburger Badstube rasierte man sie unter Bewachung. Man hoffte wohl, auf ihrer Haut ein Teufelsmal zu finden.

Diesmal scheint für die Richter festgestanden zu haben, dass Itha Stucki einen Schadenszauber angewandt hatte und mit dem Teufel im Bunde stand. Wie das Gericht zu diesem Schluss kam, ist nicht mehr genau nachzuvollziehen. Möglich, dass man einfach nicht mehr so genau geprüft hat wie noch 1430. Gemeinsam mit ihrem Sohn Peter wurde Itha Stucki zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und als eine der ersten Freiburger "Hexen" hingerichtet. Insgesamt starben damals 19 Menschen.

Das Geschlechterverhältnis – zwölf Frauen und sieben Männer – erklärt sich auch daraus, dass die Freiburger Hexenverfolgung von den Oberhäuptern der Stadt selbst geleitet wurde.

Wo die frühen Hexenprozesse noch von den Dominikanerbehörden durchgeführt wurden, war das Geschlechterverhältnis der Angeklagten und Verurteilten sehr viel ausgeglichener, gewissermaßen als Erbe der Verfolgungen von "wirklichen" Häretikern. Dies war 1399 und 1430 auch in Freiburg noch der Fall gewesen. Damals hatte man den zuständigen Inquisitor aus Lausanne holen lassen. Insbesondere beim zweiten Mal aber war man ihn fast nicht mehr losgeworden, beinahe ein halbes Jahr lang blieb er in der Stadt. Die Stadtoberen zogen es deshalb von 1437 an vor, die Hexenverfolgung auf eigene Faust durchzuführen.

Dies war kein ungewöhnliches Vorgehen. Vielerorts spielten die Hexenprozesse für die Territorialisierung während der Frühen Neuzeit eine wichtige Rolle. Die Städte nutzten die Gerichtshoheit, um ihre Herrschaft über das sie umgebende Land zu sichern und auszuweiten: Städter klagten Bauern und Bäuerinnen in Hexenprozessen an, während die Waldenserprozesse sich in viel stärkerem Maße gegen die Stadtbevölkerung gerichtet hatten. Freiburg machte somit vor, was Ende des 15. Jahrhunderts fast überall geschah und wozu auch Heinrich Kramer, der Autor des berühmt-berüchtigten Hexenhammers von 1487, aufforderte: dass die weltlichen Behörden den Kampf gegen die Hexer und Hexen selber in die Hand nehmen sollten.

Die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit waren also nicht mehr das Werk der geistlichen Gerichte. Die mittelalterliche Inquisition hatte eine imaginäre Sekte geschaffen, deren Verfolgung auch anderen, weltlichen Herren dienlich war und erst nach dem Ende des Mittelalters ihren Höhepunkt erreichte. Bis zu 60.000 Menschen fielen den Hexenverfolgungen im frühneuzeitlichen Europa zum Opfer. Die meisten von ihnen waren Frauen.

Kathrin Utz Tremp: "Von der Häresie zur Hexerei. › Wirkliche ‹ und imaginäre Sekten im Spätmittelalter" Hannover 2008 (MGH Schriften, Bd. 59)