ZEIT Geschichte: Mehr als eine Million Einwanderer kommen in diesem Jahr wohl nach Deutschland, die Pegida-Demonstranten in Dresden bauen Galgen für die Regierung. Wächst der Hass im Land?

Wolfgang Benz: Fremdenfeindlichkeit entwickelt sich in Wellen: Schon auf die Hugenotten, die im 17. Jahrhundert nach Brandenburg kamen, hat man nicht mit Begeisterung reagiert. Eine große Hysterie brach Ende des 19. Jahrhunderts aus, als der Historiker Heinrich von Treitschke in einem Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern 1879 verkündete, aus der "unerschöpflichen polnischen Wiege" drohe ein steter Zustrom von Juden. "Hosen verkaufende Jünglinge" nannte er die Juden, auch "deutsch redende Orientalen". Die Aufregung war riesengroß, der "Antisemitismus-Streit" brach in Presse, Politik und Wissenschaft los – nur gab es gar keine nennenswerte Einwanderung von Juden aus Osteuropa! Das war ein Phantom. Es gab eine Transit-Immigration von Juden aus dem russischen Herrschaftsgebiet in Polen; sie flohen vor den Pogromen im Zarenreich. Die Juden wollten nach Amerika, nur wenige blieben in Deutschland. Hysterie gegenüber einem vermeintlichen "Ansturm von Fremden" existiert schon lange.

ZEIT Geschichte: Heute gibt es eine nennenswerte Einwanderung. Auch in den neunziger Jahren kamen Kriegsflüchtlinge in großer Zahl – aus dem zerfallenden Jugoslawien. Damals wie heute brennen Flüchtlingsheime nicht nur in Ostdeutschland, wo kaum Migranten lebten, sondern auch im Westen. Ist das immer noch Fremdenfeindlichkeit ohne Fremde?

Benz: Die Pegida-Demonstranten, die jetzt durch Dresden ziehen, erwecken den Eindruck, als würden ihnen die Flüchtlinge das Fahrrad unter dem Hintern wegreißen oder die Butter vom Brot nehmen. Aber sie sehen die Flüchtlinge eigentlich nur in den Nachrichten, wie man die Juden aus dem Osten damals nur aus Treitschkes Polemik kannte. Es ist etwa fünf Jahre her, dass vor allem in Bayern die Panik ausbrach, Roma aus Rumänien und Bulgarien würden nach Deutschland einfallen und das Sozialsystem ruinieren. Der bayerische Ministerpräsident verkündete, sich "bis zur letzten Patrone" gegen diese Art der Zuwanderung wehren zu wollen. Die Horden von Roma-Raubrittern, gegen die sich Seehofer und manche Medien gerüstet haben, sind jedoch nicht gekommen. Es kamen EU-Bürger, die den Sozialstaat nicht ruiniert haben.

ZEIT Geschichte: Gibt es andere Momente der deutschen Geschichte, an die Sie sich derzeit erinnert fühlen?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

Benz: Die stärkste Einwanderung ist bereits ein halbes Jahrhundert her: Da hat ein wirtschaftlich ungeheuer geschwächtes, durch NS-Herrschaft und Krieg zerstörtes Deutschland zwölf Millionen Einwanderer bewältigt, in einem atemberaubend kurzen Zeitraum von vielleicht zehn Jahren und mit anfänglich erheblichen Reibungen. Jetzt heißt es, das seien Brüder und Schwestern, also Deutsche gewesen; sie hätten deutsch gesprochen, im Gegensatz zu Syrern oder Menschen vom Balkan. Das halte ich für falsch: Viele Deutsche haben die Vertriebenen auch damals erst einmal als Fremde angesehen und sie als Fremde abgelehnt, wegen ihrer Sitten und Gebräuche – so wie man heute Syrer als Fremde ablehnt. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an eine solche Stimmung, als in meiner schwäbischen evangelischen Kleinstadt plötzlich große Familien katholischer Schlesier ankamen. Die sprachen anders, als man dort sprach, der Ort wurde durch sie katholischer und veränderte sich. Das provozierte Hass und Abneigung – sechzig, siebzig Jahre ist das her.

ZEIT Geschichte: Trotzdem war es eine völlig andere Situation – die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa war eine Folge von Krieg und Massenmord, für die Deutschland verantwortlich war. Das ist jetzt anders. Oder läuft Fremdenfeindlichkeit ohnehin immer nach den ewig gleichen Mustern ab?

Benz: Fremdenhass bezieht sich auf Merkmale, die eine ganze Gruppe von Fremden scheinbar hat: Die italienischen Gastarbeiter der sechziger Jahre konnten angeblich nicht richtig arbeiten, sangen die ganze Zeit und verführten mit ihrem Charme die deutschen Mädchen. Fremdenhasser brauchen diese Klischees, die Verallgemeinerungen. Sie brauchen außerdem einen Vorbeter, eine charismatische Gestalt, die ihnen sagt, warum die Fremden schlecht sind. Das Neue an Pegida ist lediglich, dass diese Gruppe nicht einmal eine überzeugende Führungsfigur hat ...

"Die Dumpfheit marschiert gegen multiple Feinde"

ZEIT Geschichte: Was ist mit Lutz Bachmann?

Benz: Herr Bachmann organisiert die Märsche, er kann auch pöbeln und gibt den rabiaten Scharfmacher. Aber er hat keine Botschaft. Die ganze Bewegung hat keine Botschaft. Vom Islam behauptet man bloß, dass er irgendwie böse ist. Aber tatsächlich weiß man nicht, wen man da hasst. Pegida ist das pure Ressentiment. Die Bewegung soll "der patriotische Aufstand gegen die Islamisierung" sein – von der in Dresden unendlich weniger zu bemerken ist als anderswo, wenn es sie überhaupt irgendwo gibt. Mir scheint, da marschiert die Dumpfheit gegen multiple Feinde.

ZEIT Geschichte: Auf den Islam als Feindbild scheinen sich fremdenfeindliche Parteien und Gruppen in ganz Europa einigen zu können, von Spanien bis zur Schweiz, von Frankreich bis Prag, von Schweden bis zur Slowakei ...

Benz: Bei Pegida ist selbst das nur eine hohle Phrase. Man artikuliert sich vor allem gegen die Obrigkeit, glaube ich, und zwar gegen die eigene. Außerdem trägt Pegida sehr viel Wut gegen Liberale, Linke und gegen die "Lügenpresse" auf die Straße. Das ist ein Aufstand gegen alles und jeden, gegen das System der repräsentativen Demokratie.

ZEIT Geschichte: Die Demonstranten in Dresden behaupten, sie würden nicht nur stänkern, sondern auch etwas verteidigen. Worauf bezieht sich die Bewegung positiv?

Benz: Ich habe schon Mühe, zu verstehen, wogegen sie eigentlich sind. Wofür sie sind, ist mir völlig unklar. Es spricht für sich, denke ich, dass die Pegidaner lange Zeit schweigend durch Dresden spaziert sind. Sie haben etwas gegen die Institutionen der Demokratie, das tritt regelmäßig zutage. Erst wollten sie Kanzlerin Merkel mit Facebook-Einträgen beim Regieren helfen, nun soll sie an den Galgen. Die einzige Botschaft, die bei mir ankommt, lautet: "Uns lässt man ja nicht." Pegida ist übrigens auch keine Reaktion auf die Einwanderung in diesem Sommer. Pegida ist älter. Ich denke, es geht am Ende um die Frage: "Was ist deutsch?" Auch der Berliner Antisemitismusstreit Ende des 19. Jahrhunderts war so eine deutsche Identitätsdebatte. Damals ging es um die Frage, ob Juden gleichberechtigte Bürger und Deutsche werden sollten – oder ob man sie weiter unter den Zeichen des Kulturrassismus als Fremde duldet.

ZEIT Geschichte: Der Deutsche hasst, weil er nicht weiß, wer er ist?

Benz: Es fehlt den Deutschen jedenfalls an Selbstbewusstsein – darum übertreiben sie es so oft. Man ist nicht nur deutsch, sondern auch noch stolz darauf und muss aus diesem Grund randalieren gehen. Man benimmt sich so, dass sich alle Nachbarn fürchten oder davonlaufen. Am Ende haut man mit der Faust auf den Tisch und sagt: "Das wird man doch noch sagen dürfen!"

ZEIT Geschichte: Das klingt nun aber sehr nach Völkerpsychologie und der alten Sonderwegsthese ...

Benz: Zugegeben, ich habe ein bisschen übertrieben. Aber so passé ist die alte Sonderwegsthese nun auch wieder nicht. Man musste hierzulande lange auf einen Nationalstaat warten, bis 1871. Und nur ein paar Jahrzehnte nachdem er da war, führte er in die Katastrophe: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Man kann sagen: Die Sache mit Nationalstaat und Nationalbewusstsein ist in Deutschland gründlich schiefgegangen. Die sogenannte deutsche Identität zerfiel außerdem lange Zeit in Einzelidentitäten: Man war Preuße oder Bayer – und ist es noch.

ZEIT Geschichte: Es fehlt eine positive Vorstellung davon, was "deutsch" sein könnte?

Benz: Nehmen Sie meinen Vater: Er hat in beiden Weltkriegen gekämpft. Diese Generation hatte ungeheure Probleme mit ihrem Land, mit ihrer Heimat. Was sollte es für sie bedeuten, patriotisch zu sein? Das Vaterland lieben, das so viel Unheil über die Welt gebracht hatte? Sie fühlten sich zwar trotzdem als deutsche Patrioten, aber für mich war als Schüler Europa, nicht Deutschland, die Bezugsgröße. Ich wollte Europäer sein. Als Sechzehnjähriger fuhr ich mit dem Rucksack nach Frankreich oder nach Dänemark auf der Suche nach einem Zuhause. Gegenüber dem, was Großvater und Vater im Namen Deutschlands angerichtet hatten, war ich erheblich misstrauisch.

"Fremdenfeindlichkeit ist ein irrationales, emotionales und soziales Problem. Es geht alle an"

ZEIT Geschichte: Heute scheint in Europa wieder mehr nationale Engstirnigkeit zu herrschen denn je. Der europäische Traum von der Überwindung des Nationalismus – ist er ausgeträumt?

Benz: In den fünfziger, sechziger Jahren war die Erinnerung an die Katastrophe noch frisch. Damals wollten uns die Alten verschweigen, was passiert ist. Heute gerät dieser historische Hintergrund eher in Vergessenheit oder stößt auf Desinteresse und Ablehnung.

ZEIT Geschichte: Fremdenfeinde wie die Pegida-Demonstranten sprechen viel von deutscher Identität. Für die deutsche Geschichte aber scheinen sie sich kaum zu interessieren. Wie geht das zusammen?

Benz: Es hat doch ohnehin niemand wirklich Interesse an Geschichte. Fürs Familienalbum vielleicht, aber wenn es darum geht, politische und soziale Herausforderungen in den Griff zu bekommen, spielt der Blick in die Geschichte kaum noch eine Rolle. Da wird der Historiker allenfalls abgewehrt. Von Geschichte und der Möglichkeit, sie zu nutzen im Sinne eines humanistischen Fortschritts, will die Menschheit nichts wissen. Sonst würde es nämlich seit langer Zeit keine Kriege mehr geben, keinen Völkermord und wahrscheinlich keine Vertreibungen.

ZEIT Geschichte: Das klingt resignativ.

Benz: Ist es auch! Politiker predigen dieses markige "Nie wieder darf in Deutschland ...", und bei der nächsten Gelegenheit treibt man Muslime durchs Dorf, weil sie eine andere Religion und Kultur haben und angeblich "nicht integrierbar" sind. So hat man schon die Juden im 19. Jahrhundert zu Fremdlingen gemacht. Heute trifft es die Muslime.

ZEIT Geschichte: Für diesen Vergleich sind Sie vor einigen Jahren heftig kritisiert worden.

Benz: Ich habe gegen Ende meiner Laufbahn eine Konferenz zu Antisemitismus und Islamophobie veranstaltet, ja. Aber wie brisant das werden sollte, habe ich nicht geahnt. Ich dachte: Wenn ich darlege, welche Analogien es gibt, kann jeder sehen, dass sich da strukturell und methodisch etwas wiederholt. Es folgten Angriffe und Schmähungen, die mich persönlich treffen sollten.

ZEIT Geschichte: Sie haben sich jahrzehntelang mit Fremdenfeindlichkeit auseinandergesetzt. Nun sagen Sie: Auf die Historiker hört keiner. Fremdenhass ist also ein Problem für die Psychologen? Die Soziologen? Die Biologen?

Benz: Fremdenfeindlichkeit ist ein irrationales, emotionales und soziales Problem. Es geht alle an: Politiker, Bürger und Wissenschaftler aller Disziplinen, auch der historischen.

ZEIT Geschichte: Man kann doch aus der Geschichte lernen?

Benz: Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.

ZEIT Geschichte: Eine Gesellschaft ohne Fremdenfeindlichkeit hat es noch nicht gegeben?

Benz: Ich habe gerade den Bericht eines bayerischen Beamten nachgelesen, der in der Nachkriegszeit ein Flüchtlingsheim besucht: Auf zwei Seiten benutzt er zwanzigmal das Wort "sittlich" – aber immer nur negativ. Er schreibt, wie "unsittlich" und gefährlich die Situation im Heim sei. Den Flüchtlingen macht er zum Vorwurf, dass sich bei ihnen Männer, Frauen und Kinder einen Schlafsaal teilten. Als hätten die Vertriebenen sich ausgesucht, gemeinsam in einem riesigen Turnsaal zu übernachten! Dieser bayerische Beamte schreibt auch von den so fremden Sitten und Gebräuchen der Neuankömmlinge; und er kommt zu dem Schluss, dass es besser sei, die Flüchtlinge in die freie Natur zu bringen, damit sie bei guter Luft und reinem Sauerstoff die fehlenden Arbeitskräfte in der Landwirtschaft ersetzten. Das ist ein Beispiel von vielen. Ich sehe historisch Konstanten in dem Verhalten, das zwischen dem Eigenen und dem Fremden unterscheidet, das Freunde und Feinde kennt.

ZEIT Geschichte: Der Soziologe Zygmunt Bauman schreibt: "Die Feinde sind, was die Freunde nicht sind. Die Feinde sind umgekehrte Freunde, sie sind der Dschungel, der die vertraute Ordnung aufhebt."

Benz: Schön und gut. Aber das hilft uns auch nicht weiter, wenn der bayerische Ministerpräsident zu mittelalterlichen Methoden rät, wenn er sein Land bedroht fühlt – nämlich einen Zaun oder einen Wall zu errichten. Der Ministerpräsident denkt da ja nicht über die Dichotomie von Freund und Feind nach, sondern er sagt: Wir brauchen Holz, Steine und Draht, damit wir uns einigeln können.

ZEIT Geschichte: Ob Mittelalter oder 21. Jahrhundert: Der Fremdenhass ist eine anthropologische Konstante?

Benz: Zumindest haben Menschen auch vor der modernen Nationenbildung aus ganz simplen Gründen aufeinander eingeschlagen, sich bekriegt, besiegt und niedergemacht. Die Kreuzzüge sind lange vorher geschehen. Ihnen lag ein fein gestricktes Freund-Feind-Schema zugrunde – man wusste genau, wen man totschlägt, nämlich die Ungläubigen; also Muslime und Juden.

ZEIT Geschichte: Die Aufklärung versuchte, solcher Hysterie entgegenzutreten.

Benz: Sie war und ist der einzige Ansatzhebel gegen das Freund-Feind-Denken und die Dehumanisierung des Anderen. Aber wie mühsam schritt nach dem Jahrhundert der Aufklärung die Judenemanzipation voran und mit welcher Halbherzigkeit! Und wie viel stärker ist das Irrationale, das an Ängste appelliert; wie viel leichter tun sich die Demagogen als die Aufklärer ...

ZEIT Geschichte: Sie haben die These vertreten, dass Gesellschaften auch den Hass erst "lernen" mussten und als Beispiel den deutschen Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 genannt. Die deutsche Gesellschaft habe damals ein "genozidales Denken" eingeübt. Wie funktioniert dieses Einüben?

Benz: Von der "Niederschlagung des Herero-Aufstands" sprach man lange, wenn überhaupt, nur in Form einer "Ordnung stiftenden Maßnahme". Der Neger sei frech geworden, da habe man ihm eins auf die Nase gegeben, meinte man in der Überlegenheit des Herrenmenschen. Auf die Idee, dass der spätere Judenmord auch mit Holocaust etwas zu tun haben könnte, kam man lange nicht. Dabei war es nichts anderes als genozidales Handeln, die Herero in die Wüste zu treiben und ihnen die Auswege abzuschneiden, damit sie verdursten mussten. Man meldete den Massenmord damals im Kriegsbericht nach Berlin weiter – es gab keineswegs Rüffel dafür. Kurz vor Kriegsbeginn 1939 versuchte Hitler seine Generäle vom Vernichtungskrieg zu überzeugen, indem er rhetorisch fragte: "Wer denkt heute noch an die Armenier?" Er meinte den Völkermord 1915. Hitler hätte auch fragen können: Wer denkt heute noch an die Herero? In anderen Worten: Es ist möglich, einen Völkermord zu begehen – ohne Konsequenzen.

ZEIT Geschichte: Durch den ungestraften Völkermord an den Herero und Nama wurde genozidales Handeln zu einer politischen Option?

Benz: Nicht nur das. Auch das Selbstbild rassischer Überlegenheit und Höherwertigkeit hatte sich festgesetzt. Die Köpfe der deutschen Armee hörten von den "Heldentaten" während des Kolonialkrieges im Offizierslehrgang. Was einmal in der Welt ist, kommt auch wieder.

ZEIT Geschichte: Genozidales Denken ist die barbarische Konsequenz des Fremdenhasses. Ist es eine Erscheinung der Moderne?

Benz: Im Ansatz existiert die Idee der "Ausrottung", seit es Fremdenfeindlichkeit gibt. Bereits im Alten Testament werden solche Ereignisse geschildert. Und in der Antike ist der Kriegsgefangene wie ein Gegenstand in der Gewalt des Siegers – ob der ihn nun versklavt, missbraucht oder totschlägt. Vor der Moderne ist der Völkermord jedoch nie zur Ideologie, zum Weltdeutungsmodell geronnen.

ZEIT Geschichte: Wenn Menschen das genozidale, fremdenfeindliche Denken einüben können: Können sie den Hass auch wieder verlernen?

Benz: Das wäre schön. Aber ich bin mir nicht sicher. Man kann das Böse wohl niemals ganz bezwingen. Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird.