Der größte Feind der orthodoxen Kirche sitzt in Den Haag: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, wetterte der russische Erzpriester Wsewolod Tschaplin kürzlich, versuche, Russland und anderen Ländern "das Prinzip der religiösen Neutralität des Staates als angebliche Rechtsnorm aufzuzwingen". Verordneter Säkularismus durch einen hegemonial auftretenden Westen, der die östliche Kultur verachtet – Tschaplin, Leiter der Synodalabteilung für die Beziehungen zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Gesellschaft, weiß, wohin das führt: "Wenn man aus dem Westen Aufrufe vernimmt, sämtliche Einschränkungen bei der Verbreitung aller möglichen religiösen, gesellschaftlichen, politischen oder ideologischen Meinungen aufzuheben, so spielen diese Aufrufe in Wahrheit dem – gesteuerten oder unkontrollierten – Chaos in die Hände."

Aussagen wie diese hört man viele in Putins Russland. Und es wird auch nach ihnen gehandelt. Jüngst hat die russische Duma ein Gesetz verabschiedet, das allen Gruppierungen, auch den Kirchen und Religionsgemeinschaften, vorschreibt, ihre Finanzen offenzulegen – vor allem die Unterstützung aus dem Ausland. In den Schulen vieler Regionen wurde schon vor Jahren das verpflichtende Fach "Grundlagen der orthodoxen Kultur" eingeführt.

Kirche und Kreml sind in diesem Kampf gegen den westlichen Werterelativismus enge Verbündete: gegen die Gleichstellung von Homosexuellen, gegen die Trennung von Kirche und Staat, gegen den Individualismus der westlichen Kultur.

Das war nicht immer so. Oft genug in der russischen Geschichte standen sich Kirche und Staat kritisch, ja feindlich gegenüber, und nicht durchgehend entwickelten sie sich in Abgrenzung zum Westen.

Alles begann vor mehr als eintausend Jahren mit einer Reise nach Konstantinopel. Russland in der heutigen Form existierte noch nicht. Die russischen Herrscher waren die Großfürsten der Kiewer Rus, eines Staatsgebietes im heutigen Osteuropa. Und vielleicht hätte der orthodoxe Glaube dort nie Fuß gefasst, wenn die vom Großfürsten Wladimir ausgesandten Kundschafter im Jahre 987 nicht so überwältigt vom byzantinischen Gottesdienst aus Konstantinopel zurückgekommen wären. Die Nestor-Chronik, die älteste erhaltene Chronik zur ostslawischen Geschichte, gibt den überschwänglichen Bericht der Reisenden wieder: "Und so kamen wir zu den Griechen, und sie führten uns dahin, wo sie ihrem Gott dienen, und wir wissen nicht: Waren wir im Himmel oder auf der Erde; denn auf Erden gibt es einen solchen Anblick nicht oder eine solche Schönheit; und wir vermögen es nicht zu beschreiben. Nur das wissen wir, dass dort Gott bei den Menschen weilt."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Ein Jahr später entschied sich der Großfürst zur christlichen Taufe nach dem byzantinischen Ritus und bat um die Hand der Schwester des oströmischen Kaisers. Mit dem Taufakt wurde die byzantinische Kultur für die Kiewer Rus vorherrschend, das Verhältnis von politischer und kirchlicher Macht wurde nach byzantinischem Vorbild strukturiert. Während im Westen, im Heiligen Römischen Reich, Krone und Kirche um die Vorherrschaft rangen, bildete sich im Osten das "sinfonische Modell" heraus – die Idee eines harmonischen Zusammenwirkens von Herrscher und kirchlichem Amtsträger zum Wohl des Volkes. Tatsächlich waren die Machtverhältnisse jedoch nicht ganz so ausgeglichen. Die Sinfonie wurde meist von dem jeweiligen Herrscher dirigiert.

Der Kiewer Großfürst Wladimir erhoffte sich von seinem Schritt eine Aufwertung seines Reiches, friedlichere Kontakte zu seinen Nachbarn und den Ausbau von Handelsbeziehungen. Die Erwartungen erfüllten sich nur teilweise. Vor allem wurde die kirchliche Abhängigkeit vom Kaiser und vom Patriarchen am Bosporus für die nächsten Jahrhunderte festgeschrieben. Das zeigte sich unter anderem daran, dass diese einen Griechen zum jeweiligen Oberbischof (Metropoliten) von Kiew bestellten.

Die Abhängigkeit der russisch-orthodoxen Kirche von der "Mutterkirche" Konstantinopel blieb auch bestehen, nachdem im Jahr 1240 die Tataren aus der Mongolei in die Kiewer Rus eingefallen waren. Erst im 15. Jahrhundert bahnte sich ein Wandel an: Einerseits gewannen in Russland die Moskauer Fürsten an Einfluss, andererseits schrumpfte die Macht Konstantinopels auf einen durch osmanische Truppen eingekreisten Stadtstaat. Kaiser und Patriarch am Bosporus konnten das Selbständigwerden der ehemaligen Kiewer Metropolie nicht mehr aufhalten: 1448 setzte die russische Kirche – mittlerweile befand sich ihr Sitz in Moskau – erstmals eigenmächtig einen Metropoliten aus ihren eigenen Reihen ein.