Importierter Hass

Taten und Worte des "Islamischen Staats" sind durchdrungen von antisemitischem Furor. Und nicht nur islamistische Terrorgruppen predigen Hass auf die Juden. In Ländern wie dem Iran gehören Drohgebärden gegen Israel und antijüdische Verschwörungstheorien zur Staatsräson. Über alle konfessionellen Grenzen des Islams hinweg scheint der Antisemitismus ein einigendes Band zu sein. Laut Umfragen der Anti-Defamation League hegen in der Region, je nach Land, 53 bis 83 Prozent der muslimischen Bevölkerung antisemitische Vorurteile.

Die Ursache im Islam zu vermuten scheint daher nahezuliegen. Doch eine Zahl lässt stutzen: In Umfragen äußern sich Christen, die im Nahen und Mittleren Osten leben, kaum weniger judenfeindlich als die dortigen Muslime. 65 bis 70 Prozent bekennen sich zu antisemitischen Ressentiments. Handelt es sich also weniger um ein muslimisches als ein regionales soziales und politisches Phänomen?

Tatsächlich spielt der Hass auf die Juden in der alten islamischen Tradition kaum eine Rolle. Anders als in der Geschichte des Christentums finden sich keine verschwörungstheoretischen Stereotype, die Juden diffamiert hätten: Der Islam kannte keine Ritualmordlegenden, Juden galten in der islamischen Welt des Mittelalters weder als Wucherer noch als Brunnenvergifter, Gottesfeinde oder Antichristen. Zwar verbreiten auch einige islamische Texte aus der Zeit die Vorstellung, Juden seien Verräter und Lügner. Zugleich aber lobte man sie als Vorbilder für eine gottgefällige Frömmigkeit und ein gottesfürchtiges Leben.

Muslimische Gelehrte erkannten die Juden bereits im Frühmittelalter als legitime Völkerschaft an, und muslimische Juristen behandelten sie wie andere religiöse Minderheiten auch: als "Schutzbefohlene". Dieser Rechtsstatus, der Schutz gegen Treue sicherte, wurde durch eine besondere Abgabe markiert, die sich später zu einer "Kopfsteuer" entwickelte.

Die Juden unterstanden dabei klaren rechtlichen Einschränkungen: Sie durften keine Waffen tragen, nur Esel reiten und mussten sich so kleiden, dass sie als Juden erkennbar waren (was allerdings selten durchgesetzt wurde). Sie durften den islamischen Kult nicht stören, Muslime nicht zum Übertritt zum Judentum anstiften, und Kinder aus Mischehen hatten als Muslime zu gelten. Hinzu kamen ökonomische Diskriminierungen, die dazu beitrugen, dass große Teile der jüdischen Bevölkerung zunächst in Armut lebten. Der soziale Aufstieg aber war ihnen nicht versperrt. Schon im 9. Jahrhundert wirkten Juden als Wesire am Kalifenhof, waren geachtete Ärzte und Händler, Philosophen und Gelehrte. Wie die Lebenswirklichkeit der jüdischen Gemeinden aussah, wissen wir kaum. Zeitgenössischen arabischen Texten zufolge begegnete man ihnen mit herablassender Toleranz.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/16.

Im 11. Jahrhundert wandelte sich die Stimmung. Der soziale Aufstieg jüdischer Familien wurde von manchen Muslimen als Erniedrigung empfunden. 1033 verübten Berber in Fes ein blutiges Massaker an der jüdischen Bevölkerung. 1066 stürmte eine Menschenmenge den Palast in Granada, kreuzigte den jüdischen Wesir Joseph ibn Naghrela und ermordete anschließend mehr als tausend jüdische Bewohner der Stadt. Dennoch dauerte es bis ins 15. Jahrhundert, ehe die Juden als "Feinde Gottes" bezeichnet wurden.

Erstmals findet sich dies bei Al-Maghili, einem Juristen und antijüdischen Agitator aus Tuwat. In der Oasenregion im heutigen Grenzgebiet zwischen Marokko und Algerien hatten Anhänger Al-Maghilis zwischen 1488 und 1492 fast die gesamte jüdische Bevölkerung ausgelöscht. "Das Töten eines einzigen Juden bringt größeren Verdienst als ein Beutezug", schrieb er: "So packt sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet, und plündert ihr Vermögen, raubt ihre Kinder und Frauen an allen Orten, bis sie den Geboten der Scharia vollkommen Gehorsam leisten."

Al-Maghili blieb eine finstere Ausnahme: Die meisten muslimischen Juristen und Gelehrten verweigerten sich einer derart radikalen Umdeutung des Korans. Im Vergleich mit der jahrhundertelangen Judenverfolgung in Europa fällt die Bilanz für den Nahen und Mittleren Osten denn auch eher milde aus: Für die Zeit vom 11. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sind nur etwa 40 größere antijüdische Ausschreitungen und Vertreibungen bekannt. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Überlieferung womöglich lückenhaft ist, ändert dies nichts am Gesamtbild: Antijüdische Aggressionen waren meist Folge lokaler Konflikte und nicht einer grundsätzlichen Feindlichkeit geschuldet.

Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als die alte Rechtsordnung, in der Andersgläubige zwar eine "Kopfsteuer" zahlen mussten, aber geduldet wurden, zu erodieren begann. Erste Anzeichen dafür zeigten sich in der großen Bauernrevolte in Palästina 1834, als die damalige ägyptische Besatzungsmacht versuchte, muslimische und christliche Palästinenser in die neue Armee zu pressen. Jüdische Gemeinden waren hiervon ausgenommen, weshalb die Rebellen die Juden als Kollaborateure der ägyptischen Herrscher ausmachten. Die lokalen Notabeln und bäuerlichen Familien deuteten dies als Beweis dafür, dass die überkommene Privilegienordnung auf den Kopf gestellt und den Juden ein Platz zugewiesen worden sei, den sie als "Schutzbefohlene" nicht einnehmen dürften.

Christliche Missionare verbreiteten antijüdische Gräuelgeschichten

In den folgenden Jahrzehnten geriet das überkommene Gefüge der "Schutzbefohlenheit" in vielen Gegenden ins Wanken. Vor allem im Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reichs emanzipierte sich unterdessen ein neues Bürgertum, das konfessionelle Differenzen mehr und mehr hintanstellte. So wurde vor allem den wohlhabenden Juden die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft möglich.

1870 schließlich gewährte die Kolonialmacht Frankreich den algerischen Juden kollektiv die französische Staatsbürgerschaft. Unter den christlichen Kolonisten in Algerien löste dies eine Welle antisemitischer Agitation aus. Ähnlich reagierten christliche Gemeinschaften im Osmanischen Reich und im Iran auf die beginnende Emanzipation der Juden. In christlichen Traktaten wurde nun das ganze Repertoire aus Ritualmordlegenden und Bildern von Wucherjuden, Brunnenvergiftern, Gotteslästerern und Antichristen mobilisiert, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich auch in die Vorstellungswelten der entstehenden muslimischen bürgerlichen Öffentlichkeit eindrang. Bereits um 1840 hatten christliche Würdenträger und Missionare – vor allem aus Frankreich – antijüdische Gräuelgeschichten verbreitet: Nach dem spurlosen Verschwinden eines katholischen Geistlichen in Damaskus zirkulierten erstmals in der islamischen Welt europäische Ritualmordtheorien.

Die Wirkmächtigkeit dieser Stereotype blieb indes noch begrenzt. Von den maghrebinischen Ländern und Teilen des Irans abgesehen, erlangten die jüdischen Gemeinden im Lauf des 19. Jahrhunderts ohne großen Widerstand Gleichberechtigung.

Maßgeblich für die Ausbreitung der Judenfeindlichkeit und ihre schleichende Islamisierung waren drei andere Faktoren: die Entstehung eines modernen, nicht mehr primär religiös motivierten Antisemitismus in der bürgerlichen Öffentlichkeit der europäischen Kolonialstaaten seit dem späten 19. Jahrhundert, die antisemitische Propaganda vor allem des Nationalsozialismus, die in der islamischen Welt von etwa 1933 an wahrgenommen wurde, und schließlich der Konflikt um die jüdische Einwanderung in Palästina nach 1929 und die Gründung des Staates Israel 1948.

Bereits 1926 waren die Protokolle der Weisen von Zion von christlichen Würdenträgern in Kairo und Beirut ins Arabische übersetzt worden. Das abstruse Pamphlet, eine dreiste Fälschung, sollte als Beleg für eine jüdische Weltverschwörung gelten. Seit es 1903 in Moskau erschienen war, kursierte es in ganz Europa. Im Nahen Osten boten die Protokolle nun einen mächtigen Deutungsrahmen für die Auseinandersetzungen mit dem Zionismus und die Frage nach der Zugehörigkeit Palästinas.

Der moderne, rassistische Antisemitismus europäischer Provenienz überlagerte mehr und mehr die diffuse Judenfeindlichkeit vorangegangener Jahrhunderte: Als 1938 die ägyptischen Muslimbrüder erste gewaltsame Auseinandersetzungen in Kairo unter der Parole "Nieder mit den Juden" und "Juden raus aus Ägypten" provozierten, benötigten sie keine Rechtfertigung mehr, um den Beifall Tausender Demonstranten zu bekommen. Der spätere iranische Revolutionsführer Chomeini argwöhnte 1970 bei einer Großveranstaltung, dass die Juden einen "Weltstaat errichten" und "den Islam zerstören" wollten, und auch in der Charta des islamischen Solidaritätsnetzwerks Hamas in Gaza ist festgeschrieben, dass "die Juden die Welt durch ihre Mittelsmänner zu beherrschen" trachteten.

In den fünfziger Jahren hatten Autoren aus dem Umfeld der Muslimbrüder noch versucht, diese neue Form des Antisemitismus zu islamisieren. Sie verliehen den stereotypen Vorstellungen von Juden als Verschwörern, als Feinden der Gemeinschaft und als "dritte Macht", die nach der Weltherrschaft strebt, eine spezifisch islamische Sprache und versahen sie nachträglich mit Verweisen auf die islamische Tradition. An einer weiteren theologischen oder ideologischen Rechtfertigung antisemitischer Vorstellungen war indes kaum jemand interessiert. Sie galten fortan schlicht als gesetzt.

Heute gehören diese Stereotype längst zum Alltag und sind mithin Teil einer Kultur geworden, in der Juden grundsätzlich das Recht abgesprochen wird, eine legitime Völkerschaft zu bilden. Der Staat Israel erscheint als genau jene finstere Macht, die den Konflikt zwischen der islamischen und der westlichen Welt ausnutzt, um am Ende beide Welten zu zerstören. Diese Ressentiments finden sich überall – in Stellungnahmen von Politikern, in Kommentaren von Journalisten und in den Curricula von Schulen und Universitäten. Ganze Generationen wuchsen in den vergangenen Jahrzehnten mit einer antisemitisch gefärbten Grundhaltung auf.

Eine liberale Öffentlichkeit, die Raum für die Kritik am vorherrschenden Antisemitismus hätte bieten können, fehlt bis heute in den meisten Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens. Zwischen 1947 und 1972 emigrierten weit über eine Million Juden aus der Region, zu Beginn des 21. Jahrhunderts war ihre Zahl auf weniger als 32.000 in den islamischen Ländern geschrumpft. Allein der Iran, die Türkei, Marokko und Tunesien verfügen heute noch über größere jüdische Gemeinden. So musste sich der moderne Antisemitismus kaum jemals mehr mit einer realen jüdischen Wirklichkeit auseinandersetzen.

Die allerjüngsten Entwicklungen weisen in zwei entgegengesetzte Richtungen: Auf der einen Seite deuten verschiedene Umfragen an, dass antisemitische Ressentiments in der jüngeren Generation nahöstlicher Gesellschaften ganz allmählich zurückgehen. Auf der anderen Seite stehen radikale Terrororganisationen wie der "Islamische Staat", die ihren Hass auf die Juden wieder stärker als zuvor religiös begründen. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass sie dabei eine Ideologie islamisieren, die während des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen aus dem verhassten Westen selbst in den Nahen Osten exportiert wurde und die dort infolge sozialer Umwälzungen auf fruchtbaren Boden fiel.

Für europäische Betrachter erweist sich der Blick auf diese Zusammenhänge unterdessen als ein unverhoffter Blick in den Spiegel der eigenen Geschichte: Nicht aus den Tiefen der islamischen Überlieferung rührt der Judenhass des IS und anderer Fanatiker, sondern er stammt aus dem Giftschrank der europäischen Moderne. Und nicht anders als in den westlichen Staaten des 19. Jahrhunderts fasste er auch im Nahen Osten in einem Augenblick Fuß, als überkommene Gesellschaftsformen sich auflösten.

Weiterlesen:
Reinhard Schulze: "Geschichte der Islamischen Welt", C. H. Beck, München 2016