Damit war der Traum vom "Griff nach der Weltmacht" allerdings noch keineswegs ausgeträumt. Im Sommer 1915 errangen die deutschen Truppen unter dem Feldherrenduo Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff – seit der Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen Ende August 1914 als Kriegsheroen gefeiert – an der Ostfront ihren größten Sieg. Innerhalb weniger Monate wurden die russischen Armeen über 400 Kilometer zurückgeworfen. Ende September 1915, als die Offensive zum Stehen kam, befanden sich Russisch-Polen und große Teile des Baltikums in der Hand der Mittelmächte. Damit traten zumindest die Überlegungen, den "Ostraum" neu zu ordnen, ins Stadium der Realisierung.

Polen wurde in zwei zivile Verwaltungsbezirke geteilt: einen deutschen mit Sitz in Warschau und einen österreichischen mit Sitz in Lublin. Litauen und Kurland (das den Süden des heutigen Lettlands umfasste) hingegen kamen als "Land des Oberbefehlshabers Ost" – kurz "Ober Ost" – direkt unter deutsche Militärverwaltung. Hier erhielt Ludendorff, seit August 1916 neben Hindenburg Chef der Obersten Heeresleitung und der starke Mann der Militärführung im Osten, die Gelegenheit, ein besetztes Territorium nach seinen Vorstellungen einer dauerhaften Herrschaft zu formen. Es sollte sich dabei zeigen, dass pangermanische und völkisch-rassistische Ideen kein Monopol der Alldeutschen waren, sondern bis hinauf in die Spitzen des Staates Anhänger hatten. "Hier gewinnen wir Zuchtstätten für Menschen, die für weitere Kämpfe nach Osten nötig sind. Diese werden kommen, unausbleiblich", schrieb Ludendorff Ende Dezember 1915 an den Historiker Hans Delbrück.

In der ersten Besatzungsphase ging es darum, ein engmaschiges Netz der Kontrolle zu errichten. Das Territorium mit seinen drei Millionen Einwohnern – Litauern, Letten, Esten, Weißrussen – wurde in sechs Verwaltungsbezirke gegliedert, wobei die Grenzziehung ohne Rücksicht auf die Gegebenheiten erfolgte. Militärische Sicherheitsinteressen verbanden sich mit der Absicht, die ökonomischen Ressourcen auszubeuten. Dem diente auch die statistische Erfassung der Bevölkerung. Nichts durfte ungeregelt bleiben. Eine Flut von Verordnungen überschwemmte das Land. Die unterworfene Bevölkerung sollte allerdings nicht nur kontrolliert, sondern auch im Sinne der deutschen "Herrenideologie" umerzogen werden: Deutsch wurde in der Schule von der ersten Klasse an zum Pflichtfach, während man bestehende höhere Bildungseinrichtungen stark einschränkte, da die einheimische Intelligenz nach Ansicht der Besatzer nicht mehr gebraucht wurde. Militärs und Beamte führten sich wie Kolonialherren auf, die glaubten, "primitive" Völker mit den Segnungen "deutscher Arbeit und Kultur" beglücken zu müssen, ihnen tatsächlich aber eine von rassistischen Überlegenheitsgefühlen geprägte Gewaltherrschaft auferlegten: "Die russische Knute tat manchmal weh, die preußische Fuchtel immerfort", lautete eine wiederkehrende Klage.

Die deutsche Militärverwaltung erreichte letztlich das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt hatte: Statt die Grundlagen für eine Integration der eroberten Gebiete zu schaffen, förderte sie die nationalen Bestrebungen.

Doch zunächst schienen die Entwicklungen des Jahres 1917 dem Kaiserreich in die Hände zu spielen: Unter allen Kriegsparteien wuchs die Friedenssehnsucht, zugleich eskalierten gesellschaftliche Spannungen zusehends. Der revolutionäre Funke zündete zuerst in Petrograd, der Hauptstadt des Zarenreiches. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, gingen die Textilarbeiterinnen auf die Straße und riefen nach Frieden und Brot. Arbeiter sämtlicher Betriebe solidarisierten sich. Zwei Tage später weiteten sich die Proteste zum Generalstreik aus. Die Garderegimenter verweigerten den Gehorsam. Binnen weniger Tage brach das autokratische System zusammen. Am 15. März dankte Zar Nikolaus II. ab. Eine Provisorische Regierung, gestützt auf die bürgerlich-liberale Mehrheit in der Duma, übernahm die Macht.

Im Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten hatte die neue Regierung allerdings von Anfang an einen mächtigen Gegenspieler: die Bolschewiki. Anfang April erlaubte die deutsche Regierung dem im Züricher Exil lebenden Führer der Partei, Wladimir Iljitsch Lenin, mit seinen Gefolgsleuten im plombierten Zug über Deutschland und Schweden nach Petrograd auszureisen. Zwei ungleiche Partner mit unterschiedlichen Interessen hatten zusammengefunden: Lenin wollte mithilfe der Deutschen möglichst schnell nach Russland kommen, um hier die revolutionäre Entwicklung voranzutreiben; die deutschen Militärs und Politiker wollten mithilfe der russischen Revolutionäre das Chaos im östlichen Riesenreich verstärken, um es auf diese Weise aus der Triple Entente herauszulösen und zu besiegen.

Am 7. November 1917 war es so weit: Die Provisorische Regierung unter Ministerpräsident Kerenski wurde gestürzt; die Bolschewiki übernahmen die Macht in Petrograd. Bereits einen Tag später richteten sie einen Aufruf an die kriegführenden Mächte, Frieden zu schließen. Die Gespräche mit Deutschland begannen am 3. Dezember – am 15. Dezember hatte die deutsche Reichsleitung ihr erstes Ziel, Russland von der gegnerischen Koalition "abzusprengen", erreicht. Wie aber sollte der Friede aussehen, der mit der revolutionären Regierung auszuhandeln war?

Auf einer Kriegsziel-Besprechung im deutschen Hauptquartier in Bad Kreuznach am 23. April 1917 hatten sich die Militärs bereits festgelegt: Im Osten sollten Kurland und Litauen, darüber hinaus nun auch Teile Livlands (die nördliche Hälfte des heutigen Lettlands und der Süden Estlands) sowie der Rest des damaligen Estlands annektiert werden. Polen sollte, bis auf einen an Deutschland abzutretenden Grenzstreifen, nach dem Krieg die Selbstständigkeit erhalten, militärisch, politisch und wirtschaftlich aber eng an das Deutsche Reich angeschlossen werden. In seiner ersten Rede vor dem Reichstag am 27. November 1917 erklärte der neue Reichskanzler Graf Georg von Hertling: "Was die ehemals dem Zepter des Zaren unterworfenen Länder Polen, Kurland, Litauen betrifft, achten wir das Selbstbestimmungsrecht der Völker."

Diese Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker war jedoch nicht mehr als ein taktischer Schachzug, um die deutsche Vorherrschaft in Osteuropa zu errichten, indem ein System von Satellitenstaaten geschaffen werden sollte. Am 22. Dezember 1917 begannen in Brest-Litowsk die Friedensverhandlungen zwischen den Mittelmächten und dem bolschewistischen Russland.