Im April 1945 begleiteten die amerikanischen Fotografen Lee Miller, Margaret Bourke-White und Robert Capa Soldaten der US-Armee ins Leipziger Rathaus. Dort lagen die Leichen des nationalsozialistischen Stadtkämmerers Kurt Lisso, seiner Frau und seiner Tochter, die sich mit Zyanid vergiftet hatten. Die Bilder von den toten Lissos gehören zu den Ikonen der Kriegsfotografie. Sie stehen aber auch symbolisch für eine oft vergessene Begleiterscheinung des Kriegsendes in Deutschland: für die beispiellose Selbstmordwelle, während derer sich im Frühjahr 1945 nicht nur Hitler selbst und Eva Braun, sondern auch viele weitere NS-Funktionäre und Tausende gewöhnliche Deutsche umbrachten.

Auf den ersten Blick ist es naheliegend, die vielen Suizide als Folge des Führerkults, der jahrelang beschworenen "Volksgemeinschaft" und des verherrlichten Kampfes "bis zum letzten Blutstropfen" zu interpretieren. Und tatsächlich herrschte in den letzten Monaten des NS-Regimes eine regelrechte Weltuntergangsstimmung. Dennoch lassen sich bei Weitem nicht alle Suizide unmittelbar auf den Einfluss der NS-Ideologie zurückführen.

Hitlers Selbstmord, der im Radio und in den Zeitungen selbstverständlich als Heldentod und nicht als Suizid gemeldet wurde, und die Selbsttötungen nationalsozialistischer Funktionäre hingen direkt mit der Herrschaftsstruktur des NS-Staates zusammen: Dieser bestand aus unzähligen Partei- und Staatsinstitutionen, die um die Macht buhlten. Zusammengehalten wurde er durch Hitler als charismatische Führerfigur, dem die verschiedenen Institutionen zuarbeiteten. Ohne Hitler war das "Dritte Reich" unvorstellbar – anders als in der Sowjetunion, die auch nach dem Tod Stalins 1953 fortbestand, war für viele Nationalsozialisten ein Leben ohne Hitler schlicht unmöglich. Einige töteten sich, unmittelbar nachdem sie die Nachricht vom Tod ihres "Führers" gehört hatten.

1945 – ein Jahr zwischen Krieg und Frieden. Hier gelangen Sie zu unserem Schwerpunkt. © Allan Jackson/​Hulton Archive/​Getty Images

In der Wehrmacht kam es ebenfalls in großem Umfang zu Selbstmorden – was verständlich ist, wenn man bedenkt, in welchem Ausmaß sich die Armee an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt hat. Viele Offiziere zogen der Niederlage den Freitod vor, den die Nationalsozialisten während der letzten Kriegsmonate als heroischen Soldatentod verherrlichten. Da ein deutscher Sieg unmöglich geworden war, glaubten viele Funktionäre, dass nun zumindest die Niederlage total sein müsse, wie der Historiker Tim Mason treffend feststellte. Die Furcht vor Bestrafung durch die Alliierten und der Wunsch, Herr über Leib und Leben zu bleiben und einem neuen 1918 zu entgehen – einer deutschen Niederlage mit anschließender Revolution –, waren weitere Motive, sich das Leben zu nehmen.

Doch nicht nur Soldaten, auch überdurchschnittlich viele Zivilisten begingen 1945 Selbstmord. Niemals nahmen sich in Deutschland mehr Menschen das Leben als im April 1945 im zerbombten Berlin: 3.881 waren es in diesem Monat vor der Kapitulation, mehrere Hundert jeden Tag. Zwar sind solche Statistiken nur bedingt aussagekräftig – man darf nicht vergessen, dass damals ein administratives Chaos herrschte –, der Ausschlag nach oben aber ist signifikant: Es wurden 1945 fünfmal mehr Selbstmorde verzeichnet als in den Jahren zuvor.

Welche Gründe im Einzelfall den Ausschlag gaben, ist schwierig zu erforschen. Hinweise liefern die Akten der Berliner Kriminalpolizei und die dort archivierten Abschiedsbriefe. So fanden Polizisten am 1. April 1945 eine 53-jährige Frau in Wittenberge tot auf; sie hatte sich vergiftet. Als Ursache notierten die Beamten lakonisch: "Schwermut, bedingt durch die heutigen Verhältnisse". Doch sind solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen: Die meisten Polizeiakten heben Suizidmotive wie "die Russen", "die heutigen Verhältnisse" oder "den Krieg" hervor. Die in der Kriminalpolizei tief verankerten nationalsozialistischen Normvorstellungen schwingen in solchen Erklärungen zumindest mit.