Die starke Demokratie

Von Tim B. Müller

Nicht nur im Fußball kennt man die Art von Berichterstattung, in der sich mit dem Ergebnis – und oft sogar dem aktuellen Spielstand – die Bewertung ändert. Wer siegt, hat zuvor alles richtig gemacht; wer verliert, bei dem war es schon lange abzusehen: Mentalität, Taktik, Nachwuchsarbeit, alles in der Krise. Intellektuell überzeugend sind solche Urteile nicht. Sie verdoppeln einfach, was auf dem Platz gerade zu sehen ist, verlängern es in die Vergangenheit und kleiden es in die Sprache der Kausalität. Die klügeren Sportreporter spotten gern selbstironisch über diese Standards ihres Metiers.

Einer ähnlich selbstkritischen Haltung bedarf es bei Historikern, vor allem, wenn es um die Geschichte der deutschen Demokratie im Allgemeinen und um die Geschichte der Weimarer Republik im Besonderen geht. Zu groß ist hier die Verlockung, die Niederlage von 1933 kausal zu verdoppeln und den Anschein einer Notwendigkeit zu beschwören: Weil die Katastrophe eingetreten ist, muss sie sich ja aus dem Vorherigen ergeben haben. Die üblichen, lange vorherrschenden Erklärungen registrieren zwar die gewaltigen internationalen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen um 1930, verweisen aber vor allem auf die angebliche Dauerkrise der deutschen Republik, eine fehlerhafte Verfassung, mangelnde demokratische Traditionen, eine Demokratie, die bestenfalls den Schein der Normalität erzeugte und nie stabil war.

Die jüngere Forschung hat diese Gewissheiten infrage gestellt. Was immer die Probleme der Weimarer Republik waren, wir können wenig darüber herausfinden, wenn unser Blick von den Nationalsozialisten ausgeht, die ihre Terrorherrschaft 1933 mit Gewalt etablierten, ihre Gegner zum Schweigen brachten, vertrieben oder ermordeten. Wie Hannah Arendt erklärte, kann der Nationalsozialismus nur als ein Neues beschrieben werden, das "den Kontinuitätszusammenhang unserer Geschichte und die Begriffe und Kategorien unseres politischen Denkens sprengt". Das bekräftigen wichtige aktuelle Bücher, etwa von Geoff Eley, Richard Evans oder Nikolaus Wachsmann.

Der gravierendste Mangel der meisten Urteile über die "Schwäche" der Weimarer Demokratie ist ihre nationale Beschränkung. Es gab keine Demokratie nach 1918, die sich nicht in einer mehr oder minder existenziellen Krise befand, und es gab keine, die sich auf erfolgreiche Traditionen demokratischer Konfliktaustragung stützen konnte. Eine simple Tatsache, wenn man sich für die internationale Geschichte der Demokratie interessiert, ist es, dass sich weder Briten noch Skandinavier, noch Niederländer vor 1918 als Demokraten verstanden und selbst in Frankreich und den Vereinigten Staaten umstritten blieb, was Demokratie bedeuten sollte. In den USA, wo es so viel Gegnerschaft gegen das Wahlrecht für Arme und ohnehin gegen Bürgerrechte für Schwarze gab, stand das Wort Demokratie lange für die Politik der Demokratischen Partei. Eine frühe Ausnahme, eine Nation, die sich als Demokratie definierte, war seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Schweiz (wo aber Frauen erst seit 1971 wählen dürfen). Die Demokratie, wie wir sie kennen, mit gleichem Wahlrecht, bildete sich erst nach 1918 in erkennbarer Form aus. Und erst nach 1945 erhielt sie die Gestalt, die jahrzehntelang für endgültig gehalten wurde.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/16.

Vor dem Ersten Weltkrieg bewohnten Deutsche, Skandinavier, Westeuropäer, Amerikaner eine gemeinsame politische Welt, in der man sich beobachtete, bereiste und voneinander lernte. Die eine Nation erschien auf diesem, die andere auf jenem Gebiet "demokratischer". Gemeinsam war diesen Gesellschaften, dass ihre politischen und intellektuellen Eliten von Demokratisierung redeten – die einen wollten bremsen, die anderen beschleunigen, aber alle erwarteten die Demokratie für die Zukunft. Sozialreform, Wahlrecht, Kommunalpolitik, öffentliche Debattenkultur und das föderale System waren Gebiete, auf denen das Kaiserreich in dieser sich demokratisierenden Welt als besonders vorbildlich galt. Was die parlamentarische Verantwortung der Regierung betrifft, setzte diese zwar langsamer ein, aber die Unterschiede waren in der Praxis nicht fundamental – zumal im Vergleich mit Skandinavien oder den Niederlanden. Und auch bei den Briten spielte der Monarch eine größere Rolle, als spätere deutsche Lehrbücher annahmen. Überall gab es "Eigenwege", aber keinen deutschen "Sonderweg", auch die abgeschwächte Rede von den "Pfadabhängigkeiten" ist noch viel zu deterministisch. Entschieden wurde jeweils in der Gegenwart, die Vergangenheit konnte ganz unterschiedlich genutzt werden, demokratisch ebenso wie antidemokratisch. Die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" kennzeichnete überall die ganz "normale" Entwicklung der europäischen Moderne.

Der Erste Weltkrieg zerriss diesen gemeinsamen Raum, allerdings eher ideologisch und rhetorisch als auf der Ebene der wirtschaftlichen und politischen Kooperation, die schnell wieder aufgenommen wurde. Kriegspropaganda und Radikalnationalisten erfanden eine Polarisierung von deutschem Weg und "westlicher Demokratie", die noch Jahrzehnte später die Deutungsmuster der Historiker prägte. Aber erst nach Auschwitz und der Zerstörung Europas im Zweiten Weltkrieg stieß dieser Gegensatz auf generelle Zustimmung. Der Alltag der Weimarer Republik war davon kaum geprägt. Die meisten Deutschen nahmen politisch, ökonomisch oder kulturell an einer "westlichen" Geschichte teil. Der Krieg allerdings hatte nationalistische Ressentiments besonders in bürgerlichen Kreisen sowie ein Erbe der Gewalt hinterlassen. Aber beides war nicht so zerstörerisch, wie es im Rückblick anmutete; einige wirtschaftlich gute Jahre mehr hätten die Enttäuschten mit der Republik versöhnt. Das erwarteten viele politische Beobachter damals.

Um 1928 schien das Ziel bereits erreicht: Die nationalistische Rechte beteiligte sich an der Regierung, ihre Führungsfiguren entwarfen Ideen einer konservativen Demokratie, die NSDAP kam bei den Reichstagswahlen auf 2,6 Prozent. Und die politische Gewalt hatte, nachdem die bürgerkriegsartige Situation bei Kriegsende überwunden war, keine wirklich erschütternden Ausmaße angenommen. Das Gewaltmonopol des Staates stand nie infrage, auch nicht 1932. Während in Italien Mussolinis Squadristi militärisch organisiert mit Lastwagen angerückt waren, kamen die SA-Schläger mit dem Fahrrad oder lösten Bahnfahrkarten und fürchteten sich vor der preußischen Polizei. Die deutsche Gesellschaft vor 1933 war nicht gewalttätiger als andere – zu leicht wird vergessen, welche Dimension politische Repression und rassistische Gewalt in den USA noch Jahrzehnte nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg annahmen; wie blutig es in Irland zuging; und welche Gewalt – und Gewalttäter – die britische Monarchie und die französische Republik, selbst Schauplatz politischer Gewalt, die ganze Zeit über in die Kolonien exportierten. Gewalt war es jedenfalls auch nicht, was die Demokratie zerstörte, so bedrohlich Gewalt für jede dieser Demokratien war. Aber die Entfesselung der Gewalt begann in Deutschland erst 1933.