Morden bis zum Ende – Seite 1

Einen Tag vor Heiligabend 1943 sandte der SS-Hygieniker und SS-Sturmbannführer Karl Groß seine Vorschläge für eine effizientere Organisation des Lagerbetriebes an den Amtschef D III (Sanitätswesen des KZ-Systems) im SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt: "Um eine unnötige Belastung des Betriebes mit körperlich mangelhaftem Menschenmaterial und eine dadurch bedingte Anhäufung von Arbeitsunfähigen zu vermeiden, wäre eine entsprechend strenge Auswahl der Häftlinge [...] unbedingt zu empfehlen." Weiter heißt es, es sei "schon jetzt an die Errichtung eines Ausweichlagers für arbeitsunfähige Häftlinge zu denken, da deren Anzahl ständig steigen wird". Nicht zuletzt sei der Bau eines Krematoriums zu beschleunigen: "Hierbei ist sofort an ausreichenden Verbrennungsraum zu denken."

Das Inferno von 1944 und 1945, als das Mordgeschehen in den Lagern seinen letzten Höhepunkt erreichte, war also keine Folge überstürzten Handelns. Es wurde bewusst in Kauf genommen. Was Groß nach seiner Besichtigung des Buchenwalder Außenlagers Dora als Handlungsanleitung formulierte, um den Lagerbetrieb aufrechtzuerhalten, sollte 1944 zu einer Maxime für das gesamte KZ-System werden und blieb es auch bis kurz vor Kriegsende. Chaos und Zufall regierten erst während der letzten Kriegswochen 1945, als die Auflösung der Lager zunehmend unkoordiniert verlief.

Zahlreiche Wachmannschaften wurden nun zu Kampfgruppen formiert und als letztes Aufgebot an die Front geworfen; altgediente SS-Funktionskader desertierten, Wehrmacht, Polizei, Feuerwehr, Volkssturm, Parteifunktionäre, SA, Reichsarbeitsdienst und Hitlerjugend sollten KZ-Häftlinge beaufsichtigen und massakrierten nicht selten – teils unter Beteiligung der Zivilbevölkerung – aus Furcht oder niederen Beweggründen vermeintlich gefährliche oder flüchtende Gefangene. Andere wurden in ziellosen "Todesmärschen" durch das Reich getrieben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Am 1. Januar 1945 befanden sich laut der im SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt geführten Statistik 706.648 Häftlinge in KZ-Haft. 39.969 Personen arbeiteten für die SS in den Lagern. Zehn Monate zuvor, im März 1944, hatte man noch etwa 300.000 Häftlinge in den 22 Haupt- und 165 Außenlagern verzeichnet, bis August 1944 war die Zahl bereits auf 524.000 gestiegen. Mehr als 250.000 der im Januar 1945 registrierten KZ-Häftlinge sollten die Befreiung der Lager wenige Wochen später nicht mehr erleben.

Die hohe Todesrate 1944/45 war nicht allein die Folge eines blindwütigen Rassenwahns. Zwar erreichte der ideologisch motivierte Massenmord an den Juden während des letzten Kriegsjahres seinen fürchterlichen Höhepunkt – zwischen Mai und Juli 1944 wurden in Auschwitz 320.000 ungarische Juden unmittelbar nach ihrer Ankunft im Lager ermordet –, zugleich aber bestimmte mehr und mehr ein pragmatisches "Ordnungsbedürfnis" der SS die Anweisungen und die Praxis in den Konzentrationslagern.

Zwei Ansprüche galt es aus Sicht der SS zu vereinen: Zum einen sollten die Lager nun stärker kriegswirtschaftlich genutzt werden. So forcierte Rüstungsminister Albert Speer den Einsatz von Häftlingen als Zwangsarbeiter; Mitte Mai 1944 kündigte Reichsführer SS Heinrich Himmler die Überstellung von 200.000 Juden in das Reichsgebiet an. Einige hohe NS-Funktionäre sperrten sich zunächst dagegen, wodurch sich das Morden noch weiter radikalisierte. Zum anderen drängte die Lager-SS darauf, das KZ-System zu stabilisieren: Die Häftlingszahlen stiegen rasant an, die Ressourcen wurden knapp. Überfüllung, Unterversorgung und Epidemien waren die Folge. Kranke, Alte und Arbeitsunfähige ließ die SS in isolierten "Todeszonen" sterben. Die Lagerräumungen im Osten wie im Westen verstärkten diese Entwicklung.

Zu den ersten Lagern, die im Sommer 1944 vom "A-Fall", wie die kriegsbedingte Auflösung im NS-Jargon genannt wurde, betroffen waren, gehörten die Konzentrationslager Kauen, Riga und Vaivara im Baltikum. Diese Auflösung bedeutete für die Häftlinge allerdings keineswegs das Ende ihrer Qualen, wie das Beispiel Riga zeigt: Die arbeitsunfähigen, älteren oder erkrankten Insassen ließ der Kommandant des KZs, Albert Sauer, zum "Stützpunkt 1005" in Salaspils oder zu einer "Baustelle" bringen. Dabei handelte es sich um Massengräber, an denen das SS-Sonderkommando 1005 unter der Leitung von SS-Standartenführer Paul Blobel sogenannte "Enterdungen" durchführte – die Exhumierung von Leichen. Die SS wollte so die Spur ihrer Bluttaten verwischen. Das Sonderkommando 1005-B erschoss die Rigaer KZ-Häftlinge unmittelbar am Rand der geöffneten Massengräber. Anschließend wurden die Toten zusammen mit den exhumierten Leichen verbrannt.

Die anderen Gefangenen wurden in das KZ Stutthof nahe Danzig weitertransportiert, das als zentrales Auffanglager für die Häftlinge aus dem Baltikum diente. Arbeitsfähige Häftlinge – bei den jüdischen Gefangenen handelte es sich in der Mehrzahl um Frauen – wurden von dort in Außenlager im gesamten Reichsgebiet verschoben. Wer als erkrankt oder als arbeitsunfähig eingestuft wurde, den ließ die KZ-Leitung ermorden.

Stutthof bildete in diesem Gefüge eine Art Scharnier zwischen den ersten Lagerauflösungen in den besetzten Ostgebieten und der Reorganisation der Lager im Deutschen Reich, wohin die SS die "evakuierten" Häftlinge verfrachtete. Die Krankenmorde waren dabei ein Vorbote der Ereignisse im späteren Sterbelager Bergen-Belsen – Anfang Januar 1945 kamen in Stutthof fast 250 Menschen täglich ums Leben.

Das Grauen erreicht 1945 seinen Höhepunkt

Während die Lager im Baltikum, die KZs Lublin (Majdanek), Warschau und Dębica in Polen, das KZ Herzogenbusch in den Niederlanden sowie das KZ Natzweiler im Elsass geräumt wurden, arbeitete die SS-Führung daran, das gesamte Lagersystem im verbliebenen Reichsgebiet neu zu organisieren. Auslöser war, dass die Alliierten ab 1943 gezielte Bombenangriffe auf deutsche Rüstungszentren geflogen hatten. Die SS schuf Hunderte Außenlager und begann, Rüstungsfabriken zu verlegen – zum Teil unter die Erde, so wie in Dora, wo Häftlinge unter mörderischen Bedingungen Stollen in die Erde treiben und die V2-Raketen montieren mussten, von denen sich die NS-Führung den "Endsieg" versprach.

Die bisherigen Hauptlager verloren unterdessen sukzessive an Bedeutung. Viele entwickelten sich zu Auffang- und Durchgangslagern sowie zu Sterbeorten für arbeitsunfähige Häftlinge und verfügten kaum noch über nennenswerte Produktionsstandorte. Zu diesen Lagern zählte etwa Ravensbrück, wohin die SS zunehmend Kranke und schwangere Frauen abschob. Durch das Eintreffen der Räumungstransporte aus anderen Konzentrationslagern spitzte sich die Lage schließlich dermaßen zu, dass von 1944 an vor allem in Stutthof, Ravensbrück und Mauthausen, 1945 aber auch in Sachsenhausen und Buchenwald gezielte Mordaktionen einsetzten, denen in diesen Lagern mindestens 18.700 vornehmlich kranke und arbeitsunfähige Häftlinge zum Opfer fielen.

In Bergen-Belsen bei Celle in Niedersachsen erreichte das Grauen ab Februar 1945 seinen Höhepunkt. Lagerkommandant Josef Kramer berichtete damals, dass sich "die Zahl der Kranken ganz gewaltig" durch die laufend eintreffenden Transporte aus dem Osten gesteigert habe, und schrieb: "Zu dieser Überbelegung kommt nun eine Fleckfieber- und Typhusepidemie." Die "Sterblichkeitsziffer" habe Anfang Februar noch "60–70" betragen, bereits Mitte des Monats sei sie "auf einen Tagesdurchschnitt von 250–300 angestiegen". Sie werde sich "bei den derzeitigen Verhältnissen noch weiter erhöhen".

Grundsätzliche Zweifel am Vernichtungs- und Ausbeutungssystem lassen sich indes in keiner zeitgenössischen Äußerung des KZ-Personals erkennen, auch nicht zu Beginn des Jahres 1945. Das KZ-System aufrechtzuerhalten war zu einem mörderischen Selbstzweck geworden. Die SS versuchte, die Lage zu stabilisieren, indem sie die Internierten räumlich nach Krankheits- und Arbeitsfähigkeitsgrad sortierte. Wer noch als "brauchbar" angesehen wurde, blieb am Leben; wen das SS-Personal als "unbrauchbar" einstufte, wurde ermordet.

Bis Mitte April 1945 hatten die Alliierten zahlreiche Konzentrationslager befreit. Am 15. April übernahmen die Briten Bergen-Belsen, wo sie mehr als 53.000 Häftlinge vorfanden. Doch für etwa 14.000 von ihnen kam jede Hilfe zu spät: Sie starben noch während oder kurz nach der Befreiung.

Eindringlich beschreibt der Niederländer Jules Schelvis in seinem im Juni 1945 handschriftlich verfassten Bericht die Situation in jenen Wochen. In seinem Schicksal spiegeln sich sämtliche Stationen des Vernichtungsgeschehens während des letzten Kriegsjahres. Anfang Juni 1943 deportierten die Deutschen ihn und seine Frau Rachel zusammen mit mehr als 3.000 weiteren niederländischen Juden von Westerbork nach Sobibór im Osten Polens. Rachel wurde unmittelbar nach der Ankunft mit Motorabgasen ermordet. Jules entging dem sicheren Tod in Sobibór, das ein reines Vernichtungslager war. Mit 80 anderen Männern wurde er zur Zwangsarbeit nach Radom geschickt. Als die SS das dortige Lager im Sommer 1944 auflöste, brachte man ihn über Auschwitz nach Vaihingen bei Stuttgart.

Schelvis schildert, wie sich das dortige KZ schon bald in ein Todeslager verwandelte; er zählte 35 bis 40 Tote am Tag. Im April befreiten französische Truppen die Überlebenden. Schelvis kam ins Militärhospital. "Trotz der guten Verpflegung", schreibt er, "starben noch viele." Er selbst überlebte und stand nach seiner Befreiung vor dem Nichts: "Da muß ich wieder neu anfangen zu leben, ohne Frau und Familie", heißt es am Ende seiner Aufzeichnungen.