Russland ist wieder da. Spätestens seit das Land im Frühjahr 2014 die Krim annektiert und den Konflikt in der Ukraine forciert hat, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über Wladimir Putins politische Ziele und die Reaktionen des Westens berichtet würde. Nachdem das Interesse seit 1989 stetig zurückgegangen war, steht das Land schlagartig wieder international im Rampenlicht. Und wie schon so oft in der Geschichte des deutsch-russischen Verhältnisses sind die Meinungen tief gespalten. Sogenannte Putin-Versteher stehen empörten Kritikern der bewaffneten Einmischung Russlands in der Ukraine gegenüber.

Die Russlandwahrnehmung in Westeuropa changiert seit der Frühen Neuzeit zwischen Russophobie – der Angst vor dem aggressiven, unberechenbaren, barbarischen Bären – und Russophilie – der Liebe zur unergründlichen "russischen Seele". Umgekehrt kreist die russische Selbstvergewisserung seit dem frühen 18. Jahrhundert um die Frage, in welchem Verhältnis Russland zu Europa steht. Die Antworten, die russische Denker und Publizisten darauf gegeben haben, sind so ambivalent wie die europäischen Russlandbilder. Sie schwanken zwischen Idolisierung und Abscheu, zwischen einer Orientierung am Westen und dem Projekt eines russischen Sonderweges in Abgrenzung vom übrigen Europa.

Dennoch lässt sich die Geschichte der russisch-westeuropäischen Wechselbeziehungen auch als eine Geschichte der steten Annäherung und einer zunehmenden Verflechtung erzählen. Heute wird dieser Prozess nicht zum ersten Mal infrage gestellt – und doch bleibt Russland Europa auch im 21. Jahrhundert sehr viel enger verbunden als Asien. Im 13. Jahrhundert kamen die meisten Gebiete des heutigen Russland zwar für zwei Jahrhunderte unter die Herrschaft der Goldenen Horde, der Nachfolger des mongolischen Imperiums, letztlich aber behielten die russischen Fürstentümer und die orthodoxe Kirche ihre Autonomie, und auch die Beziehungen zu Mitteleuropa wurden nicht vollständig gekappt, wie der Handel norddeutscher Städte mit dem Hansekontor in Nowgorod vom 12. bis 15. Jahrhundert zeigt.

Seit der Magnus dux Moscoviae, der Großfürst von Moskowien, 1648 im Westfälischen Frieden als einer der kriegführenden Akteure genannt wurde und spätestens mit der Herrschaft Peters des Großen von 1689 an war Russland fest in das europäische Mächtesystem integriert. Davon zeugten zahlreiche dynastische Verbindungen der Romanows mit ausländischen, vor allem deutschen Herrscherhäusern wie Anhalt-Zerbst, Braunschweig-Wolfenbüttel, Hessen-Darmstadt, Holstein-Gottorp, Mecklenburg, Preußen, Sachsen-Coburg und Württemberg. Mit der Begründung der neuen, an der Ostsee gelegenen Hauptstadt St. Petersburg schuf Peter der Große zudem ein "Fenster nach Europa", wie der Schriftsteller Alexander Puschkin es nannte, und der Transfer von Wissen, Ideen, Institutionen und Personen nach Russland wurde im 18. Jahrhundert beschleunigt. Immer mehr russische Adelige besuchten nun andere europäische Länder, allen voran Peter selbst, der 1697/98 als erster russischer Herrscher ins Ausland reiste.

Die Reformen von Peter I. und Katharina II., die aus Zerbst stammte und mit sämtlichen Geistesgrößen der Aufklärung korrespondierte, hatten westliche Vorbilder. Das führte, bei allen Differenzen zu Kerneuropa, zu einer "Europäisierung" der russischen Eliten, wovon noch heute russische Begriffe wie burmistr für Bürgermeister, kanzelarija für Kanzlei oder kamerdiner zeugen. Der russische Adel trug europäische Kleidung und pflegte entsprechende Umgangsformen, konversierte auf Deutsch oder Französisch, und besonders deutsche Experten waren als politische Berater, technische Spezialisten und Wissenschaftler am Hof gefragt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam Russland endgültig in Europa an. "Russland ist eine europäische Macht", schrieb Zarin Katharina II. in einer politischen Grundsatzschrift aus dem Jahr 1767. Ein halbes Jahrhundert später wurde ihr Enkel, Zar Alexander I., als "Retter Europas" vor der napoleonischen Despotie gefeiert und spielte 1814/15 auf dem Wiener Kongress eine bedeutende Rolle bei der Neuordnung Europas. Schon durch die Teilungen Polens am Ende des 18. Jahrhunderts war das Zarenreich zum direkten Nachbarn von Preußen und Österreich geworden. 1815 nun schloss es mit den beiden Ländern eine "Heilige Allianz" – Russland hatte sich unübersehbar als eine der Großmächte in Kontinentaleuropa etabliert.

Dynastisch blieben Deutschland und Russland bis in den Ersten Weltkrieg hinein verbunden: Wilhelm II. und Nikolaus II. waren Cousins. Und selbst zu Sowjetzeiten und im Kalten Krieg rissen die Kontakte zwischen Ost und West nicht ab, nicht einmal der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion konnte das Band zerreißen. Spätestens seit dieser Zeit lässt sich die Geschichte der beiden Länder nicht mehr losgelöst voneinander erzählen.

Manche Europäer entdeckten Russland bereits im 16. Jahrhundert, als es noch Moscovia genannt wurde, in Abgrenzung von Russia, den ostslawischen Gebieten Polen-Litauens (in der heutigen Ukraine und in Weißrussland). Der österreichische Diplomat Sigismund von Herberstein schilderte damals in einem ersten Russlandbuch ausführlich Geografie, Geschichte, Religion, Sitten und Bräuche des bisher unbekannten Landes, das ihm als fremde, barbarische Welt erschien. Er kritisierte besonders die fast unumschränkte Macht des Moskauer Großfürsten über sein "sklavisches Volk". Sein Werk sollte den gelehrten Russlanddiskurs in Mitteleuropa für lange Zeit prägen.

Ebenfalls im 16. Jahrhundert wurde der Grundstein für ein populäres Russland-Feindbild gelegt. Als der Moskauer Staat an die Ostsee vorstieß und vorübergehend einen Teil von Livland, dem heutigen Estland und Lettland, besetzte, zeichneten zahllose Flugschriften im deutschsprachigen Raum ein negatives Bild der "barbarischen Moskowiter" und ihres grausamen Herrschers, Iwans des Schrecklichen. Die Russen galten, zusammen mit den Türken, als "Erbfeinde der Christenheit".