Aufbegehren in Schwarz-Rot-Gold – Seite 1

Am 12. Juni 1815, wenige Tage nach Abschluss des Wiener Kongresses und eine kappe Woche vor Napoleons Untergang in Waterloo, herrscht feierliche Stimmung auf dem großen Jenaer Marktplatz. Genau 143 Studenten haben sich hier in ihrer besten Montur versammelt, um die erste gesamtdeutsche Burschenschaft zu gründen. Die jungen Männer marschieren durch die Gassen in Richtung Camsdorfer Brücke. Gleich dahinter liegt das Gasthaus Grüne Tanne, noch heute Restaurant und Burschenschaftssitz. Doch an diesem Tag haben die Studenten anderes im Sinn, als nur zu feiern. In einem vereinigten Deutschland, so ihr Ideal, sollen keine studentischen Landsmannschaften mehr bestehen. Sachsen, Franken oder Thüringer würden alle zusammengehören; nur noch eine Burschenschaft solle es geben, hier und an allen anderen deutschen Universitäten – eine nationale Vereinigung.

Still senken sich vor dem Gasthaus die Fahnen der Landsmannschaften zum Zeichen ihrer Auflösung. Dann verliest der Theologiestudent Karl Horn die Verfassung der Burschenschaft, die nach demokratischer Abstimmung angenommen wird. Die Schrift ist nicht revolutionär, doch sie enthält Passagen, die aufhorchen lassen. Alle Mitglieder der Burschenschaft seien gleich, es gebe keine Unterschiede qua Geburt. Für die "Freiheit und Selbstständigkeit des Vaterlands" wollen die Studenten einstehen. Das deutsche Volk solle geschützt werden "gegen die schrecklichste aller Gefahren, gegen fremde Unterjochung und Despotenzwang". Nur vier Tage nachdem die Bundesakte auf dem Wiener Kongress verabschiedet worden ist, der die feudalen Strukturen in Deutschland zementieren soll, strebt hier eine Avantgarde nach politischer Mitbestimmung.

In ihren Forderungen zeigt sich von Anfang an das Janusgesicht des Nationalen: Freiheit auf der einen, die martialische Ablehnung des Fremden auf der anderen Seite. "Die Völker bekommen keine Rechte, die sie sich nicht nehmen", verkündet der geistige Vater der Studenten, der Jenaer Geschichtsprofessor Heinrich Luden, später in einer seiner Vorlesungen.

Im liberalen Kleinstaat Sachsen-Weimar ist es möglich, solches frei zu sagen. Der Großherzog Karl August selbst fördert die Urburschenschaft, verspricht er sich von ihr doch eine disziplinierende Wirkung auf das studentische Lotterleben mit seinem Renommistenwesen, den Saufgelagen, Raufereien und Duellen. Für diese liberale Haltung muss er sich freilich später aus Wien von Staatskanzler Metternich sagen lassen, "aus seinem kleinen Land eine Brutstätte des Jakobinertums" gemacht zu haben.

Ganz bewusst wählen die Burschenschafter für ihre Fahne die Farben des Lützowschen Freikorps, dessen Kämpfer in schwarze Röcke mit roten Aufschlägen und goldenen Knöpfen gekleidet waren. Die Studenten gedenken damit der "Befreiungskriege" von 1813, zu denen sich junge Männer aus ganz Deutschland freiwillig gemeldet hatten. Etwa jeder zweite deutsche Student griff zu den Waffen, und auch von Jena aus zogen viele in den Krieg gegen Napoleon. Der Schweizer Maler Ferdinand Hodler hat sie rund einhundert Jahre später in seinem Gemälde Auszug der Jenenser Studenten verewigt, das noch heute in der Aula der Universität zu sehen ist.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Mindestens acht der elf führenden Urburschenschafter aus Jena waren selbst "Lützower". Diese ehemaligen Kriegsfreiwilligen spielen nach 1813 auch in anderen Universitätsstädten wie Heidelberg, Berlin oder Gießen eine bedeutende Rolle beim Aufbau der Burschenschaften. Fortschrittlich ist ihre Forderung nach einem nationalen Verfassungsstaat. Doch kursiert unter den Studenten auch völkisches und militaristisches Gedankengut. Am Tag der Gründung in Jena singen sie zum Schluss der Zeremonie das populäre Lied Was ist des Deutschen Vaterland?. Dessen Urheber ist der nationalistische Hassprediger Ernst Moritz Arndt. "Diese erste deutsche Jugendbewegung aber übertraf an verwirrender Unvergleichlichkeit alles, was seit Rousseau in der europäischen Politik erschienen war", schreibt später der Historiker Golo Mann.

Die Kosmopoliten wandeln sich zu Nationalisten

Die Nationalisierung der öffentlichen Meinung setzte schon 1806 nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt ein. Zu den wortmächtigen Vordenkern gehörten neben Arndt auch der klerikalkonservative Publizist Joseph Görres und der Philosoph Johann Gottlieb Fichte. Diese standen nun für ein aggressives, antifranzösisches deutsches Volkstum und revidierten damit ihre früheren Sympathien für die Ideen der Französischen Revolution.

Als Jenaer Professor hatte Fichte noch um 1794 die politischen Umwälzungen im Nachbarland in Wort und Schrift verteidigt. In der von ihm gegründeten "Gesellschaft der freien Männer" debattierten Studenten regelmäßig über die Einflüsse der Revolution auf Deutschland. 1799 schließlich musste der renitente Kopf wegen seines "Demokratismus", wie er selbst sagte, Jena verlassen. Danach wandelte er sich zum nationalen Patrioten. Noch kurz vor seinem Tod 1814 versuchte er seine einstigen Ideale mit denen der Nationalbewegung zu verbinden. Preußen war für ihn nun Vorreiter eines neuen Einheitsstaates, dem König schrieb er übergangsweise die Rolle zu, seine Untertanen zur Freiheit zu erziehen. Im Sinne der Humboldtschen Bildungsreform sollten die Menschen erst einmal befähigt werden, bevor sie politisch verantwortlich handelten. Doch eine monarchische "Vererbung der Gewalt" lehnte er ab, das neue Staatsgebilde sollte auf eine Verfassung gründen.

Wie sich Fichte und andere politische Vordenker im Zuge der Befreiungskriege von Kosmopoliten zu Nationalisten wandelten, so veränderte sich auch die Haltung der Studenten im Lauf dieser Jahre. Dies lässt sich gut anhand ihrer Stammbücher nachvollziehen. In diese in Leder oder Pappe gebundenen Büchlein notierten die Studenten politische oder biografische Anmerkungen. In der Revolutionszeit malten sie Symbole wie die rote Jakobinermütze oder die französische Trikolore als Zeichen ihrer Hoffnung und garnierten sie mit einschlägigen Parolen wie "liberté, egalité, fraternité" oder dem radikaleren Motto "liberté ou la mort" – "Freiheit oder Tod".

Bereits zu dieser Zeit war das nicht nur eine Phrase. Schon lange vor den Befreiungskriegen huldigten die Studenten einem geradezu enthusiastischen Bellizismus. Nur wollten sie damals mit den französischen Revolutionstruppen gegen die Söldnerheere der europäischen Monarchen kämpfen.

Einer von ihnen, der Jenaer Medizinstudent Georg Friedrich Hallungius, trug 1797 das Motto der Revolution "Freiheit – Gleichheit oder Tod" in das Stammbuch eines Kommilitonen ein und opferte sich später tatsächlich für seine Gesinnung: Lakonisch ergänzte ein Kommilitone auf dem Stammbuchblatt, dass Hallungius in Diensten "der französischen Armee in Preußen" umgekommen sei. An der Universität Würzburg konspirierte 1795 gar eine ganze Gruppe von Studenten um einen "Menschheitsbund". Dessen Ziel war es, ein überregionales Korps zu sammeln, um sich den französischen Truppen anzuschließen. Das Ideal der studentischen Jugend war der Revolutionsgeneral Bonaparte. Im Sommer 1798 schrieben die Studenten Parolen wie "Liberté et droit!!! Vive Bonaparte!!" oder schlicht "Es lebe Bonaparte" in ihre Stammbücher. Auch die studentische Kleidermode in diesen Jahren spiegelte diese Sympathien wider. Eine blau-weiß-rote Kokarde am Hut war keine Seltenheit, und noch im Jahr 1800 beschwerte sich ein österreichischer Offizier, dass sich die Heidelberger Studenten wie Sansculotten kleideten.

Einige Jahre später, unter der französischen Fremdherrschaft, schwanden die Anhänger der Revolution. Napoleon Bonaparte hatte mit seinem imperialistischen Machtstreben ihre Hoffnungen gründlich enttäuscht. Und spätestens von 1806 an verfluchten sie ihn; in der Ablehnung des Franzosenkaisers einte sich die deutsche Nation. Als sich Anfang 1813 Mitglieder der Heidelberger Landsmannschaft Borussia anschickten, zu den Waffen zu eilen, notierten sie denn auch Abschiedsgrüße wie "geh hin und schlag die Franzosen krumm". Man versprach einander, sich "unter den vaterländischen Waffen wieder[zu]sehen", oder wartete auf "des neuen Wallhalls Morgenröte". Statt Mode "à la Revolution" trug man nun die schlichte "altdeutsche" Tracht, trendgebendes Vorbild waren die schwarz gefärbten Röcke der studentischen Freischärler.

Das Erbe der Befreiungskriege und die Enttäuschung über das napoleonische Frankreich bestimmen fortan die politischen Ziele der Studenten. Für Heinrich Heine, der selbst für kurze Zeit an der Universität Bonn einer Burschenschaft angehört, dominieren in ihnen die Nationalisten mit ihrem "Teutomanismus", dem "Hass des Fremden" und der "Unvernunft" gegenüber Andersgesinnten. Nüchtern analysiert er später, dass "jene Repräsentanten der Nationalität im deutschen Boden weit tiefer wurzeln als die Repräsentanten des Kosmopolitismus".

Die Unzufriedenheit der Burschenschafter mit dem restaurativen System wächst mit jedem Jahr. Nach dem Wartburgfest, zu dem auf Einladung der Jenaer Urburschenschaft am 18. Oktober 1817 rund 500 Studenten aus ganz Deutschland kommen, fordern sie neben der Einheit Deutschlands die Einführung einer konstitutionellen Monarchie, Rechtssicherheit, die Abschaffung stehender Heere zugunsten einer Landwehr sowie Rede- und Pressefreiheit.

3.000 Mitglieder an allen deutschen Hochschulen

Als die beunruhigte Obrigkeit bei den Studenten nach den Ursachen dieser Politisierung fahndet, spottet die Bremer Zeitung am 25. November 1817 über so viel Naivität: "Die Toren! Sie suchen das Geheimnis und wollen es durch Schrecken der Polizei herauspressen [...]. Das Geheimnis, welches ihr sucht, steht geschrieben in den blutigen Jahren des Revolutionskrieges, der Unterdrückung Deutschlands, der nicht allein durch kaiserliche und königliche Garden errungenen Befreiung vom fremden Joch."

Ihren Zenit erreichen die Burschenschaften 1819 mit rund 3.000 Mitgliedern an allen deutschen Hochschulen, etwa einem Drittel der Studentenschaft des Deutschen Bundes. Die Bewegung hat sich weiter radikalisiert. Auf der Linken fordert eine Gruppe der "Unbedingten" unter Führung des Gießener Privatdozenten Karl Follen eine Republik, notfalls mithilfe einer Revolution – oder politischer Morde.

Als der fanatische Burschenschafter Carl Ludwig Sand am 23. März 1819 in Mannheim den antinationalen Schriftsteller August von Kotzebue erdolcht, ist diese Grenze überschritten. Das Attentat gibt den reaktionären Regierungen die hochwillkommene Handhabe, gegen nationale und liberale Bewegungen vorzugehen. Metternich frohlockt, und die folgenden Karlsbader Beschlüsse ersticken jegliche kritische Regung nicht nur an den Universitäten im Keim: Die Burschenschaften werden verboten, ihre Mitglieder verfolgt, unliebsame Professoren verlieren ihre Lehrerlaubnis und Zeitungen ihre letzten Reste an Freiheit.

So ist die nationale Jugendbewegung rund vier Jahre nach ihrer Gründung in Jena gescheitert. Ihre Wortführer aber bleiben aktiv. In der Frankfurter Nationalversammlung sitzen 1848 nicht weniger als 171 ehemalige Burschenschafter.