Gegen den Rest der Welt – Seite 1

Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, erklärte die stellvertretende AfD-Vorsitzende und Europa-Abgeordnete Beatrix von Storch Mitte April dieses Jahres: "Der Islam ist an sich eine politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist." Symbole des Islams müssten deshalb aus der Öffentlichkeit verbannt werden: "Wir sind für ein Verbot von Minaretten, von Muezzins und für ein Verbot der Vollverschleierung."

Die Äußerungen geben nicht nur einen tiefen Einblick in derzeit verbreitete Ängste und Unterstellungen. Sie eröffnen auch einen Blick in die Geschichte. Seit Jahrhunderten taucht die Angst vor dem Islam im christlich geprägten Europa auf: Der Islam, vermutete man damals wie heute, wolle die Weltherrschaft erobern. Laut AfD hat er bereits 57 von 190 Staaten in seiner Macht. Es droht der Untergang des Abendlandes. Wieder einmal.

Die islamfeindliche Pegida-Bewegung trägt den altertümlichen Begriff sogar im Namen und aktualisiert damit einen Gegensatz, der das europäische Denken seit dem ausgehenden Mittelalter in immer neuer Gestalt geprägt hat: dort die gefährlichen Horden aus dem Osten, hier das gefährdete Abendland. Wo haben diese Bilder ihren Ursprung?

Etymologisch gesehen ist "Abendland" ein recht junges Wort. Erstmals belegt ist es für das 16. Jahrhundert, allerdings wurde es fast immer im Plural benutzt. Die "Abendländer" bildeten die Summe der europäischen Fürstentümer. Im 17. und im 18. Jahrhundert wurde daraus ein griffiger Singular. Die Vielfalt der verschiedenen Abendländer verschwand aus dem Blick: Abendland und Morgenland standen sich nun als zwei monolithische Blöcke gegenüber. Aus der Selbstbezeichnung war eine Vokabel des Kampfes und der Abgrenzung geworden.

Der Berliner Historiker Wolfgang Benz bezeichnet die Vorstellung von einem geeinten Abendland denn auch als einen Mythos, der den Eindruck erwecke, die Antike habe sich im Christentum vollendet. Gelehrte der Frühromantik wie Friedrich von Hardenberg (Novalis) oder die Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel hatten daran entscheidenden Anteil. Beispielhaft für ihr Denken ist ein Aufsatz Hardenbergs, im November 1799 dem Kreis in Jena vorgetragen, in dem er einer Vergangenheit nachtrauerte, die es so nie gegeben hatte: "Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte."

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/16.

Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt der Romantiker für die Definition des abendländischen Raums ist Karl der Große – Europas vermeintlicher Einiger und Herrscher über das Abendland. Zum "Gesetzgeber für das ganze abendländische Europa" erklärte ihn Friedrich Schlegel 1810 in seinen Wiener Vorlesungen. Karl der Große habe eine "europäische Republik" begründet, einen "christlichen Verein aller abendländischen Nationen".

Mit der historischen Wirklichkeit hatte auch das nicht viel zu tun, zumal über viele Jahrhunderte ein ganz anderer Konflikt bestimmend war: der zwischen West- und Ostkirche – zwischen der lateinischen Christenheit mit Rom als ihrem Zentrum und der Orthodoxie, deren Kirchenoberhaupt in Konstantinopel saß. Selbst als Papst Urban II. am 27. November 1095 in Clermont die Katholiken zum Heiligen Krieg gegen die türkischen Seldschuken aufrief, weil diese beinahe ganz Kleinasien unter ihre Herrschaft gebracht hatten und die Pilgerwege nach Jerusalem behinderten, ging es dabei nicht um den Kampf gegen die Muslime allein. Rom erhoffte sich von der Befreiung des Heiligen Landes auch einen politischen Vorteil bei den von Byzanz angebotenen Verhandlungen über eine Wiedervereinigung von West- und Ostkirche. Diese Bemühungen sollten jedoch endgültig scheiterten, als katholische Kreuzfahrer 1204 Konstantinopel plünderten.

Im späten Mittelalter verschoben sich die Verhältnisse im orientalischen Raum. Das Osmanische Reich, ursprünglich ein kleines Fürstentum, ein Pufferstaat der Seldschuken gegen das Byzantinische Reich, wurde immer mächtiger. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts versechsfachte sich seine Fläche. Schließlich nahmen die Osmanen Gallipoli an den Dardanellen ein. Bereits Alexander der Große hatte die Halbinsel als Ausgangspunkt für seinen Asienfeldzug genutzt – nun bildete sie in umgekehrter Richtung den Brückenkopf für die osmanische Expansion nach Europa: Thrakien konnte das osmanische Heer von dort aus erobern und Konstantinopel langsam umzingeln.

"Der Türke ist des Teufels Diener", schreibt Martin Luther

Wie Dominosteine fielen die europäischen Bastionen: 1361 Adrianopel, damals die zweitgrößte byzantinische Stadt – das heutige Edirne im bulgarisch-griechisch-türkischen Dreiländereck. 1389 besiegte das osmanische Heer auf dem Amselfeld die verbündeten christlichen Fürsten aus Serbien und Bosnien. Mit ihrem Sieg in der "Schlacht an der Mariza" über ein bulgarisch-serbisches Heer stand den Osmanen die Eroberung Südosteuropas offen. Sie überrannten Makedonien und nahmen zahlreiche bulgarische Festungen ein. Es folgten bis Anfang des 16. Jahrhunderts der Peloponnes, Albanien, die Krim und Belgrad. Einen ihrer größten Triumphe aber feierten sie 1453: In diesem Jahr eroberten sie Konstantinopel.

Das Osmanische Reich entwickelte sich durch seine Ausdehnung zu einem heterogenen Vielvölkerimperium, das bis ins frühe 20. Jahrhundert bestehen sollte. Aber im selben Maße, in dem es sich zur Großmacht aufschwang, begann es auch zu einer Bedrohung für das westliche Europa zu werden. Überall kursierten Traktate, in denen die Türkengefahr beschworen wurde. Auch Martin Luther veröffentlichte mehrere "Türkenschriften", in denen sich die damalige Stimmung in Europa spiegelt: "Der Türke ist Gottes Rute und des Teufels Diener, das hat keinen Zweifel", behauptete er 1529.

Die Gefahr war durchaus eine reale: Wenige Jahre zuvor war Ungarn unter osmanische Herrschaft geraten. Und als Luther gegen die Türken wetterte, standen diese zum ersten Mal vor Wien. Die Belagerung musste jedoch nach nur 18 Tagen abgebrochen werden – der frühe Wintereinbruch zwang dazu. Erst 1683 unternahmen die osmanischen Herrscher einen zweiten Anlauf.

Wien bot weit mehr als nur die Aussicht auf Beute und Macht. Die Stadt war Residenz des Kaisers und somit eine Bastion des Heiligen Römischen Reiches. Doch abermals scheiterte die Eroberung. Zwar gelang es den Belagerern, die Verteidiger Wiens innerhalb von zwei Monaten derart zu schwächen, dass die Stadt kurz vor der Kapitulation stand. Doch ein eilig zusammengestelltes Entsatzheer aus Österreich, Sachsen, Bayern, Baden und dem Kirchenstaat unter Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski schlug die Belagerer in der Schlacht am Kahlenberg in die Flucht.

Eine Schlüsselrolle spielte dabei das polnische Reiterheer, die "Hussaria". Sie griff gezielt die Janitscharen an, die Elitetruppe des osmanischen Heeres. Diese Truppe hatte man aus meist nicht muslimischen, zwangskonvertierten Kriegsgefangenen zusammengestellt sowie mithilfe von Zwangsrekrutierungen junger Männer aus christlichen Familien des Balkans – der sogenannten Knabenlese. In der historischen Erinnerung der damals unterworfenen Balkanvölker ist dieses Verfahren noch immer als tiefe Demütigung präsent. Die rettende Rolle der polnischen Husaren hingegen ist nur im polnischen, nicht aber im europäischen Gedächtnis fest verankert. Abhängig von nationaler Herkunft oder politischer Richtung hob man die mehr oder weniger nachweisbaren Verdienste schwäbischer, bayerischer, lothringischer Heerführer hervor.

Die Erzählung von den "Türken vor Wien" wurde zum Inbegriff des Ringens um die Herrschaft in Europa, ja für den Machtkampf zwischen "christlichem Abendland" und den "Ungläubigen" schlechthin. Im Historischen Museum der Stadt Wien lässt sich gut nachvollziehen, wie eng der Bollwerk-Mythos mit dem Abendland-Gedanken verknüpft ist und wie er ideologisch immer wieder neu instrumentalisiert wurde: So ließ der autoritär regierende österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß 1933 zum 250. Jahrestag der Belagerung martialische "Türkenfeiern" ausrichten, auf denen die Redner den Bollwerk-Mythos Wien gegen Bolschewisten und Sozialdemokraten in Stellung brachten.

Doch auch schon im 19. Jahrhundert machte das "Abendland" eine wechselhafte Karriere: Der Romantiker Friedrich Schlegel begriff es in seiner Philosophie der Geschichte von 1828 geografisch und kulturell als den Westen Europas unter Ausschluss der slawischen Völker. Bei den konservativen Denkern der Metternich-Ära richtete sich der Begriff gegen die Ideen der Französischen Revolution. Der Historiker Leopold Ranke wiederum beschwor in seiner Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation von 1839 die doppelte Bedrohung von islamischer und heidnischer Seite und glaubte, das Abendland habe die historische Mission, aus dem "kriegerisch-priesterlichen Staat" des Mittelalters den "Geist der Nationen" hervorzubringen. In Schulbüchern und Lexika wurde das Abendland im späten 19. Jahrhundert als Verbindung von Antike, Christentum, germanischen und romanischen Völkern definiert, und in den Feuilletons begann das Klagen über den "abendländischen Kulturzerfall".

1918 schließlich, im Jahr der deutschen Kriegsniederlage, erschien Oswald Spenglers kulturphilosophische Abhandlung Der Untergang des Abendlandes. Sie verlieh dem Begriff eine grundlegend neue Richtung. Wie später der NS-Propaganda diente Spengler die Rede vom Abendland dazu, Deutschland auf der einen Seite gegen die demokratischen und kapitalistischen Staaten Frankreich und Großbritannien abzugrenzen und auf der anderen gegen den bolschewistischen Osten. Gut 25 Jahre später sollte die Wehrmacht bis zur letzten Patrone kämpfen, um das Abendland vor einer vermeintlichen "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" zu retten.

Dieser ideologische Zweifrontenkrieg gegen West und Ost fand seine Fortsetzung im Westdeutschland der fünfziger Jahre. Vom "Ungeist" der Abendland-Ideologie im Nationalsozialismus distanzierte man sich dabei zwar, die Feindbilder aber ähnelten sich. So suchten konservative Kreise nach dem Zweiten Weltkrieg in der Idee des Abendlands eine neue Verankerung ihrer selbst – in Frontstellung zur als seelenlos und individualistisch empfundenen Moderne amerikanischer und westeuropäischer Prägung auf der einen Seite und zum Kollektivismus und Totalitarismus der Sowjetunion auf der anderen.

Wie groß die Anziehungskraft des Begriffes noch immer war, lässt sich in der 1946 gegründeten Zeitschrift Neues Abendland nachlesen und in den Publikationen der 1952 initiierten Abendländischen Akademie. Konrad Adenauer erklärte den "Geist christlich-abendländischer Kultur" in seiner Regierungserklärung 1949 zum Fundament seiner Kanzlerschaft. Er allerdings bezog das westlich-romanische Europa mit ein. Und ein Jahr später verkündete Bundespräsident Theodor Heuss: "Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Kapitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen." In dieses Bild vom Abendland ließen sich im Kalten Krieg zentrale Pfeiler westdeutscher Politik integrieren: die Westbindung, die Mitgliedschaft in der Nato, die europäische Einigung, die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft und – weiterhin prägend – der Antikommunismus.

Dass ein einheitliches christliches Abendland in der Geschichte nie existierte, davon hat sich in den vergangenen Jahrhunderten noch kein Abendländler irritieren lassen. Die Einheit des Abendlandes war stets nicht mehr als ein Postulat zur Selbstvergewisserung in der ewigen Abwehrschlacht gegen wechselnde Feinde aus dem Osten.

Tatsächlich war das Verhältnis zwischen christlicher und muslimischer Welt, zwischen West und Ost, vielgestaltig bis widersprüchlich. Immer wieder gab es Allianzen – etwa als die muslimischen Türken im Kampf gegen die katholischen Habsburger im 17. Jahrhundert von Frankreichs König Ludwig XIV., dem "allerchristlichsten König", unterstützt wurden. Oder im Ersten Weltkrieg, als das Osmanische Reich mit Deutschland verbündet war und der Kaiser sich als Schutzherr der Muslime inszenierte, um im Nahen Osten einen Dschihad gegen die britische und französische Kolonialmacht anzuzetteln. Auch dass die muslimische Welt in der Geschichte keinesfalls nur die Rolle des Angreifers innehatte, sondern im 18. und 19. Jahrhundert Ziel imperialistischer Ambitionen der Westmächte war, übersehen die Anhänger der Abendland-Ideologie gern.

Nicht zuletzt existierten seit der Aufklärung konkurrierende Abendland-Diskurse, die auch Verständigung predigten, statt Hass zu schüren. Ex oriente lux – aus dem Osten kommt das Licht – hieß ein Wahlspruch der Aufklärungsphilosophen, und Goethe gilt mit seinem Ost-Westlichen Diwan als ein wahrer Versöhner von Abend- und Morgenland. Die zeitgleich florierende Türkenmode speiste sich indes aus einem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Morgenland, das man besiegt zu haben glaubte. Zugleich zeugt auch sie von der Anziehungskraft der östlichen Kultur auf Europas Herrscher und Intellektuelle.

Wo das Abendland heute in rechtspopulistischen Zirkeln eine Renaissance erlebt, werden diese Traditionslinien gekappt. In Österreich zog die FPÖ 2009 mit der Parole "Abendland in Christenhand" in den Europa-Wahlkampf. In Deutschland versuchte ein Jahr darauf die NPD, die jahrhundertealte Angst vor den muslimischen Eroberern für ihre Zwecke zu mobilisieren. "In Mitteleuropa ist der Islam eine fremdkörperhafte Aggressionsreligion, der nicht mit falscher Toleranz begegnet werden darf", hieß es in der parteieigenen Monatszeitung Deutsche Stimme: "Die Siege über die Türken vor Wien 1529 und 1683 dürfen nicht umsonst gewesen sein."

Kurioserweise ist in den Augen der westeuropäischen Rechtspopulisten dabei ein Staat zum besten Freund im Kampf gegen die "Islamisierung des Abendlandes" avanciert, dessen Vorgänger noch bis vor knapp drei Jahrzehnten als größte Bedrohung aus dem Osten galt: das postsowjetische Russland unter Wladimir Putin. Finster ist es in diesem Abendland – auch wenn in ihm, zwischen Deutschland im Westen und dem äußersten Nordosten Sibiriens, die Sonne niemals untergeht.

Weiterlesen:
Wolfgang Benz: "Ansturm auf das Abendland?", Picus Verlag, Wien 2013