Am 9. Juni 1815 versammelten sich Bevollmächtigte sämtlicher Staaten Europas im Großen Festsaal der Wiener Hofburg und besiegelten ein Dokument, das die Welt wieder in Ordnung bringen sollte. Sie alle waren erleichtert darüber, dass ihr langer Aufenthalt in der Stadt nun ein Ende hatte und sie heimkehren konnten. Zufrieden mit dem Erreichten waren die wenigsten von ihnen.

Sie hatten an einer der größten Versammlungen von Monarchen, Ministern und Diplomaten teilgenommen, welche die Welt bis dahin gesehen hatte. Der Wiener Kongress, einberufen am Ende einer Phase von Kriegen, die fast ein Vierteljahrhundert gewährt und ganz Europa erfasst hatten, war mit höchsten Erwartungen verbunden gewesen. "Noch nie war ein sprachloses Europa von einer so heftigen und begründeten Furcht ergriffen", schrieb ein englischer Kommentator, "noch nie wurde das Herz der Welt selbst von solchen Erwartungen beunruhigt."

Zwei Kaiser nahmen am Kongress teil, der russische Zar Alexander und Franz I. von Österreich. Die Könige von Preußen, Dänemark, Württemberg und Bayern waren angereist; dazu etliche regierende Herzöge, Großherzöge und Fürsten. Bevollmächtigte der Herrscher und Regierungen Spaniens, Portugals, der diversen italienischen Staaten, Schwedens und der Niederlande, des Papstes, der Schweizer Eidgenossenschaft und der Hansestädte hatten die Fahrt nach Österreich auf sich genommen. Und als wäre dies noch nicht genug, lockte die Versammlung zudem eine Reihe von gewesenen weltlichen Herrschern und Kirchenmännern, auch Privatleuten an, die darauf hofften, Status, Territorium, Rechte oder Privilegien zurückzuerlangen. Unter ihnen waren etliche von Napoleon entthronte deutsche Fürsten; dazu schickten der Deutsche Orden, der Malteserorden, die Mainzer Handelskammer, verschiedene Klöster, jüdische Gemeinden und Handelshäuser Gesandte nach Wien. Verleger quartierten sich ein, Gelehrte und Schriftsteller, und alle hofften sie auf eine Gelegenheit, ihren Fall oder ihre Beschwerde vorbringen zu können. Die schöne Stadt mit ihren Lustgärten, Theatern und Konzertsälen bot die perfekte Kulisse dafür.

Am 2. Oktober 1814 trafen sich die Teilnehmer zu einem ersten großen und zweifellos atemraubenden Ball in der zum Festsaal umgestalteten Winterreitschule gleich neben der Hofburg. Staunend sah das Publikum, wie die Diamanten, welche die Häupter und Hälse der Damen und die Brustkörbe der Männer schmückten, das Licht der Kerzen widerspiegelten. An die 14.000 sollen an diesem Abend entzündet worden sein.

Der Obersthofmeister Graf Ferdinand von Trauttmansdorff organisierte während der Kongressmonate noch mehrere Bälle wie diesen. Er richtete Konzerte aus, veranstaltete Schlittenpartien, Jagdausflüge und andere Divertissements von unerreichter Pracht. 1.500 zusätzliche Diener wurden beschäftigt: Sie servierten den Monarchen und ihren Gefolgen, die in der Hofburg untergebracht waren, Frühstück und Abendessen, brachten den Herrschaften Wasser, kümmerten sich um die Wäsche und leerten die Nachttöpfe.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Weniger wichtige Herrscher, Minister, Diplomaten und Privatleute mieteten Paläste, Häuser, Wohnungen oder Zimmer von den Wienern. Die waren gerne bereit, ihre Immobilien, ihre Kutschen und Pferde, ihre Diener, sich selbst, ihre Frauen und ihre Töchter zu verleihen. Sie waren erpicht darauf, ihrem Kaiser zu dienen – und machten Geld damit, alles, was sie sahen und hörten, dem Polizeiminister zuzutragen, Baron Hager von der Obersten Polizei- und Zensurhofstelle.

Der Kongress verhieß aber nicht nur Verdienstchancen. Es knüpften sich an ihn auch hohe Erwartungen. Schließlich versprachen die Monarchen, die über Napoleon triumphiert hatten, nichts Geringeres, als der Welt Frieden und Gerechtigkeit zu bringen.