Anfang der achtziger Jahre avanciert das Waldsterben neben der Atomkraft zum wichtigsten Umweltthema. Der politische Gegner ist derselbe: die großen Energiekonzerne. Sie sind mit ihren Kohlekraftwerken auch für den sauren Regen verantwortlich, der das Waldsterben verursacht. Bundeskanzler Helmut Kohl erklärt am 4. Mai 1983 im Bundestag: "Die Schäden in unseren Wäldern sind dramatisch. Gelingt es uns nicht, diese Wälder zu retten, wäre die Welt, in der wir leben, nicht mehr wiederzuerkennen." Der Philosoph Carl Amery sieht im Waldsterben "das erste Schockerlebnis ökologischer Natur, welches die gesamte Nation trifft und betrifft". Und SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel beobachtet, wie sich "eine neue Volksbewegung" formiert. Ist mit dieser Bewegung auch "eine Verbindung zum Hauptstrom der deutschen Waldromantik entstanden", wie der Umwelthistoriker Joachim Radkau konstatiert?

Womöglich, denn was dann geschieht, zählt zu den großen Erfolgsgeschichten der Umwelthistorie. Das Waldsterben führt erstmals Natur- und Umweltkämpfer zusammen. Eine wahrhaft furchterregende Koalition aus Tirolerhütchen und Palästinensertüchern, aus Punks und Oberförstern, Pilzsammlern und Öko-Revoluzzern treibt die Regierung vor sich her und sorgt für neue Umweltgesetze. Die Aktivisten haben erlebt, was der Druck der Straße bewirken kann. Die Katastrophen in Seveso und Harrisburg, in Bhopal und später auch in Tschernobyl geben den oft verspotteten "grünen Latzhosenbrigaden mit ihrem Umweltzirkus" moralisch und politisch Auftrieb.

Als Reaktion auf sauren Regen und Waldsterben werden nun die "Technische Anleitung Luft" und die "Großfeuerungsanlagenverordnung" verabschiedet. Filter reinigen fortan die Rauchgase aus Kraftwerken und Schwerindustrie. Innerhalb von zehn Jahren, zwischen 1984 und 1994, geht der Ausstoß von Schwefeldioxid von vier Millionen auf knapp eine Million Tonnen zurück. Die Stilllegung der alten DDR-Kraftwerke nach der Epochenwende 1989 beschleunigt diesen Prozess noch zusätzlich.

Der kranke Wald lässt auch das Auto blass werden. Das Lieblingsspielzeug des deutschen Mannes verliert in den achtziger Jahren seinen chromblitzenden Glanz und wird zum "Umweltzerstörer Nummer eins" erklärt. Die Branche der Autobauer ist zeitweise so stark verunsichert, dass allen Ernstes eine Absage der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt erwogen wird. Messeberichte über "den Kirchentag einer fanatisierten PS-Sekte", wie es damals in der taz heißt, rechnen ab mit Porsche, Mercedes und BMW.

Der Aufkleber "Mein Auto fährt auch ohne Wald" erfreut sich zwar einige Jahre großer Beliebtheit bei Menschen mit tiefergelegter Restvernunft. Doch die Autoindustrie ist unübersehbar in der Defensive. 1984 wird zum Jahr der Entscheidung. In Deutschland ist jeder zweite Baum krankgemeldet. Der Bundestag beschließt, dem Blechvehikel eine Windel zu verpassen. Der Drei-Wege-Abgaskatalysator wird gegen den anfangs erbitterten Widerstand der Automobilindustrie für Neuwagen vorgeschrieben. Obwohl auch dieses Gesetz spät kam und großzügige Fristen für Altfahrzeuge vorsah, markiert es einen Einschnitt mit weltweiter Ausstrahlung.

Zwar zeigt die neue Luftreinhaltepolitik erst mit einiger Verzögerung ihre Wirkung. Doch die Wälder beginnen sich zu erholen, das großflächige Absterben kann gestoppt werden.

Heute leiden die Bäume eher unter Klimastress als unter saurem Regen. Der Waldzustandsbericht 2014 bescheinigt 26 Prozent aller Bäume deutliche Kronenverlichtungen und 41 Prozent leichte Kronenschäden. Wirklich gesunde Bäume sehen anders aus, und so ist der Wald auch weiterhin Sorgenkind und Umweltbarometer. Die Häme über das ausgebliebene Waldsterben, über die Medienhysterie und den blinden Alarm von Vulgärapokalyptikern verkennt, dass gerade die als hysterisch gebrandmarkten Proteste der Politik Beine gemacht und dafür gesorgt haben, dass die eigenen düsteren Prophezeiungen nicht zutrafen.

Umweltpolitische Erfolge lassen sich allerdings nicht nur in reduzierten Schadstoffen messen. Auch Lernprozesse und Bewusstseinswandel gehören dazu. Manchmal darf sogar das große Wort vom Paradigmenwechsel herhalten.

Zu den Lehren des Waldsterbens zählt etwa der Abschied von der Politik der hohen Schornsteine, mit deren Hilfe der Auswurf der Kohlemonster in luftigen Höhen vom Winde verweht werden konnte. Noch in den sechziger Jahren galt der "rauchende Schornstein" als Inbegriff für eine florierende Wirtschaft, jeder Unternehmer war stolz darauf. Das Waldsterben hat diese Metapher für immer entsorgt.

Geblieben ist die Affäre der Deutschen mit dem Wald. Die Liebe zum heimischen Tann ist allerdings höchst unterschiedlich ausgeprägt. Einer Studie des Instituts Ecolog in Hannover zufolge sind etwa 40 Prozent der Deutschen echte Waldliebhaber. Für sie ist er ein wichtiger Lebensraum, um Schönheit und Vielfalt der Natur zu erleben, sie schätzen ihn zur Erholung und Entspannung. Aber genauso groß ist heute der Anteil derjenigen, die selten in den Wald gehen, die sich teilweise sogar seltsam fremd fühlen inmitten von zirpenden Vögeln und rauschenden Wipfeln. Unter Jugendlichen ist nur jeder Fünfte ein Freund des Waldes. Zwischen Liebhabern und Ignoranten stehen die Waldnutzer, die ihn als Bühne für Sport und Freizeitaktivitäten brauchen. Den Hund ausführen, Mountainbiken, ein wenig Walking – so wird der Wald konsumiert.

Immerhin: 80 Prozent der Deutschen finden, es müsse mehr für den Wald getan werden, und fast 100 Prozent erachten ihn als schützenswert. Dass er unser großer Ökowächter ist, der mit Vitalität und Frohwüchsigkeit eine intakte Umwelt honoriert und mit Siechtum und dürrem Geäst die Krise anzeigt – das wird von niemandem mehr infrage gestellt. Wer, wenn nicht der Wald, kann uns beibringen, was Nachhaltigkeit ist?

Weiterlesen:
Joachim Radkau: "Holz. Wie ein Rohstoff Geschichte schreibt". Oekom Verlag, München 2012