Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit stand es immer noch eins zu eins. 6.000 Zuschauer drängten sich auf den Stufen des Katzbachstadions. Türkiyemspor gegen BFC Preußen – das Finale des Berliner Landespokals, ein Donnerstag im Mai 1988. Die Sonne schien. Seit Wochen fieberten wir auf dieses Spiel hin. Stell dir vor, dachte ich, wir würden dieses Spiel gewinnen. Ganz Berlin würde es mitbekommen. "Türkiyemspor, Berliner Pokalsieger." Das klang gut.

Beklan Coskun kam als Sechsjähriger nach Deutschland. © privat

Kreuzbergs Türken, Hausbesetzer und Punks besuchten unsere Spiele schon lange – aber an diesem Tag waren auch die anderen gekommen. Aus allen Ecken des Stadtteils, aus ganz Berlin. Der Vorsitzende des Berliner Fußballverbandes stand neben mir, der Bezirksbürgermeister und natürlich meine Frau.

Ich hatte an diesem Tag ein Mikrofon in der Hand, denn ich war der Stadionsprecher. Am liebsten wäre ich selbst auf den Platz gelaufen, hätte mir den Ball geschnappt und ihn ins Tor geschossen. "Türkiyem! Türkiyem!", riefen die Zuschauer, wir griffen an. Wir stürmten, aber die Mannschaft traf nicht. BFC Preußen verteidigte gut. Wir wedelten mit weiß-blauen Flaggen und sangen uns heiser. Dann pfiff der Schiedsrichter ab. Verlängerung.

Ich bin mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen; das war Ende der Sechziger. Mein Vater war Kraftfahrer bei Schultheiss, meine Mutter arbeitete bei Siemens. Wir zogen in eine Wohnung am Südstern zwischen Neukölln und Kreuzberg. Bei unserem ersten Spaziergang in Richtung Hermannplatz haben wir uns prompt verlaufen; die Häuserreihen sahen überall so gleich aus.

Mein Vater meldete mich bei einem Fußballverein an. Ich spielte, sooft es ging. Als junger Mann gründete ich mit anderen Türken ein Freizeitteam. Anfang der Achtziger verpflichtete Izmirspor unseren Trainer – der nahm uns Spieler gleich mit in den Verein. Izmirspor spielte da schon in der Landesliga. Wir nannten den neuen Klub Türkiyemspor – Türkiyem, die Koseform, die sich durchsetzte, heißt "unsere Türkei".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

Der Verein wurde bekannter. Er stieg Jahr für Jahr auf. Zu unseren Spielen kamen erst Hunderte, dann Tausende von Zuschauern. Auch in anderen Städten gründeten sich Teams, die Türkiyemspor hießen. Die türkischsprachigen Zeitungen in Deutschland berichteten über uns wie über Fenerbahçe oder Galatasaray, die großen Klubs aus Istanbul. Unsere Spiele wurden gefilmt und auf VHS-Kassetten kopiert. Sogar das türkische Staatsfernsehen TRT strahlte die Spiele aus – von Videokassette! Damit sie die Mitschnitte schnell bekamen, legten wir sie manchmal zu Toten in den Sarg, die in die Türkei überführt wurden.

Wir Berliner Türken liebten den Verein; man kann sagen, dass er zum Mittelpunkt unseres Lebens wurde. Ein Symbol von Kreuzberg – wie das Logo: Berliner Bär und Halbmond. Ende der Achtziger spielten wir schon so hochklassig, dass wir gegen Herthas Amateure, gegen Tennis Borussia und Blau Weiß 90 antraten. Ich stand in der ersten Mannschaft von Türkiyemspor, bis ich mich in einem Spiel schwer verletzte. Ich konnte nicht mehr spielen. Das war nicht einfach. Ich wurde Stadionsprecher und wechselte in die Klubführung. Ein Jahr nach meiner Verletzung standen wir im Berliner Pokalfinale. Mit einem Sieg konnte Türkiyem sich auch für den DFB-Pokal qualifizieren und gegen die großen Vereine der Bundesliga antreten.

"Mavi – beyaz!" – "Blau – weiß!", riefen sie im Stadion. Ich stand da mit meinem Mikro, ich glaube, einige Ansagen habe ich an diesem Tag vergessen. Fünf Minuten waren in der Verlängerung gespielt, da gab es einen Freistoß für uns an der Strafraumgrenze. Unser Spieler lief an, schoss – und der Ball landete im Netz. Ein unbeschreiblicher Jubel brach los.

Der Verbandspräsident übergab den Pokal unserem Kapitän Kemal Eraslan, der mit nacktem Oberkörper vor ihm stand, weil die Fans ihm das Trikot vom Leib gerissen hatten. Auf Händen trugen wir die Spieler. Viele hatten Tränen in den Augen. Die blau-weißen Fahnen von Türkiyemspor und die rot-weißen der Türkei wurden geschwenkt, und hupend setzte sich ein Autokorso in Bewegung, der quer durch Kreuzberg führte bis zum Kottbusser Tor. Da stieg die große Party. Ich sehe die Leute noch aus den Fenstern ihres Autos lehnen, ich glaube, einige saßen sogar auf dem Dach. Am nächsten Tag titelte die Bild: Konfetti, Fahnen und Tränen – der Halbmond sonnte sich in Kreuzberg. Und die BZ: Jetzt wünschen wir uns Bayern oder Werder als Gegner. Nun wusste nicht nur Berlin, dass es uns gibt.

Aufgezeichnet von Markus Flohr