Moskau, an einem Dezemberabend 1989. In einem georgischen Restaurant feiern die Reichen der Stadt. "Während die Geschäfte für den Normalbürger leergefegt sind, biegen sich hier die Tische unter Fressalien und allen möglichen Sorten von Alkohol", erinnerte sich der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère. "Die Kunden und das Personal", schreibt er, "sehen aus wie Statisten, die man eingesetzt hat, um eine anrüchige Atmosphäre zu schaffen. Da gibt es Reiche und Huren, Parasiten und Muskelprotze, kaukasische Banditen und Ausländer auf Sauftour. Man betrinkt sich, begrapscht sich, und vor allem lässt man viel Geld springen."

Carrère ist an diesem Abend nicht allein. Zwei Schriftstellerkollegen begleiten ihn. Der eine, Eduard Limonow, Dichter und Skandalautor, wird wenige Jahre später die Nationalbolschewistische Partei gründen und von der Errichtung eines russischen Riesenreiches träumen. Der andere ist Julian Semjonow, Herausgeber der Untergrundzeitschrift Sovershenno Sekretno ("Streng geheim").

Limonow, der erst wenige Tage zuvor aus den USA nach Russland zurückgekehrt ist, erinnert das Etablissement an die Schwarzmarktrestaurants, die er in französischen Filmen über die Besatzungszeit gesehen hat. Vor dem Restaurant steht ein einsamer Polizist. Limonow ist angewidert: "Es handelt sich nicht um einen vom Restaurant engagierten Wächter, sondern um einen echten Bullen, das heißt einen Repräsentanten des Staates." Niemand aber habe auch nur den geringsten Respekt vor dem Mann gezeigt: "Dieser Bulle am Eingang flößt kein bisschen Angst ein, und er weiß es. Die Gäste gehen an ihm vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. Wenn sie vor etwas Angst haben, dann jedenfalls nicht mehr vor ihm. Sie sind es, die das Geld und die Macht besitzen; der arme Typ in Uniform steht jetzt in ihren Diensten."

Die Sowjetunion und ihre Ordnung waren am Ende, zwei Jahre später wurden sie offiziell zu Grabe getragen. Der einsame Polizist vor dem Restaurant, den niemand mehr beachtete, war ein Sinnbild jener Zeit. Ein Imperium und sein Staat zerfielen, dankten ab – und nichts geschah. Wie konnte es sein, dass eine allmächtige Diktatur, eine Supermacht, die wenige Jahre zuvor noch ein Konkurrent um die Weltherrschaft gewesen war, geräuschlos abtrat und im Inneren nichts als Chaos und Anarchie hinterließ?

Manche glauben, die Sowjetunion sei zerfallen, weil ihr Untergang an der Zeit gewesen sei. Militärisch habe sie den Offenbarungseid leisten müssen, weil sie im Star-Wars-Wettlauf mit den USA nicht habe bestehen können. Auch ökonomisch sei sie am Ende gewesen. Der Kollaps hätte höchstens hinausgeschoben, nicht jedoch verhindert werden können. Aber warum hätte sie denn nicht auch in der Krise bleiben können, was sie war? Weshalb behielt Gorbatschow das letzte Wort und nicht seine konservativen Widersacher? Weshalb musste die Sowjetunion untergehen, obwohl doch nur wenige ihr Ende herbeisehnten?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Antwort lautet: weil die Führer der Sowjetunion es so entschieden, weil sie dem Sozialismus ein menschliches Antlitz geben wollten. Die UdSSR hätte eine Diktatur und eine militärische Mittelmacht bleiben können, die immer noch mächtig genug gewesen wäre, um die Welt in Atem zu halten. Ihre politischen Führer hätten den Markt liberalisieren und ihm eine sowjetische Form geben können. Stattdessen lösten sie die Strukturen auf, die der Sowjetunion ihre Stabilität gegeben hatten. So unfrei und mangelhaft das Leben in der Sowjetunion auch gewesen sein mochte: Was folgte, wurde von den meisten Menschen nicht als Gewinn empfunden. Doch was zu Beginn der neunziger Jahre gewiss war, konnte 1985, als Gorbatschow an die Macht kam, niemand ahnen. Denn niemals zuvor war eine Diktatur von ihren Repräsentanten selbst abgewickelt worden.

Der Sozialismus war an seinen Verheißungen gemessen worden und war an ihnen gescheitert. Dennoch träumte in den achtziger Jahren kaum jemand vom Ende der sowjetischen Ordnung. Denn nur wenige Bürger wussten vom Leben jenseits der Grenzen. Der Lebensstandard war niedrig, aber höher als in den fünfziger und sechziger Jahren. Alle Untertanen waren in ein soziales Sicherungssystem des Gebens und Nehmens integriert, das ihnen ein bescheidenes Auskommen, Ordnung und Erwartungssicherheit garantierte. Nicht einmal in den nationalen Republiken regte sich Widerspruch. Die meisten Menschen empfanden die Sowjetunion als einen bewohnbaren Ort, nicht als Völkergefängnis. Das Ende der Sowjetunion kam, weil ihre Führer, vor allem der Generalsekretär des Zentralkomitees, Michail Gorbatschow, glaubten, dass der Sozialismus reformiert werden müsse, um den Versprechen von einst gerecht werden zu können. Er und seine Gefolgsmänner stellten sich die Frage, wie die Lücke zwischen den sozialistischen Idealen und der enttäuschenden Realität geschlossen werden könne.

Die soziale Wirklichkeit wurde an der europäischen Gegenwart gemessen

Auf die Wirklichkeit nahm dieser Reformeifer wenig Rücksicht. Gorbatschow dezentralisierte sowjetische Unternehmen, ohne die Preise zu flexibilisieren, weil er glaubte, die Planwirtschaft könne unter anderen Bedingungen überleben, und als 1986 die Ölpreise auf dem Weltmarkt einbrachen, konnte der Import von westlichen Konsumgütern nicht mehr finanziert werden. Die Regierung tat nichts, um Investitionen in die Konsumgüterindustrie umzuleiten, und sie schwächte die Rüstungsindustrie, die doch immerhin begehrte Exportwaren produzierte. So wuchs die Abhängigkeit der Sowjetunion von Auslandskrediten. Schon 1990 waren die Folgen der Misere unübersehbar: lange Schlangen vor den Geschäften, die kaum noch etwas anzubieten hatten, die Einführung von Bezugsscheinen, was es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gegeben hatte.

Gorbatschows Reformen scheiterten auch an den Umständen, unter denen sie sich entfalteten. Als die Sowjetunion sich nach Westen öffnete, als Zensur und Bevormundung verschwanden, kam eine Ahnung auf, welches Leben jenseits der Grenzen gelebt wurde. Die soziale Wirklichkeit wurde nicht mehr nur an der sowjetischen Vergangenheit, sondern an der europäischen Gegenwart gemessen. Es schien den Bürgern der Sowjetunion, als hätten sie über Jahrzehnte im falschen Leben gelebt, als seien sie vom Sozialismus betrogen worden. Die Perestroika hatte einen Zugang zur Konsumkultur des Westens geöffnet. Niemand war jetzt noch an einer Reform des Sozialismus interessiert, jeder wollte haben, was im Westen Europas scheinbar Normalität war. Nur glaubten die meisten Bürger, die bunte Warenwelt könne auf dieselbe Weise vom Staat organisiert werden wie die Verwaltung des Mangels. Denn nichts anderes hatte Gorbatschow versprochen.

Ungeachtet der ökonomischen Krise, die sie selbst verschuldet hatten, stellten Gorbatschow und seine Gefolgsleute infrage, woran Millionen geglaubt hatten. Im Sommer 1988 ließ der Generalsekretär die Mitglieder des Zentralkomitees über die Fehler der Vergangenheit, über Stalinismus und Demokratie debattieren, wenngleich die Delegierten aus den Provinzen es vorgezogen hätten, über die Versorgungskrise zu sprechen. Zur gleichen Zeit brachte er die Idee ins Spiel, die Räte als Zentren der politischen Entscheidungsfindung wiederzubeleben. Ihre Abgeordneten sollten sich in Wahlen gegen Konkurrenten behaupten.

Als Gorbatschow 1989 Wahlen zum Obersten Sowjet durchsetzte, stellte er die KPdSU nicht nur ins Abseits; er beraubte sich selbst auch des einzigen Instruments, das ihm für die Durchsetzung seiner Reformen zur Verfügung stand. Im Februar 1990 fiel das politische Monopol der Kommunistischen Partei. Die Kommunisten versuchten, zu retten, was zu retten war, und eroberten nun die Staatsbehörden.

Die KPdSU hatte das föderal und national organisierte Vielvölkerreich zusammengehalten. Jetzt verwandelten sich die Räte in den Republiken in nationale Parlamente und wurden vom Zentrum unabhängig. An ihre Spitze setzten sich kommunistische Funktionäre, die sich von den zentralen Instanzen der Partei emanzipierten, weil sie von ihnen nichts mehr zu erwarten hatten. Das Imperium zerfiel nicht, weil nationale Bewegungen es zerstörten, sondern weil Gorbatschow die Macht der Kommunistischen Partei preisgab. Erst nachdem die Ventile geöffnet worden waren, griffen auch die Kommunisten in den Republiken die Idee der nationalen Souveränität auf. Denn warum sollten die Sowjetrepubliken nicht haben, was Polen und Ungarn längst zugestanden worden war?

Es wäre leicht gewesen, die nationalen Bewegungen im Keim zu ersticken und das Imperium mit Gewalt wiederherzustellen. Im Januar 1990 hatten Truppen des Innenministeriums in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, versucht, die interethnischen Auseinandersetzungen zwischen Aserbaidschanern und Armeniern zu beenden, und 200 Menschen auf den Straßen getötet. Wer hätte Gorbatschow daran hindern können, auch anderswo auf solche Weise zu verfahren? Aber der Generalsekretär sah sich als ein Mann des Friedens, nicht der Gewalt. Sein hilfloser Versuch, die Sowjetunion durch Abschluss eines neues Unionsvertrages zu retten, scheiterte, als im August 1991 seine eigenen Gefolgsleute gegen ihn putschten.

Nun schlug die Stunde Boris Jelzins, des Präsidenten der Russländischen Föderation. Er nutzte das Machtvakuum, das durch den Putsch entstanden war. Schon im Juni 1991 hatte er sich zum Präsidenten Russlands wählen lassen, jetzt spielte er die russische Karte gegen Gorbatschow, den Präsidenten der Sowjetunion, aus. Er verständigte sich mit den Präsidenten der Ukraine und Weißrusslands auf das Ende der Sowjetunion, bald darauf erklärten die baltischen Republiken, die Ukraine, Weißrussland, Moldawien und Armenien ihren Austritt: Gorbatschow war zu einem Präsidenten ohne Land geworden. Jelzin unterstellte die Planbehörde Gosplan, das sowjetische Finanzministerium und die Akademie der Wissenschaften der Russländischen Föderation. Und in einem Referendum ließ er die Bürger Russlands über die Unabhängigkeit ihres Landes abstimmen.

Der Traum von Wohlstand verwandelte sich in einen Albtraum

Anfangs erhofften sich von Jelzin viele, was Gorbatschow ihnen nicht hatte geben können: mehr Sicherheit und mehr Wohlstand. Jegor Gaidar, Jelzins radikaler Reformer, versprach, durch Privatisierung und Freigabe der Preise werde die Armut bald der Vergangenheit angehören. Der Sozialismus war diskreditiert. Warum sollte man es jetzt nicht mit dem Gegenteil versuchen? Das fragten sich nicht nur die Eliten, sondern auch die Bürger.

Aber diese Rechnung ging nicht auf. Als die Funktionäre begriffen, dass für sie alles auf dem Spiel stand, bedienten sie sich am Inventar des sowjetischen Staates. KGB- und Armeeoffiziere stahlen Computer und Ausrüstung, verkauften Autos, Häuser und Waffen auf eigene Rechnung; auch die kommunistischen Funktionäre bereicherten sich schamlos. Als Gaidar und sein Nachfolger Anatoli Tschubais die Privatisierung der sowjetischen Wirtschaft ins Werk setzten, füllten sich zwar die Auslagen der Geschäfte. Aber von den Segnungen dieser Reformen profitierten nur die Mächtigen und Einflussreichen, die sich aneigneten, was einmal dem Staat gehört hatte. In blutigen Verteilungskriegen wurden wenige sehr reich und viele sehr arm.

Der Traum von Wohlstand und Sicherheit verwandelte sich in einen Albtraum. Unter den Bedingungen des Weltmarktes zerfiel die russische Währung, Ersparnisse, Gehälter und Renten von Millionen waren nichts mehr wert. Kriminelle und Kommunisten waren die Gewinner dieser Privatisierungswelle, die mehr einem Raubzug als einer geordneten Übertragung von Staatseigentum glich. Allein im Jahr 1994 wurden mehr als 600 Kaufleute, Journalisten und Politiker im Krieg um die Beute getötet, rivalisierende Banden terrorisierten die Bevölkerung, Oligarchen entschieden darüber, wer gewählt werden durfte und wer nicht. In der Sowjetunion hatten Versorgungskrisen, Armut und Mangel immerhin durch Institutionen und ihre informellen Verfahren kompensiert werden können. In den neunziger Jahren aber waren die Versorgungssysteme der Kolchosen und Industriebetriebe verschwunden, und der Schutz der Bürger durch Patrone und Funktionäre war aufgehoben worden.

Ohne staatliches Gewaltmonopol, ohne ein staatlich kontrolliertes Bankensystem, ohne den Schutz der Bürger vor Betrügern, Schwindlern und Gewalttätern gab die Privatisierung den Starken, was sie brauchten, aber sie gab dem Markt keine Chance. Denn der freie Markt ist nichts ohne die Institutionen, die ihn regulieren und den Marktteilnehmern Erwartungssicherheit geben. In Wahrheit entstand in Russland keine Marktwirtschaft, sondern eine Raubökonomie, die von niemandem beaufsichtigt wurde.

Der Staat zerfiel. Jelzins Apparat verselbstständigte sich, er selbst umgab sich mit einer Kamarilla von Schmeichlern und Räubern. In den Provinzen entstanden kleine Feudalreiche, in denen die Gouverneure und ihre Seilschaften und Familien nach Gutdünken regierten und sich an der Erbmasse des sowjetischen Staates bereicherten. Die Oligarchen finanzierten Jelzins Wiederwahl, das Parlament war nur noch ein Ort, an dem die Machtlosigkeit der Volksvertreter ausgestellt wurde. Der Präsident selbst hielt sich für einen Macher, aber er war nur noch eine bemitleidenswerte Witzfigur. Jelzin sei ein "Vollidiot", urteilte Gorbatschow über seinen Nachfolger, ein betrunkener Einfaltspinsel, der Russland in den Abgrund gezogen habe.

Auch das Militär, einst der Stolz der Sowjetunion, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Kriegsschiffe verrosteten in den Häfen, die Landstreitkräfte schrumpften auf wenige Hunderttausend Soldaten zusammen, die weder ausreichend bewaffnet noch ernährt werden konnten. Offiziere, die aus den Ländern Ostmitteleuropas abgezogen wurden, fanden nach der Rückkehr in ihre Heimat nicht einmal eine menschenwürdige Behausung vor.

Gorbatschow hatte geglaubt, der Westen werde Russland aus Dankbarkeit als gleichberechtigten Partner in den Kreis der europäischen Mächte aufnehmen. Denn das Imperium hätte sich seiner Auflösung auch widersetzen, es hätte Krieg führen können. Nichts davon geschah, weil Gorbatschow glaubte, vom friedlichen Ende des Imperiums würden Russland und seine Nachbarstaaten profitieren. Er hatte sich getäuscht. Der Einflussbereich der Nato wurde bis an die Grenzen Russlands verschoben und Russland ein Platz am Katzentisch der Europäer zugewiesen.

Die Auflösung des Imperiums und seiner politischen Ordnung sei ein Fehler gewesen, urteilte Wladimir Putin, als er im Jahr 2000 an die Macht kam. Damit sprach er vielen Bürgern aus dem Herzen, die den Zerfall der Sowjetunion als eine Katastrophe empfanden, die unverschuldet über sie gekommen war und Millionen Menschen um Wohlstand, Sicherheit und Heimat gebracht hatte.

"In Russland herrscht zwar irgendwie Kapitalismus", sagt ein russischer Bürger in Swetlana Alexijewitschs Buch Secondhand-Zeit über die neunziger Jahre, "aber es gibt keine Kapitalisten. Die russischen Oligarchen, das sind keine Kapitalisten, das sind einfach Diebe. [...] Bis aufs Hemd haben sie mich ausgeraubt. Mich arbeitslos gemacht. Die kapitalistischen Revolutionäre: Gaidar, dieser eiserne Pu der Bär, der rothaarige Tschubais. Sie haben mit lebendigen Menschen herumexperimentiert."

In den Augen vieler Russen hat Putin ihnen ihre Würde wiedergegeben und für bescheidenen Wohlstand gesorgt. Die Wiederkehr von Ordnung und Sicherheit mussten sie mit dem Verlust politischer Freiheit bezahlen. Nach allem, was sie erlebt hatten, waren die meisten Russen bereit, diesen Preis zu entrichten.

Jörg Barberowski, Jahrgang 1961, ist Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin