Die wichtigste Exilantengruppe waren die Chilenen, die nach dem Sturz von Salvador Allende 1973 von Folter und Tod bedroht waren. Nach Angaben der Staatssicherheit kamen rund 1.800 in die DDR, meist Funktionäre linker Parteien oder Intellektuelle. Für sie war gut gesorgt. Sie wurden zunächst in Erholungsheimen untergebracht, medizinisch betreut und mit Kleidung ausgestattet. Später wurden sie über die gesamte DDR verteilt, bekamen Wohnungen und Arbeit. Viele, auch Chiles heutige Präsidentin Michelle Bachelet, erhielten die Möglichkeit zum Studium. Sofern sie es wünschten, konnten sie die DDR wieder verlassen. Manche kehrten von 1977 an sogar nach Chile zurück, wo ihnen die Wiederaufnahme gegen eine Loyalitätserklärung gewährt wurde.

Probleme von ganz anderer Dimension gab es mit den rund 93.000 Ausländern, die in die DDR kamen, um für eine vorher festgelegte Zeit dort zu arbeiten. Da man nicht Gastarbeiter und schon gar nicht Fremdarbeiter sagen wollte, erfand man den Begriff Vertragsarbeiter. Das war insofern richtig, als zwischenstaatliche Verträge ihren Aufenthalt regelten.

Die größte Gruppe waren die Vietnamesen. 1989 arbeiteten 59.000 von ihnen in Großbetrieben der DDR. An eine Integration war nicht gedacht. Die Vietnamesen wurden in Arbeiterwohnheimen untergebracht, Kontakte außerhalb offizieller Feierstunden waren unerwünscht. Freundschaften und Liebesbeziehungen sollte es nicht geben. Im Falle einer Schwangerschaft mussten Frauen abtreiben oder den Heimweg antreten. Dies war eine schwere Strafe, denn der Aufenthalt in der DDR war für viele das große Los. Hier konnten sie Nähmaschinen, Fahrräder oder Mopeds kaufen – Waren, die in ihrer von einem dreißigjährigen Krieg gebeutelten Heimat ein Vermögen wert waren. Gerade diese Einkäufe wurden von der DDR-Bevölkerung jedoch argwöhnisch beäugt. In den Stasiberichten ist von Neid und Missgunst die Rede, auch weil die fleißigen Vietnamesen ihren deutschen Arbeitskollegen schnell den Rang abliefen. Viele Deutsche sprachen gehässig von "Vietcongs" und "Fidschis" und verdächtigten die Kollegen des Schwarzhandels.

Noch schwieriger war jedoch der Umgang mit den Vertragsarbeitern aus Afrika und Kuba. 15.000 kamen aus Mosambik, 1.400 aus Angola und 8.000 aus Kuba. Sie ließen sich nicht in dem Maße bevormunden wie die an Disziplin gewöhnten Vietnamesen. Wenn sie abends in Kneipen oder Tanzlokalen erschienen, brannte die Luft. In den achtziger Jahren gab es insbesondere in Sachsen schwere Schlägereien. Insgesamt 8.600 rechtsradikale und rassistische Übergriffe wurden gemeldet. Sicher ist die hohe Zahl auch der Registrierungssucht der Stasi geschuldet. Und doch kann sie niemanden verwundern, der in der DDR gelebt hat. In der geschlossenen Gesellschaft gedieh der Hass gegen alles Fremde wie der Schimmelpilz in einem feuchtwarmen Keller.

In meiner Nachbarschaft wohnte eines jener elternlosen griechischen Flüchtlingskinder, das von einer deutschen Familie aufgenommen worden war. Der Junge war ungefähr zehn Jahre alt, stotterte und war ein Mathegenie. Eine gefährliche Mischung, wenn man schutzlos ist. In den Pausen wurde er regelmäßig drangsaliert. Die Großen amüsierten sich über sein Gestotter und rächten sich für die eigene Schwäche im Kopfrechnen. Ich habe seinen Namen vergessen und ihn bald aus den Augen verloren. Doch an das Ohnmachtsgefühl auf dem Hof erinnere ich mich gut. Es war die erste Lektion im Fach Massenpsychologie, der andere folgen sollten.

In der DDR war viel von Völkerfreundschaft die Rede. Doch Völker sind eine ideologische Abstraktion, Menschen aber konkret. Ausländer waren in der DDR lediglich als propagandistische Vorzeigeobjekte gefragt, als Arbeitskräfte wurden sie geduldet, als Menschen waren sie unwillkommen. Ein Erbe, das zu überwinden offenbar länger dauert als eine Generation.