Der Wanderprediger Tanchelm von Antwerpen war – glaubt man den Schriften mittelalterlicher Kirchenmänner – eine wahre Ausgeburt der Hölle. Einen "Verderber und Schämer der Kirche Christi" nennt ihn um das Jahr 1115 das Domkapitel von Utrecht in einem Brief an den Erzbischof Friedrich von Köln. Der hatte den flandrischen "Ketzer" auf den Scheiterhaufen gebracht. "Dank sagen wir Eurer Heiligkeit, dass Ihr Euch unser erbarmt und den stürmischen Angriff unseres Antichristen angehalten habt", heißt es in dem Schreiben. Tanchelm habe "seinen Mund gegen den Himmel geöffnet" und es gewagt, "gegen die Sakramente der Kirche eine Häresie zu verbreiten". "Dieser Ketzer bekräftigte im Geist seines Hochmuts, weder Papst noch Bischöfe, noch Erzbischöfe, noch Priester, noch Kleriker zu fürchten."

Über das, was Tanchelm von Antwerpen tatsächlich getan und gelehrt hat, wissen wir wenig. Offenbar hielt er sich für erwählt vom Heiligen Geist und behauptete, mit der Jungfrau Maria vermählt zu sein. Vermutlich predigte er gegen den Reichtum der Kirche und für ein Leben in gottgefälliger Armut.

Sehr viel genauer zeigen die kirchlichen Quellen, in welcher Weise der mittelalterliche Klerus Männer wie Tanchelm wahrnahm: als Ketzer und Antichristen, die falsche Lehren, Häresien, verbreiteten. Häresien aber waren ein Angriff gegen die Kirche, und deshalb galt es, sie erbarmungslos zu ahnden.

Viele Jahrhunderte lang, vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit, bewegte der Kampf gegen Häretiker das christliche Abendland. Das Vokabular jener Jahre ist bis heute lebendig, von der "ketzerischen" Kritik bis zur "Hexenjagd" gegen Andersdenkende. Freilich ist es spätestens seit der Aufklärung nicht mehr in erster Linie die Kirche, die in der Rolle des Verfolgers auftritt: Moderne Ketzer gibt es auch in der Philosophie, der Kunst, der Ökonomie und der Politik. Und der kommunistische Dissident war ebenso ein Häretiker, wie es der exkommunizierte Kritiker der katholischen Kirche ist.

Was die Figur des Ketzers ausmacht, damals wie heute, ist sein besonderes Verhältnis zum Gegenstand seiner Kritik. Schon nach mittelalterlicher Definition hing er gerade keiner fremden Religion an. Häresien waren vielmehr "Abweichungen" vom eigenen Glauben, ein Produkt teuflischer Einflüsterungen, eine List des Satans, um die Heerscharen des Antichrist für den großen Kampf mit Christus am Ende der Zeiten zu stärken, von dem die Apokalypse des Johannes sprach. Seit dem Erzketzer Arius im frühen 4. Jahrhundert widersetzten sich Häretiker der "rechtgläubigen" Kirche.

Allerdings traf dieses Verdikt nicht nur Männer wie Tanchelm, die tatsächlich die Kirche kritisierten. Denn wer vom rechten Glauben abwich, bestimmte diese selbst. Ihr Urteil konnte daher auch Gruppen treffen, die keineswegs ein anderes oder besseres Christentum leben wollten. So nennt etwa Petrus Venerabilis, einer der herausragenden Äbte des burgundischen Reformklosters Cluny, den Islam eine Häresie, die "auf Anstiften des Teufels konzipiert" worden sei.

Zuerst sei die gefährliche Lehre "von Arius verbreitet, dann durch denselben Teufel, nämlich Satan, zu Mohammed getragen" worden. Nach "teuflischem Plan" schließlich, heißt es in seinem Traktat aus dem Jahr 1150, werde die Häresie des Islams "durch den Antichrist vollendet". Kaum eine zeitgenössische Aussage verdeutlicht das Wesen der Häresie nach dem Urteil der mittelalterlichen Kirche kompakter als diese Zeilen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Dass der Abt aus Cluny ausgerechnet den Islam als diabolische Abirrung diffamierte, steht dabei nur scheinbar im Widerspruch dazu, dass Häretiker nicht einfach "Heiden" waren, sondern "falsche Christen". Denn genau das stellte der Islam in Petrus’ Augen dar: eine Art pervers verkehrtes Christentum. Der Abt hatte eine (lateinische) Vita des arabischen Propheten studiert und den Koran übersetzen lassen. Er wusste, dass Jesus und seine Mutter Maria im Koran positive Erwähnung finden, dass Jesus dort "Gesandter Gottes", "Wort Gottes", "Geist Gottes" heißt und dass der Autor des Korans die Auferstehung des Fleisches und das Jüngste Gericht nicht leugnet.

So viel Nähe zum Christentum aber bei gleichzeitiger Verwerfung der Erlösungstat Christi ließ nur einen Schluss zu: dass der Islam als Ketzertum zu verdammen sei! So entsprach es der grundlegenden frühscholastischen Definition, wie sie die Glossa ordinaria, eine frühmittelalterliche Sammlung von Bibelkommentaren, zum Titusbrief in der Bibel festhielt: "Ketzer ist, wer das Gesetz [also die Bibel] durch Worte des Gesetzes bekämpft" – wer also den christlichen Glauben mit Zitaten aus der Heiligen Schrift selbst in Gefahr bringe.

Petrus’ Aussage über die Muslime als Ketzer verdeutlicht überdies die politische Brisanz, die dem Ketzertum anhaftete: Es bedrohte das Gefüge der Macht, es setzte nicht nur die Kirche und die Gläubigen unter Druck, sondern gerade auch die weltlichen Herrschaftsträger.

In der Zeit, als der zitierte Traktat entstand – um 1150 –, nahm die Christenheit gerade einen verstärkten Anlauf, das schon seit dem frühen 8. Jahrhundert muslimisch beherrschte Spanien zurückzuerobern. Petrus Venerabilis schmiedete die geistlichen Waffen für die Reconquista, für die militärische und missionarische Auseinandersetzung mit den Muslimen. Sizilien war ihnen bereits entrissen worden, im Heiligen Land sahen sie sich durch die Kreuzzüge aus Jerusalem verdrängt und von Unterwerfung bedroht.

Der Häresievorwurf wurde damals zu einer Legitimationsstrategie für jegliche Form von Machtexpansion: Krieg, Inquisition, Folter und Scheiterhaufen waren Waffen gegen den Irrglauben – den Nutzen zogen durchweg die Könige und andere Laienfürsten. So führte der "Ketzerkreuzzug" gegen die Katharer in Südfrankreich, der im Jahr 1209 ausgerufen wurde, die Herrschaft des französischen Königs im Languedoc herbei. Der Kampf gegen die zu Häretikern erklärten Stedinger Bauern restaurierte in den Jahren bis 1234 die Herrschaft des Erzbischofs von Bremen an der Nordseeküste. Und Philipp IV. von Frankreich veranlasste im frühen 14. Jahrhundert einen Häresieprozess gegen die Templer, um die Macht dieses Ritterordens zu brechen und, wie man vermuten darf, an dessen Vermögen heranzukommen.

Die zitierten Sätze verraten aber noch mehr: Anschaulich illustrieren sie die enge Verbindung von Gelehrsamkeit und schlichtem Volksglauben. Beides überlagerte sich im Phänomen des Ketzertums und seiner Verfolgung: Stichwörter wie "Satan" und "Antichrist" mussten bei jedem mittelalterlichen Leser oder Hörer, bei predigenden Mönchen oder Priestern und lauschendem Volk, Kaskaden eschatologischer Assoziationen wecken.