Ganz genau weiß man es nicht, die Statistiken sind unvollständig: Wohl mehr als vier Millionen russischsprachige Bürger leben in Deutschland, Hunderttausende von ihnen mit russischem Pass.

In den vergangenen drei Jahrzehnten waren es vor allem Russlanddeutsche, die in der Bundesrepublik neu Fuß fassten. In Pforzheim, Emmendingen, Berlin-Marzahn, um nur einige Orte zu nennen, bilden sie kompakte Gemeinden. Schon seit den siebziger Jahren, vor allem aber nach der Wiedervereinigung, kamen auch jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und den nachsowjetischen Republiken. Für sie war die russische Sprache das einigende Band.

Noch schwieriger zu beziffern ist die Präsenz derer, die in Deutschland ihren zweiten Wohnsitz eingerichtet haben und die sich in einer ständigen Pendelbewegung zwischen Moskau, St. Petersburg und Berlin oder München befinden – eine Form des Aufenthalts, von der nicht klar ist, ob sie provisorisch-vorübergehend ist oder dauerhaft werden soll. Ganz zu schweigen vom Strom der Touristen, Studenten, gewöhnlichen Bürger, die die Welt sehen wollen und es genießen, sich frei und mühelos über Grenzen hinweg bewegen zu können. Nicht zuletzt gibt es nun wieder Menschen, die Russland beziehungsweise den postsowjetischen Raum in Richtung Deutschland verlassen, weil sie zu Hause keine Perspektive mehr sehen. Damit kehrt ein Zustand zurück, den man um die Jahrtausendwende eigentlich für überwunden hielt.

Mit der "russischen Welt" hat vermutlich jeder schon einmal Kontakt gehabt. Man muss dafür kein Spezialist sein, nicht Tolstoi oder Puschkin im Original gelesen haben – das Russische begegnet einem an fast allen Zeitungskiosken der Republik. In jedem noch so abgelegenen Bahnhof findet sich ein beeindruckendes Sortiment russischer Zeitungen und Zeitschriften. Wer sie liest (insbesondere die Kleinanzeigen, Veranstaltungskalender, Ankündigungen von Jubiläen und Festveranstaltungen), bekommt eine Ahnung von Umfang und Dichte des russischen Lebens in Deutschland, erfährt etwas über die Netzwerke, die Infrastruktur, Buchhandlungen, Reisebüros, die Flug- und Busreisen in die alte Heimat vermitteln: nach Saratow, Tscheljabinsk, Taschkent, Omsk.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

In deutschen Fernzügen wird man häufig unfreiwillig zum Ohrenzeugen von lauthals auf Russisch geführten Geschäftsverhandlungen, es gibt Vormittage im Berliner KaDeWe (Kaufhaus des Westens), an denen die Kundschaft fast nur aus Russen besteht – es fällt auf, dass sie wirklich kaufen und nicht bloß schauen. In manchen Stadtteilen der Hauptstadt gibt es nicht nur russische Supermärkte (mit im Baltikum oder Niedersachsen hergestellter smetana, einer Art Schmand ) auch viele "deutsche" Supermärkte haben für ihre Klientel längst eine entsprechende Abteilung eingerichtet. In den Luxusgeschäften oder Apotheken auf dem Kurfürstendamm oder in der Münchner Maximilianstraße spricht das Personal selbstverständlich Russisch, Schuhgeschäfte kommen der speziellen Wertschätzung russischer Damen für fantastische High Heels entgegen, aber sie bieten auch exquisite Herrenschuhe an mit den Markennamen Wladimir oder Krim. Immobilienmakler, die auf sich halten, haben längst russische Abteilungen.

Wer etwa in Charlottenburg oder im Bayerischen Viertel in Berlin wohnt, lebt in einer Art russischer Parallelwelt: am Zeitungskiosk, im Supermarkt, frühmorgens, wenn die Hunde Gassi geführt oder der Nachwuchs von der njanja in den Kindergarten oder in die russische Schule gebracht wird, aber auch im Fitnesscenter und in der Sauna. In den Seminaren an der Universität sitzen Studenten, vor allem aber Studentinnen, die – da es ihre Muttersprache ist – besser Russisch sprechen als die Professoren, die ihnen etwas beibringen wollen. Man kann heute in Berlin mühelos am Kirchenleben der russischen Orthodoxie teilnehmen, den Tag des Sieges am 9. Mai vor dem sowjetischen Ehrenmal verbringen, Vernissagen russischer Galeristen besuchen oder ins russische Theater gehen. Kurzum: Es existiert in Deutschland eine russische Parallelwelt, und viele Russen haben sich für sie entschieden, auch wenn ein solches Leben auf den staatlichen Kanälen als dekadent diffamiert wird.

In dieser neuen russischen Welt, die sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten in Europa gebildet hat, vor allem in den Metropolen, aber auch auf dem flachen Land, weiß man wenig von der russischen Welt in Deutschland, die es schon einmal gegeben hat – mit ihren Technischen Hochschulen und Zufluchtsorten für Revolutionäre, mit Peter Struve in Stuttgart, Lenin in München, El Lissitzky in Darmstadt. Mit dem "russischen Berlin" der frühen zwanziger Jahre, als die Stadt zum Zentrum der ersten Welle der russischen Emigration geworden war. Zeitweilig lebten fast 360.000 Emigranten in der "Stiefmutter der russischen Städte", wie Ilja Ehrenburg Berlin einmal nannte. Sie verkörperten nach Revolution und Bürgerkrieg das "Russland jenseits der Grenzen". Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches waren an die zwei Millionen Menschen geflohen – nach Konstantinopel, Sofia, Belgrad, Prag, Paris, Riga und eben nach Berlin –, eine Gesellschaft im Wartesaal der Geschichte, in der Hoffnung, irgendwann zurückkehren zu können.

Das russische Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg

Was gehörte nicht alles zu dieser einzigartigen "Arche" in der von Krisen geschüttelten Weimarer Republik! Repräsentanten der politischen Klasse von einst, Intelligenzija-Angehörige, die "Menschen von gestern", Angehörige der geschlagenen politischen Parteien – von der extremen Rechten über die gescheiterten Liberalen bis hin zu bedeutungslos gewordenen Anarchisten.

Alexander Kerenski, der Premierminister der Provisorischen Regierung, hielt sich in Berlin auf, Vladimir Nabokov, der Vater des gleichnamigen Schriftstellers, wurde 1922 von Rechtsextremisten in der Berliner Philharmonie bei einem Attentat getötet. Die gesamte Führungsgruppe der im bolschewistischen Russland verfolgten und geflohenen Menschewiki traf sich in Berlin wieder und fungierte als Thinktank der deutschen Sozialdemokratie. Berlin war auch der Zufluchtsort russischer Gelehrter und Schriftsteller, die zuvor die Kultur des Silbernen Zeitalters geprägt hatten. Sie schufen in Berlin wissenschaftliche Institute und eine Verlagswelt, die zwischen 1920 und 1924 zum Mittelpunkt des russischen Buchwesens wurde, mit mehr als 150 Verlagen und einer Produktion, die literarisch wie gestalterisch Geschichte geschrieben hat.

Das Russische Berlin war, solange alles noch in der Schwebe blieb, eine Art Dritter Ort, an dem sich das Russland jenseits der Grenze mit dem bolschewistischen Russland noch treffen konnte. So begegneten sich im Haus der Künste am Nollendorfplatz die Dichter des Petersburger Symbolismus und die Shootingstars des russischen Futurismus. Die Galerie Van Diemen am Boulevard Unter den Linden wurde zu einem Ort, an dem die sensationelle Kunst von Kasimir Malewitsch oder Marc Chagall in Deutschland erstmals bestaunt werden konnte. Berlin hatte eine russische Zeitungslandschaft, die auf die besten Kräfte des russischen Journalismus, der politischen Analyse und der Literaturkritik vor 1917 zurückgreifen konnte. Einer von ihnen, Juli Aichenwald, kam auf tragische Weise unter eine Straßenbahn und liegt auf dem Friedhof der russischen Kirche in Tegel begraben.

Zu dieser Welt gehörten auch Berufsvereinigungen von Ärzten, Ingenieuren und Anwälten. Offiziere der russischen Armee arbeiteten als Taxichauffeure, und Damen der Petersburger Gesellschaft entwarfen Modelle für die Berliner Modehäuser, um dem modisch eher mediokren Berlin etwas auszuhelfen. Daneben gab es das Russische Berlin der Gescheiterten und derer, die ins Elend abgestürzt waren. Sie hausten in den Flüchtlingsheimen auf dem Tempelhofer Feld und warteten, dass die Zeiten besser würden. Es kursierten die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion, auch die zählten zum Russischen Berlin und brachten den ganzen Schmutz und das Gift der frühfaschistischen Schwarzhunderter nach Deutschland – zuerst nach München, dann nach Berlin. Es kam zur Kontaktaufnahme mit der völkischen Rechten und der künftigen Hitlerpartei. Als ebendiese Partei, die NSDAP, aber 1933 die Macht eroberte, war es mit dem Russischen Berlin der zwanziger Jahre vorbei. Der greise Simon Dubnow, Nestor der Geschichte des Judentums, floh nach Riga, wo er 1941 von Deutschen ermordet wurde. Vladimir Nabokov, der mehr als ein Jahrzehnt in Berlin gelebt hatte, die Eltern Boris Pasternaks und andere gingen spätestens 1937.

Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion brachte wenig später ein ganz anderes Russisches Berlin hervor: das der "Ostarbeiter", der Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten. Zu Abertausenden lebten sie in Lagern, die über die ganze Stadt verstreut waren. Sie hielten die Stadt und ihre großen Fabriken in Gang. Sie waren es, die nach jedem alliierten Luftangriff ausrücken mussten, um zerstörte Gleisanlagen, Brücken und Tunnel wieder verkehrstüchtig zu machen. Ein Schweizer Journalist bemerkte 1944, nie sei Berlin so russisch gewesen wie in jenen Augenblicken, in denen Massen von sowjetischen Zwangsarbeitern gezwungen wurden, die von Bomben getroffene Infrastruktur der Stadt wieder in Gang zu bringen.

Mit der Befreiung von der Naziherrschaft und der Besetzung Berlins durch die Alliierten begann ein neues Kapitel, das sich an einigen Orten der Stadt noch gut ablesen lässt: an der ehemaligen Offiziersschule in Berlin-Karlshorst zum Beispiel, in der die Deutschen die Kapitulation unterzeichneten (heute beherbergt sie das Deutsch-Russische Museum), an den Ehrenmalen in Berlin-Treptow und Berlin-Tiergarten, an der neu errichteten Botschaft der UdSSR Unter den Linden. Auch die sowjetischen Panzer in der Leipziger Straße und auf dem Potsdamer Platz am 17. Juni 1953 oder der Bau der Berliner Mauer 1961 wurden zu Sinnbildern für die kulturelle und militärische Dauerpräsenz der Russen in Berlin.

Die Historie der deutsch-sowjetrussischen Gemeinde in Ost-Berlin zwischen 1945 und 1989 ist, erstaunlicherweise, noch nicht geschrieben: Sie wird handeln von den aus dem Exil zurückgekehrten deutschen Kommunisten, den Tausenden von Studenten und Wissenschaftlern, den gemischten Ehen und institutionellen Verbindungen – und nicht zuletzt von den Geheimdiensten.

Rund zwei Millionen Sowjetbürger kehrten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nicht in die Sowjetunion zurück, sei es, weil sie mit den Deutschen kollaboriert hatten, sei es, weil es für sie die Chance war, Stalin zu entkommen. Die Geschichtsschreibung der russischen Diaspora spricht von ihnen heute als einer "zweiten Welle" der Emigration. Es war eine gemischte Gesellschaft, die sich da – paradoxerweise oft in den Lagern für Displaced Persons in den Westzonen – wiederfand: aus den Konzentrationslagern befreite Häftlinge, Überlebende des Holocaust, ehemalige "Ostarbeiter", Kollaborateure der Deutschen in Osteuropa. Der Aufenthalt im besetzten Nachkriegswestdeutschland war für viele von ihnen eine Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina, Australien, Kanada oder in die USA.

Die dritte Zuwanderungswelle kam am Ende des Kalten Krieges

Für gut zwei Jahrzehnte wurde nach dem Krieg nicht Berlin, sondern München der sichere Ort für die russischsprachige, antisowjetische Emigration. Dort bildete sich eine neue Parallelwelt, unterstützt durch Hilfsorganisationen, die Kirche sowie US-geförderte wissenschaftliche und propagandistische Einrichtungen. Sie sollte im Kalten Krieg eine bedeutende Rolle spielen. Aus München begannen russische Radiostationen zu senden, das Institut zur Erforschung der Sowjetunion wurde gegründet, die Freie Ukrainische Universität, die sich aus Prag nach München gerettet hatte. Die bayerische Hauptstadt war nicht zufällig der Ort, an dem prominente Repräsentanten des ukrainischen Exils wie Lew Rebet und Stepan Bandera Ende der fünfziger Jahre Mordanschlägen des sowjetischen Geheimdienstes zum Opfer fielen.

Ein neues Kapitel – das der "dritten Welle" – begann in der Spätzeit des Kalten Krieges. Nach der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die 1975 in Helsinki endete, kam in vielen Ostblockstaaten die Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegung auf. Zu ihren wichtigsten Forderungen gehörte die Reisefreiheit – eine neue Emigrationsbewegung setzte sich in Gang. Sie führte zur Erneuerung der russischen Diaspora. Deren Zentren waren neben Israel vor allem Paris, London und New York. In Deutschland ließen sich wichtige Figuren der sowjetischen Dissidentenbewegung nieder: Lew Kopelew lebte in Köln, Alexander Sinowjew, Kronid Ljubarskij und Wladimir Woinowitsch wohnten in München. West-Berlin und Frankfurt am Main wurden eher zu Zielpunkten der jüdischen Zuwanderung aus der Sowjetunion.

Die Zeit der Perestroika und die Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 brachte dann eine ganz neue Form von Wanderungsbewegungen mit sich. Das Verschwinden des Eisernen Vorhangs führte zu einer Normalisierung grenzüberschreitender Bewegungen und zur Wiederherstellung einer innereuropäischen Migration, die durch den Krieg und den Nachkrieg abgeschnürt worden war.

Dass ausgerechnet in diesem Augenblick der Öffnung und Liberalisierung die Auswanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und die Einwanderung in die Bundesrepublik fluchtartige Züge annahmen, verwundert nur auf den ersten Blick: 1990 erlebten die Sowjetbürger, wie die Wirtschaft ihres Landes kollabierte, es grassierte Angst vor gewalttätigen ethnischen Konflikten – die Erinnerung an Ausgrenzung und Verfolgung waren bei vielen Sowjetbürgern noch wach. Einen Ausweg schien die Bundesrepublik zu bieten, das wiedervereinigte Land, das sie mit offenen Armen aufnehmen würde. So trafen abermals ganz verschiedene Gruppen von Migranten, Emigranten, Flüchtlingen mit russischem Hintergrund in Deutschland aufeinander: Russlanddeutsche, Russen, Sowjetbürger und jüdische Emigranten.

Die Russlanddeutschen waren nach dem mörderischen Angriff Hitler-Deutschlands im Juni 1941 pauschal der Kollaboration verdächtigt und kollektiv deportiert worden. Nun hofften sie, dass sie ihre anhaltende Diskriminierung und wirtschaftliche Not beenden könnten, indem sie sich in das "Land ihrer Vorfahren" aufmachten, obwohl sie dessen Sprache oft gar nicht mehr sprachen. Sie stammten meist aus der sowjetischen Provinz, vom flachen Land. Die russisch-jüdischen Einwanderer dagegen kamen meist aus einem städtischen "mittelständischen" Milieu, das sich nach dem Krieg auch in den vom Holocaust entvölkerten westlichen Gebieten der UdSSR neu gebildet hatte. Entsprechend unterschiedlich verliefen die Integrationsprozesse in Deutschland. Am schwersten tun sich bis heute die Spätaussiedler, die in ihrer alt-neuen Heimat meist eben nicht als Deutsche, sondern als Russen wahrgenommen werden.

Die Niederlassung russischer Bürger in Deutschland (nicht nur der legendären superreichen "neuen Russen"), ihre Reisen, der Tourismus, der Wissenschaftsaustausch, der Immobilienerwerb – all das gehört unterdessen längst zur Normalität unserer globalisierten Welt. Doch es ist auch noch eine andere Entwicklung zu beobachten: Viele Russen halten sich vorübergehend oder sogar dauerhaft in Deutschland auf – verlassen Russland aber nicht ganz. Es ist die verschleierte Form einer Absetzbewegung, mit der die Familie (und das Kapital) in Sicherheit gebracht werden soll. Das gegenwärtige Russische Berlin mit seiner wachsenden Zahl von Künstlern, Schriftstellern, Intellektuellen aller Couleur ist insofern nicht nur ein Zeichen der Normalität in einer globalen Welt, sondern auch ein Symptom der neuen Spannungen zwischen Ost und West.

So hat die "russische Welt", der sich jeder zurechnen kann, der sich je im Orbit Puschkins und seiner Sprache bewegt hat, heute mit Putins Intervention in Syrien, vor allem aber durch seine Aggression gegen die Ukraine noch ein anderes, bedenkliches Gesicht bekommen. Dieser Konflikt, gerechtfertigt mit dem Argument, es gelte Russen, die außerhalb Russlands leben, vor Diskriminierung und Verfolgung zu schützten, hat ebenjene "russische Welt" tief verunsichert und gespalten. Der Riss geht quer durch die russische Familie. Sie sieht sich – ob mit russländischem, russlanddeutschem, jüdischem, ukrainischem oder deutschem Hintergrund – vor die Wahl gestellt: Mit wem will sie es halten? Eher mit Puschkin oder eher mit Putin?