Während sie in Richtung Waterloo marschieren, drängen sich die alliierten Fußsoldaten zusammen. Sie wollen sich vor dem strömenden Regen schützen. Unter bleiernem Himmel erhellen Blitze und das Aufleuchten der Artillerie den Horizont, und das Dröhnen des Donners und das Krachen der Geschütze rollen über die Felder. Es ist der 17. Juni 1815, und die alliierten Soldaten sollen sich zurückziehen – vor Napoleon.

Wiedergekehrt aus der Verbannung in Elba, hat dieser Frankreich erneut hinter sich versammelt. Im Juni 1815 rückt er mit seiner Armee nach Norden in die südlichen Niederlande vor, das heutige Belgien, und zwingt die Verhandlungsführer des Wiener Kongresses zu einer Reaktion.

Zunächst sieht es so aus, als könne Napoleon sich behaupten: Am 16. Juni 1815 fügt er den von General Blücher befehligten Preußen bei Ligny eine peinliche Niederlage zu. Gegen die alliierte Armee, in der Briten, Niederländer, Belgier und auch etliche deutsche Legionen unter Führung des britischen Herzogs von Wellington kämpfen, aber erreichen die Franzosen am selben Tag in Quatre-Bras nur ein Remis. Quatre-Bras liegt wenige Kilometer südlich von Waterloo, einem Örtchen nahe Brüssel. Dorthin weichen die alliierten Soldaten nun auf Wellingtons Befehl hin aus. Die Gegend ist hügelig und ermöglicht eine günstige Verteidigungsstellung. Wellington braucht Zeit, damit seine Truppen und die der Preußen sich wieder sammeln und erholen können.

Als die Soldaten im Regenmatsch ihr Nachtlager aufschlagen, wissen sie, dass ihnen der größte Kampf noch bevorsteht: "Wirst du wohl die Heimath und deine Theuern wieder sehen; oder rafft wohl auch dich ein feindliches Schwerdt aus diesem unruhigen Leben hinweg?", notiert ein junger Leutnant der King’s German Legion, die sich hauptsächlich aus hannoverschen Untertanen des britischen Königs zusammensetzt.

Besonders siegesgewiss sind die Soldaten nicht. Wellingtons Armee besteht zu großen Teilen aus jungen und unerfahrenen Soldaten, die Offiziere nennen sie unverblümt "schlecht". Napoleon dagegen hat viele erfahrene Veteranen in seinen Reihen, die dem Kaiser in glühender Loyalität ergeben sind.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Am Morgen des 18. Juni stehen Wellingtons Männer in Bereitschaft. Es ist bitterkalt, und viele sind hungrig, weil sie vor lauter Aufregung keinen Bissen herunterbekommen haben. Gegen acht Uhr kommt endlich die Sonne durch. Die Soldaten reinigen ihre Waffen und feuern sie ab, um festzustellen, ob sie nach dem Regen überhaupt noch funktionieren.

Auch die Franzosen bereiten sich vor. Im Morgengrauen, so erinnert sich der Unteroffizier Canler, "zerlegte jede Kompanie ihre Flinten, um sie einzufetten, wechselte die Kleidung und trocknete ihre Mützen". Selbst hohe Offiziere haben die Nacht im Freien verbracht und sind nass bis auf die Knochen. Als Napoleon an Canlers Regiment vorüberreitet, wird er mit lautem Jubel begrüßt: Helme und Kappen werden auf Säbeln und Bajonetten in die Luft gereckt, begleitet von frenetischen "Es lebe der Kaiser"-Rufen.

Napoleon will Wellington durch ein Täuschungsmanöver an seiner rechten Flanke ablenken, die Abwehr durch ein Bombardement aufweichen und die Alliierten dann durch einen Frontalangriff überraschen, bevor sie sich zurückziehen können. Wellingtons Taktik dagegen ist defensiv: Er versteckt seine Soldaten, so gut er kann, in den hohen Kornfeldern und im Meierhof von La Haye Sainte, dem größten Gebäude an der Straße nach Brüssel. Der Hof liegt genau zwischen den Linien der Franzosen und denen der Alliierten, sodass seine Verteidigung einen wichtigen Zweck erfüllt: Napoleon aufzuhalten, bis die preußische Verstärkung eintrifft.

Um halb zwölf eröffnen die Franzosen das Feuer. Noch hält sich der Großteil von Wellingtons Armee hinter einem Hügel verborgen, etliche niederländische Soldaten der alliierten Truppen aber sind der Kanonade auf der offenen Hangseite schutzlos ausgeliefert. Glücklicherweise bleiben viele der französischen Kanonenkugeln beim Aufprall im verschlammten Boden stecken, anstatt wie sonst wieder abzuprallen und noch mehr Unheil anzurichten. Gegen halb zwei setzen die Franzosen zum Sturm an. Der Hauptmann eines britischen Jägerregiments beschreibt das Getöse und die Heftigkeit des französischen Angriffs, "als stünde die schiere Möglichkeit, wir könnten dem Anprall widerstehen, außer Frage".