"Putin rechtfertigt in Merkels Gegenwart den Hitler-Stalin-Pakt", titelten polnische Zeitungen Mitte Mai dieses Jahres. Der russische Präsident hatte auf der Pressekonferenz zum 70. Jahrestag des Kriegsendes behauptet, dass sich Stalin im August 1939 auf das fatale Bündnis mit den Nationalsozialisten erst eingelassen habe, als der Westen die Sowjetunion in ihren friedlichen Bemühungen im Stich gelassen habe, einen "antifaschistischen Block" gegen Hitler-Deutschland zu bilden.

Angela Merkel reagierte entschieden, erinnerte an das unbeschreibliche Unrecht, das der Pakt bewirkt habe, und an die deutsche Kriegsschuld. Putins Worte aber waren in der Welt. Nachdem er den Pakt vor Jahren noch als unmoralisch gegeißelt hatte, signalisierte er nun unmissverständlich den Rückzug in ein Geschichtsverständnis der trotzigen Abgrenzung. Und mehr noch: Es schwang auch eine Drohung darin mit – dass Russland sein Sicherheitsbedürfnis auch heute auf Kosten seiner Nachbarn befriedigen könnte.

Der Hitler-Stalin-Pakt ist im östlichen Europa der Inbegriff doppelter totalitärer Schreckensherrschaft, der nationalsozialistischen wie der sowjetischen. Doch während der NS-Terror 1945 endete, setzte sich die sowjetische Vorherrschaft bis 1989 fort. Putins Nationalismus, der blühende Stalin-Kult im heutigen Russland und die Äußerungen über den Hitler-Stalin-Pakt wecken daher eine ganze Reihe unguter Erinnerungen – vor allem in den Staaten, die als Erste Opfer des Nichtangriffsabkommens von 1939 wurden: in Polen und in den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.

"In streng vertraulicher Aussprache" hatten der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetischer Amtskollege Wjatscheslaw Molotow am 23. August 1939 den Nichtangriffspakt unterzeichnet und in einem geheimen Zusatzprotokoll ihre jeweiligen Interessensphären aufgeteilt. Man einigte sich darauf, dass die neue gemeinsame Grenze mitten durch Polen verlaufen sollte; der polnische Staat sollte von der Landkarte verschwinden. Nur wenige Tage später war es so weit: Am 1. September überfiel die Wehrmacht Polen, gliederte einen Teil des Landes dem Reichsgebiet ein und stellte weitere Gebiete, das sogenannte Generalgouvernement, unter Besatzung. Kaum drei Wochen nach dem deutschen Überfall überschritten Truppen der Roten Armee die östlichen Grenzen des Landes.

Rasch stellten die neuen sowjetischen Herren klar, dass sie die mehrheitlich ukrainisch oder weißrussisch besiedelten Gebiete zu annektieren gedachten, die im 19. Jahrhundert schon einmal zum Zarenreich gehört hatten. Im Frühjahr 1940 begann die Sowjetmacht damit, Zigtausende Polen aus dem Osten des Landes zu deportieren. Etwa zur gleichen Zeit wurden nahe Smolensk, im Wald von Katyń und an anderen Orten mehr als 25 000 polnische Offiziere erschossen, die in sowjetische Gefangenschaft geraten waren.

Zeitgleich hatte sich die Sowjetunion das Baltikum und das rumänische Bessarabien gewaltsam einverleibt. So schien der territoriale Umfang des alten Zarenreiches im Sommer 1940 beinahe wiederhergestellt. Zwar fehlten Finnland und Zentralpolen, doch diese Gebiete hatten bereits im 19. Jahrhundert einen Sonderstatus genossen und weckten kaum imperiale Sehnsüchte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Wie in Polen folgten auch im Baltikum der Annexion Deportationen. Mehr als 120.000 Menschen, größtenteils Angehörige der politischen und intellektuellen Oberschicht, wurden innerhalb weniger Monate nach Sibirien verschleppt. Die lettische Politikerin Sandra Kalniete, die als Tochter aus Lettland Deportierter 1952 in einem sibirischen Lager geboren wurde, hat 2001 in ihren Erinnerungen Zeugnis davon abgelegt. Sie ist nicht die Einzige, die die sowjetische mit der nationalsozialistischen Besatzung dabei in provokanter Weise auf eine Stufe stellte.

Aus Sicht der Historiker sind beide Gewaltherrschaften, der Nationalsozialismus und der Stalinismus, natürlich nicht gleichzusetzen. Aber in Osteuropa waren sie eng verschränkt und aufeinander bezogen – im Hitler-Stalin-Pakt, im mörderischen Zugriff auf die Ukraine als Kornkammer und in der Komplizenschaft, mit der die Rote Armee noch im Sommer 1944 dabei zusah, wie in Warschau der polnische Widerstand verblutete. Wenn Wladimir Putin heute davon spricht, Stalins Pakt mit Hitler habe einem friedlichen Zweck gedient, ist das geradezu zynisch. Denn dieser außenpolitische Pakt beendete nicht nur jene Konstellation der Zwischenkriegszeit, als sich zwischen Deutschland und Sowjetrussland ein Freiraum für neue Nationalstaaten geöffnet hatte: Er überzog das östliche Europa auch mit extremer Gewalt in bisher unbekanntem Ausmaß.

Bei Kriegsende stand die siegreiche Rote Armee in den Ruinen Warschaus, in Berlin und Prag, Wien und Budapest, Bukarest und Sofia. Die sowjetischen Soldaten kamen als Befreier. Sie waren aber auch Besatzer. Noch einmal dehnte die Sowjetunion ihren Machtbereich aus – und schlug nun auch Gebiete ihrem Territorium zu, die nie zum Zarenreich gehört hatten: das ehemalige Königsberg im Nordwesten, Lemberg und die Karpatoukraine.

Die folgenden Jahre lassen sich unschwer als Fortsetzung dessen erzählen, was während des Zweiten Weltkrieges begonnen hatte. Aus den baltischen Republiken ließ Stalin weiterhin Hunderttausende nach Sibirien verschleppen, zunächst um den bewaffneten antisowjetischen Widerstand in den Wäldern zu brechen, dann um die Kollektivierung der Landwirtschaft zu erzwingen. Rumänien- und ungarndeutsche Männer wurden zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt (was das bedeutete, lässt Herta Müllers erschütternder Lager-Roman Atemschaukel erahnen, eine Hommage an den jahrelang inhaftierten Freund Oskar Pastior). Im tschechischen Erzgebirge begannen Zwangsarbeiter 1945 mit dem Uranabbau. Zehntausende von den Nationalsozialisten als Arbeitssklaven verschleppte Sowjetbürger wurden unterdessen nach der Rückkehr in ihre Heimat als Kriegsverbrecher vor Volksgerichte gestellt und ein zweites Mal verfolgt. Sie galten unter Stalin als Vaterlandsverräter.

Vielerorts in Osteuropa wurde nun mit echten und vermeintlichen Nazikollaborateuren abgerechnet. Auf dem Balkan etwa übten die kommunistischen jugoslawischen Partisanen Rache an den kroatischen und den Ustascha-Faschisten, die das Land mit Terror überzogen hatten, und an slowenischen Soldaten, die ebenfalls mit der Wehrmacht zusammengearbeitet hatten. Zehntausende Menschen wurden erschossen und auf regelrechte Todesmärsche geschickt, darunter Zivilisten. Die Zahl der Toten unter den aus Osteuropa vertriebenen Deutschen schließlich summiert sich auf mehrere Hunderttausend.

Allerdings griffe es zu kurz, diese Gewalttaten als bloße Racheakte zu deuten: Sie dienten auch dem Zweck, die alten Eliten zu zerschlagen, sozial egalitäre Verhältnisse zu schaffen und schließlich die Gesellschaften des östlichen Europas nach sowjetischem Muster umzuformen. Die sowjetische Propagandarhetorik der ersten Nachkriegsjahre, jedes Land müsse selbst seinen Weg zum Sozialismus finden, war lediglich ein Mittel, das Gespenst eines offenen Bürgerkriegs zu verscheuchen.

Gewaltsame Mobilisierung der Massen

Wo es auf dem "Weg zum Sozialismus" nicht schnell genug voranging, wurde nachgeholfen. Mitunter mischten sich die sowjetischen Machthaber selbst ein, so wie in Rumänien, wo der stellvertretende sowjetische Außenminister Andrei Wyschinski, der 1939 und 1940 die sowjetische Annexion der westukrainischen Gebiete und Lettlands organisiert hatte und ehemals Chefankläger der Moskauer Schauprozesse war, dafür sorgte, dass der amtierende Regierungschef entlassen wurde und die rumänische Regierung sowjetischen Vorstellungen entsprach.

Von Wahlergebnissen ließ man sich in Moskau ebenfalls nicht beirren: Als im Dezember 1945 die ungarischen Kommunisten die noch leidlich freien Parlamentswahlen verloren, sicherte die Sowjetmacht ihren kommunistischen Schützlingen das Innenministerium. Schritt für Schritt wurde die siegreiche Partei der kleinen Landwirte danach aus der Regierung herausbugsiert. Dasselbe Schicksal ereilte in Polen die bäuerliche Volkspartei. Und im Februar 1948 drängten die Kommunisten selbst in der Tschechoslowakei, wo sie seit Langem den mit Abstand stärksten Rückhalt genossen, ihre Koalitionspartner aus der Regierung. In volksdemokratischen Koalitionen war der Vorwurf antikommunistischer Agitation schnell bei der Hand, wenn es Konflikte gab. Die meisten ihrer Feinde machten sich die Kommunisten und ihre Moskauer Schutzherren somit selbst, und spätestens 1948 schien das Modell eines eingeschränkten Pluralismus unter sowjetischer Aufsicht ausgedient zu haben. Die anschließende Fusion von Sozialisten und Kommunisten zu einheitlichen Arbeiterparteien war jeweils nur noch ein letzter, logischer Schritt zur formellen Diktatur.

Für einige Jahre schienen die Diktaturen Osteuropas nun völlig gleichförmig, ausgestattet mit allen Merkmalen ihres sowjetischen Patrons. Um die Parteichefs wurde ein Personenkult getrieben, der dem um Stalin kaum nachstand. Der ungarische Stalinist Mátyás Rákosi rühmte sich, Stalins gelehrigster Schüler zu sein. Hinter den Kulissen steuerten enge Machtzirkel fast allmächtige Staatssicherheitsdienste mit einem Gefängnis- und Lagerarchipel. Und sie organisierten Schauprozesse gegen höchste Parteifunktionäre, die in Ungnade gefallen waren – gegen László Rajk in Ungarn, Trajčo Kostov in Bulgarien und schließlich Rudolf Slánský in der Tschechoslowakei.

Eine durchgehende Logik ist hinter diesen Angriffen auf die eigenen Spitzenleute kaum zu erkennen. Die Prozesse definierten je neue Wahrheiten. Sie waren Ausdruck der Wagenburgmentalität der Moskauer Führung. Und wie im Prozess gegen Slánský und seine Mitangeklagten waren dabei selbst antisemitische Töne wohlfeil.

Gerade die Schauprozesse zeugen aber auch von der enormen gesellschaftlichen Dynamik im östlichen Europa der Nachkriegsjahre. Fast alle Länder Osteuropas durchliefen weitreichende Bodenreformen, die Industrie wurde oft noch durch die Koalitionsregierungen verstaatlicht. Es folgte der Übergang zu industriellen Großprojekten, die Kollektivierung begann, Millionen von Menschen strömten in die immer noch vom Krieg zerstörten Städte, um dort als Arbeiter, Angestellte oder Studenten an der sozialen Umwälzung mitzuwirken.

Die Parteidiktaturen waren ganz auf eine solche ständige, durchaus gewaltsame Mobilisierung der Massen angelegt. Kommunistische Herrschaft und sozialistische Revolution waren eins, Parteiführer wie Klement Gottwald (Tschechoslowakei), Bolesław Bierut (Polen), Mátyás Rákosi (Ungarn) oder Walter Ulbricht (DDR), aber auch Josip Broz Tito (Jugoslawien) hatten ihr Moskauer Exil nur überlebt, weil sie diese Logik verinnerlicht hatten. Sie wussten: Stalins Druck, mit dem der Durchbruch zum sozialistischen Industrialismus vollzogen worden war, konnte nur zu leicht auf sie zurückschlagen.

Die Annahme, der Stalinismus im Osteuropa der Nachkriegszeit erschöpfe sich im Export von Gewaltherrschaft sowjetischer Couleur, greift dennoch zu kurz. Nach den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit und den Verwüstungen des Krieges barg er auch die Aussicht auf eine radikale Absage an alles Bisherige, auf einen grundlegenden Neubeginn und nicht zuletzt: auf eine gerechte Wirtschaftsordnung.

"Das Wichtigste war damals das Bedürfnis, wieder normal zu leben", erinnerte sich Jacek Kuroń, seinerzeit Jugendfunktionär. "Die Leute wollten ihr Haus wieder aufbauen, ihre Straße von Trümmern frei räumen, gemeinsam eine Bäckerei und ein Kulturhaus bauen. Gesellschaftliche Aktivität war eine alltägliche Erscheinung [...] so mündeten alle Aktionen in die eine große Bewegung zum Wiederaufbau des Landes [...] unter der Schirmherrschaft der neuen Staatsmacht." Selbst aus der Feder eines längst zum Bürgerrechtler gereiften Intellektuellen, der mit dem Kommunismus glaubhaft gebrochen hatte, klingt dies nach Propaganda – und doch fangen seine Worte die Atmosphäre der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre treffend ein. Die massenhafte Bereitschaft, am Wiederaufbau mitzuwirken, bescherte Osteuropa eine Politisierung unbekannten Ausmaßes. Hunderttausende waren nach Kriegsende in politische Parteien eingetreten, bei Bauernparteien und bei Sozialisten, vor allem aber bei den Kommunisten, welche die radikalste Erneuerung versprachen und die Sowjetmacht an ihrer Seite wussten. Erstaunlich ist dabei weniger, dass die Kommunisten den ungleichen politischen Kampf für sich entschieden, sondern welche gesellschaftliche Energie sie aus ihrem Sieg bezogen. Der polnische Dichter Czesław Miłosz entlarvte das stalinistische Denken als einen Sog, als eine glücksverheißende Droge, die eine eigene Realität erschuf.

Die Erinnerung an das Regime ist lebendig

Der stürmische industrielle Aufbruch hatte denn auch seine Schattenseiten. Er drohte die Gesellschaften Osteuropas zu überfordern. Als Stalin nach einem Schlaganfall am 5. März 1953 starb, traten die Krisensymptome am Westrand seines Imperiums offen zutage: Die Arbeiter in der DDR gingen auf die Barrikaden – gegen die verordneten Arbeitsnormen, für mehr Mitbestimmung und Freiheit. Kurz zuvor war es zu Erhebungen im tschechischen Pilsen gekommen. Es folgten, ermutigt von der beginnenden Entstalinisierung 1956, der "Polnische Oktober" und die ungarische Revolution. Alle diese blutig niedergeschlagenen Aufstände machten deutlich, wie sehr das Moskauer Regime als Fremdherrschaft empfunden wurde und dass das verordnete Gesellschaftsmodell nicht hatte einlösen können, was es zu sein versprach: eine sozialistische Demokratie.

Zugleich zeigte sich in diesen Krisen, dass die sozialistische Gesellschaftsordnung als solche weitgehend akzeptiert oder zumindest hingenommen wurde – und zwar so lange, wie sie ein besseres, moderneres Leben verhieß. Die Entstalinisierung nach 1956 trug maßgeblich dazu bei. Sie beendete die massiven Gewaltkampagnen, die bis in die oberste Führungsriege hineingereicht hatten, und leitete die Abkehr von industriellen Großprojekten ein, mit denen man den "neuen Menschen" hatte formen wollen.

Für Intellektuelle innerhalb wie außerhalb der jeweiligen Staatsparteien wurde der Stalinismus nun zu einer negativen Folie, zum Inbegriff einer bürokratischen Erstarrung, die es – im Sinne der ursprünglichen kommunistischen Ziele – aufzubrechen galt. Der breiten Bevölkerung brachte der Wandel endlich ein Stück weit jene Normalität im Alltag und Teilhabe am industriellen Wohlstand, um derentwillen sie sich mit der Staatsmacht arrangierte: neu gebaute Wohnungen und Waschmaschinen, Tourismus und Konsum.

Die polnische Rede von der "kleinen Stabilisierung" der sechziger Jahre war daher ebenso wenig eine hohle Phrase wie das hehre Streben tschechoslowakischer Reformkommunisten nach einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Der sowjetische Einmarsch in der Tschechoslowakei im August 1968 markierte dann brutal die Grenzen einer solchen "inneren Entspannung".

Zur selben Zeit begann eine äußere Entspannung – vor allem in Gestalt der neuen Ostpolitik unter der Regierung Brandt. Die Existenz der Blöcke wurde nicht mehr per se infrage gestellt. 1975 erreichte diese Politik mit der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki einen ersten großen Erfolg: Ost und West verpflichteten sich auf die friedliche Anerkennung ihrer Grenzen und die Achtung der Menschenrechte.

1968 leitete für viele osteuropäische Intellektuelle den Bruch mit dem Marxismus insgesamt ein. Die Beschlüsse von Helsinki 1975 gaben ihnen Mittel an die Hand, auf die tatsächliche Einhaltung nur formal gewährter Bürgerrechte zu pochen. Zudem ermöglichte die äußere Entspannung Ansätze eines Dialogs zwischen Ost und West – nicht zuletzt über die allmählich historisch werdende Erfahrung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im östlichen Europa. So entstand die Basis für jene Neuausrichtung im Verhältnis zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn, die nach 1989 wirksam wurde.

Ein Vierteljahrhundert ist seither vergangen. Doch die Erinnerung an das unter Stalin errichtete Regime in Osteuropa ist noch immer lebendig – in Gestalt machtvoller nationaler Leidenserzählungen, von den baltischen Staaten über Polen bis nach Ungarn und Rumänien. Unterschlagen wird dort nicht selten, dass der kommunistische Neubeginn in vielen dieser Länder nach 1945 von großen Hoffnungen und Sympathien begleitet war und kurzzeitig einen enormen Entwicklungsschub bewirkte. In Russland dagegen neigt man heute – unter nationalistischen Vorzeichen – zu einer Verklärung der Stalin-Jahre und der Sowjetherrschaft. Der sowjetische Sieg über das nationalsozialistische Deutschland ist dabei weiterhin das Fundament des nationalen Selbstverständnisses und ungestillter imperialer Sehnsüchte.

Aufmerksamen Beobachtern ist nicht entgangen, dass mit der Annexion der Krim nun auch das mondäne Jalta wieder russisch sein soll, die Stadt, in der die alliierten Siegermächte im Februar 1945 die Neuordnung Europas im Zeichen des aufziehenden Kalten Krieges beschlossen und die mehr als vierzig Jahre lang für die Teilung Europas stand.

Lange Zeit schien es, als sei diese Teilung glücklich und friedlich überwunden. Heute hingegen fürchtet man in einigen osteuropäischen Staaten wieder, zwischen die Fronten zu geraten. So rührt Putins ungehindertes Ausgreifen auf die Krim in Warschau, Riga oder Tallinn an alte Ängste, der Westen könnte ihre Länder erneut dem russischen Einfluss preisgeben.

Nach 1945 bildete das östliche Europa den Westrand des Ostens, nach 1989 wurde es zum Ostrand des Westens. Putin deutet seit einiger Zeit nicht nur die Geschichte auf seine eigene Weise. Er will sich auch mit ihrem Ausgang nicht abfinden. Wie weit er dafür im Konflikt mit dem wahlweise als "faschistisch" oder "dekadent" gebrandmarkten Westen gehen wird, ist noch nicht abzusehen.

JOACHIM VON PUTTKAMER, Jahrgang 1965, ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Jena. Seit 2010 leitet er das Imre Kertész Kolleg "Europas Osten im 20. Jahrhundert"