Als Hitler am 2. August 1934 den gerade verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im Amt beerbt, bleibt kaum noch etwas im nationalsozialistischen Deutschland, das an die Weimarer Demokratie erinnert. Bis auf den Diktator selbst. Er sei "fest durchdrungen von der Überzeugung, daß jede Staatsgewalt vom Volke ausgehen und von ihm in freier und geheimer Wahl bestätigt sein" müsse, begründet Hitler, warum eine Volksabstimmung die Übernahme der präsidialen Macht billigen soll. Es scheint so, als habe Deutschlands führender Antidemokrat auf dem Weg zur unbeschränkten Herrschaft die falsche Ausfahrt genommen und Gefallen am verhassten "Wahlzirkus" gefunden. Aber darum geht es fast immer, wenn Gegner der Demokratie ihr Herz für die Freiheit entdecken: um den Schein.

Viel zu entscheiden gibt es nicht für das Volk. Worüber am 19. August abgestimmt wird, ist bereits geltendes Gesetz: Kaum war der greise Reichspräsident dahingeschieden, gingen seine Befugnisse auf den Reichskanzler über. Das Wahlspektakel dient nur dazu, Hitlers Machtfülle mit höheren Weihen zu schmücken – mit dem Willen des Volkes. Denn ohne den ist auch im nationalsozialistischen Selbstverständnis kein Staat zu machen.

Und niemand zweifelt am grandiosen Erfolg der Abstimmung. Der letzte Triumph dieser Art wirkt immer noch nach. Bei der Reichstagswahl am 12. November 1933 hatte sich die konkurrenzlos antretende NSDAP offiziell auf 92,1 Prozent der Stimmen (87,8 Prozent der Wahlberechtigten) geschraubt. Sogar 95,1 Prozent Zustimmung vermeldete das NS-Regime bei der gleichzeitigen Volksabstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund. Vor ausländischen Beobachtern geriet Hitler ins Schwärmen, feierte sich und die "40 Millionen Deutschen", die "geschlossen hinter ihm" stünden. Dabei dürfte jedem halbwegs klar denkenden Zeitgenossen der Verdacht gekommen sein, dass solche Sympathiewerte – bei aller Popularität der NS-Außenpolitik – in das Reich der Fiktion gehören. So wie die Wahlkampagne jeden Widerspruch niederwalzt, ist auch das Ergebnis Teil eines Propagandastücks, das die Einheit von "Führer", Partei und Volk inszeniert.

Ganz zu schweigen von unverhohlenem Betrug: Nein-Stimmen werden von den Wahlvorständen gern übersehen oder als ungültig gewertet. Wirklich ins Gewicht fallen diese Manipulationen jedoch nicht. Es ist vor allem die allgemeine Drohkulisse, die Wirkung zeigt. Reden die Nationalsozialisten über Wahlrecht, meinen sie eine öffentlich überwachte Zustimmungspflicht. Wer an der Abstimmung teilnimmt, kann davon ausgehen, dass sein Votum nicht geheim bleibt; wer sich verweigert, testet die Geduld der "Schleppdienste". Bei Hausbesuchen erinnern die Schergen der Partei mit Nachdruck an die "Treue" eines jeden Volksgenossen und seine "Pflicht", zur Geschlossenheit beizutragen.

In dieser Logik gelten Neinsager und Nichtwähler unweigerlich als "Volksverräter". Sie sind vor Repressalien nicht sicher, Beamte müssen um ihre Anstellung fürchten. Spätestens als Innenminister Wilhelm Frick den Parteimob öffentlich zur Ordnung ruft und Übergriffe gegen Wahlverweigerer untersagt, erfährt jeder, dass es de facto zu solchen Ausschreitungen kommt. Denn die örtlichen NS-Größen sind weniger paragrafenverliebt als der Minister. Sie wetteifern um die höchsten Zustimmungsquoten: Nur wer "seine" Bevölkerung auf Linie bringt, empfiehlt sich als tatkräftiger Parteiführer.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/16.

Mit freien und geheimen Wahlen wie in der Weimarer Republik (Lesen Sie dazu auch den Artikel Hatte Weimar eine Chance?) hat das alles nichts mehr zu tun. Die Volksabstimmungen sind für das NS-Regime vor allem eine Stilfrage, ein schmückendes Ornament, das sich im öffentlichen Schaufenster besser macht als Zwang und Terror. Wer hinter diese Fassade schaut, entdeckt aus früheren Tagen nur noch formaljuristische Rudimente und inhaltsleere Rituale. Die Weimarer Demokratie haben die Nationalsozialisten vollständig entkernt.

Den Anfang vom Ende markiert der Reichstagsbrand am Abend des 27. Februar 1933. Als Erste erreichen die Feuerwehrmänner der "Wache Stettin" den Königsplatz, sie glauben, die Feuerstellen ließen sich im Handumdrehen löschen. Aber dann bersten die Scheiben der Glaskuppel. Der Luftzug wirkt wie ein Brandbeschleuniger, der Plenarsaal, Herzkammer des Parlamentarismus, steht sofort in Flammen. Am Morgen wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar – ein Sinnbild des Untergangs: Die deutsche Demokratie, sie liegt in Schutt und Asche.

Wer den Reichstag in Brand gesteckt hat, ob es allein der Linksanarchist Marinus van der Lubbe war oder die SA nachgeholfen hat, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Fest steht nur: Für die Nationalsozialisten kommt der Anschlag wie bestellt. Kurz vor der Reichstagswahl ist die Gelegenheit da, gegen den vermeintlichen kommunistischen Umsturz loszuschlagen. Noch in der Nacht ordnet Hermann Göring als kommissarischer preußischer Innenminister die Verhaftung aller greifbaren Abgeordneten und Funktionäre der KPD an, und schon am nächsten Vormittag liegt im Kabinett der Blankoscheck auf dem Tisch, der dem Terror verfassungsmäßigen Anstrich gibt. Die Verordnung "zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar suspendiert die Grundrechte der Weimarer Verfassung, erlaubt willkürliche "Schutzhaft" und belegt politische Vergehen mit Zuchthaus oder Todesstrafe.

Mit Notverordnungen dieser Art hat in turbulenten Zeiten der Republik auch Friedrich Ebert regiert, doch die neuen Machthaber sind nicht auf behelfsmäßiges Krisenmanagement aus. Sie wollen den Ausnahmezustand für immer. Die "Reichstagsbrandverordnung" tritt nicht mehr außer Kraft, sie liefert bis zum Ende des "Dritten Reiches" die pseudolegale Grundlage für die Verfolgung politischer Gegner.