Einigkeit vor Recht und Freiheit – Seite 1

Die "Einigkeit" ist ein deutscher Mythos. Wenn die Deutschen nur fest zusammenstehen, lautet die traditionelle Vorstellung, können sie allen politischen Stürmen trotzen: brüderlich mit Herz und Hand. Noch heute wird in der Nationalhymne zuvorderst die "Einigkeit" besungen – dann erst kommen "Recht" und "Freiheit".

Zur Entstehung dieses Mythos haben maßgeblich kriegerische Auseinandersetzungen beigetragen: die sogenannten Einigungskriege, mit denen der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck und sein König Wilhelm I. zwischen 1864 und 1871 den Weg zur Gründung des Deutschen Reichs ebneten. In der konservativen Nationalgeschichtsschreibung markieren diese Kriege traditionell den enthusiastisch gefeierten Beginn einer Epoche der Einheit und Stärke. Doch das 1871 entstandene Kaiserreich zerfiel bekanntlich schon nach dem Ersten Weltkrieg, während der Glaube an die Kraft deutscher Einigkeit überlebte und weiterwirkte.

Am Anfang der Einigungskriege stand das heutige Schleswig-Holstein – wieder einmal. Der Landstrich hoch im Norden hatte bereits im Vormärz die nationalen Gemüter erregt. Im Streit mit Dänemark wurde hier stellvertretend die Frage der deutschen Einheit verhandelt.

Nach 1848 galten die Herzogtümer Schleswig und Holstein dann als Symbole des Scheiterns sowohl des deutschen Nationalismus als auch der preußischen Militärmacht. Denn unter dem Druck der europäischen Staaten musste sich Preußen nach seinem Eingreifen im Jahr 1850 wieder zurückziehen. Der Deutsche Bund übergab 1851 zunächst das nördliche Schleswig, 1852 auch Holstein den Dänen. Ein internationales Abkommen, das Londoner Protokoll von 1852, sollte alle territorialen Streitigkeiten beilegen. Darin wurde auch eine Sonderstellung der beiden Herzogtümer innerhalb des dänischen Königreichs festgeschrieben. Genau gegen diese Übereinkunft verstieß nun allerdings der dänische König Friedrich VII., als er 1863 mit einer neuen Gesamtverfassung die volle Eingliederung der deutschsprachigen Herzogtümer forcieren wollte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 4/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Empörung in Preußen, aber auch in den süddeutschen Staaten war groß. Allerorten gründeten sich Schleswig-Holstein-Vereine. Die unterschiedlichsten Lager vereinten sich gegen einen gemeinsamen Feind. Und Otto von Bismarck? Der preußische Ministerpräsident plante längst die Annexion beider Herzogtümer. Doch noch verschwieg er der Öffentlichkeit sein Vorhaben – aus taktischen Erwägungen. Offiziell setzte er auf die Kraft internationaler Vereinbarungen, auf das Londoner Abkommen von 1852. Sein Täuschungsmanöver war so perfekt, dass manche Zeitung ihn wegen seiner angeblichen Politik des strikt völkerrechtlichen Vorgehens bereits als Verräter an der nationalen Sache geißelte. So sahen etwa die Nationalliberalen ihr Vorurteil bestätigt, dass ein preußischer Junker sich letztlich keinen Deut um das Wohl der Nation schere.

Bismarck nahm den Zorn und den Widerspruch in Kauf. Er wollte die Entwicklung so lange hinauszögern, bis Preußen wirklich Kapital aus dem Konflikt schlagen konnte. Ein rasches, aber schlecht vorbereitetes Vorgehen gegen Dänemark, nur um die innenpolitische Erregung zu besänftigen? Das kam für ihn nicht infrage. Bismarck dachte weiter, und er brauchte für seinen Plan einen Bündnispartner.

Längst hatte er sich – unter strikter Geheimhaltung – an Wien gewandt und sich dort diplomatisch höchst geschickt die Unterstützung der Österreicher für seinen "deutschen" Feldzug gesichert. In seine tatsächlichen Pläne weihte er sie allerdings nicht ein: Er dachte expansionistisch. Und es ging ihm dabei keineswegs um die "nationale Sache", sondern um preußische Machterweiterung. Von Bismarck überredet, ließ sich Österreich also auf ein politisches Abenteuer ein, das mit den eigentlichen Interessen des Landes wenig zu tun hatte. Bismarck selbst war mächtig stolz auf seinen Schachzug, und auch Historiker wie der unlängst verstorbene Hans-Ulrich Wehler lobten den Ministerpräsidenten für diese "diplomatische Meisterleistung: Sein raffiniert komplizierter Machtpoker um Schleswig-Holstein [kann] einem noch heute einen intellektuellen Genuß bereiten."

Der "diplomatischen Meisterleistung" folgten die militärischen Tatsachen: Preußen und Österreich stellten Dänemark ein Ultimatum, um die Verfassungsänderung wieder aufzuheben und zum Regelwerk des Londoner Abkommens zurückzukehren. Das lehnte die Regierung in Kopenhagen ab, auch weil sie annahm, andere Mächte würden den Dänen schon zu Hilfe eilen. Doch da irrte sie sich. Niemand sprang den Dänen bei, die sich preußischen und österreichischen Truppen gegenübersahen, die den eigenen Einheiten deutlich überlegen waren.

Talentierter Diplomat und skrupelloser Stratege

Trotzdem wurde es kein rascher Sieg – was weniger an der Wehrkraft der Dänen als vielmehr an der Unfähigkeit des preußischen Heeres lag: Der neue Generalstabschef Helmuth von Moltke hatte einen schnellen Zangenangriff auf die dänische Armee geplant, doch der wurde durch den überforderten, bereits 80 Jahre alten Oberkommandierenden General Friedrich von Wrangel gründlich verdorben. Er hatte Moltkes Plänen nicht folgen können.

Der militärische Fehler kostete Hunderte Soldaten das Leben, war jedoch für die preußische Regierung zugleich eine Chance. Denn man wollte nicht unbedingt mühelos gewinnen. Das Heer solle einen symbolträchtigen Erfolg vorweisen, forderte Bismarck, dem die Parlamentsmehrheit kurz zuvor noch die Zustimmung zu den Kriegskrediten verweigert hatte. Auch Kriegsminister Albrecht von Roon und König Wilhelm I. sahen das so: Ein glänzender Sieg sollte her! Eine Stürmung der Düppeler Schanzen, in die sich die Dänen nach der gescheiterten Anfangsoffensive der Preußen hatten zurückziehen können, schien dafür bestens geeignet.

So begann am 18. April 1864 ein Frontalangriff, der nur unter großen Verlusten zum Erfolg führen konnte: Die Düppeler Schanzen wurden mit schwerer Artillerie beschossen, preußische und österreichische Kämpfer liefen in die brennende Festung und bezwangen die verbissen kämpfenden Verteidiger im Nahkampf. Rund 1.000 Tote auf beiden Seiten waren zu beklagen und noch mehr Verwundete. Mehr als 3.500 Dänen gerieten in Gefangenschaft. Viel unnötiges Leid – doch das konnte die nationale Begeisterung daheim nicht trüben. Dort wurde der "Sturm auf die Düppeler Schanzen" zu einem Akt deutschen Heldenmuts und deutscher Tapferkeit verklärt. Es war der erste Sieg preußischer Truppen, seit man 1815 geholfen hatte, Napoleon in Waterloo zu schlagen. Inmitten der nationalen Hochstimmung bemerkte ein Zeitgenosse, der Maler Wilhelm von Kügelgen, lakonisch: "Bismarck wird immer populärer."

Nach dem Erfolg im Norden waren Preußen und Österreich zwar siegreiche Waffenbrüder, Freunde aber waren sie nicht. Vielmehr zerstritten sie sich über die "Beute" – Schleswig war nun preußischer Besitz, aber Holstein noch österreichischer Verwaltung unterstellt. Der nächste expansionistische Schritt Preußens, die Einverleibung Holsteins, konnte nur auf Kosten Österreichs geschehen.

Aus dem Krieg gegen Dänemark hatte der umsichtige Bismarck gelernt, dass Russland, Großbritannien und Frankreich bei entsprechender außenpolitischer Vorbereitung in solche Konflikte eher nicht eingreifen würden. So gewannen die diplomatischen Gespräche, in denen Bismarck mit den Österreichern die Konditionen für ein preußisches Holstein verhandelte, über die Jahre immer mehr an Schärfe. Schließlich verlangte er von Österreich so vehement, sich den preußischen Forderungen zu beugen, dass das Nachbarland nicht mehr mitgehen konnte. Großdeutsch-antipreußische Stimmen wurden laut. Daraufhin stellte Bismarck Wien vor die Wahl: "Entweder aufrichtige Allianz oder Krieg, bis aufs Messer."

Einen deutsch-deutschen Krieg? Den wollte eigentlich kaum jemand in Preußen. Der König und sein Ministerpräsident wurden mit Bittschriften überhäuft, deren Autoren dafür plädierten, den Frieden zu wahren. Der Student Ferdinand Cohen-Blind versuchte am 7. Mai 1866 sogar, den "Kriegstreiber" Bismarck zu erschießen.

Schließlich aber bekam der Reichskanzler und Außenminister seinen Krieg – und als "Geschenk" der preußischen Militärs im Juli 1866 obendrein einen schnellen Sieg in einer der folgenreichsten Schlachten der jüngeren europäischen Geschichte: der Schlacht bei Königgrätz.

Die preußische Militärführung war erleichtert, hatte man doch einen langen Krieg kommen sehen. In die Freude mischte sich allerdings auch Entsetzen über das Leid der Soldaten. Selbst Bismarck musste sich später eingestehen, er habe "auf dem Schlachtfelde und, was noch weit schlimmer ist, in den Lazaretten die Blüte unserer Jugend dahinraffen sehen durch Wunden und Krankheit". Am Ende waren es wohl 2000 preußische Soldaten, die in diesem zweiten "Einigungskrieg" ihr Leben verloren. 6000 Opfer beklagte die österreichische Seite. Das preußische Heer verfügte damals schon über recht moderne Handfeuerwaffen – auch daher rührte die hohe Opferzahl unter den österreichischen Soldaten.

Trotz des Erschreckens über die Gewalt verbuchte die deutsche Erinnerung Königgrätz als nächste nationale Heldentat nach dem "Sturm auf die Düppeler Schanzen". Dabei hätte gerade diese Schlacht auch anders ausgehen können: Die für den Sieg entscheidende Heeresgruppe des preußischen Kronprinzen hatte sich verspätet und traf gerade noch rechtzeitig in Böhmen ein. Preußen hatte also Glück gehabt – und mit ihm sein Ministerpräsident. Falls diese Schlacht verloren gehe, soll Bismarck in den Stunden des Gefechts gesagt haben, warte in Berlin der Galgen auf ihn. Auf jeden Fall wäre seine politische Karriere wohl zu Ende gewesen.

So konnte er weiter expandieren: Schleswig-Holstein fiel vollständig an Preußen, ebenso Kurhessen, Nassau, Frankfurt und das Königreich Hannover. Österreich wurde geschont, aus taktischen Erwägungen: Dem geschlagenen Rivalen sollten nicht leichtfertig Gründe für künftige Konflikte geliefert werden. Bismarck brachte seinen König deshalb davon ab, österreichische Grenzterritorien zu annektieren. Auch so war Preußen in nationaler Hinsicht längst das Maß aller Dinge. Der ungeliebte Deutsche Bund war aufgelöst. An seine Stelle trat der Norddeutsche Bund unter preußischer Führung – ohne das geschlagene Österreich.

Aber sollte es das gewesen sein? Bismarck hatte sich in seinem Expansionsdrang an die Spitze der Forderung nach nationaler Selbstbestimmung gesetzt – und damit war der Konflikt mit Frankreich unausweichlich: Bismarck wusste, dass die Franzosen einen mächtigen deutschen Nationalstaat an ihrer Ostgrenze fürchteten und eine weitere preußische Expansion nicht zulassen würden – man müsste sie also erzwingen, notfalls mit einem Krieg. Dafür brauchte Bismarck allerdings einen günstigen Anlass. Er musste einmal mehr den Eindruck erwecken, sein Land würde angegriffen.

Als talentierter Diplomat und skrupelloser Stratege witterte er 1870 die erforderliche Gelegenheit: In Spanien wurde ein neuer König gesucht. Bismarck brachte einen Kandidaten aus der süddeutschen Nebenlinie der Hohenzollern ins Spiel, Leopold Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen. Das erzürnte die Franzosen wunschgemäß. Sie fühlten sich von Preußen umringt und militärisch bedroht. Doch weil Wilhelm I. noch nicht zum Krieg entschlossen war, zog man nach den Protesten aus Paris am 12. Juli 1870 die Kandidatur Leopolds zurück.

Bismarcks Plan war also vorerst gescheitert. Er brauchte einen neuen Anlass – und der bot sich ihm schon am darauffolgenden Abend, als ihn eine später berühmt gewordene Depesche aus Bad Ems erreichte. Darin berichtet der Geheimrat Heinrich Abeken von einer Szene, die den im Heilbad weilenden König zutiefst irritiert habe: Der französische Botschafter Benedetti habe ihn auf der Promenade angesprochen und von ihm auch für die Zukunft den Verzicht von Hohenzollern-Kandidaten auf den spanischen Thron verlangt. Das war die Gelegenheit: Bismarck formulierte die Depesche um, sodass sie bewusst schärfer im Ton war. Nun las sie sich so, als sei der französische Gesandte gegenüber Seiner Majestät völlig inakzeptabel aufgetreten. Der preußische König habe dem Herrn im Übrigen "nichts weiter zu sagen".

Kein einig Volk von Brüdern

Bismarck legte seine Fassung der Depesche den beiden eingeweihten Generälen Albrecht von Roon und Helmuth von Moltke vor und fragte sie, ob man auf dieser Grundlage einen Krieg beginnen könne. "Ja", antworteten sie, "das sollte reichen."

Die Stimmung bei den beiden Militärs war in Erwartung eines möglichen Waffengangs prächtig, und Bismarcks Rechnung ging auf: Er gab die redigierte Depesche für die Presse frei – und in Paris wirkte der Text erwartungsgemäß wie eine Ohrfeige. Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich den Krieg, und Preußen war der Angegriffene. Moralisch fragwürdig, zeugt das Manöver zweifellos von der Kunst eines Staatsmannes, der machtbewusst die Gunst der Stunde zu nutzen versteht.

An der Seite des Norddeutschen Bunds zogen unter preußischer Führung auch Baden, Württemberg und Bayern in den Krieg und schlugen die Großmacht Frankreich binnen weniger Wochen. Die Schlacht von Sedan Anfang September 1870 besiegelte Frankreichs Niederlage, Napoleon III. geriet in preußische Gefangenschaft. Am 4. September wurde der französische Kaiser für abgesetzt erklärt und in Paris eine Republik ausgerufen.

Die siegreichen deutschen Truppen marschierten weiter auf die französische Hauptstadt zu. Deren Verteidiger wehrten sich allerdings noch etliche Monate. Erst am 28. Januar 1871 kapitulierte das ausgehungerte Paris. Anders als gegen Österreich diktierte Preußen äußerst harte Friedensbedingungen: Frankreich musste Elsass-Lothringen abtreten und die ungeheuerliche Reparationssumme von fünf Milliarden Franc zahlen. Dieser nationalen Katastrophe fügten die Sieger noch eine weitere, symbolträchtige Demütigung hinzu: Ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles wurde das Deutsche Reich proklamiert und Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen.

Fast sieben Jahre waren vergangen, seit sich preußische Truppen in Richtung Schleswig-Holstein aufgemacht hatten. Doch es führte kein geradliniger Weg von den Düppeler Schanzen über Königgrätz bis nach Versailles, auch wenn mancher deutsche Historiker dies später so darstellte. Es gab keinen "Masterplan", sondern Bismarck hatte geschickt nach immer neuen Möglichkeiten gesucht, Preußens Macht auszudehnen. Für den Reichsgedanken konnte er sich übrigens nicht sonderlich begeistern: Die Frage, welchen Titel das neue Staatsoberhaupt tragen solle, war ihm letztlich "wurst", wie er einmal erklärte. Er wollte das neue Reich nicht mit historischen Vorbildern belasten und hatte deshalb vorgeschlagen, Wilhelm solle sich "Deutscher Kaiser und König von Preußen" nennen, statt an eine mittelalterliche Kaisertradition anzuknüpfen. Und während andere enthusiastisch über die Farben der neuen Flagge debattieren konnten, sagte Bismarck dazu: "Meinethalben Grün und Gelb und Tanzvergnügen oder auch die Fahne von Mecklenburg-Strelitz."

Nun haben die Deutschen seinerzeit keine Fahne aus Mecklenburg bekommen, aber immerhin die nationalstaatliche Einheit. Doch haben die "Einigungskriege" die Deutschen wirklich vereint? Fraglos schienen viele nationale Wünsche erfüllt, die im Vormärz aufgekeimt waren. Und auch wenn so mancher es zunächst noch bedauerte, dass es nur zu einer kleindeutschen Lösung ohne Österreich gelangt hatte und das traditionelle großdeutsche Reichskonzept vom Tisch war, hatte nach dem Sieg über Frankreich nicht nur ein Heer, sondern auch eine Idee triumphiert: Ein geeintes Deutschland schien militärisch unbesiegbar. Dass der Rest Europas nach der Demütigung zweier Großmächte durch Preußen erschrocken und besorgt auf das neue Deutsche Reich schaute, schien diese Vorstellung nur zu bekräftigen.

Die Deutschen aber gab es aber auch nach diesen drei Kriegen nicht. Ein einig Volk von Brüdern – und zunehmend nach Partizipation verlangenden Schwestern – waren sie nicht. Vielmehr ließ sich jetzt mit dem Topos der "Einigkeit" vortrefflich auf all jene einschlagen, die man in diesem neuen Reich unter preußisch-protestantisch-monarchischer Vorherrschaft als innere Feinde denunzierte: die Sozialdemokraten vorneweg, die Katholiken, die Polen – und nicht zuletzt die Juden. So blieb für Millionen Deutsche die Einheit eine leere Formel, weil sie Deutsche zweiter Klasse waren. Und als Wilhelm II. 1914 bei Kriegsbeginn wieder einmal an die Einigkeit seiner Untertanen appellierte und erklärte, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, so war das nicht nur schlecht gelogen: Er nährte damit auch die fatale Fehleinschätzung, dass eine geeinte Nation unbesiegbar sei. Die Niederlage von 1918 bewies eindrucksvoll das Gegenteil. Doch Millionen wollten das nicht wahrhaben und griffen lieber zur "Dolchstoßlegende": Das von außen unbesiegbare, weil geeinte Deutschland konnte in dieser Logik doch nur einem inneren Feind zum Opfer gefallen sein! Der kollektive Glaube an die machtvolle deutsche Einigkeit hatte das politische Denken nachhaltig verseucht.

Heute feiern die Deutschen Jahr für Jahr am 3. Oktober den Tag der Einheit, wobei kaum jemand mehr an die Einigungskriege des 19. Jahrhunderts denken dürfte. Im Mittelpunkt steht die Friedliche Revolution von 1989. Auch vor 25 Jahren hatten es die Einheitsskeptiker allerdings ziemlich schwer in Deutschland: In Ost wie West machte sich verdächtig, wer eine nationale Einheit nicht zwangsläufig für des Glückes Unterpfand hielt.