Vor allem in Preußen füllen sich rasch die Gefängnisse, Parteibüros der Kommunisten werden zerstört, Zeitungen verboten – auch die SPD-Presse darf bis zur Wahl am 5. März 1933 nicht mehr erscheinen. Dem neu gewählten Reichstag kommt vor allem eine Aufgabe zu: sich selbst zu entmachten. Am 23. März stimmen nur die Sozialdemokraten unter Otto Wels – die Kommunisten und ein Teil der SPD-Abgeordneten sind bereits verhaftet – gegen das Ermächtigungsgesetz, das die Hitler-Regierung berechtigt, Gesetze ohne Zustimmung des Reichstags und Verordnungen ohne Unterschrift des Reichspräsidenten zu erlassen. Die beiden wichtigsten Säulen der Demokratie, Gewaltenteilung und Parlamentarismus, stürzen an diesem Tag krachend ein. Als dann noch die Länder "gleichgeschaltet" werden, die Beamtenschaft "gesäubert" und der Einparteienstaat zementiert wird, ist die Weimarer Demokratie endgültig zertrümmert. Das Verbot der SPD am 22. Juni kommentiert der ins Prager Exil geflüchtete Parteivorstand nur noch mit hilfloser Häme. "Verbot schafft klare Bahn!", schreibt der Neue Vorwärts; jetzt sei der "letzte Schein demokratischer Legalität vernichtet".

Aber die Nationalsozialisten werden nicht müde, ebendiesen Schein demokratischer Rechtmäßigkeit auf die neue Ordnung zu werfen. Genau genommen fangen sie erst richtig an damit. So mancher NSDAP-Veteran fragt sich angesichts der Reichstagswahl im November 1933, wofür er jahrelang gekämpft hat: Kaum ist der Parlamentarismus besiegt, ruft die Regierung den Reichstag zurück ins Leben. Hatte man nicht unermüdlich über die "Schwatzbude" gelästert? Und hatten NS-Kronjuristen wie Carl Schmitt nicht versprochen, im Führerstaat werde die "bisherige Wählerei" ein Ende haben?

Hitler predigt ein anderes, vom Weimarer Überbau befreites Konzept. Er habe "nicht die Demokratie beseitigt, sondern sie vereinfacht", indem er sich "nicht zur Zuständigkeit der 47 Parteien, sondern zur Zuständigkeit des deutschen Volkes" bekannt habe – so lautet die kreative Formel, die den Führerstaat zur echten, unverfälschten Volksherrschaft umdeutet. Auch Joseph Goebbels kann diese Platte auflegen. In der Weimarer "Kampfzeit" sah der Chefagitator den einzigen Vorzug der Demokratie noch darin, sie demokratisch abschaffen zu können. Doch nach 1933 klingen neue Töne an: "Bei uns herrscht die wahre Demokratie, sonst könnte die Führung es nicht wagen, das Volk an die Wahlurne zu rufen."

Diese propagandistischen Blasen bezeugen, dass die neuen Machthaber das Haus der Demokratie zwar einreißen, aber über die Trümmer nicht wortlos hinwegschreiten können. Keine noch so wuchtige Propaganda ist in der Lage, eine über Jahrzehnte gewachsene politische Kultur, die das Volk zum legitimen Boden der Herrschaft erklärt, über Nacht neu zu erfinden. Anders als etwa die italienischen Faschisten kommen die Nationalsozialisten nicht umhin, sich traditionstreu auf das Volk zu beziehen und im "Führer" die Inkarnation des Volkswillens zu sehen. Geht es um die Souveränität des Volkes, reklamiert das NS-Regime keinen Bruch der Tradition, sondern mustergültigen Vollzug. Die Plebiszite sollen allen Zweiflern im In- und Ausland unmissverständlich vor Augen führen: Zwischen "Führer" und "Volk" passt nicht mal das Blatt Papier, aus dem der Stimmzettel gemacht ist.

Was die Parteibasis gelinde gesagt irritiert, ist die bürokratische Pedanterie, mit der die NS-Regierung ihren Phrasen Glaubwürdigkeit einhauchen will. Statt die strengen Weimarer Wahlvorschriften einfach außer Kraft zu setzen, wacht Innenminister Frick im November 1933 penibel über deren Einhaltung. Wie in besten Weimarer Zeiten soll der Form nach frei und geheim gewählt werden. Die örtlichen Braunhemden, die geheime Abstimmungen für so sinnvoll halten wie gläserne Parteikassen, werden von Frick belehrt, Ansprachen in Wahllokalen zu unterlassen und lieber "Sichtschutzscheiben" anzubringen. Noch weniger leuchtet den Parteigenossen ein, warum auch Juden abstimmen dürfen – erst 1935 wird ihnen das Wahlrecht entzogen. Um die demokratische Form zu wahren, nimmt die NS-Regierung so manchen Widerspruch in Kauf. Selbst in Konzentrationslagern werden Stimmbezirke eingerichtet: Politische Gegner werden verfolgt, misshandelt, weggesperrt – um anschließend an die Wahlurne gerufen zu werden.

Bei der Volksabstimmung über die faktische Nachfolge Hindenburgs am 19. August 1934 jedoch passiert etwas Unerwartetes. "Nur" 89,9 Prozent votieren für Hitler. Gegenüber der November-Abstimmung von 1933 verdoppelt sich der Anteil der Nein-Stimmen von 4,9 auf 10,1 Prozent. Ein dezenter Hinweis auf schwindende Zustimmung, die im Selbstverständnis einer sich formierenden "Volksgemeinschaft" nicht vorgesehen ist. Intern spricht Goebbels von einem "Mißerfolg".

Insofern ist es kein Zufall, dass im März 1936 nach der Besetzung des Rheinlandes nur noch eine Reichstagswahl anberaumt wird, die lediglich die Möglichkeit lässt, NSDAP oder ungültig zu wählen. Die Partei gibt Wahlplaketten aus und verschärft die Gangart gegenüber Nichtwählern. Und selbst ungültige Wahlzettel verwandeln sich nun in Ja-Stimmen. Innenminister Frick, ehemals Hüter des Gesetzes, gelangt zu einer eigenwilligen Interpretation des Abstimmungsverhaltens: Inzwischen sei die Alleinherrschaft der NSDAP so selbstverständlich geworden, dass auch Stimmzettel ohne Kreuz als Zustimmung gelten müssten. Wenig überraschend: Die NSDAP erreicht fabulöse 98,8 Prozent. In manchen Bezirken darf es sogar noch ein bisschen mehr sein. In Köln landen so viele gefälschte Stimmzettel in der Urne, dass 103 Prozent verlautbart werden. Peinlich? Nach all den Rekorden glaubt ohnehin niemand mehr an die Ehrlichkeit der Ergebnisse. Die Exil-SPD ist nach der Volksabstimmung 1938 über den Anschluss Österreichs überzeugt, dass selbst treue NS-Parteigänger die 99 Prozent nicht ernst nehmen.