Was auch immer die Menschen im 19. Jahrhundert unter Demokratie verstanden, ihre Vorstellungen waren durchdrungen von Männlichkeit. Nicht nur die Wahlen, auch das Prinzip der Repräsentation und die Akteure der Gewaltenteilung, der Rechtsstaat oder die öffentliche Rede: So vielfältig Demokratie gedacht und gelebt wurde, so eindeutig war sie männlich.

Wer sich zu den Fortschrittlichen und Gebildeten zählte – wie Thomas Jefferson oder Karl August von Hardenberg –, sprach von Demokratie in anerkennenden Worten. Irgendwie gehörte ihr die Zukunft. Gleichheit für die wenigen, das hatte es schon immer gegeben. Aber Gleichheit für alle? Das war gewaltig. Von solchen Idealen schwärmte eine hochgebildete Elite. Viele derer, die in den USA für die Demokratie stritten, waren Sklavenhalter, und keinem stand der Sinn nach den Ideen einer Olympe de Gouges, die während der Französischen Revolution gleiche Rechte auch für Frauen gefordert hatte. Demokratie war selbstverständlich Männersache.

Außer den Intellektuellen schien sich jedoch kaum jemand für die neuen Ideen zu begeistern. In Preußen etwa führten die Reformer 1808 mit der Städteordnung ein modernes Wahlgesetz ein, das den gewählten Stadtverordneten weitgehende Kompetenzen wie das Budget- und das Steuerbewilligungsrecht einräumte. Der Historiker Thomas Nipperdey erkannte darin "die Wurzeln von so etwas wie Demokratie". Doch die wahlberechtigten Männer zeigten sich nicht interessiert. Obwohl die Obrigkeit von Anfang an mit Appellen an die Bürgertugenden moralischen Druck auf die Wählerschaft ausübte, fehlten bei Wahlen in aller Regel ein Drittel bis die Hälfte der Stimmberechtigten.

Das war verständlich, denn die Wahl zog sich furchtbar in die Länge, und die Bürger klagten über die "Trostlosigkeit des ganzen Actus". Insbesondere die Kaufleute achteten darauf, am Wahltag auswärtige Termine als Ausrede vorweisen zu können. Die Wahlversammlungen fanden in den Kirchen statt, gerahmt von einem feierlichen Gottesdienst. Kandidat für Kandidat durchlief eine Urne die Reihen; stimmte der Wähler zu, warf er eine weiße Kugel hinein, lehnte er den Kandidaten ab, eine schwarze*. Manchmal zog sich diese Ballotage bis in den nächsten Tag hinein.

Wenn aber das Bedürfnis zu wählen nicht von unten kam – welches Interesse hatten die Eliten daran? Zugespitzt lautet die Antwort: Wahlen standen sinnbildlich für den modernen Staat. Aber sie legitimierten nicht nur die Herrschaft in aufgeklärten Zeiten, sondern erleichterten zugleich den Zugriff des Staates auf jeden Bürger. Moderne Wahlen waren nie nur ein Herrschaftsmittel des Volkes, sondern immer auch ein Disziplinierungsinstrument der Herrschenden. Jede Wahl bedurfte beispielsweise einer Registratur der Wahlberechtigten und wurde damit zu einer kleinen Volkszählung. Die Obrigkeit nutzte mithilfe der Wahlen die aufblühende Statistik, um besser über ihre Untertanen Bescheid zu wissen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/16.

Das begrenzte Interesse an der Ausübung des Wahlrechts war kein typisch deutsches Phänomen. So klagten etwa die Behörden in Frankreich 1813 nach einer Wahlbeteiligung von fünf Prozent, dass es der Bevölkerung wohl gleichgültig wäre, würde das Wahlrecht aus der Verfassung gestrichen. Selbst während der Revolution hatten maximal 20 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Und Dänemark, um ein weiteres Beispiel zu nennen, führte aufgrund der geringen Teilnahme 1837 die Wahlpflicht ein.

In den USA gestaltete sich in der Theorie alles anders, denn die Verfassung garantierte zumindest theoretisch eine "republikanische Form der Regierung". Doch auch hier besaßen um 1800 nur knapp vier Prozent der Gesamtbevölkerung das Wahlrecht – gerade mal ein Prozent mehr als in Preußen. Bis 1830 stieg der Anteil auf knapp neun Prozent. Zum Vergleich: In Württemberg durften ab 1819 beispielsweise 14, in Baden nach der Verfassung von 1818 sogar 17 Prozent der Bevölkerung wählen.

Ausgeschlossen waren in den USA nicht nur Frauen und Jugendliche sowie zahlreiche Minderheiten wie Ureinwohner, Latinos, Sklaven und in Rhode Island bis 1842 auch Juden. Das Wahlrecht wurde im gesamten Staatsgebiet an Landbesitz oder, die moderne Variante, an das Steueraufkommen geknüpft.

Da auch in den USA oft nur weniger als die Hälfte der Berechtigten abstimmten, war das Wählen hier ebenfalls eine Sache der Oberschichten. Entsprechend honorig lief der Wahlakt ab: "Alle Wähler müssen sich zunächst setzen, wer aufgerufen wird, muss sich erheben und seinen Hut abnehmen, bis seine Stimme notiert ist, dann muss er sich wieder auf seinen Stuhl setzen und sein Haupt bedecken", schrieb eine Wahlregulierung von 1820 vor.