Am 14. Juli 1789 stürzt die Pariser Bastille, das französische Volk widersetzt sich seinem König. Als die Sensation nach Deutschland dringt, jubelt die Bildungselite im Norden wie im Süden. Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock besingt die Ereignisse als "des Jahrhunderts edelste Tat"; der Schriftsteller Heinrich Christian Boie spekuliert in seiner Zeitschrift Neues Deutsches Museum, dass das Geschehen in Paris "wie ein elektrischer Schlag" auf kein Land stärker wirken werde "als auf unser Deutschland".

Für die Aufklärer ist die Französische Revolution der Sieg des Lichtes über die Finsternis. Sie versprechen sich größte Auswirkungen auf das eigene Land mit seinen Hunderten Staaten und Staatchen, lose zusammengehalten durch das klapprige dynastische Konstrukt des Heiligen Römischen Reichs.

Elektrisiert ist auch der berühmte Weltreisende und Naturforscher Georg Forster, Hof- und Universitätsbibliothekar in Mainz. Ihm schwebt für Frankreich eine "Republik von 24 Millionen Menschen" vor, wie er seinem Freund Christian Gottlob Heyne am 30. Juli schreibt. Am 5. August beschließt die französische Nationalversammlung die Abschaffung aller Feudallasten und Standesunterschiede. Forsters nächster Brief an den Vertrauten setzt mit dem Ausruf "Welch eine Sitzung!" ein, als habe er selbst teilgenommen und nicht erst Tage später davon gelesen.

Die Zuschauerrolle der Deutschen endet drei Jahre danach. Im Frühjahr 1792 zieht die monarchische Koalition unter Führung Österreichs und Preußens gegen das revolutionäre Frankreich und wird am 20. September 1792 bei Valmy überraschend zum Stehen gebracht. Für Goethe ist die Kriegswende eine "neue Epoche der Weltgeschichte", denn nun rücken die Franzosen vor und marschieren ins linksrheinische Deutschland ein. Mit ihnen kommt die Revolution. Schnell fallen die Städte Speyer und Worms, dann gerät Mainz ins Visier. Beim Herannahen der Trikolore flüchten panisch Kurfürst, Adel und hohe Geistliche, im Schlepptau die französischen Emigranten. Die Stadt ergibt sich ohne Widerstand am 21. Oktober. Die Studenten freuen sich unverhohlen, aber auch brave Bürger stecken sich Revolutionskokarden an.

Besonders bei den Intellektuellen öffnet sich jetzt ein lange verschlossenes Ventil. Schon am übernächsten Tag, dem 23. Oktober, kommen um sechs Uhr abends im großen Akademiesaal des verwaisten kurfürstlichen Schlosses 20 Revolutionsanhänger zusammen, um die "Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" zu gründen – es ist die Geburtsstunde des Mainzer Jakobinerklubs. Eins ihrer Mitglieder ist der Student Friedrich Lehne, Verfasser revolutionärer Gedichte und Lieder. "Die Sache der Freiheit" schätzt er höher als alle privaten Interessen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/16.

Die Zahl der Klubmitglieder wächst rasch auf rund 500 an. Beitreten dürfen wie zu den französischen Klubs nur Männer, es gilt ein Mindestalter von zunächst 18, später 24 Jahren. Sechs Prozent aller infrage kommenden Mainzer sind somit Jakobiner – ein für diese Zeit ungewöhnlich hoher Grad an politischer Organisation in der mit 28 000 Einwohnern vergleichsweise großen Stadt.

Nicht alle politischen Sympathisanten treten sofort bei. Bibliothekar Forster erkennt: "Diese Neutralität ist mißlich, die Krisis naht heran, und man wird Partei ergreifen müssen." Am 5. November 1792 bittet er um Aufnahme. Das macht Eindruck, schnell steigt der Weltgewandte zu den führenden Männern auf und hält im Klub eine viel beachtete Rede. Binnen dreier Wochen seien "aus bedrückten, gemishandelten, stillschweigenden Knechten eines Priesters" – gemeint ist der Mainzer Erzbischof und Kurfürst – nun "aufgerichtete, lautredende, freie Bürger" geworden. Als radikale Gegner des Absolutismus skizzieren die Mitglieder des Klubs ihre Vorstellungen. Sie wollen Rechtsgleichheit und Menschenrechte, streben nach einer repräsentativen Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht für Männer, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit und fordern ein Wirtschaftssystem ohne Privilegien, Zünfte und Zollschranken.

Schnell formiert sich Widerstand. Die Mainzer Zünfte sind strikt gegen solche Ideen. Die bürgerlichen Kaufleute bevorzugen immerhin einen Mittelweg, eine konstitutionelle Monarchie ohne Privilegien für Adel und Klerus. Doch das geht den Freiheitsfreunden nicht weit genug.

Die Demokratie wird erprobt

Mit wachsender Mitgliederzahl wandelt sich die soziale Struktur des Klubs. Professoren, Lehrer, Ärzte, Juristen oder Studenten führen zwar das Wort, stellen jedoch nur etwa ein Fünftel der Mitglieder. Knapp die Hälfte sind Handwerker, kleine Kaufleute und niedere Beamte. Gezielt sprechen die Jakobiner die noch passiven Bürger aus Mainz und Umgebung an. Im Spätherbst 1792 ergießt sich eine Flut von lehrhaften Flugschriften, revolutionären Gedichten und Plakaten mit Bekanntmachungen, Aufrufen und Verordnungen über die Region, und in sonntäglichen Volksbelehrungen erläutern erfahrene Didaktiker wie der Mediziner Georg Christian Wedekind die demokratischen Grundsätze. Mancher Jakobiner wirkt in die ländliche Bevölkerung hinein, indem er sein Wirtshaus mit revolutionären Schriften tapeziert oder von der Kanzel herab den Kirchgängern die Vorteile der französischen Verfassung predigt.

Auch in neu gegründeten Periodika betreiben die Jakobiner Aufklärungsarbeit. So erklärt die Zeitung Der Bürgerfreund des Mathematikers Mathias Metternich der ländlichen Bevölkerung um Mainz zweimal wöchentlich in schlichter Sprache die Vorzüge der Demokratie. Intellektuelle abonnieren die Wochenschrift Der Patriot von Wedekind, die ständische Normalbevölkerung liest Die Neue Mainzer Zeitung oder der Volksfreund, in der Georg Forster die meisten Beiträge schreibt und in Ausgabe Nummer eins triumphiert: "Die Pressefreiheit herrscht endlich innerhalb dieser Mauern, wo die Buchdruckerpresse erfunden ward."

Die Mainzer Revolutionäre wissen, dass die Menschen nicht allein durch Erklärungen für die Revolution zu gewinnen sind. Auch Gemüt und Gefühl wollen angesprochen sein. So feiern sie am 13. Januar 1793 ein großes "Volksfest der Freiheit und Gleichheit". Auf dem Marktplatz steht ein 21 Meter hoher, mit Trikolorebändern geschmückter Freiheitsbaum, flankiert von zwei Piken mit roten Freiheitsmützen. Französische Militärs, aus Paris angereiste Kommissare und führende Mainzer Jakobiner halten feierliche Reden, und immer wieder erklingt die Marseillaise. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel – teilweise sogar von den Dächern der umliegenden Häuser aus –, es wird ausgelassen getanzt und gesungen. Abends findet ein "Freiball" statt, zu dem die Mainzerinnen "bunte Schärpen von dreyerley Farbe, als roth, blau und weiß", tragen, wie Zeitzeugen berichten.

Wenige Tage später stirbt König Ludwig XVI. unter der Guillotine, und Frankreich ist endgültig Republik. Im Februar und März 1793 werden im "befreiten" Gebiet zwischen Landau und Bingen nach gleichem und direktem Männerwahlrecht die Abgeordneten für den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent gewählt. Es ist das erste Parlament auf deutschem Boden, das sich uneingeschränkt zur Demokratie bekennt. Anders als in der Pariser Nationalversammlung, wo die Vertreter freier Berufe dominieren, sind in Mainz und Umgebung allein 70 der 130 Abgeordneten Bauern. Die Wahlbeteiligung liegt mit acht Prozent in den Städten und mit bis zu 30 Prozent auf den Dörfern auf einem ähnlichen Niveau wie in Frankreich. Anders als oft behauptet, ist sie nicht gering, denn in diesen Tagen wird die Demokratie erstmals erprobt, und die Bürger fürchten zu Recht mögliche Strafen bei Rückkehr des alten Regimes.

Am 17. März 1793, um neun Uhr morgens, treten die 130 Abgeordneten im Deutschordenshaus am Rheinufer zusammen, darunter 40 Mainzer Jakobiner. Jeder der Abgeordneten leistet den republikanischen Eid, "den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit treu zu sein und die Pflichten eines Stellvertreters des freien Volkes gewissenhaft zu erfüllen". Danach wählt der Konvent den ebenso wortgewaltigen wie streitbaren Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann zu seinem Präsidenten. Am 18. März 1793 ruft Hofmann vom Balkon des Deutschordenshauses den Rheinisch-Deutschen Freistaat aus. Der 18. März, er sollte ein Freiheitsdatum der deutschen Geschichte werden.

Doch die Unabhängigkeit währt nur kurz. Reichstruppen unter preußischer Führung ziehen einen Belagerungsring um Mainz. Die Deputierten wissen, dass ihre kleine rheinische Republik allein nicht lebensfähig ist. Am 23. März beantragen sie beim Pariser Konvent die Angliederung an die "Mutterrepublik" und entsenden eine Delegation. Eine Woche später hält der Vizepräsident der Mainzer Republik, Georg Forster, in der französischen Nationalversammlung eine Rede für das Gesuch, es wird unter tosendem Beifall einstimmig angenommen. Doch zu spät. Preußens Truppen beginnen mit dem Beschuss – Mainz steht in Flammen. Am 23. Juli verlassen die Franzosen die Stadt, und die zurückgebliebenen Republikaner trifft die Rache ihrer Gegner. Viele von ihnen werden ausgeplündert, misshandelt, öffentlich gedemütigt und verschwinden für Jahre in Verliesen auf der Festung Königstein im Taunus.

Dem Präsidenten Hofmann und einigen Mitstreitern gelingt die Flucht. Im Pariser Exil bemüht sich die Societé des Refugiés Mayençais jahrelang darum, das Schicksal ihrer in Deutschland eingekerkerten Freunde zu erleichtern. Erst nach dem Frieden von Campo Formio im Oktober 1797, als Österreich den Franzosen das linke Rheinufer überlässt, können die Mainzer Demokraten in ihre Heimat zurückkehren.

Ihr politisches Erbe reichen sie weiter. Die Traditionslinien führen bis zur Paulskirche und darüber hinaus, denn nicht selten setzen Kinder und Enkel das begonnene Werk fort. Mathias Metternichs Sohn Germain etwa, der 1848/49 als Revolutionär kämpft. Einer aus dem Klub von 1793 ist selbst im Frankfurter Vorparlament aktiv: Adam Itzstein führt dort als Vizepräsident 72-jährig die Regie. Auch Andreas Joseph Hofmann, der erste deutsche Präsident, erlebt die Revolution und ihr Scheitern. 1849 ist das Jahr seines Todes. Auf seinem Grabstein steht der hoffnungsvolle Wunsch, dass sich endlich der "Sieg des Rechts, der Freiheit und der Humanität" erfüllen möge.

JÖRG SCHWEIGARD ist Historiker und Journalist und lebt in Stuttgart